Immer noch mitgenommen durch Patiententod

Miamarie

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Guten Abend! Mittlerweile ist es über zwei Jahre her. Aber ich kann es irgendwie nicht vergessen. Ein schwer Kranker wurde auf meiner Station (Pneumologie) betreut. Er kam aus einem Heim und sollte gleich nach dem Klinikaufenthalt ins Hospitz gebracht werden. Die Ärzte gaben ihm keine Hoffnung mehr. Ich bekam von der Anleitung die Aufgabe, ihm Essen zu reichen. Ich betrat den Raum und sah den Mann (behindert). Er reagierte auf meinen Namen und gab unklare zufriedene Laute von sich. Ich reichte ihm das Essen. Es gab Kartoffel und Fleisch. Er versank während der ersten paar Happen bereits immer Mal wieder in einen Dämmerzustand, nickte sozusagen ein. Auf seinen Namen reagierte er und drehte seinen Kopf daraufhin wieder zu mir. Er lächelte. Er aß sehr langsam, nickte immer wieder ein. Ich sprach ihn lauter an, sagte "Drehen Sie sich doch einmal zu mir", er tat dies auch. Ich gab ihm weitere Löffel zu essen. Diese waren etwas mehr gefüllt. Es waren nur Kartoffeln, Fleisch empfand ich für ihn zu fest von der Konsistenz. Er kaute sehr langsam, nickte ein. Ich beschloss, das Essenreichen zu beenden. Er schien nicht wach genug zu sein. Ich verließ das Zimmer. Eine Schwester sprach ich auf die Situation an, sie meinte, dass er wohl bald sterben wird. Ich guckte in sein Zimmer. Er reagierte auf seinen Namen und drehte dich zu mir. Dann berichtete ich meiner Anleiterin. Sie sah auch nach ihm. Wir lagerten ihn gemeinsam, sie meinte, am Tag davor hätte er schon so dämmrig gewirkt. Ich hatte so ein ungutes Gefühl. Die Schwester übernahm seine Betreuung für den Rest der Schicht. Eine dreiviertel Stunde danach etwa, ist er verstorben. Ich habe solche Schuldgefühle. Habe ich beim Essenreichen etwas falsch gemacht? Ist er erstickt oder am Bolustod gestorben?

Vielen Dank für die Antworten!
 

-Claudia-

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Es ist natürlich schwer, die Frage nach der genauen Todesursache aufgrund dieser Schilderung zu beantworten. Aber bei einem Patienten im terminalen Stadium kann das von Dir geschilderte "Wegdämmern" ein Zeichen für den nahenden Tod sein. Von einem Erstickungstod aufgrund der Nahrung würde ich nicht ausgehen; Deine Anleiterin war ja anschließend noch mit Dir im Zimmer. Ihr hätte eine Aspiration auffallen müssen.

Für jeden von uns Pflegekräften kommt der Tag, an dem wir einen Todesfall miterleben (80% der Menschen in Deutschland sterben in den Krankenhäusern oder Pflegeheimen). Ich finde es jedoch bedauerlich, wenn dies nicht mit den Azubis aufgearbeitet wird. Hat die Anleiterin (oder sonstwer?) mit Dir über den Tod des Patienten gesprochen?
 
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Miamarie

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Vielen Dank für diese konstruktive und sehr einfühlsame Antwort! Leider ist dieser Vorfall nicht im Nachhinein mit mir besprochen wurden. Ich habe gerade die Infusionen fertig gemacht, als meine PAL mich traurig ansah und sagte, dass Patient XY uns nun verlassen habe. Aufgrund meiner Tränen sagte sie nur "Es ist aber nicht deine Schuld. "
Ich glaube, im Nachhinein wäre eine Seelsorge wünschenswert gewesen.
 

-Claudia-

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Auch wenn die Anleiterin offensichtlich besser ausführlicher mit Dir gesprochen hätte: Warum zweifelst Du an ihren Worten? Sie konnte die Situation sicherlich sehr viel besser beurteilen, als dies uns jetzt, retrospektiv, aufgrund Deiner Schilderung möglich ist.

Der Patient war schon sterbenskrank, als er zu Euch kam, die Hospizverlegung war bereits beschlossene Sache. Sein Tod war sicher Folge seiner Krankheit, ein natürlicher Prozess, an dem niemanden eine Schuld trifft.

Ich nehme an, es war der erste Todesfall, den Du miterlebt hast? Das Nicht-Vergessen-Können ist verständlich. Aber Du hast Dir nichts vorzuwerfen: Du konntest bei diesem Ausbildungsstand noch nicht erkennen, dass der Patient präfinal war. Und wie die Praxisanleiterin Dir versicherte: Es besteht kein Grund zu der Annahme, dass Du seinen Tod in irgendeiner Weise verschuldet hättest.
 

Miamarie

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Danke für Ihre Antwort. Ich denke auch - es war das erste mal in meinem Leben, dass ich überhaupt einen Toten gesehen habe. Allein diese war schon ein Schreck für mich. Danke, für die einfühlsamen Worte.
 

