Ausbildung vs. Realität – Ein System auf Kollisionskurs

Nachtbruder2026

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26.01.2026
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47
Beruf
Exam. Altenpfleger
Akt. Einsatzbereich
Pflege
Hallo zusammen,

ich möchte heute ein Thema ansprechen, das mich seit meiner Umschulung nicht loslässt:
Die massive Theorie-Praxis-Schere in der Altenpflege.

Der Praxisschock in Zahlen
In meiner Ausbildung sind wir mit 36 Schülern gestartet. Am Ende haben nur 12 das Examen gemacht. Dass zwei Drittel einer Klasse das Handtuch werfen, liegt meiner Meinung nach nicht an mangelndem Fleiß, sondern am "Erwachen" in einer Realität, die mit dem Schulbuch nichts zu tun hat.

Das 90-Minuten-Phänomen:
Pflege oder Fließband?

In der Schule lernen wir die perfekte Versorgung. In der Praxis (z. B. in Wohngruppen-Modellen) sieht es so aus:
* Zeitfenster: Von 6:30 Uhr (Übergabe-Ende) bis 8:00 Uhr (Frühstück).
* Pensum: 12 Bewohner müssen "fertig" am Tisch sitzen.
* Zusatzbelastung: Duschprotokolle abarbeiten, Dokumentation, Unvorhergesehenes.

Rechnerisch bleiben pro Bewohner nur wenige Minuten. Wie soll man da die in der Theorie gelehrte Kinästhetik oder Biografiearbeit umsetzen?

Das Ergebnis ist oft:
"Striegeln und Bügeln" im Akkord, statt würdevoller Pflege.

Das Mentoren-Problem
Ein riesiger Knackpunkt ist die Anleitung. Es gibt zwei Extreme:

* Die "Nicht-Anleiter": Schüler schwimmen einfach mit, weil das Personal keine Zeit hat.
* Die Realitäts-Schocker: Mentoren, die Schülern direkt beibringen, die Theorie zu ignorieren, um das Pensum zu schaffen.
Das Selbstbild der Ausbildung (hochqualifizierte Fachkraft) und das Fremdbild im Alltag (Akkord-Arbeiter) passen einfach nicht zusammen. Wir bereiten junge Menschen auf eine Welt vor, die es auf Station so nicht gibt.

Mich würde eure Meinung brennend interessieren:

* Wie habt ihr diesen Kontrast in eurer Ausbildung erlebt?
* Sind die Abbruchquoten heute immer noch so extrem?
* Wie geht ihr damit um, wenn die Theorie-Vorgaben der Schule in der Praxis zeitlich schlicht unmöglich sind?

Ich freue mich auf eine ehrliche Diskussion ohne Scheuklappen!
 
Nebst der Behindertenpflege (und Arbeiten in nicht-sozialen Bereichen) war ich auch im Altenheim. Ja, ist Akkordgerenne. Wenn irgendwann die Pflegeroboter kommen können hoffentlich die das machen. Der Aspekt der Menschlichkeit für denen viele in den sozialen Bereich gehen fehlt hier oft. "Die sind alle auf Antidepressiva" meinte eine Vorgesetzte. Auch in anderen Bereichen gibt es Scheuklappen, wie der Machbarkeitswahn von Fleiß Bienchen Ärzten die dann meinen Sie könnten jeden Gesundzaubern und erwarten dann die Arbeitsfähigkeit von Ärzten. Auch ist Ausbildungsinhalt und Realität oft anders. Weshalb ich stolz bin Autodidakt zu sein und nicht Facharzt/Fachscheuklappenmensch/Fachsonstwas.... Es gibt mir die Freiheit auch anderes zu wissen als das was ich gefälligst so zu sehen habe. Bei den Prüfungen zum Heilpraktiker dachte ich mir: Welcher Typ hat die erstellt, 25 % ist falsch. Aber egal ist Gesundheitsamt, nicht Altenpfleger. Ich habe meinen Tellerrand erweitert zum Thema. Für mich, Freunde, Umfeld, Profis etc.


Weisheit beginnt, damit zu wissen, dass man gar nicht so viel weis wie man dachte... Dann wird man demütig, dann, nach vielen Jahren zuhören, reflektieren, Erfahrung und Recherche wieder selbstsicher. Insbesondere gegenüber denen die sich noch nie Reflektiert und Hinterfragt haben aber sich für die größten halten. Dann weis man was sich und anderen wirklich gut tut und wirklich wichtig ist. Jo Zeit 4 Minuten für Medikamenten Gabe im ambulanten Pflegedienst inklusive klingeln, Treppe rauf, Tür öffnen lassen, Medikamente geben, wieder runter...

Die Frage ist was du dir zumuten lässt, wofür du dich einsetzt, ich selbst merkte dafür ist viel Änderung im innen und außen nötig. Alles Gute.
 
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