Soteria-Konzepte werden in Deutschland in verschiedenen
Institutionen in Ansätzen umgesetzt. Obwohl Betroffene und
Angehörige diese Form der Behandlung fordern, hat er noch
keine flächendeckende Umsetzung erfahren. Die Autorin
wirbt für diese Arbeit.
Entstehung des Soteria-Gedankens
Der amerikanische Psychiater Loren Mosher entwickelte und realisierte
die Idee einer wohngemeinschaftsähnlichen Einrichtung außerhalb
einer psychiatrischen Klinik als alternatives Behandlungsangebot
für schizophren erkrankte Personen.
Mosher würde die Formulierung "schizophren erkrankt" vermutlich rügen: Sein Modell war weit entfernt von einem medizinischen, das seiner Meinung
nach allein durch die Etikettierung "Krankheit" mit den dazugehörigen
Limitierungen und Dysfunktionen, die behandelt und
geheilt werden müssen, die Betroffenen zum Objekt macht und
stigmatisiert.
Für ihn ging es darum zu versuchen, psychotisches
Erleben einer Person zu verstehen und zu teilen, ohne zu werten
oder zu kategorisieren. Das Personal sollte durch diese Art von "Dabeisein"
den Prozess von Wachstum, Entwicklung und somit Gesundung
fördern. Die Mitarbeiter waren weder da, um die Bewohner zu
behandeln noch um zu heilen, fasste Mosher zusammen.
Er setzte deshalb überwiegend Laien ein, ohne psychiatrische Vorbildungim
klassischen Sinn, aber mit Lebenserfahrung, Reife und einem großen
Interesse an der inneren Welt des Gegenübers.
Weiter war Mosher davon überzeugt, dass eine häusliche, familiäre
Atmosphäre den schwer desorganisierten Personen die Möglichkeit bietet,
schneller Vertrauen zu der neuen Umgebung zu fassen
und sich durch Wohlfühlen in einem bekannten Setting wieder zu
Soteria am psychiatrischen Krankenhaus organisieren. Auch die Größe der Gruppe spiele hierbei eine wichtige
Rolle, um Überschaubarkeit und die Atmosphäre einer erweiterten
Familie zu haben. Der Verzicht auf umfassende Strukturen
und Ablaufmanuale sollte den Bewohnern größtmögliche Mitsprache
und Kontrolle über die Situationen, in denen sie sich jeweils
befanden, geben.
Medikamente wurden in den ersten sechs Wochen nicht gegeben.
Bei fehlender Besserung wurden Neuroleptika in niedriger Dosierung
und nie ohne Einverständnis des Bewohners eingesetzt.
Für das Soteria-Haus in San Jose hieß das alles konkret: Es gab ab
1971 sechs Plätze für junge, unverheiratete, akut schizophrene
Menschen, die zuvor höchstens vier Wochen stationär-psychiatrisch
behandelt worden waren. Jeweils zwei Mitarbeiter arbeiteten
in 36- bis 48-Stunden-Schichten und lebten in dieser Zeit mit
den Betroffenen zusammen. 1983 wurden die staatlichen Gelder
eingestellt und die Soteria musste geschlossen werden.
Entstehung Soteria Bern
Der Schweizer Psychiater Luc Ciompi lernte 1977 Mosher kennen
und war von Soteria Kalifornien so beeindruckt, dass er beschloss,
vor dem Hintergrund seines Affektlogikmodells eine Soteria-
Einrichtung in Bern zu gründen.
Bei der Affektlogik geht es verkürzt dargestellt um "die allgegenwärtige
Wechselwirkung zwischen Fühlen und Denken", wie
Ciompi ausführt und zudem darum, psychosoziale und biologische
Aspekte in EINEM Schizophreniemodell zu integrieren. "Wenn ich ein Milieu schaffe, das mich entspannt, dann ändert sich etwas in meinem Hirnstoffwechsel und umgekehrt verändert sich die "neuro biologische Stimmung" meines Körpers und Gehirns
ebenfalls in einer angsteinflößenden oder gar aggressiven Umgebung. Das ist der theoretische Ansatz, auf dem das ganze Soteria-
Experiment letztlich basiert."