Minia

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Hallo Miamarie,

eine traurige Geschichte. Aber wenn man wie du im Pflegeberuf tätig ist, wird man immer wieder mal erleben, dass Patienten sterben. Ich kann mir denken, dass es da oft sehr schwer ist, das richtige Maß an sachlicher Distanz und Einfühlungsvermögen bzw. Empathie zu finden. Aber so, wie du es beschreibst, trifft dich überhaupt keine Schuld. Das hat deine Anleiterin ja auch gesagt.

Versuche, damit abzuschließen. Und rede vielleicht tatsächlich auch mal mit einem Seelsorger darüber, vielleicht hilft das ja.

Viele Grüße und alles Gute
 
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Xenia2890

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Das klingt für mich nicht so, als wäre es deine Schuld gewesen. Mach dir da bitte keine Vorwürfe... Wenn er schon in einem so schlimmen Zustand war, dass er bald ins Hospiz verlegt werden sollte, dann war da leider nichts mehr zu machen. Du solltest unbedingt mit Anderen darüber reden, d.h. dir das von der Seele reden. Vor allem, da das dein erster Toter war...
 

SteffiV

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Oh weg, es ist immer schlimm, wenn einem die Sache so Nahe geht. Also ich kann das absolut verstehen und finde diese Situationen auch immer echt krass.
 

pepita-sheep

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Hallo SteffiV,
wie jemand mit dem Tod um geht, ist äußerst unterschiedlich.

Mir fallen dazu zwei Faktoren ein:
1. Der plötzlich eintretende Tod
2. Die Sterbephasen und der vorhersehbare Todeseintritt

Hinzu kommt die eigene Sicht auf das Leben und den Tod.

Zu berücksichtigen ist auch die Berufs- und Lebenserfahrung.

(Als junge, staatl. anerk. Altenpflegerin fiel es mir sehr schwer, Bewohner / Patienten gehen zu lassen.
Heute 25 Jahre weiter, kann ich die Menschen gehen lassen.
Ich weiß, ich habe vorher das Best mögliche für sie getan, auch in ihrem Sterbeprozess.)

Gespräche sind für den sinnvoll, der sie braucht (manchmal auch für die Angehörigen).

Es grüßt,
pepita - sheep
 

DieFranzösin

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In der Dialyse ist das manchmal auch sehr schwer. Gelegentlich entscheiden sich Patienten, die müde sind, bewusst dafür, die Behandlungen zu beenden. Wir wissen dann ganz genau: die Behandlung heute ist die letzte. Sehr oft verabschieden sich diese Patienten dann auch voller Dankbarkeit für die jahrelange Behandlung von uns und wir wissen genau, wir sehen sie nie wieder.
 
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SteffiV

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Ja das stimmt, jeder geht anders damit um. Ich habe das erste mal sowas miterlebt als ich noch in der Schule war. Mein erstes Praktikum hatte ich in einem Altersheim gemacht. Da war auch eine ältere Dame, die nie Besuch bekommen hatte. Das hatte mich schon sehr traurig gemacht, weshalb ich gefragt hatte ob ich mich speziell um sie kümmern dürfe. Und ja es wurde mir erlaubt aber erst wenn das was gemacht werden musste erledigt war. Meine Aufgabe war damals vor allem dafür zu sorgen, das die Damen und Herren zum Frühstück bzw. Mittag kamen und manche musste man auch füttern, da sie es selbst nicht mehr so konnten. Eine Dame war ganz schlimm, denn sie ist nicht aus dem Zimmer gekommen und wollte auch partou nichts essen. Da ist dann nachher ein anderer Pfleger mit vertraut worden. Bei ihr weiß ich leider nicht mehr was daraus geworden ist. Naja, immer wenn ich dann mit dem Frühstück fertig war, bin ich dann zu der älteren Dame gegangen die keinen Besuch bekam habe mich mit ihr Unterhalten und ihr gesellschaft geleistet. Eines Tages sagte sie mir das sie sehr froh wäre mich kennen gelernt zu haben und sie bedankte sich noch bei mir, dafür das ich ihr die letzten Tage so angenehm gestaltet habe. Ich hatte schon so ein ungutes Gefühl und sprach mit einer Pflegerin darüber. Sie meinte das es gut sein könnte, das sie jetzt bald stirbt. Also bin ich wieder zu der Dame gegangen habe ihre Hand gehalten und ungefähr eine halbe Stunde später ist sie gestorben. Ich war unheimlich traurig vor allem als ich dann am nächsten Morgen die angehörigen gesehen habe die ihre Sachen abgeholt haben. Ich konnte einfach nicht verstehen dass sie die Dame nicht mehr besucht haben. Aber ich konnte ja nichts sagen, das macht man ja schließlich nicht. Das Praktikum war fast zuende und da wusste ich ich möchte lieber etwas machen wo ich den Menschen helfen kann und sie uns lebend wieder verlassen. Daher bin ich Krankenschwester geworden. Ich weiß da kommt es auch mal vor das der Patient uns nicht lebend verlässt aber eben nicht so häufig wie im Altersheim.
 

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