Öffnen einer Psychiatrischen Akutstation

Andy90

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Guten Tag...
vorab ich bin neu hier im Forum und die SuFu hat mir nicht so recht geholten...! ^^
Also...
Ich arbeite in der Psychiatrie im Erwachsenen Bereich (mit 22 Planbetten +++) auf einer geschlossenen Akutstation. Es ist nun so das wir auf lange Sicht die geschlossen Stationen auch öffnen wollen. Wir haben nun diverse Untergruppen für das Projekt gebildet.
Nun wollte ich den Weg über´s Netz gehen und mal schauen welche Erfahrungen so gemacht wurden ? Solche Unternehmungen sind ja nicht neu...
Gibt es hier welche die sowas mitgemacht haben und mögen mir vielleicht kurzum erzählen wie ihr das so geschafft habt ?
Konzeptionell, Mitarbeiter, aber auch wichtiger Pat.- orientiert ?

Danke schon mal vorab, wenn sich jmd. zeit nimmt :-)

Lieben Gruß
Andy
 

USA-Frosch

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Hallo Andy,
eine Verständnisfrage:
Ihr wollt eure beschützt geführte Station in eine offen geführte St. umorganisieren?
Es gibt dann eine weiter bestehende beschützt geführte Station im Haus?

Freundliche Grüße
USA-Frosch
 

Peppo

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Hallo Andy90,

zu dem Entschluss kann man ja nur gratulieren...! Meine Erfahrung ist, dass es viel einfacher ist als man denkt. In der Regel sind es sowieso die Mitarbeiter die Sorge haben, dass etwas passiert. Wir haben diesen Prozess auch hinter uns gebracht und die Auswirkungen sind enorm.
Der wichtigste Unterschied: Vorher mussten die Patienten etwas leisten, damit sie nach draußen durften (Compliance). Jetzt müssen wir etwas leisten, damit die Patienten bleiben... :cleanglasses:
 

Andy90

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Hallo :-)

USA-Frosch um deine Frage zu beantworten... genau! wir wollen die geschlossenen Stationen öffnen,.. die Vorstellung zur Zeit ist es dies ab morgens bis Abends zu tun... auf längere Sicht jedoch diese ganz zu öffnen. So das es keine geschlossenen Stationen mehr gibt...

Peppo .. Danke:-) ...wie habt ihr es denn bspw. für die Pat. attraktiver gemacht damit sie bleiben ? Abgesehen von Therapieangeboten.
 

USA-Frosch

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Hallo Andy,
danke für die Erklärung...
ich kenne nur beschützt geführte Stationen,oder offene die aber auch bei Bedarf beschützt geführt werden können.Und dann halt die rein offen geführten Stationen.

Peppo
bin auch über eine Ausführung von dir gespannt
 

Peppo

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Nun ja, im Grunde genommen sieht es dadurch so aus, dass die Mitarbeiter viel mehr im Kontakt mit den Patienten sind (sein müssen). Die Zeiten des Rückzugs in das Stationsbüro reduzieren sich. Andernfalls würde ich auch gar nichts mehr mitbekommen. Der Faktor Beziehung wird noch wichtiger, diesen haben wir über "Haltungs-Seminare" auch speziell in der Schulung. Bezugspflege (zumindest eine Form davon) ist aus meiner Sicht unabdingbar.

Aber wie ich schon sagte: Meist muss man gar nicht soviel verändern. Das Wichtigste ist, dass die Leitungspersonen dahinter stehen. Oft ist die Angst groß, dass jemand seinen Job verliert falls ein Patient stiften geht. Was sagt die Leitung denn was dann passiert. Was wollt ihr in einem solchen Fall tun?

Die Evidenz hat ja recht klare Aussagen zum Thema offene Türen. Die größte Hürde stellen Angst und Sorge der Mitarbeiter dar. Eventuell auch unbewusst vorgeschoben (Patientensicherheit vs. eigene Sicherheit).

Ein paar Beispiele aus der Literaturrecherche für das Konzept:

  • Die meisten Entweichungen auf geschlossenen Stationen (50-80%) passieren im genehmigten Ausgang (Bowers et al. 1999, Dickens u. Campell 2001).
  • In mehreren Erhebungen wird gezeigt, dass in Zeiträumen mit geöffneten Türen signifikant weniger Patienten entweichen als in Zeiträumen mit geschlossener Türe (Lang et al. 2010, Herda et al.)
  • Unter 100.000 aufgenommenen Patienten entwichen von geschlossenen Akutstationen 1,54% und von offenen Akutstationen 1,43%. (Lang et al. 2010)
  • Sie (Behandlung im offenen Setting) erleichtert die poststationäre Rückkehr in die heimatliche Umgebung und erhöht die Bereitschaft sich erneut in stationäre Behandlung zu begeben (Medestin 1996, Hell 1998)
  • Zusätzlich wird durch die offene Stationsatmosphäre das Rückfallrisiko reduziert (Abroms 1973)
Den Punkt "Offene Türen und Aggression" habe ich hier aufgrund der fehlenden Zeit mal ausgelassen. Ich denke aber, dass dies auf der Hand liegt.

Viele Grüße, Peppo
 

USA-Frosch

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Hallo Peppo,
danke für deine Stellungnahme.
Die Patienten sind dann alle freiwillig da bzw. erklären sich mit dem Aufenthalt dann doch einverstanden oder gibt es auch "untergebrachte"?
Und bei Entweichung scheint es dann rechtlich keine Probleme zu bereiten, ob nun Tür offen oder geschlossen?