Für Ciompi geht es im Soteria-Konzept um die systematische Reduktion
des emotionalen Spannungsniveaus und zwar über eine
längere und kontinuierliche Zeit, nicht etwa nur in einer Therapiestunde
oder einem Gespräch, sondern 24 Stunden lang, Tag für
Tag.Er vergleicht die spannungs mindernden Einflüsse des Soteria-
Milieus mit der Wirkung von Neuroleptika. Dies erklärt er folgendermaßen:
Neuroleptika würden klinisch ja auch nur in erster linie
den Grad der emotionalen Spannung beeinflussen und erst
sekundär auf Kognition und Verhalten wirken, d. h. primär vor allem
eben auch auf eine Veränderung des affektiven Grundzustandes
zielen. Dies sei in der Wirkung vergleichbar mit dem spezifischen
spannungs mildernden Soteria-Milieu.
Mit diesem Denkansatz im Hintergrund findet in Bern die Psycho-
sebegleitung in der akuten Phase im sog. "weichen Zimmer" statt.
Weiches Zimmer bedeutet einen Raum, der nur mit Matratzen,
Kissen, Decken ausgestattet höchst reizarm und einfach eingerichtet
ist. Weiches Zimmer bedeutet aber auch eine durchgängige Begleitung
durch ein Mitglied des Personals, das mit viel Intuition
Bedürfnisse des psychotischen Menschen herausfindet und sich
darauf einstellt; also haltendes Dabeisein und behutsame, kontinuierliche
Stützung.
In der zweiten Soteria-Phase, nach Abklingen der akuten Symptomatik,
geht es um eine stufenweise Aktivierung und Integration
ins gemeinsame Alltagsleben mit der Bewältigung der anfallenden
Haus- und Gartenarbeiten.
In der dritten Soteria-Phase ist der Fokus auf das Leben außerhalb
der Soteria gerichtet: Soziale und berufliche Wiedereingliederung,
Planung der ambulanten Weiterversorgung etc.
Medikamente, vor allem Atypika werden in Bern zurückhaltend,
niedrig dosiert und nur mit Einverständnis des Bewohners eingesetzt,
spätestens in der Wiedereingliederungsphase eine niedrigst
dosierte Dauermedikation als Rückfallprophylaxe empfohlen. Klar
war dort immer, dass es "nicht darum geht, medikamentenfreie
Behandlung zu machen, sondern eine möglichst menschliche Psychiatrie"
yvieCiompi [1] es zusammenfasst.
Eröffnet wurde die Soteria Bern 1984 und bietet acht Bewohnern
.Platz. Anfänglich waren die Aufnahmebedingungen denen von
Mosher ähnlich, nach dem Abschluss der ersten Studie in Bern
1993 werden auch mehrfach oder chronisch an Psychosen erkrankte
Menschen aufgenommen. Das Team bestand früher knapp
zur Hälfte aus Laien, mittlerweile allerdings überwiegend aus somatischem
oder psychiatrischem Pflegepersonal, was in der
Schweiz ja unterschiedliche 'berufliche Werdegänge bedeutet. Es
arbeiten immer zwei Mitarbeiter in 48-Stunden-Schichten. Soteria
Bern besteht bis heute und feierte im Mai vorletzten Jahres ihren
20. Geburtstag.
Der Soteria-Gedanke in der deutschen Psychiatrielandschaft
In Deutschland gibt es vielerorts Interessens- und Arbeitsgemeinschaften,
die sich für den Aufbau von Soteria-Häusern oder Soteria-
Stationen an psychiatrischen Kliniken einsetzen. Die Schwierigkeit
der Finanzierung solcher Projekte hat einige der Kollegen
veranlasst, die Integration von Soteria-Elementen auf akutpsychiatrischen
Stationen voranzutreiben.
