Hallo Forum,
ich habe gerade noch mal den Ausgangsbeitrag gelesen. Dieses Gefühl, dass es die richtige Entscheidung war, hat mich nie verlassen. Vor einigen Tagen habe ich es auf dem Weg zur Arbeit ganz intensiv gespürt:
Ich sah eine Frau, die aus dem Auto eines ambulanten Pflegedienstes stieg und dann halt an der Haustür klingelte. Und ich hatte so ein totales Kribbeln, so ein Glücksgefühl, meine Mundwinkel hingen am Ohrläppchen.
Es ist wunderbar, wenn so viele Jahre später noch mal richtig bewusst wird, wie gut eine Entscheidung gewesen ist.
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Ich habe, das wird der interessierte Leser wissen, eine psychische Erkrankung. Bereits 2004/2005 war ich längere Zeit in der Klinik. Dort hatte ich die Sozialarbeiterin gefragt, welche Möglichkeiten es hinsichtlich Reha gibt. Mir wurde nur das "Hamburger Modell" angeboten. Aber insgesamt war ich nur 12 Wochen krank, das brauchte ich nicht. Im Nachhinein betrachtet wurde mir da eine große Chance genommen, selbst ausgekannt hatte ich mich damals noch nicht. Aber ich war unbefristet angestellt beim Bundesland Bayern und München hat ein Berufsförderungswerk, so dass meine Zukunft vermutlich auch weiter beim alten Arbeitgeber gelegen hätte. Letztlich hatte ich dann auf 75% reduziert.
Ende 2006 bin ich nach Köln gezogen und habe in der hiesigen Uniklinik angefangen. Nach einigen Monaten Intensivstation, was vor allem aus kommunikativen Gründen (... störungsbedingt

) nicht geklappt hatte, wollte man mich kicken. Dumm nur, ich hatte meinen Arbeitsvertrag vorm Unterschreiben gelesen und Kicken ging nicht, auf die Erpressung "gutes Zeugnis" habe ich mich nicht eingelassen. Ich ließ mich versetzen und das war vom Team her für mich einfacher, jedoch war die Arbeit der Horror. Mir ging es eh nicht so gut und letztlich habe ich in der Zeit meines 2-jahres-Vertrages effektiv ein Jahr gearbeitet und ein Jahr war ich krank.
Die Aufnahme in der Klinik war geplant, erfolgte dann aber doch durch einen Anruf zwei Tage vorher. Am letzten Tage habe ich noch gearbeitet, verabschiedet hatte ich mich von meinen Kollegen mit "Vielleicht bis zum Sommer..." An jenem Tag fand auf der Station noch eine Krisensitzung statt, weil die Stationsleitung beurlaubt worden war. Die Bereichsleitung war eine Hexe, die Stationsleitung eigentlich wirklich sehr sozial und ich habe mich von ihr sehr unterstützt gefühlt. Irgendwer hatte einen Fehler gemacht - warum? - weil es die schlimmste Station war, die ich mir vorstellen konnte - und die Leitung wurde dafür geköpft.
Meine Mitpatienten am nächsten Tag hatten alle miteinander entweder seit Ewigkeiten nicht mehr gearbeitet oder hatten es noch nie getan. Ich bin mit den Strukturen dort auch nicht wirklich gut klargekommen, aber ich war auch im falschen Moment am vielleicht richtigen Ort. Es wäre eine Weile aufpäppeln und Seele streicheln nötig gewesen. Und nicht Arbeitstherapie, wo man Struktur lernen soll.
Dort wurde der Weg für die Reha geebnet. Ich hatte mich direkt am Anfang um einen Termin bei der Sozialarbeiterin gekümmert. Die berufliche Reha habe ich bei der Arbeitsagentur beantragt und es wurde ohne jede Nachfrage durchgewunken. Für den Termin dort bei meinem Rehaberater hatte ich einen Zettel geschrieben, warum ich eine Umschulung brauche. Aber nach dem ersten Satz hatte er den Telefonhörer in der Hand und meldete mich für die Berufsfindung im Berufsförderungswerk Köln an. Das war diese 6-wöchige Maßnahme, die im Eingangspost erwähnt ist. Hätte die Arbeitsagentur den Antrag nicht sofort durchgewunken, wäre es automatisch zur Rentenversicherung weitergeleitet wurden. Die Kriterien, wann AfA und wann RV zahlen erschließen sich mir nicht. Ich hatte schon viele Versicherungsjahre und eine Freundin hatte als Kostenträger die RV, obwohl sie nur mal 1,5 Jahre eine Ausbildung angefangen und dann abgebrochen hatte.
