Der Ausstieg aus dem Hamsterrad

Skzr

Newbie
Registriert
28.11.2011
Beiträge
8
Beruf
Gesundheits- und Krankenpfleger
Lieber Leser,

ich möchte hiermit weder jemandem zu etwas raten, noch mich in ein endloses Klagelied ergießen.

Dies dient mehr meiner eigenen Sortierung. Aber vielleicht kann jemand aus meinen Gedanken etwas (nachvoll-)ziehen oder nachempfinden.

Ich, Krankenpfleger, habe meinen Dienst meist gerne gemacht. Doch irgendwann kam der Punkt an dem ich für mich festgestellt habe, dass sich dieser „Job“, manche sehen Ihn auch als Berufung, nicht mehr mit mir selbst vereinbaren lässt. In der Ausbildung hatte ich hochmotivierte Lehrer, in der Pflege mit Herz und Seele dabei. Natürlich habe ich auf den Stationen manchmal eine gute und manchmal eine schlechte Ausbildung erfahren. Auf jeden fall war es schon als Azubi meist schwer die Versorgung von Patienten so zu gestalten, dass ich selber am Ende des Dienstes das Gefühl hatte heute etwas geleistet und bewegt zu haben.

Dann als ich irgendwann mein Examen in der Tasche und auf einer riesigen Intensivstation angefangen hatte, merkte ich schnell wie ich an meine Grenzen stieß. Die Arbeitsbelastung und der gnadenlose Schichtdienst/Dienstplan forderten ihren Tribut. Ich merkte das ich immer schneller arbeitete, um den Erwartungen, die ich selber an meine Arbeit hatte und die an mich gestellt wurden, zu entsprechen. In der Zwischenzeit war ich durch die andauernden Schaukeldienste maximal erschöpft und müde. Ich war zu Hause nur ein Häufchen Elend und habe mich in jeder freien Minute vor dem PC oder meiner Konsole verkrochen und dabei gar nicht realisiert, dass ich einfach nur noch verdrängen wollte, dass ich niemanden mehr sehen wollte, mit niemandem mehr sprechen wollte. Mein damaliger Freundeskreis brach weg. Meine damalige Freundin war auch Krankenschwester und arbeitete in 12 Stunden Diensten, oft zu anderen Zeiten wie ich. So kam es, dass wir uns oft nur alle zwei Wochen an unserem freien Wochenende sahen, obwohl wir zusammen gewohnt haben. Klar haben wir im selben Bett geschlafen, doch ansonsten fehlte oft die Kraft etwas zu unternehmen. Das ging ein Jahr so. Ich funktionierte nur noch. Wie ein Roboter. Aufstehen, Arbeiten, Abschalten, Schlafen. Und wieder das selbe.

Dann irgendwann hatte ich die Schnauze voll. Es musste sich etwas ändern. Also kündigte ich, wir trennten uns, lösten die Wohnung auf und ich ging auf Reisen, um wieder zu mir selbst zu finden. In diesen Monaten war ich nicht mehr müde. Schlief regelmäßig, fing an wieder Sport zu treiben, zu sprechen, auf andere Menschen zuzugehen, zu leben, was mir vorher so lange versagt war. Ich ging zwei Wochen wandern, kletterte auf über 5400m, nahm diese Hürde und fühlte mich beseelt, glücklich, wieder als Teil dieser Welt und Menschheit. Ein kaum zu beschreibendes Gefühl.

Ich kam also wieder, regeneriert, voller Hoffnung mit neuem Idealismus und dachte mir: „Versuch es doch noch einmal, vielleicht war das einfach ein schlechter Arbeitgeber.“

Ich versuchte es noch einmal auf einer peripheren Station frohen Mutes und freute mich richtig wieder zu arbeiten, wieder mit Menschen zu arbeiten. Doch schnell merkte ich das alles sogar noch schlechter lief als bei meiner Arbeit zuvor. Die Krankenschwestern/Pfleger hatten, im Gegensatz zu der Klinik in der ich vorher arbeitete, eine sehr dienende Rollte gegenüber den Ärzten eingenommen, fast devot. Man versuchte sogar noch mehr Aufgaben auf uns abzuwälzen, obwohl man nur das nötigste in der vorhandenen Zeit für die Patienten machen konnte. Dazu war man chronisch unterbesetzt, heillos überfordert, teilweise dadurch aggressiv den Patienten gegenüber. In den paar Monaten dort habe ich bei mir selbst bemerkt wie mein Verhalten auch in diese Richtung tendierte. Ich manchmal im Stress (also dauerhaft) kurz angebunden war, noch 1000 Sachen zu erledigen hatte und nicht mehr mit Herz und Seele dabei war, mich zu Hause wieder vor meinen PC zurückzog und massivste Schlafstörungen nach den Nachtdiensten entwickelte. Inzwischen brauche ich ca. eine Woche um wieder in einen normalen Schlafrythmus zu kommen, wenn ich Nachtdienst hatte. Nachts muss dort Akkord gearbeitet werden. Pausen können in 50% der Dienste gar nicht genommen werden, weil man sonst seine Arbeit nicht schafft. In 45% nur alle 5 Minuten von der Klingel unterbrochen (das sehe ich nicht als Pause an). Und beim Rest hat man halt manchmal Glück.