So wurden z.B.in Gütersloh schon 1993(-1999) unter der.Leitung
von Theiss Urbahn und dem damaligen Klinikchef Klaus Dörner
auf zwei akutpsychiatrischen Aufnahmestationen mit Pflichtversorgung
Soteria-Elemente eingeführt. Es gab dafür keine personelle
Sonderausstattung. Die Stationen wurden geöffnet, wohnlich
gestaltet, ein weiches Zimmer eingerichtet, Soteria als Haltung gelebt.
In der Folge davon gingen Zwangsmedikationen und Fixierungen
zurück; die Zufriedenheit bei Patienten, Angehörigen und
Mitarbeitern stieg. Ein ähnliches Projekt läuft mit gutem Erfolg
seit ca. zehn Jahren bis heute in Gießen.
Von 1997 bis 1999 bestand in Frankfurt/Oder eine am Berner Konzept
orientierte Soteria. Sie war ein deutsch-polnisches Partnerprojekt
und wurde aus europäischen Fördergeldern und Landesmitteln
finanziert. Nach der Modellfinanzierung wurde die
Regelfinanzierung nicht durch die Krankenkassen übernommen
und so musste die Soteria Frankfurt/Oder schließen.
Seit 1999 gibt es an der Münsterklinik Zwiefalten eine bis heute bestehende
kassenfinanzierte Soteria für acht Bewohner. Das Team
besteht aus (Fach-)pflegepersonal und einem Psychologen. Alle arbeiten
in einem Zwei-Schichten-Modell über zwölf Stunden.
In München entstand 1995 unter der Beteiligung von Betroffenen,
Angehörigen und Professionellen eine Arbeitsgemeinschaft, die
1997 ein eigenes Konzept verabschiedete. Dieses sah eine Soteria
als Teil einer geplanten integrierten Kriseneinrichtung im Münchner
Westen vor. Nachdem dieses Modell über Jahre nicht realisiert
werden konnte, entstand alternativ die Überlegung und schließlich
auch 2003 die Möglichkeit der Realisierung einer Soteria auf
dem Gelände und in der Trägerschaft des Bezirkskrankenhauses
(BKH)Haar.
Das Haus im Park - Soteria am BKH Haar
Alltag und Gemeinschaft - Milieu als heilsames Element in der Behandlung
Durch eine wohnliche, gemütliche Gesamtatmosphäre versuchen
wir ein Milieu zu schaffen, in dem sich Patientinnen und Patienten
angenommen und wohl fühlen und das gleichzeitig ihre aktive Beteiligung
an der Alltagsgestaltung unterstützt.
Die zwölf Bewohner sind in sechs Zweibettzimmern untergebracht. Das Mobiliar ist nicht ganz neu, aber immerhin, es sind normale Holzbetten
und die bunte Bettwäsche sowie die Tagesdecken sorgen für eine
"unklinische" Atmosphäre. Wohnzimmer, Wintergarten sowie der
TV-/Gruppenraum sind mit kuscheligen Sofaecken oder kleinen
Rattansitzgruppen ausgestattet und laden zu gemütlichen Kaffee oder
Spielrunden ein.
Nicht selten ergeben sich bei diesen Gelegenheiten
Gespräche über die Erkrankung mit all ihren Facetten, Nun wäre es etwas zu einfach zu behaupten, ein heilsames Milieu
würde allein durch Ikea-Möbel und komplette Selbstversorgung
des Stationshaushaltes entstehen. Es wirken vor allem die Beziehungen,
die sich zwischen allen Beteiligten in dieser Atmosphäre
entwickeln. Es geht um die Verbindung aus Gemeinschaft erleben,
die nicht ängstigend, sondern hilfreich und sorgsam ist, und sich
in einer Atmosphäre befinden, die überschaubar und alltäglich
ist. Unsere Erfahrung zeigt, dass gerade der alltägliche Ablauf
eine gute Gelegenheit bietet, um Kontakte zu Mitpatienten und
Personal zu knüpfen. Kontakte, in denen nicht der Schwerpunkt
auf Problem, Defizit, Schwierigkeit liegt, sondern auf "einen Teil
der Gemeinschaftsaktivitäten/-dienste zu übernehmen und damit
ein wichtiger, unverzichtbarer Teil dieser zu sein", sich gegenseitig
zu unterstützen und voneinander zu lernen, zu erleben, was für
ein Mensch der andere ist, wie er denkt und fühlt und wie er
auch ist - neben dem vielleicht komischen, unverstehbaren,
manchmal unheimlichen Gebaren, das der psychischen Krise entspringt.