Der dritte Kostenträger für berufliche Reha ist die Berufsgenossenschaft, aber halt nur bei Berufskrankheiten oder Arbeits- und Wegeunfällen.
Falls es weitere Träger gibt, dann kenne ich sie nicht.
Im Prinzip ist der "beste" Kostenträger die BG, dann RV und AfA. Bei der AfA gibt es schlicht weniger Geld als bei der RV, die BG schnürt das Rundum-sorglos-Paket. Die RV ist ziemlich zickig und man muss oft trotz eindeutiger ärztlicher Gutachten erstmal mit Widersprüchen arbeiten oder gar die RV durchs Sozialgericht zur Bewilligung zwingen. Die Fahrtkostenerstattung muss man Cent für Cent nachweisen, das funktioniert bei AfA und BG völlig relaxt.
Ein bisschen Glück hatte ich wohl auch durch die Kombination meines Berufes und evtl. meiner Krankheit. Ich habe im BfW viele Leute kennengelernt, die aus der Pflege kamen. Die hatten alle nicht besonders große Probleme, ihre Reha durchzukriegen, egal ob sie körperlich oder psychisch erkrankt waren.
Im Sommer 2008, direkt vor der Berufsfindung, war ich noch mal vier Wochen in einer Tagesklinik. Mir ist quasi die Decke auf den Kopf gefallen und ich konnte nicht so viel mit der ganzen freien Zeit, die ich durch die AU hatte, anfangen. Das machte wieder depressiv. So war ich dann aufgeräumt und die Stimmung wurde auch vor der Maßnahme noch mal stabilisiert.
Zwar hatte ich die Vorstellung, etwas Technisches zu machen, letztlich fiel die Entscheidung aber auf Bürokauffrau. Ich hätte auch Industriekauffrau machen können, das ist etwas höherwertiger.
Ende November 2008 lief mein Arbeitsvertrag mit der Uniklinik aus. Dass es keine Verlängerung geben wird hatte man mir bereits im Mai mitgeteilt. Ganz paradox in der Sache: Ich bekam im Oktober Post vom betrieblichen Wiedereingliederungsmanagement. Darauf regierte ich nicht und im November schrieben sie noch mal, verbunden mit der Information, dass ich mich melden muss, da es sonst arbeitsrechtliche Konsequenzen geben könne...
Ich hatte dann noch beantragt, dass mein Urlaub ausgezahlt wird. Allerdings war ich noch AU geschrieben und man wünschte eine Stellungnahme meiner Ärzte, dass ich prinzipiell arbeitsfähig bin. Naja, ich hätte mich auch arbeitslos melden können. Nur der finanzielle Unterschied zwischen ALG1 und Krankengeld wären etwa 300 EUR gewesen.
Im Januar 2009 begann ich einen 10wöchigen Vorbereitungskurs. Dieser Teil der Vorbereitung war nur für Leute mit psychisch/psychiatrischer Vorerkrankung. Gruppenarbeiten, Präsentationen, Internetrecherche...
Dann begann direkt der Vorbereitungslehrgang für kaufmännische Berufe. Rechnen (kein Mathe!), neue Rechtschreibung, EDV Grundkenntnisse, Projekte und Gruppenarbeit. Wir waren da weitestgehend schon in der Zusammensetzung, in der wir die Hauptmaßnahme machen würden.
Die drei Monate waren eine sehr schöne Zeit, ich fand dort auch eine Seelenverwandte

. Unsere Vorzeichen von damals sind heute komplett umgekehrt, gleich mehr dazu.
