News Trotz Mangel an Fachkräften: Keine Qualitätseinbußen bei Patientenversorgung

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In einer aktuellen Studie wurde für Pflegekräfte keine steigende Belastung gemessen. Die Einigung auf Personalmindestgrenzen stößt bei den Betroffenen dennoch auf große Zustimmung.

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Martin H.

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"Der Rückgang bei der Zahl der Pflegekräfte in den Krankenhäusern hat bislang keinen negativen Einfluss auf die Patientenversorgung in den Kliniken gehabt. Zu diesem erstaunlichen Ergebnis kommt eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts RWI und der Universität Bielefeld im Auftrag der Techniker Kasse (TK)."
Das ist ja wohl mehr als lächerlich.
Sämtliche anderen Studien bisher belegen eindeutig, daß bei weniger und schlechter qualifiziertem Personal sowohl Komplikations- als auch Sterberate ansteigen. Siehe RN4CAST.
https://www.mig.tu-berlin.de/fileadmin/a38331600/2015.lectures/Hamburg_2015.01.21.rb_RN4Cast-web.pdf
 
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Interessante Studie, die nun von den entsprechend versierten Fachleute aus unserem Bereich geprüft und diskutiert werden sollte.

Zwei Dinge:
Da die TK die Kosten einer Personalaufstockung bzw- eines rückaufbaus natürlich (mit anderen KK's) erbringen müsste, bin ich bzgl. des - wünschenswerten - Ergebnisses natürlich erst einmal skeptisch.
Ausserdem können an sich korrekte Einzeldaten in der Verknüpfung immer fehlinterpretiert werden - dass klassische Problem sieht man z.B. hier:

(1) Hohe Anzahl von Störchen in einer Gemeinde
(2) Hohe Anzahl an Geburten menschlicher Kinder in der gleichen Gemeinde
Schlussfolgerung: Der Klapperstorch bringt die Kinder...

Zum Thema "Dekubitus" als Marker.
Auch bei uns gingen in den letzten Jahren trotz Personalverknappung, Arbeitsverdichtung und Stimmungstiefs die Anzahl der Dekubiti auf Intensiv deutlich zurück. Stützt scheinbar the These der TK.
Was in eine entsprechende Auswertung allerdings wahrscheinlich nicht mit einfliesst ist, dass seit einigen Jahren jeder Patient auf einer teuren Hochleistungsmatratze eines namenhaften Herstellers und nicht mehr auf den teilweise durchgelegenen, überalterten Vorgängermodellen liegt.
Die Menge an bestellten Wechseldrucksystemen und Spezialbetten hat sich im gleichen Zeitraum "überraschenderweise" ebenfalls massiv reduziert...

"Wir brauchen mehr Daten, mehr Forschung", sagte auch der Vorsitzende des Pflegerates Nordrhein-Westfalen Ludger Risse. Er glaubt, dass die Studie ein falsches Bild vermittelt." (Ärzte Zeitung online, 09.03.2017)

Definitiv.
 

Dirk Jahnke

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Moin,Moin

Hier mal der Link zu der Veröffentlichung des Wirtschaftsforschungsinstituts RWI

http://www.rwi-essen.de/media/content/pages/publikationen/rwi-materialien/rwi-materialien_104.pdf

Habe es nur überflogen, aber folgender Abschnitt im Fazit brachte mich zum grübeln ;)

Zitat S 126

"Um beurteilen zu können, ob sich die Arbeitsbelastung der Pflege seit 2002 ver- ändert hat, wurden die Kennzahlen „Pflegekräfte je Belegungstag“ sowie „Pflegekräfte je Fall“ herangezogen. Die Zahl der Pflegekräfte je Fall hat seit 2002 deutlich um 11,7 Prozent abgenommen. Somit haben sich im Zeitverlauf weniger Pflegekräfte um einen Patienten gekümmert. Gleichzeitig sank die Verweildauer in diesem Zeitraum um 21,0 Prozent. Das heißt, die Länge eines stationären Aufenthalts hat sich stark reduziert, sodass je Patient weniger Pflegebedarf anfällt. Folglich nahm die Zahl der Pflegekräfte je Belegungstag um 11,8 Prozent zu. "
Interessante Aussage?!