"Anfangs stellten sich die Dienste als ein unlösbares Problem
dar, aber mit wertvoller Unterstützung der Mitpatienten und
des Personals ließ es sich, wider aller Befürchtungen, meistern",
fasst ein ehemaliger Bewohner zusammen.
Er habe es als ein Stück Lebensqualität erlebt, Herausforderungen anzunehmen, sie zumeistern, sich auszuprobieren, nicht auf dem Abstellgleis zu stehen, sondern an der eigenen Umwelt teilhaben und sie aktiv mitgestalten zu können.
Dieses Aktiv-Mitgestalten ermöglicht der wenig vorstrukturierte
Wochenablaufplan. Neben den Haushaltstätigkeiten gibt es jeweils
einmal wöchentlich eine psychotherapeutische Gesprächsgruppe,
eine Interaktionsgruppe und einen Kunsttherapienachmittag.
Die restliche Zeit wird in der täglich stattfindenden Morgenrunde gemeinsam
verplant. Je nach Gruppendynamik und Interessenslagen
der Einzelnen entstehen Sport-und Entspannungsgruppen, gibt es
Angebote zu töpfern oder zu malen, werden Themen wie Medikamente
oder Krankheitsverständnis besprochen.
Die Mitarbeiter sind während ihrer Schicht so viel wie möglich in
dieser Gemeinschaft und leben mit. Dadurch sind auch sie für die
Patienten erlebbarer in ihrer ganzen Persönlichkeit mit Stärken
und Schwächen, weniger vorrangig in ihrer Berufsrolle.
Da es wenige, unbedingt erforderliche allgemeingültige Stationsregeln
gibt,werden Absprachen oder Grenzen soweit wie möglich in der
jeweiligen Situation ausgehandelt.
Auch hier erleben die Bewohner Individualität bezogen auf sich selbst und die eigene Situation, aber auch die Unterschiedlichkeit bei den Mitarbeitern: Wie viel Geborgenheit, Orientierung und Sicherheit gibt es von wem, wie geduldig der Einzelne in welcher Situation ist oder auch wer wie
urlaubsreif ist und beim besten Willen nicht mehr so viel so nah
sein kann, wie es vielleicht gewünscht wäre. Überhaupt Grenzen
beim Gegenüber wahrnehmen zu müssen und selbst Grenzen zu
setzen, wo es über das aushaltbare Maß hinausgehen würde, ist
eine tägliche Herausforderung für alle - Betroffene wie Profis.
Psychose und Begleitung - Beziehung als Brücke zwischen
den Welten. Aus unserer Sicht entstehen Psychosen als Folge komplexer-Wechselwirkungen zwischen psychischen, sozialen und biologischen Faktoren. Belastende Lebenssituationen und -ereignisse können
bei den Betroffenen nicht lösbare Ängste und Konflikte entstehen
lassen, die mangels anderer Kompensationsmöglichkeiten zu psychotischem Erleben führen. Der damit zusammenhängende Realitätsverlust erschwert die alltäglichen Kontakte und Beziehungen, die einerseits gewünscht und andererseits beängstigend sind.
Aus diesen widersprüchlichen Gefühlen ergeben sich erhebliche Spannungszustände, Ängste und Verwirrung, Selbsterleben und Realitätsbezug stimmen nicht mehr überein, es treten scheinbar inadäquate
Verhaltensweisen auf. Wir. sehen dieses Verhalten des
Patienten als Ausdruck seines inneren Erlebens und in Zusammenhang
mit seiner Lebensgeschichte. Vor diesem Hintergrund steht für uns im Mittelpunkt, den Patienten zu begleiten und ihm Kontaktangebote
"nach außen" zu machen, um ihm aus seiner ängstigenden Isolation zu helfen.
