Burnout vs. Depression

Elisabeth Dinse

Poweruser
Registriert
29.05.2002
Beiträge
19.809
Beruf
Krankenschwester, Fachkrankenschwester A/I, Praxisbegleiter Basale Stimulation
Akt. Einsatzbereich
Intensivüberwachung
Aktuell wird das Krankheitsbild neu bewertet. Unter dem Aspekt finde ich ff. sehr interessant:

...
Burnout ist das Ergebnis der Imbalanz zwischen den Merkmalen und Möglichkeiten einer Person und den Merkmalen und Möglichkeiten seines Berufes. Die Häufigkeit beträgt etwa 20 %.

Burnout-Syndrom ist eine Sonderform der Depression mit einer maniformen Abwehr. Durch vermehrte Aktivität wird versucht das sichere Scheitern zu verhindern. Es ist ein Prozess, der unbehandelt in eine Depression mündet.
...
Früherkennung und Prophylaxe sind schwierig, da es sich um leistungsorientierte Menschen handelt, die es nicht gewohnt sind zu scheitern. Gefährdete Menschen sollten vorsorgen und sich regelmäßig selbst testen.
https://www.thieme-connect.com/ejournals/abstract/10.1055/s-0031-1276895

Das Geschäft mit der Krankheit boomt
...
Trotzdem boomt das Geschäft mit Burnout. Da gibt es Burnout-Bücher, Burnout-Berater, Burnout-Reisen, Burnout-Therapien, sogar Burnout-Pillen. Doch Experten wie Prof. Hegerl warnen - beispielsweise vor Burnout-Reiseangeboten, die eher Wellness als Therapie bieten: "Jedem depressiv Erkrankten ist dringend von einem Urlaubsantritt abzuraten, denn Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung werden in fremder Umgebung oft noch intensiver und auch langer Schlaf führt eher zu einer Verschlechterung der Depression."
Exakt - Die Story: Das Geschäft mit Burnout | MDR.DE

Doku zum letzten Zitat: Exakt - die Story | MDR.DE

Elisabeth
 
Ich möchte nicht in Frage stellen, ob Burn out nicht eine tragische Erkrankung bedingt durch unsere Gesellschaft ist.

Ich hab nur auch schon erlebt, dass diese Diagnose (bzw. ist es ja eine Depression) ziemlich vorschnell von Ärzten gestellt wird.
Eine Krankenschwester, die sagt sie kann nicht schlafen und die Gedanken kreisen, hat ganz schnell ein Attest darüber.
Das macht das Bild der Krankheit leider wieder kaputt, und ernsthaft Erkrankten wird erst zu spät geholfen.
 
Ich möchte nicht in Frage stellen, ob Burn out nicht eine tragische Erkrankung bedingt durch unsere Gesellschaft ist.

Ich hab nur auch schon erlebt, dass diese Diagnose (bzw. ist es ja eine Depression) ziemlich vorschnell von Ärzten gestellt wird.
Eine Krankenschwester, die sagt sie kann nicht schlafen und die Gedanken kreisen, hat ganz schnell ein Attest darüber.
Das macht das Bild der Krankheit leider wieder kaputt, und ernsthaft Erkrankten wird erst zu spät geholfen.

Und wer hat gesagt: "diese Krankenschwester ist aber nicht ernsthaft krank?"
(evtl. noch mit dem Nachsatz: die macht nur Urlaub)
 
Früher gab es BurnOut einfach nicht und heutzutage kommt es mir aber auch so vor, dass es auch viel ausgenutzt wird von AN..und ich mein Stress im Alltag haben viele trotz dessen plädieren sie nicht gleich auf Burnout...
 
Stellt sich eben die Frage warum es kein Burnout gab?
Wurde es nicht einfach nicht diagnostiziert oder haben sich die Lebens- bzw. Arbeitsbedingungen geändert?

Woher weiß man welcher AN das ausnutzt?
Sind das persönliche Erfahrungen oder worauf gründen diese Erfahrungen?

Woher weiß man dass die Diagnose vorschnell ohne entsprechende Diagnostik gestellt wird? Ist das Hören-Sagen oder beruht diese Aussage auf irgendwelchen Studien?
 
Der mit Burnout kann äußern, WAS der Auslöser war und nach Lösungsansätzen suchen, der Depressive bleibt sitzen und starrt die Wand an.
Es wäre Aufgabe der Arbeitgeber, sich um die Erkrankten zu bemühen und mit Ihnen nach Lösungen zu suchen. Stattdessen werden sie in fragwürdige, überlaufene Therapien gesteckt und sind zum fernbleiben vom Arbeitsplatz verdonnert. Obwohl sie lieber arbeiten würden, wenn die Bedingungen stimmten.
 