Freundliche Grüße
USA-FROSCH
 

Peppo

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Nein, es sind ebenfalls untergebrachte Patienten da. Dies ist mit den Richtern besprochen... Wir sind ja kein Gefängnis...:wink:
 

Andy90

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Danke Peppo :-) ...
Habt ihr bauliche Maßnahmen umgesetzt wie bspw. eine Pflegekanzel zu öffnen, also ein offenes Dienstzimmer ? Oder auch den sogenannten Potsdamer-Tisch eingeführt?
Und sind bei euch die Stationen spezialisiert oder gibt es ein "buntes durcheinander" ?

Unsere Leitungen (Pflege, sowie von ärztlicher Seite) stehen dem ganzen offen Über und führen auch die Projektgruppe an. Um dann mehrere Bereiche, sowie MA einzubeziehen wurden Untergruppengebildet.

Frosch.. was ich noch dazu sagen kann.. es ist eine Formsache im Unterbringungsbeschluss, wenn diese mit den jeweiligen Gerichten abgestimmt ist, stellt dies bei offen geführten Stationen kein Problem dar,...
 

USA-Frosch

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Dann können ja alle geschlossenen Allgemein-psychiatrischen Stationen abgeschafft werden.
 

Peppo

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Es gab kleinere baulich Maßnahmen, aber nicht wo man viel Geld in die Hand nehmen musste. Den Potsdamer Tisch kenne ich leider nicht, kann ich also nichts zu sagen.
Bei den Stationen handelt es sich um Schwerpunkt-Stationen.

Unsere Geronto-Psychiatrie stellt die Ausnahme dar. Diese ist leider noch mehrheitlich geschlossen. Dies ist aber in Arbeit...

Dann können ja alle geschlossenen Allgemein-psychiatrischen Stationen abgeschafft werden.
Unser PsychKG sagt folgendes aus:

"(...) Um das angestrebte Behandlungsziel zu erreichen, soll die Unterbringung nach Möglichkeit in offenen und freien Formen erfolgen, soweit der Zweck der Unterbringung dies zulässt."

Daher MUSS die Antwort auf Deine Frage (ich habe das als etwas provokative Frage interpretiert) lauten: Ja, die Stationen sollten offen oder fakultativ geschlossen geführt sein.
 

USA-Frosch

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MUSS die Antwort auf Deine Frage (ich habe das als etwas provokative Frage interpretiert) lauten: Ja, die Stationen sollten offen oder fakultativ geschlossen geführt sein.
Hallo Peppo
Provokativ - allerdings allgemein gedacht,nicht an deine Person gerichtet.

Bin nach 51/2 Jahren dann doch gerne raus aus den geschlossenen Bereich.

Bleibt die Mindestbesetzung bestehen?

Gerne mehr aus deinem/eurem Stationsalltag;vielleicht wird unser geschl. Bereich auch mal Vergangenheit

Lieber Gruß
USA-FROSCH
 

Peppo

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Hallo USA-Frosch,

ich habe das auch nicht als Affront verstanden. Provokationen und Übertreibungen helfen manchmal... :boxen:
Was meinst Du genau mit Mindestbesetzung?

Klinikgesetzbuch
§1, Artikel 1:
Der aktuelle Personalschlüssel ist unantastbar!

Ich weiß aber auch, dass wir da in einer komfortablen Situation sind. Frei nach dem Motto: Die Tür ist auf? Dann seid ihr auch nicht mehr akut. Ergo: ihr benötigt weniger Personal...
Hier ist im Vorwege die richtige Argumentation wichtig. Warum benötigt man sogar mehr Personal?

Dieser Verhandlungsverlauf ist realistisch:

Station: "Die Evidenz zeigt: Wir sollten die Türen der Station öffnen!" :thinker:
Geschäftsführer: "Was geht mich das an?" :gruebel:
Station: "Wir benötigen dafür mehr Personal!" :nurse::nurse:
Geschäftsführer: "Dann geht es nicht." :schraube: :dudu:
Station: "Und wenn wir es irgendwie mit den bestehenden Ressourcen schaffen?" :engel: :gruebel:
Geschäftsführer: "Dann macht doch was ihr wollt...!" :cleanglasses::lamer:

Wenn man das dann noch schriftlich fixiert ist`s doch besonders schick... :deal:
 
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Tranquila68

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Hallo zusammen,

also bei uns in der Klinik öffnet man die Türen in der Woche von 10Uhr bis 18Uhr und am Wochenende von 15 Uhr bis 18 Uhr. Dabei muss innerhalb dieser Zeit immer jemand in der Kanzel sitzen, manchmal übernehmen das unsere Sozialarbeiter oder Psychologen aber die meiste Zeit sitzt die Pflege und „wacht“ die Tür während sie dokumentiert...
Es ist in der Geronto meiner Meinung nach Quatsch die Tür zu öffnen..
Der größte Teil hat keine Ausgangsregelung, wenn Pat. es schaffen die Tür zu finden müssen wir teils mit 2-3 Leuten wieder den Pat. rein bitten oder zerren...da kommt ein richtiges Knastflavour auf!
In der Allgemeinpsychiatrie läuft das anders, wenn Pat. mit PsychKG rausgehen werden die darum gebeten wieder reinzugehen, wenn sie es nicht tun, wird die Polizei verständigt.
Die Kollegen diskutieren da nicht mehr lange mit dem Pat, weil einige deswegen im Krankenhaus gelandet sind.
Die KriPo findet das nicht mehr amüsant wieder Leute zu suchen die eine Gefahr für die Allgemeinheit bedeuten und deswegen ja GESCHLOSSEN untergebracht werden sollten...
Also macht es uns keinen Spaß mehr ehrlich gesagt. Die Pflege ist frustriert aber der Ärztliche Direktor und die Pflegedirektorin sind voll happy, da sie Safewards umsetzen können.
 

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