Weiches Zimmer - ein sanfter Landeplatz in der Realität.
In der ersten Phase, während der akuten Psychose, findet diese
Form des Dabeiseins im so genannten "Weichen Zimmer" statt.
In diesem reizarmen Klima kann der akutpsychotische Mensch zur
Ruhe und zu sich selbst kommen. Eine Bewohnerin beschrieb es als "einen Ort des Schutzes, ohne Bilder an der Wand, die Rätsel aufgeben, einen Platz zum Aufatmen für die ruhelose Seele, den wirren Kopf und die drehenden Gedanken".
Dem Bewohner steht eine 1: 1-Begleitung, wenn erforderlich oder gewünscht, rund um die Uhr zur Verfügung. Einfühlsames Begleiten bedeutet in dieser Phase, aktuelle Bedürfnisse des Patienten aufzunehmen, intuitiv
auf ihn eingehen, einfach Dasein oder auch Einfluss nehmen, Angebote
machen, den passenden Abstand austarieren, oft existenzielle
Nöte und Ängste wahr zu nehmen, auszuhalten, mit zu ertragen.
Die 1: 1-Begleitung kann sich, wenn sinnvoll, auch auf die
gesamte Station und den Garten ausdehnen. Am Stationsalltag
nimmt der Patient nur teil, soweit es ihm gut tut.
Für die Mitarbeiter ist diese Art der intensiven Betreuung eine Herausforderung, die anstrengend und ermüdend ist, an eigene
Grenzen bringen, aber auch bereichernd sein kann. Manchmal ist
es schwer "da zu sein", ohne Aktion und/oder Gespräch anzubieten
oder aber innerlich abzudriften, eigenen Gedanken nachzuhängen.
Um in die innere Welt des Betroffenen und in sein Erleben
einzutauchen, braucht es neben Empathie auch viel eigene
innere Struktur - das "Pendeln zwischen den Welten" kostet Kraft.
Für den Patienten ist es eine wichtige, tragende Erfahrung, nicht
allein zu sein, in all seiner Verwirrung wahr- und ernst genommen
zu werden, zu erleben, dass Beziehung hilfreich sein kann und
psychotisches Erleben in gewisser Weise verstehbar wird.
Aktivieren und Stabilisieren - mit beiden Beinen zurück ins
alltägliche Leben.
Nach dem Abklingen der akutesten Symptome bezieht der Patient
ein Zweibettzimmer und nimmt nun kontinuierlich am Tagesgeschehen
teil. Schrittweise beteiligt er sich auch an den alltäglichen
Aufgaben. In dieser Phase findet die konstruktive Auseinandersetzung
mit sich und der Erkrankung in Einzel- und
Familiengesprächen, v. a. durch die Bezugspersonen statt. Kontakte
zu den Mitpatienten und deren Erfahrungen tragen aber ebenso
zur Stabilisierung und Weiterentwicklung bei.
In der letzten Phase ist der Fokus auf die Wendung nach außen gesetzt.
Mögliche Perspektiven werden gemeinsam mit den Bezugspersonen
geplant und aktiv vorbereitet. Ziel ist ein möglichst
selbstständiges Leben hinsichtlich Wohnen. Arbeiten. sozialen
Kontakten und Freizeitgestaltung. Individuelle Frühwarnzeichen
und Verhaltensweisen zur Rückfallprophylaxe werden erarbeitet.
eine angemessene Weiterbehandlung geplant und eingeleitet.
-Multiprofessionelle Zusammenarbeit - zwischen Therapie
und Haushalt.
Das Team umfasst 11.0Pflegestellen. 2.5 Arzt-/Psychologenstellen
(inkl. Oberarzt) und eine 0,75 SozialpädagogensteIle. Es wird in
drei Schichten zwischen acht bis zehn Stunden mit einer Besetzung
von je zwei Mitarbeitern gearbeitet. Alle Berufsgruppen beteiligen
sich am Schicht-und Wochenenddienst.
