Hallo Maniac,
hallo annie,
hier meine gesammelten Gedanken zu den aufgeworfenen Fragen:
Also leider kann ich jetzt nicht mit Verweisen und Links auf wissenschaftlich fundierte Erhebungen dienen. Arbeite seit über vier Jahren auf einer Station, wo über 50% der Pat. über PEG ernährt werden und schöpfe aus dem Erfahrungsschatz unseres Hauses und den daraus resultierenden Standards und immer wieder thematisierten Varianten der Sondenkostgabe.
Es ist tatsächlich nicht so einfach, wie in meiner letzten Mail angeklungen. Nepomuc hat absolut recht, vor ärztlicher Anordnung einer Kost kann ich genaugenommen nicht beginnen. Wir haben im Haus halt nur eine bestimmte Firma und damit eine begrenzte Auswahlmöglichkeit. Es wurde auch schon mal ein Versuch für etwa drei Monate durchgeführt, normale Küchenkost - natürlich sondengerecht "gemixert" und verdünnt- als Bolus zu geben. Auch, wenn die Herstellerfirmen der Sonden dann die Gewährleistung verweigern. Außer der Beobachtung, dass viele Patienten bei dieser Ernährung deutlich geformteren Stuhlgang bekamen, aber die Nährstoff- und Energiekontrolle ungenau war, ist aber nix passiert. Es war halt mit einem erhöhten Arbeitsaufwand für die Pflege verbunden. Der Versuch ist auch wieder abgebrochen worden. Hier gilt es auch zu berücksichtigen, dass zum sondengerechten Verdünnen viel Flüssigkeit eingesetzt wird, die bei bilanzierungspflichtigen Pat. berücksichtigt werden muss.
Bei Kostaufbau, wenn die Pat. bereits vorher über transnasale Magensonde ernährt wurden, kann die Gewöhnungsphase sehr kurz gehalten werden. Manchmal gehen wir dann sofort wieder mit Schwerkraft rein. Hier ist ja schwerpunktmäßig die OP-Wunde durch PEG-Anlage im Vordergrund zu sehen.
Da kommt dann der Verbandswechsel der Peg ins Spiel, der bei "Deinem" Pat., annie, wohl total untergegangen ist. Finde, dass ein Pflegedienst dies sehen und leisten können müsste. Finde aber auch, dass ein Kostaufbau unmittelbar nach PEG-Anlage nicht in die Hände von Angehörigen, Pflegedienst und einem Hausarzt gehört. Oder die Angaben aus dem entlassenden KH sind so konkret, dass alle Beteiligten - s.o. - wissen, was sie wie tun können. Dann ist immer noch nicht gesagt, dass die verordnete SK tatsächlich vertragen wird. Die Angehörigen sind hier unverantwortlich stark gefordert und mit der Beurteilung der Situation eigentlich überfordert, aber das hatten wir ja schon.
Beim Umstieg von parenteraler Ernährung auf enterale Kostformen muss der Magen-Darm-Trakt erst einmal wieder "reanimiert" werden und dann ist es zwingend ratsam, einen einschleichenden Kostaufbau zu machen. Welche Kostform, sprich welche Sondenkost explizit, ist per se ärztliche Entscheidung. Selten ist jedoch das ärztliche Fachwissen zum Thema Ernährung durch Sondenkost so ausgeprägt, dass diese Entscheidung so fundiert ist, wie wir das wünschen oder annehmen. Manchmal ist es auch gar nicht gut, wenn das Haus nur eine Sondenkostfirma bezieht, weil jeder Patient anders reagiert. Wenn man dann eine Ernährungsberatung befragen kann, ist das ideal.
Hauptproblem bei und nach Sondenkostaufbau sind ja Unverträglichkeiten, die sich dann meistens in Übelkeit/ Erbrechen und/oder Diarrhoen (häufiger) oder Obstipation(seltener) auswirken. Dann gilt es herauszufinden, ob die Sondenkost oder die Einlaufgeschwindigkeit dafür verantwortlich ist. (Auch hier gehe ich davon aus, dass andere Ursachen, z.B. Infektionen ärztlicherseits abgeklärt sind!) Die Motilität, den Transport der Kost kannst Du mittels Aspiration/ Magenrestmengenprüfung herausfinden. Aber auch die variiert von Kost zu Kost.
Erbrechen und Durchfälle sind wie bereits erwähnt das häufigste Problem bei SK-Gabe. (Ich gehe davon aus, dass besondere Stoffwechsel- und anatomische Bedingungen ärztlich berücksichtigt wurden). So reagieren meiner/ unserer Beobachtung nach unverhältnismäßig viele Pat. auf Fresubin Diben mit Durchfällen.
So, nun zu meinen Erfahrungen mit Sondenkostapplikation:
Nach erfolgreichem Kostaufbau, der aber immer eine Ausnahmesituation darstellt, sollte schon versucht werden, eine physiologische Applikationsform zu finden. Da kann man sich durchaus an den normalen Essgewohnheiten gesunder Menschen orientieren. Das heißt, überleg Dir, wann du wie viel isst. Übertragen auf Sondenkostpatienten heißt dies: Nächtliche Sondenkostgaben sind zu vermeiden. Ist der Magen-Darm-Trakt anatomisch und funktionell intakt, ist eine Mahlzeitengabe zu gewohnten Zeiten anzustreben. Bei kontinuierlicher SK-Gabe ausschließlich über Pumpe gibt es mehrere Probleme:
Magen und Darm sind kontinuierlich beschäftigt, es gibt keine Ruhe-/ Verdauungspausen. Das kann meines Wissens auf Dauer die Darmschleimhaut zusätzlich reizen (z.B. Stichwort Chronobiologie) und entsprechende Reaktionen hervorrufen.
Der Tagesablauf ist von der Ernährung bestimmt, das heißt, man muss laufend Kost und Wasser anhängen, Pumpe bedienen, damit man das Tagespensum schafft. Je nachdem, wie aktiv der Pat. ist und was es sonst noch für Tagesprogramm gibt, kann dies echt hinderlich sein. Bei uns darf verständlicherweise während der Therapiezeiten und eine halbe Stunde vorher keine Sondenkost gegeben werden (vor allem zur Aspirationsprophylaxe bei Trachealkanülenpat. oder mit Dysphagie). Da kommt es manchmal zu zeitlichen Verschiebungen, sodass die SK dann bis in die Nacht hinein läuft. Es gibt auch die Variante, dass dann die Sondenkost über Tage gegeben wird und das Wasser in der Nacht.
Aus all dem ergibt sich für mich durchaus die sinnvolle Schlussfolgerung, dass - wenn es irgend möglich ist - die Sondenkostpumpe nur vorübergehend zum Einsatz kommen sollte. Es gibt natürlich Pat., die darauf lebenslang angewiesen sein werden (z.B. PEJ-Träger). Habe gerade einen Pat. mit Pumpe (Endgeschwindigkeit von 300 ml/h) ins Heim entlassen, der wegen Erbrechen bei Bolusgabe bei der Sondenkost (nicht bei Wassergabe) darauf angewiesen blieb.
Ich hoffe, dass das weiterhilft und evtl. neue, interessierte Fragen auslöst.
Liebe Grüße
Berthild