15 Jahre Pflege: Wenn man zuschaut, wie das eigene Leben an einem vorbeizieht

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Pflege
Hallo zusammen,

kennt ihr diesen Moment? Freitagabend, 20:30 Uhr. Die Freunde stehen im Flur, es wird gelacht, die erste Flasche Wein ist offen, die Pläne für den Abend klingen fantastisch. Und man selbst? Man steht da in Kasack-Hose (weil man sie unter dem Mantel schon anhat, um Zeit zu sparen) und verabschiedet sich in den Nachtdienst.

Nach 15 Jahren fühlt sich dieser Abschied anders an als am Anfang.
Früher dachte ich, ich verpasse nur eine Party. Heute weiß ich: Ich verpasse ein Stück Normalität, das ich nie wieder zurückbekomme.

Was 15 Jahre Schaukeldienst aus uns machen:

* Die "Vielleicht-Freundin":

Ich bin die, bei der niemand mehr fragt: „Kommst du mit?“, sondern nur noch: „Musst du arbeiten?“.
Irgendwann hören die Einladungen ganz auf. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil man für die „normale Welt“ unsichtbar geworden ist.

* Der emotionale Graben:

Wenn die Freunde sich über Stress im Büro oder kaputte Kaffeemaschinen aufregen, nicke ich. Aber innerlich bin ich meilenweit weg. Wie soll ich ihnen erzählen, dass ich gerade eine Hand gehalten habe, während das Licht ausging? Oder dass wir zu zweit 30 Patienten versorgt haben? Der Smalltalk stirbt nach 15 Jahren Pflege den Heldentod.

* Der LKW-Vergleich:

Ich sehe Busfahrer und Piloten, die gesetzlich gezwungen werden, sich auszuruhen. Und wir? Wir „schaukeln“ uns durch die Dienste, bis wir selbst nicht mehr wissen, wo oben und unten ist.

In 15 Jahren hat mich kein Fahrtenschreiber gestoppt, nur mein eigener Körper, wenn er irgendwann einfach gestreikt hat.

Die bittere Bilanz:

Manchmal fühlt es sich an, als ob man am Bahnsteig steht und allen anderen dabei zusieht, wie sie in den „Normalitäts-Express“ steigen.
Man selbst bleibt zurück, bewaffnet mit einer Thermoskanne und dem Wissen, dass man in zwei Stunden wieder für das Leben anderer verantwortlich ist, während das eigene im Pausenraum wartet.

Geht es euch auch so?

Habt ihr nach so langer Zeit noch Freunde „da draußen“?

Oder besteht euer Umkreis auch nur noch aus Kollegen, weil man sich gegenseitig nichts mehr erklären muss?

Ich fahr jetzt los. Während die anderen anstoßen, zieh ich mir die Handschuhe an.

Passt auf euch auf da draußen.
 
Ich bin sicher, wir hatten das Thema Schichtdienst schon oft hier. Du kannst gern unsere Suchfunktion dazu nutzen.

Tatsächlich ging es mir umgekehrt, als - nach fast 20 Jahren nur Schichtdienst - ein Teil meiner Arbeitszeit plötzlich im Büro und mit Gleitzeit stattfand. Wann geht man denn mal einkaufen, zum Arzt, zum Friseur? Dann, wenn alle anderen auch gehen müssen? Wie unangenehm! Ständig volle Supermärkte, Termingerangel und - wie ätzend - fahren zur Rush-Hour!

Freunde habe ich außerhalb wie innerhalb der Pflege. Mit allen kann ich auch über Situationen in der Pflege sprechen, wenn ich möchte. Aber wir finden auch genügend Gesprächsstoff ohne beruflichen Bezug.

Parties - nun ja, die nehmen in fortgeschrittenem Alter eh ab, und oft werden Termine lange in Voraus geplant. Ich darf Dienstplanwünsche angeben und bin mit Kolleg:innen gesegnet, die bereitwillig tauschen.

Unregelmäßige Arbeitszeit hst auch Vorteile: Ich war gerade von Donnerstag bis Sonntag mit Freunden wandern, ohne deshalb einen einzigen Urlaubstag opfern zu müssen.
 
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Ich mochte die Sonntagsschichten aus dem selben Grund wie Claudia, Geschäfte sind an anderen Tagen offen.

Bzgl. Nachtbruder, einerseits klingt es danach dass du bedauerst nicht die "üblichen" Freitag Abende mit denen die meist so Arbeiten zu haben. (Korrigiere mich wenn ich falsch liege, ich bemühe mich um aktives Zuhören um Missverständnisse zu vermeiden). Gleichzeitig sehe ich die Unterschiedlichen Welten (Smalltalk vs. tiefe, was dir wirklich wichtig ist, deine Passion für Menschen). Und dann der Punkt dass du ausgelaugt scheinst? Pflichtpausen werden vom Arbeitgeber nicht respektiert? Nachtdienste gehen aufs Gehirn/Psyche der Mensch gewöhnt sich nie an Nachtsichten... Früh und Spät ok, aber Nacht? Meiner Meinung nach müssten daraufhin lange Pausen sein für alle die sich dafür bereiterklären.

Erinnert mich an ein Gespräch mit einer Krankenschwester und der Schichteinteilung, Sie und ich waren der Meinung Gene bestimmen ob man Lerche oder Eule ist, manche sind einfach generell Morgens fit und abends nicht bzw. umgekehrt. Alle Lerchen-Genetiker die Frühschichten (ohne ständige Wechsel zu geben) und den Eulen die Spätschichten war unsere Idee, doch den Chefs die es einteilten war es egal.

Bei dem Verschleiß an Krankenschwestern im sozialen Bereich wäre ein eingehen auf Bedürfnisse (lieber früh oder spät) etc. sinnvoll, wenn es einigermaßen für beide geht (Eulen und Lerchen im Beruf). Ansonsten sehe ich es so, Selbstfürsorge kommt als erstes. Weshalb ich auch einer Vorgesetzten klar machte dass ihr Verhalten nicht geht. Sie drohte mit Kündigung. Ich nahm eine Versetzung an und es war vieles besser. Andere wechseln den Beruf komplett. Du kennst dich am besten. Alles gute.
 
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