Die ärztliche und pflegerische Leitung der Station sind zusätzlich von Montag bis Freitag anwesend. Beide leiten gemeinsam gleichberechtigt das
Gesamtteam bei gegenseitiger Abwesenheitsvertretung.
Für den Stations ablauf und die Administration sind alle Berufsgruppen
gleichermaßen verantwortlich. Von großer Bedeutung sind die individuellen
Kompetenzenjedes einzelnen Mitarbeiters und ein erweitertes
Berufsrollenverständnis.
Jeder Patient wird von einem berufsgruppenunabhängigen Bezugspersonentandem vollverantwortlich betreut. Um ausreichende
Kontinuität für die Behandlung sicher zu stellen, wird bei der
Dienstplangestaltung versucht, die Anwesenheit der Tandempartner
möglichst gleichmäßig zu verteilen. d. h.. geht der Eine in ein
längeres Frei. ist der Andere in dem Block zum Dienst eingeteilt.
Das Aufgabengebiet des Tandems reicht von der Psychosebegleitung
in der Akut- und Stabilisierungsphase über die Vorbereitung
der Entlassung bis hin zur gesamten Dokumentation mit Krankengeschichtseinträgen und Entlassungsbrief etc.
Die beiden Tandemkollegen teilen sich diesen vielschichtigen Aufgabenbereich auf:
Einer der beiden übernimmt die Behandlungsverantwortung mit
Dokumentation sowie die psychotherapeutischen Inhalte, der andere
ist vor allem für die Begleitung im Alltag und die Themen des
täglichen Lebens zuständig. Einige Mitarbeiter sind keinem Tandem
zugeordnet, sie kümmern sich v. a. um die Atmosphäre und
die Gemeinschaft auf der Station; sind erstrangig für die milieutherapeutischen Gruppenangebote. Projekte. AlItags- und Freizeitgestaltung zuständig.
Diese ungewöhnliche Art der multiprofessionellen Zusammenarbeit
war und ist z.T.,noch immer für alle Mitarbeiter eine echte
Herausforderung: Fähigkeiten und erworbene Kenntnisse zählen
mehr als die Berufsrolle. gewohnte Aufgabenbereiche existieren
nur noch teilweise. Die pflegerischen Mitarbeiter. die im Bezugstandem die Behandlungsverantwortung übernommen haben, sind
mit klassisch ärztlichen Aufgaben, wie z.B. dem Diktieren von
Krankengeschichtseinträgen oder der kompletten Zuständigkeit
für den Behandlungsablauf betreut.
Die Mitarbeiter aus den nichtpflegerischen Berufsgruppen haben kein eigenes Büro, sehen Patienten nicht in Visiten oder Sprechstunden, sondern treffen sie in der Küche oder beim Frühstück, um das Eine oder Andere zu
klären. Die Milieutherapeuten müssen den Balanceakt zwischen
"gutem Kontakt zu allen und umfassende Informationen über alle
Patienten" und "sich nicht in die individuelle Behandlung durch
das Betreuungstandem einmischen" bestehen.
Die Frage nach den Wertigkeiten der einzelnen Aufgaben steht immer
wieder zur Diskussion: Wie gleichberechtigt arbeitet ein Tandem.
wenn doch nur einer den roten Faden der Behandlung in
Händen hält? Ist Haushalts- und Alltagstätigkeit genauso hoch angesehen
wie intensive Begleitung in der akuten Phase oder psychotherapeutische
Gesprächsinterventionen?
Die Liste dieser Fragen könnte noch beliebig verlängert werden. Das Thema an sich ist ein bekanntes, auf klassischen Stationen eher als eines zwischen
den Berufsgruppen. Durch die Tatsache. sich in andere Berufsfelder
einarbeiten zu müssen. ergibt sich in unserem Team allerdings
immer wieder die Erfahrung, dass auch die auf den ersten Blick oft
so "angenehmen" oder "angesehenen" Aufgaben anstrengend und
schwierig sein können oder viele oft minderbewertete "Alltagsjobs"
wichtige Bestandteile eines hilfreichen Gesamtangebots darstellen.