Früher gab es BurnOut einfach nicht und heutzutage kommt es mir aber auch so vor, dass es auch viel ausgenutzt wird von AN..und ich mein Stress im Alltag haben viele trotz dessen plädieren sie nicht gleich auf Burnout...

Oh je, wenn Elisabeth das liest, steppt hier wieder der Bär.
Wieso wird BurnOut eigentlich immer so gern als modischer Kitsch abgetan und runtergespielt. Wenn ich mir die ansehe wie sich in den letzten Jahren die Arbeitbedingungen in Deutschland (und nicht nur in deutschen Kliniken und Pflegeeinrichtungen) gewandelt haben, wie die Arbeitgeber im respektloser mit dem Personal umgehen und wie das Personal als moderne Sklaven gehalten wird, wundert es mich nicht, dass die Diagnose Burnout immer häufiger kommt.
Die deutsche Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Kultur fördert ja geradezu das Burnout.

PS: Dazu passt das Interview mit Dietmar Muscheid, dem DGB-Landesvorsitzenden in Rheinland-Pfalz in der Wormser Zeitung von heute. Da geht es zwar nicht um Burnout, es zeigt aber wieso es immer häufiger zum Burnout kommt.
http://www.wormser-zeitung.de/nachrichten/politik/rheinland-pfalz/13014651.htm
 
Zuletzt bearbeitet:
Ich würde dies nicht nur auf Deutschland beschränken. Aus dem Ausland hätte ich zwar keine Statistiken über Krankmeldungen etc., aber Berichte in anderer Form, nach denen Burn-Out etc. auch dort nicht unbekannt sind.

Sehr interessant fand ich in dem Zusammenhang Richard Sennetts Buch "Der flexible Mensch". Er bezieht sich zwar fast ausschließlich auf die USA, aber die Entwicklungen in der modernen Arbeitswelt, die er beschreibt, lassen sich in meinen Augen in allen oder zumindest vielen Industriestaaten beobachten.
 
Ich würde dies nicht nur auf Deutschland beschränken. Aus dem Ausland hätte ich zwar keine Statistiken über Krankmeldungen etc., aber Berichte in anderer Form, nach denen Burn-Out etc. auch dort nicht unbekannt sind.

Es stimmt, dass man es nicht nur auf Deutschland beschränken kann, nur würde eine internationale Diskussion sicher zu weit führen.
Andererseits haben wir ja hier genug User aus Österreich und der Schweiz, wäre interessant wie dort das Thema Burnout gesehen wird. Ist man dort genauso blind, oder wird es in den Alpenländern ernst genommen?
 
Danke für die Links. Werde ich mir sicher mal genau zu gemüte führen!
 
Die Nicht-Benennung bestimmter Phänomene in der Vergangenheit macht die neu-definierten Krankheiten nicht neuer. Wenn man die Biografie von Florance Nightingale liest....

Florence Nightingale ? Wikipedia
 
ähmmmm ....ich glaub das jede Krankenschwester und anverwandte Berufe irgendwann an burn-out erkranken...sei es durch Doppelbelastung Beruf,Familie etc....hab es selbst am eigenen Leib erlebt ......und wünsche es keinem........
 
Früher gab es BurnOut einfach nicht ...
Korrekt. Böse Leute behaupten, dass Freudenberg sich net eingestehen wollte, dass er an einer Depression erkrankt war. Depression wird damals wie heute mit Versagen gleichgesetzt: man ist nur nicht dem "du musst nur..." ausreichend gefolgt.
Da kommt es doch besser, wenn man seine psychische Verfassung mit einer Überlastung erklären kann. Gut passt dazu der Ansatz: man muss nur die Umgebung ändern, dann wird das schon wieder.

Wenn es an den Arbeistbedingungen liegen würde, dann wäre mittlerweile eine ganze Berufsgruppe malade. Das kann es also nicht sein.

Wie wäre es denn, wenn man mal langsam anfangen würde: weg von der Pathologisierung. Streß hat Auswirkungen auf die Konzentration, die Aufmerksamkeit usw.. Das gilt es zu anzuprangern. Man geht ganz bewusst, dass Risiko ein, dass Menschen zu Schaden kommen, wenn man die Arbeit zu sehr verdichtet.
Und was auch nicht vergessen werden sollte: warum ist Pflege bereit sich dermaßen ausbeuten zu lassen.