Stichworte die mir dabei in den Sinn kamen sind:

-Arbeitsverdichtung
-Patientenmix, ich versorge mehrere Patienten, die sind in der Summe aufwendiger?!
-Patienten sind älter, mehr Überleitung in die ambulante,stationäre Pflege - sind die Patienten den nicht Fit am Ende des Krankenhausaufenthaltes?!

Habe auch noch die Arbeit aus der der Pflegebedarf errechnet wurde gefunden :

http://www.dkigmbh.de/_pdfs/fallbezogene-werte-pflege.pdf

Die Autoren scheinen davon auszugehen, dass der Fall variabele Pflegeaufwand durch eine längere Verweildauer zunimmt. Halte ich für eine pauschalisierte Aussage. Eigentlich sollte der Aufwand über den Aufenthalt durch Stabilisierung und Aktivierung des Patienten verringert werden. Aber stellt sich natürlich die Frage was ist Aufgabe der Pflege, der "Eierlegendenwollmichsau" ;)

Gerade die heute rasche Diagnose und Therapie führt doch zur Arbeitsverdichtung. Die Patienten die früher noch ein Paar Tage im Krankenhaus blieben und somit trotz Belegung die Belastung gesenkt haben sind doch recht selten geworden.

Klar ein komplikativer Verlauf führt zu einem längeren Aufenthalt, aber wo ist der Zwischenschritt eines unkomplizierten Aufenthaltes, wie es ja hoffentlich die meisten Patienten erleben. Also Genesung bzw. Verbesserung mit einer Aufwärtskurve über die Falltage.

Mal sehen ob ich den Nerv habe mir die Sache noch einmal ganz genau anzuschauen 8)

Ist ja auch schon fast ein Jahr alt und scheint bisher niemanden wirklich gestört zu haben?
 

Martin H.

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Zitat S 126:
(...) Gleichzeitig sank die Verweildauer in diesem Zeitraum um 21,0 Prozent. Das heißt, die Länge eines stationären Aufenthalts hat sich stark reduziert, sodass je Patient weniger Pflegebedarf anfällt.​

Alles klar... eine solche Aussage kann nur ein (*Zensur*) ... ähm, reiner Schreibtischtäter ohne Ahnung... tätigen. :mryellow:
Jeder, der sich auskennt, weiß, daß die meiste Arbeit bei Aufnahme und Entlassung anfällt. Nimmt man nun die Zeit dazwischen raus, so spart man sich in erster Linie nur die zu bezahlenden Tage Krankenhausaufenthalt, man erspart aber den Akteuren in der Klinik NICHT im selben Maße Arbeit.
Nach der "dollen Logik" dieser Studie wären ja dann solche Pat., die nur einen Tag ins KH gehen und noch am selben Tag wieder entlassen werden, am wenigsten arbeitsaufwendig - das Gegenteil ist der Fall. :roll:
Und übrigens: Ja, die Verweildauer der Pat. sinkt schon seit vielen Jahren gravierend... festzuhalten ist aber, daß häufig ausgerechnet die pflegeaufwendigsten Pat. "komischerweise" eher Ausnahmen sind; sprich, normal hätte man die ja auch so wie die fitten nach kurzer Zeit durchgeschleust, aber oft ergibt sich dann, daß man die dann - aus "sozialer Indikation" (sprich, die Angehörigen müssen dringend Urlaub machen und Kurzzeitpflege ist ja nicht "zumutbar") noch künstlich auf Station behält. Und da braucht mir jetzt keiner was zu erzählen, ist jahrelange Beobachtung an der Klinik... 8-)
Gerade die heute rasche Diagnose und Therapie führt doch zur Arbeitsverdichtung. Die Patienten die früher noch ein Paar Tage im Krankenhaus blieben und somit trotz Belegung die Belastung gesenkt haben sind doch recht selten geworden.

Klar ein komplikativer Verlauf führt zu einem längeren Aufenthalt, aber wo ist der Zwischenschritt eines unkomplizierten Aufenthaltes, wie es ja hoffentlich die meisten Patienten erleben. Also Genesung bzw. Verbesserung mit einer Aufwärtskurve über die Falltage.
Genau so ist es. Danke, Dirk, für Deinen Hinweis auf die methodische Schwäche dieser "Studie". :daumen:
Damit ist klar, die ist für die Tonne... :mrgreen:
 