Ich hatte dann mit der Zeit aber immer mehr Schlafprobleme und Antriebslosigkeit. Den Kurs hatte ich mit Bestnoten absolviert aber dann die Hauptmaßnahme, da machte meine Psyche nicht mehr mit. Im September habe ich dann abgebrochen, während meine Freundin weitermachte. Ich hab mir deswegen oft Vorwürfe gemacht. Aber ich glaube, es ging nicht besser. So eine Depression hatte ich noch nie zuvor erlebt. Schon mich auf die Bettkante zu setzen war eine Herausforderung. Ich war nicht, wie so oft bei vorherigen Krisen verzweifelt-suizidal, sondern einfach... müde und schwer und gelähmt. Der nächste Anmeldepunkt, um die Reha wieder anzufangen, wäre Januar gewesen. Das habe ich nicht geschafft. Aber ich war Ende Januar ein paar Tage in Bayern bei meinem Bruder und hatte auch einen Termin mit meiner alten Therapeutin in München. Die hatte die richtigen Worte gefunden mir einen guten Schubs gegeben. Ende Februar fiel dann die Entscheidung, dass ich im Juli 2010 die Ausbildung wieder anfangen werde. Zum Glück konnte ich neu beginnen und musste nicht irgendwie mittendrin anfangen. Aber ich hatte 2009 auch nur 3 Wochen Hauptmaßnahme.
Es fiel aber auch die Entscheidung, dass ich die Ausbildung in Teilzeit machen würde. Bis 13 Uhr im BfW und nachmittags Hausaufgaben, die am nächsten Morgen verglichen wurden. Bei den Vollzeit-Umschülern gehören Hausaufgaben nicht dazu.
Ein bisschen Angst hatte ich vor Rechnungswesen. Ich habe 1998 Wirtschaftsabitur gemacht. Nicht freiwillig, aber es gab keine andere Option. Und meine Erinnerungen daran waren eher gruselig.
Nun, was soll ich sagen. Zuerst vier Wochen EDV (Word & Excel). OK, konnte zum großen Teil schon. Dann ein Grundmodul BWL. Mein Allgemeinwissen ist gut, thematisch passte es zu meinen Interessen. Dann Rechnungswesen. Soll - Haben - was bitte soll ich haben...? Leute, ich sag es euch: In dem Moment wusste ich: Hier bin ich richtig. Es hat so einen Spaß gemacht. Nur die Fehler in den Musterlösungen waren auf Dauer ziemlich nervig. Dabei habe ich gelernt, immer meiner Lösung zu vertrauen. Die war erfreulicherweise auch immer die richige
.
Ich habe oft meinen Kollegen die Sachen erklärt. An der Tafel. Oder mit ihnen zusammen Formeln für Excel entworfen. Das ist ja alles kein Hexenwerk. Bisschen "wenn/dann/sonst..." Ich durfte ein Zusatzpraktikum machen, während für die anderen der Stoff weitergelaufen ist.
Dann gab es im Frühjahr 2011 Veränderungen, die alte Klasse wurde auseinandergerissen, und wir wurden in einen Kurs gesteckt, der nach völlig anderem System lernte. Und wir waren jetzt zusammen mit den Vollzeit-Leuten. Die durften wegen uns nachmittags keine Aufgaben mehr besprechen und "wir" waren daran schuld. Der Dozent war überfordert, ich fühlte mich nicht mehr
gefördert. Das, was wir im alten Kurs zuletzt an Stoff hatten, war der Lerninhalt des neuen Kurses für die folgenden drei Monate.
Mir ging es da schon nicht mehr gut und Ende April 2011 brauchte ich dann Krisenintervention. Insgesamt war ich noch mal 5 Wochen am Stück krank. Die Sozialarbeiterin meinte, ob ich das denn alles nachholen kann. Wieso? Hatten wir doch alles schon. Ich wollte unbedingt weitermachen - und so kam es.
Ab Anfang Juni war ich wieder im Unterricht, verpasst hatte ich nichts wirklich Relevantes. Ab Ende Oktober 2011 waren wir noch mal drei Monate im Praktikum und dann begann die Prüfungsvorbereitung. Aber das war dann nur noch nervig. Förderung für Leistungsträger: Fehlanzeige. Hauptsache, es kommen alle durch. Bei mir war sowieso auch noch vieles innerlich nicht in Ordnung und in der ganzen Prüfungsvorbereitung war ich gefühlt weniger als die Hälfte der Zeit anwesend.