Btw.- es gab schon früher eine Arbeitsverdichtung oder glaubt jemand, dass das Arbeiten in den Fabriken mit den Webstühlen ein Zuckerschlecken war. Warum haben die damals eigentlich die Gewerkschaften erfunden und die heutige Generation möchte sie am liebsten abschaffen. Anders kann man dei Verweigerung ja net erklären.

Elisabeth
 
Stellt sich eben die Frage warum es kein Burnout gab?
Wurde es nicht einfach nicht diagnostiziert oder haben sich die Lebens- bzw. Arbeitsbedingungen geändert?


Das BurnOut gab es schon lange vor dem Erfinden dieses Begriffs.
Auch vor Jahren haben Menschen schon bis zur seelischen und körperlichen Erschöpfung gearbeitet.

Ich würde es nicht wagen einem AN zu unterstellen, das er das ausnutzt!
Mal ganz langsam mit solchen Mutmaßungen......
 
Das BurnOut gab es schon lange vor dem Erfinden dieses Begriffs.
Man hat sich nur getraut, dass Kind auch beim Namen zu nennen und zu differenzieren: seelischen und/oder körperlichen Erschöpfung und unterschieden zur Erkrankung (Erschöpfungs-)Depression. Heutzutage läuft alles unter dem Begriff Burnout.

Und so kommt es, wie es kommen muss. Der Mensch kann net mehr unterscheiden, was das Gegenüber denn nun hat? ICD-10-GM-2013 Z73 Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung ICD10 oder ICD-10-GM-2013 F32.- Depressive Episode ICD10 .

Kann der AG das eine vom anderen unterscheiden? Nein. Kann der AG vorbeugen? Ja. Aber nur für die Gruppe, die bis zur seelischen/körperlichen Erschöpfung arbeitet. Bei der anderen Gruppe laufen andere Mechanismen ab, die einer einfachen Prophylaxe des AG- in der Regel Sportangebote u.ä.- nicht zugänglich sind bzw. sie im Rahmen der maniformen Abwehr übertreiben.

Kann der AG etwas für die Gruppe der Erschöpfungsdepression tun? Ja. Er kann nach der Geneseung darauf achten, dass die Arbeistbelastung hier entsprechend angebpasst wird. Würde einem "Schonplatz" entsprechen: keine Überstunden, konsequentes einhalten des Dienstplanes, kein Einspringen. Damit könntest die Arbeitskraft desjenigen noch lange erhalten. Dies scheitert aber nicht selten an dem Team, dass nur schwer begreifen kann das zwischen dem Modewort Burnout und der Erkrankung (Erschöpfungs-)Depression Welten liegen.

Btw.- Depression wird von Betroffenen auch als Krebs der Seele bezeichnet. Ein guter Vergleich, wie ich finde, wenn man bedenkt welche Auswirkungen so eine Erkrankung hat bis hin zur tödlichen Bedrohung.

Elisabeth
 
Das BurnOut gab es schon lange vor dem Erfinden dieses Begriffs.
Auch vor Jahren haben Menschen schon bis zur seelischen und körperlichen Erschöpfung gearbeitet.

Ich würde es nicht wagen einem AN zu unterstellen, das er das ausnutzt!
Mal ganz langsam mit solchen Mutmaßungen......

Meinst du mich, da du mich zum Teil zitierst?

Ich habe hier niemanden unterstellt er würde eine Krankheit ausnutzen!
Wie kommst du darauf?


Ansonsten denk ich, dass sich die Arbeitsbedingungen insofern verändert haben, dass vielen die ständige Erreichbarkeit durch die neuen Medien zu schaffen macht.
Ob das nun aber der alleinige Auslöser ist, dass das Burnout nun häufiger diagnostiziert wird glaub ich aber nicht unbedingt.
Es gab früher eben einfach nicht diesen speziellen Begriff nicht und man sprach eben von einer Depression.
 
Und da nicht jede Pflegekraft eine Depression bekommt ist es fraglich, ob wirklich die Arbeitsverdichtung daran Schuld ist.

Elisabeth
 
Die Arbeitsverdichtung alleine ist es sicher auch nicht.
Es sind ja mehrere Faktoren die hier zusammenspielen. Ich denke da auch an das "Helfersyndrom" und den oft überhöhten Ansprüchen es allen recht machen zu wollen bzw. immer ein Topleistung zu bringen, ohne dabei auf sich selbst zu achten.
 

Ähnliche Themen