amezaliwa

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Stroke Unit mit IMCI & FREA
Interessant.
Es gibt Kriterien die für alle Patienten der Stroke gelten. Weil der MDK sonst nicht zahlt. Das trifft Ärzte, Therapeuten, die Pflege. Diagnostik kommt noch dazu.
Für meinen Bereich ist das sehr überschaubar.
Der große "Rest" hängt von meinem Zeitkontingent und meinem guten Willen ab. Ich kann es mir leicht machen oder den Aktivierungs- und Förderprozess ernst nehmen.
Nicht, dass das jemand falsch versteht - ich tue das, der Rehaprozess fängt bereits bei der Aufnahme an.
Als nur 2 Bsp. wähle ich die grenzwertige Indikation für DK-anlage, frühzeitige Mobilisation.
Was ich tu oder lasse hat Konsequenzen, Auswirkungen.
Der, so wirkt es auf mich, seeeehr oberflächliche Blick, hat mit der Realität wieviel zu tun?
 
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Surrogat

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Interessant ist auch, dass diese "aktuelle Studie" just in dem Zeitraum vor der Wahl erscheint, in dem Forderungen zu einer Personaluntergrenze massiv zunehmen und scheinbar auch politisch gewollt sind...
 
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spflegerle

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Vielleicht ist schon schlicht die Ausrichtung der Frage falsch:
Würde ein Mehr an Personal die Qualität spürbar erhöhen?
Wir wissen ja alle, dass es Pflegepersonal kaum möglich ist, die Arbeit einfach mal liegen zu lassen und sich um sich selbst zu kümmern. Steigt also die Arbeitsbelastung, wird sich das lange nicht im Absinken der Qualität der Pflege auswirken, sondern geht zuallererst auf Kosten der Gesundheit der Pflegekräfte.
Das fängt schon damit an, dass die meisten Pflegekräfte wohl keine geregelte Pause im Sinne des Arbeitszeitgesetzes kennen, geht damit weiter, dass fast überall in der Pflege massiv Überstunden geleistet werden, dass kurzfristiges Einspringen absolut notwendig ist, damit der Laden weiterläuft. Und das Ganze endet noch lange nicht damit, dass sich viele Pflegekräfte großzügig aus dem Medikamentenschrank bedienen, damit sie überhaupt arbeiten können, weil sie eigentlich längst krank zuhause sein sollten.
Die Qualität der Pflege leidet auch nicht, wenn Pflegekräfte schon früh wieder aus dem Job aussteigen, weil ihnen die Belastung zu groß ist, oder die eben nur Teilzeit arbeiten, weil die Vollzeitarbeit gesundheitlich nicht machbar ist (geht zB auch mir so: in Vollzeit hatte ich nur noch Rückenschmerzen, weil ich keine Zeit mehr zur Erholung hatte). Und ein gestiegener Krankenstand ist erst mal Ausdruck von Überlastung und nicht Ausdruck von Qualitätseinbuße.

Es ist schon traurig, mit welch armseligen statistischen Verrenkungen in dieser Studie argumentiert wird, so dass am Ende sogar das statement herauskommt, dass für Pflegekräfte "keine steigende Belastung" vorliegt.

Da könnt ich nur noch kotzen...

Und es stellt sich mal wieder die Frage: warum tun wir uns das an?

Solange Pflegekräfte sich nicht dazu entschliessen mal NEIN zu sagen, solange wird sich nichts ändern. Solange Pflegekräfte nicht bereit sind sich berufspolitisch zu organisieren, solange wird sich nichts ändern.

Gerade diese Studie zeigt es doch ganz offensichtlich: wir müssen endlich lernen es zuzulassen, dass sich die Qualität unserer Arbeit im Ergebnis verschlechtert, so dass endlich mal jemand aufwacht. Die Gesundheit der Pflegekräfte ist den Verantwortlichen in den Managementebenen der Häuser und den Verantwortlichen in der Politik ja offensichtlich vollkommen egal. Also muss es wohl über die Gesundheit der Patienten laufen: Die Häuser müssen überschwemmt werden mit Schadenersatzklagen, die Politiker müssen im Boden versinken ob der steigenden Sterblichkeit und steigenden Komplikationsraten. Erst dann wird sich vielleicht mal etwas ändern...

Genervt, spflegerle
 

spflegerle

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@ Dirk Jahnke: vielen Dank für den link zur Stellungnahme. Dieses Gutachten einfach unkommentiert stehen zu lassen wäre auch fahrlässig gewesen. Schön dass sich dem schon jemand angenommen hat.

Gruß spflegerle
 

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