Und so wurde ich legendär (ironie

): Alle schriftlichen Prüfungen mit 100% (=Punkten) geschrieben. Nur EDV hatte ich etwas schlechter. Mündlich dann 95%, weil ich lieber zum Bundesgerichtshof gegangen wäre, als meinem Prüfer recht zu geben

- Gesamtergebnis: 97%
Für den Sommer nach der Prüfung war noch mal ein TK-Aufenthalt geplant. Aber das war nicht das richtige und ich war auf Jobsuche. Die Arbeitsagentur quälte mich mit Vollzeit-Angeboten von Zeitarbeitsfirmen. Aber es ist von Anfang an klar gewesen, dass ich das mit dem verbundenen Druck und der Unsicherheit, wie es weiter geht, psychisch nicht schaffen würde. So hab ich nach kurzer Zeit die weiße Fahne geschwungen und habe meine Ärzte um Hilfe gebeten. "Bitte maximal 30 Stunden und keine potentiell unsicheren Arbeitsverhältnisse" Das ideale Profil eines Berufsanfängers

So landete ich beim Jobcenter, dort aber bei einer wohlwollenden Person. Ich wurde erstmal aus der Vermittlung rausgenommen. In diese Zeit fiel auch die Ehrung der besten Prüflinge des IHK Bezirkes Köln. Eine richtig große Veranstaltung, für mich fühlte sich das aber nur bitter an.
Im März 2013 begann ich einen 1 EURO Job in einem muslimischen Zentrum. Ich finde diese Art Beschäftigung sozialpolitisch katastrophal, für mich war es aber das Beste, was in dem Moment passieren konnte. Zum einen hatte ich mehr Geld, zum anderen waren es tolle Leute dort. Ich bekam viel Unterstützung von den Leuten dort, machte eine gute Arbeit und war geschätzt bei den Mitarbeitern. Nach ein paar Wochen fragte man mich am Telefon nicht mehr, ob meine Chefin da wäre, sondern man fragte dann, ob ich da nicht mal gucken könnte. OK, für 1,30 EUR auch etwas zwiespältig, aber es war die schönste Arbeitserfahrung in meinem Leben. Noch immer habe ich dort Freunde.
Es gab ein paar Bewerbungen, man half mir bei Formulierungen und es gab die üblichen Zwangs-Einladungen zu den Vorstellungsgesprächen. Gibt man eine Schwerbehinderung an, so muss man im ÖD eingeladen werden, wenn die Qualifikation so halbwegs passt. Das fühlt sich ziemlich ekelig an. Vor allem: Was sagt man, wenn die Frage nach der Behinderung gestellt wird?! Wenn man nicht grad im Rollstuhl oder mit Krücken ankommt, dann sieht man die Zweifel in den Gesichtern.
Mein Ziel war Buchhaltung, nur das ist ohne Berufserfahrung schwierig.
Ich hatte dann auch ein Vorstellungsgespräch in einer kleinen Beratungsstelle. Unbefristet, aber sie arbeiten nur mit Projekten. Wenn keine Projekte, dann kein Geld, dann kein Job.
Alle Leute dort sind behindert, so wurde ich auch nach meiner Behinderung gefragt. OK, ich hab wohl die richtigen Antworten gegeben. Ein paar Tage später kontaktierte man mich telefonisch (Mailbox) und dann fast parallel per Mail. Sie wollten mich. Sie haben sich für mich entschieden, weil ich ich bin. Das ist ein tolles Gefühl gewesen. Und so unfassbar.
Mitte August 2013 habe ich angefangen. In meinem Arbeitsvertrag steht genau der Beruf, der in meinem Abschlusszeugnis steht, das ist toll, und es ist nicht oft so im Kaufmännischen. Ich habe eine Stelle mit 30 Stunden, arbeite vier Tage/Woche. Ich bin die verantwortliche Person für die Buchhaltung und irgendwie ist es genau das, was ich mir gewünscht habe. Die 30 Stunden, vor allem ja vier Tage mit 8 Stunden, sind meine absolute Grenze. Ich würde auch mit Vollzeit nicht reich werden. Aber es ist das Richtige. Ich hatte Glück.
Ich kann nur jeden ermutigen, wenn du eine solche Chance bekommst, dann nutze sie!
Danke fürs Lesen.
PS: Meine Seelenverwandte, ihr geht es nicht gut. Sie hatte ein Jahr vor mir abgeschlossen, auch mit über 90%. Dann hat sie beim Jobcenter angefangen. Aber erst ein Jahr befristet, dann noch eins. Mehr gibt es nie. Allein hier in Köln ließen JC und AfA gut 70 Verträge auslaufen - um neue befristete Leute einzustellen. Sie ist sowieso nicht so stabil gewesen und das Wissen, dass trotz exzellenter Arbeit (sie ist richtig gut und hochintelligent!) der Vertrag auslaufen wird, gab ihr dann den Rest. Derzeit wartet sie auf einen Platz in der TK, wo ich Anfang 2008 war.