Ganz genau!
Ja, ok, ich gebe euch ja recht; das Gehalt spielt sicher eine Rolle für die Attraktivität des Berufes.
Es ist nur m. M. n. nicht das Hauptproblem der gegenwärtigen Misere.
Wie erklärst Du Dir denn z. B., daß es früher durchaus mehr Personal gab, obwohl der Job noch nie wirklich super bezahlt wurde?
Ich denke, es sind tatsächlich mehrere Faktoren.
Als ich gelernt hat hatten wir am Wochenende eine ähnliche Besetzung wie heute an normalen Wochentagen. Das Klientel war durchmischter durch die längeren Liegezeiten. Ein paar Pflegebedürftige, ein paar Mittelkranke und ein großer Teil fitte Patienten, die warteten, das sie nach Hause dürfen. Damals hielt man die Leute auch gerne noch das Wochenende über. So waren die Betten belegt, machten aber wenig Arbeit.
Es wurde nicht Tag und Nacht operiert, somit war die Belastung niedriger und auch das Geld mehr, weil man eben nicht nach Hause gehen musste am nächsten Tag und den Bereitschaftsdienst quasi umsonst machen, weil tagsüber 100 % abgezogen werden, man nachts aber nur 55- 85% (je nach BD-Stufe) verdient.
Die Lebenskosten waren sehr viel niedriger. Überstunden wurden vergütet, Bereitschaftsdienste wurden zusätzlich gezahlt und nicht mit frei verrechnet. Nachtzuschläge gab es länger, weil die Arbeitszeiten noch nicht flexibilisiert waren. Da fing eine Nachtwache um acht oder um sieben Uhr abends an und nicht um 22.30 wie mancherorts üblich.
Da war eine Nachtwache mal locker 11 Stunden, was bei vier Nächten dann gut und gerne 4 Überstunden + Zuschläge gab. Sprit kostet 1, 20 DM und meine Wohnung damals rund 300 DM. Dieselbe Wohnung wurde inzwischen renoviert (oder luxussaniert) und kostet heute rund 800 Euro.
Pflegepersonal konnte damals, trotz hoher Zinsen, ein Haus kaufen. Heute lachen sie Dich aus, wenn Du in einer Bank mit Deinem Lohnstreifen einen Hauskredit möchtest. Ich habe Kolleginnen kennengelernt, die können sich nicht einmal ein eigenes Auto leisten. ( Privater Krankenhausträger)
Wir hatten damals Hauptnachtwachen, die zum lagern kamen, Patiententransporte übernahm und zur Pause abgelöst hat. Die wurde später weggespart.
Es blieb mehr vom Gehalt über. Wie sagte mein Bruder mal zu mir? : Für eine Frau verdienst Du aber ganz schön gut.
Recht hatte er. Heute hat er Mitleid - nicht mit mir, aber mit seiner Tochter, die die guten Ratschläge ihrer Tante in den Wind geschlagen hat und heute manchmal 40 Patienten nachts alleine im Laufschritt versorgt und eben kein gutes Geld mehr verdient, weil die Arbeitszeiten von BWL`ern flexibilisiert wurden.
Es waren die Zulagen, die früher den Kohl fett gemacht haben.