Beziehungsarbeit statt neuroleptischer Behandlung?
Um es gleich vorweg zu nehmen: Auch in der Soteria werden Medikamente
gegeben. Die Erfahrung zeigt. dass nur wenige Menschen
in der akuten Psychose völlig ohne Medikation auskommen.
Allerdings ist es sehr unterschiedlich, zu welchem Zeitpunkt mit
welchen Medikamenten und in welcher Dosierung begonnen
wird. So kann ein Patient. wenn verantwortbar. auf seinen Wunsch
hin zunächst ohne Medikamente behandelt werden. Bei sehr unangenehmen,
quälenden Symptomen werden beruhigende, angstlösende
Substanzen angeboten. Bei fehlender Besserung der psychotischen
Symptomatik nach ein bis zwei Wochen wird eine
neuroleptische Medikation vorgeschlagen.
Diese wird individuell abgestimmt und das subjektive Erleben sowie eventuelle Vorerfahrungen des Patienten berücksichtigt. Ziel ist es nach ausführlicherAuflkärung über Wirkungen und Nebenwirkungen, einen
Konsens zu finden und so die Grundlage für einen eigenverantwortlichen
und möglichst selbstverständlichen Umgang des Patienten
mit seiner Medikation zu schaffen.
Wer kann bei uns behandelt werden?
Bevorzugt werden Patienten mit Psychosen aus dem schizophrenen
Formenkreis und akuten psychotischen Störungen im Alter
von 18 bis 50 Jahren aufgenommen. Das Angebot richtet sich nicht
nur an ersterkrankte. sondern auch chronisch erkrankte Menschen,
die an einer akuten Verschlechterung leiden.
Nicht aufgenommen werden können Menschen mit einer Suchterkrankung, einer Persönlichkeitsstörung oder Menschen mit hirnorganischen oder somatischen
Erkrankungen. Bei akut bestehenden Selbst- oder
Fremdgefährdungstendenzen muss eine ausreichende Bündnisfähigkeit
möglich sein, um den Betroffenen, aber auch das Umfeld
entsprechend schützen zu können. Die Aufnahme erfolgt nach einem Abklärungsgespräch als Direktaufnahme, als Übernahme aus
der zentralen Aufnahme oder von anderen Stationen des Bezirkskrankenhauses Haar sowie aus anderen psychiatrischen Kliniken.
Angehörige und komplementäre Dienste - die Bindeglieder
ins normale LebenAngehörige und wichtige Bezugspersonen des Patienten beziehen wir - wenn der Betroffene einverstanden ist - frühestmöglich und
systematisch in die Behandlung mit ein. Alle Beteiligten erhalten
gleichartige und möglichst klare Informationen über Erkrankung,
Prognose und Behandlung. Während der ersten Phase im Weichen
Zimmer ist es für den Betroffenen möglich, einen Angehörigen
rund um die Uhr bei sich zu haben.
In der späteren Stabilisierungs-und Entlassungsphase werden in Familiengesprächen die aktuelle Situation, bestehende Konflikte und ein möglicher Umgang damit besprochen. Des Weiteren findet eine Angehörigengruppe in Zusammenarbeit mit einem Psychologen des Sozialpsychiatrischen Dienstes München-Giesing statt. Sie steht sowohl für Angehörige von Soteria-Patienten als auch für am Soteria-Konzept interessiertenAngehörigen offen.
Die Gruppe findet in sechs Terminblöcken über drei Monate statt.
Um eine angemessene Weiterbehandlung rechtzeitig planen zu
können, arbeiten wir mit Sozialpsychiatrischen Diensten, niedergelassenen
Ärzten und Psychotherapeuten sowie Trägern von betreuten
Wohnformen eng zusammen. Rechtzeitige gemeinsame
Planungen und Absprachen noch während des stationären Aufenthalts
des Patienten und ein gut vorbereiteter Übergang sind uns
dabei wichtig.
Um eine möglichst reibungslose Zusammenarbeit
sicher zu stellen, findet zweimal jährlich ein Kooperationstreffen zwischen dem Soteria-Team und interessierten Mitarbeitern desambulant-komplementären Bereichs statt. Soteria und Forschung
Es liegen jeweils zwei wissenschaftliche Wirksamkeitsstudien für
die Soterien in Kalifornien und Bern vor. Die Ergebnisse beziehen
sich auf Untersuchungszeiträume zwischen sechs Wochen und
zwei Jahren. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Soteria-Bewohner
im Vergleich zu Patienten der Kontrollgruppen folgendermaßen
abschneiden]:
- ebenbürtig bezüglich Reduktion Psychopathologie und Rückfallrisiko,
- besseres psychosoziales Funktionsniveau,
- weniger Neuroleptika, weniger Nebenwirkungen,
- längere Aufenthaltszeiten, mehr Kosten,
- positiveres subjektives Erleben der Behandlung,
- bessere Integration der Psychose in die Lebensgeschichte,
- weniger Stigma.
Für die Soteria am BKHHaar fanden wir es nicht sinnvoll zu versuchen,
die vorliegenden Ergebnisse erneut zu replizieren. Interessant
erschien uns vor allem herauszufinden, mit welchem Soteria-,
Behandlungselement welche Wirkung erzielt wird. In einem von
uns erarbeiteten Einschätzungsbogen, der täglich für jeden Patienten
ausgefüllt wird, erheben wir u. a. systematisch den Einsatz relevanter Behandlungselemente wie beispielsweise die Psychosebegleitung, die Nutzung des weichen Zimmers, Minutenwerte für Gespräche und Teilnahme an therapeutischen Aktivitäten sowiedie Teilnahme am Stationsalltag in Verbindung mit der Entwicklung der Psychopathologie des Patienten. Bei Aufnahme und Entlassung wird zusätzlich die PANSS(ein international anerkanntes Instrument zur Einschätzung der Psychopathologie) erhoben.
Am Behandlungsende erhalten die Bewohner zwei Selbstbewertungsbögen:
einen zur Lebensqualität (AL)und einen zur Psychopathologie
(BS!) sowie einen selbstentwickelten Bogen-zur Behandlungs
beurteilung in der Soteria.
Weiter haben wir mit einer Langzeituntersuchung (nach 6, 12 und
24 Monaten) begonnen. Die Patienten werden dabei zu ihrer momentanen
Lebens- und Behandlungssituation sowie zu ihrer aktuellen
Meinung über ihren Soteria-Aufenthalt befragt und erhalten
erneut den ALund den BS!.
Aufgrund der kleinen Fallzahlen dauert es doch einige Zeit, bis seriöse
Aussagen aus dem erhobenen Datenmaterial gezogen werden
können. Wir hoffen sehr, in absehbarer Zeit mehr darüber zu ...
wissen, für welche Patientengruppe das Soteria-Konzept eine besonders
geeignete Behandlungsform ist, wie einzelne Elemente -
anhand von Falldarstellungen - wirken und welche Einflüsse die
Soteria-Behandlung auf die weitere Lebenssituation der ehemaligen
Bewohner hat.
Zusammenfassung
Die ursprünglich anti psychiatrische Konzeption in einem der
größten psychiatrischen Krankenhäuser Deutschlands umzusetzen,
ist ein Herausforderung: Wie kann sich Soteria als Ergänzung
des bereits bestehenden vielfältigen Behandlungsangebots der
Klinik ihren Platz sichern? Wo sind Kompromisse möglich, ohne
das Konzept zu verwässern, an welcher Stelle muss die klassische
Klinikstruktur weichen?
Meines Erachtens ist es uns in den letzten beiden Jahren gelungen, Soteria sowohl innerhalb als auch außerhalb der Klinik bekannt zu machen, uns zu etablieren. Wir konnten viele positive Erfahrungen machen, mussten aber auch Grenzen erleben und entwickelten daraus uns und unser Konzept
weiter - insgesamt ein lebendiger gemeinsamer Prozess, der sich
trotz aller Anstrengung lohnt und den wir gerne weiter verfolgen.