Wenn jemand krank wird, wird kein Ersatz ran geholt, sodass man gerne mal alleine im Frühdienst das machen darf was sonst 3 Pflegekräfte machen und man andauernd gefragt wird ob man einspringen könne. Zwei Stationen z.T. Im Nachtdienst betreuen ist auch keine Seltenheit. Man freut sich schon sehr, wenn mal mal eine normale Besetzung zusammenbekommt.

Wenn eine Überlastungsanzeige geschrieben wird, wird dem Arbeitnehmer vorgeworfen wie er denn die Zeit habe eine zu schreiben, wenn er doch überlastet sei. Diesen Zynismus kann man kaum noch überbieten.



Somit bereue ich zutiefst das ich diesem Job noch eine Chance gegeben habe. Mich nochmal der Illusion hingab es könnte woanders besser sein. Irgendwo hörte ich mal zu Motivation gehört auch immer ein großes Stück Naivität. Der Glaube es könnte besser sein/werden wenn man aktiv etwas tut.

Jetzt war ich selbst als Patient im Krankenhaus. Ich habe in drei Tagen 5 Minuten Diagnostik bekommen. Habe die Pflegekräfte drei mal am Tag zum Essen austeilen gesehen. Diese waren, wenn sie mir nur das Essenstablet hingestellt haben kurz angebunden und schnell wieder weg. Ich war mir also im Prinzip selbst überlassen.

Doch so traurig es klingt, in ihren müden, durch Nachtdienst und Stress gezeichneten Gesichtern konnte ich mich selber wiedererkennen und erschrak, als ob mir jemand den Spiegel vorhält und mir sagt: „Willst du das? Willst du dir das wirklich geben? Für ca. 10-11€ Brutto in der Stunde inkl. Schichtzulagen deinen Schlaf, deine Wochenenden, dein Leben, deine Liebe, deine Seele opfern? Für was? Damit du später, weil wenige Freundschaften einen unregelmäßigen Kontakt aushalten und neue durch unregelmäßigen Kontakt noch viel weniger/schwerer (ausserhalb des Krankenhauses) entstehen, irgendwann nur noch deinen Job und deine Kollegen hast? Die Station zu deinem zweiten zu Hause wird? Für was? Um den Menschen zu helfen? Weil du denkst du machst diesen Planeten zu einem besseren Ort für alle? Wird er auch für dich dadurch besser?“

Das für mich prägendste Erlebnis waren weder die blutigen Reanimationen auf der Intensivstation, wo ECMO und ECLS unter Reanimation in den Menschen reingejagt wurden, die Menschen nach einer disseminierten intravasalen Koagulopathie anfingen aus allen Löchern zu bluten oder das einem Patient alle 4 Gliedmaßen, nachdem Arme und Beine nach langer Suprarenin-Gabe, abgestorben waren und amputiert werden mussten, noch in die verzweifelten weinenden Augen von jemandem zu blicken der unter Reanimation und ELCS Ödeme entwickelte, dass ihm die Augäpfel aus den Augen traten, nicht wiederzuerkennen war, und danach einen Schlaganfall mit anschließender Hemiplegie erlitten hatte,

noch die Sterbenden auf der palliativ Station, wo ich in der Ausbildung war, wo einer aufgrund eines malignen Ca., dass in den Vagus eingewachsen war bei jedem kleinen Hustenstoß sich schwallartig erbrechen musste und seinen Stuhl nicht mehr halten konnte, dabei aber bei vollem Bewusstsein war. Oder die verzweifelten Augen einer Glioblastom-Patienten (Mutter von zwei kleinen Kindern) und deren Angehöriger zu blicken, nachdem ihr mitgeteilt wurde, dass sie nur noch ein paar wenige Monate habe. Diese ganze Verzweiflung konnte ich ertragen, konnte damit umgehen, weil ich die Zeit hatte etwas zu machen, die Situation zu verbessern, Trost zu spenden, da zu sein, zuzuhören.

Mit diesen Erlebnissen könnte ich bestimmt noch ein paar Seiten füllen. Ich belasse es aber dabei. Die rechtlich fragwürdigen Behandlungsfehler (man sollte schon das Kreuz auf der richtigen Seite machen) lass hier mal raus.

Das prägenste Erlebnis war bei meiner neuen Arbeitsstelle. So banal es auch klingen mag.

Dort hingegen verzweifelte ich an meiner eigenen Ohnmacht und Hilflosigkeit in voller Überforderung im Nachtdienst als eine Patientin da lag, komplett ungewaschen und ungepflegt, Gesicht und Haare von einer dicken Patina aus Hautschuppen bedeckt, Dekubitus 4. Grades an Rücken und Steiß und ich sie anschnauzte warum sie nun schon zum 3. mal geklingelt hatte, um eine zweite Decke zu bekommen, weil sie frohr.

Ich erkannte mich selbst nicht wieder, entschuldigte mich bei ihr, ging fix eine Decke holen und mummelte sie ein. (die Wege dort sind sehr lang, wollte ihr die eigentlich geben, wenn ich mit dem Rundgang fertig war).

Das Erschrecken über ihren Zustand (vollkommen verwahrlost) in dem meine Kollegin sie da gelassen haben, meine eigene Machtlosigkeit, weil ich keine freie Minute hatte, brachten mich nach langem Nachdenken zu der Erkenntnis, dass ich dies nicht mehr mitmachen möchte.

Das mag sich vielleicht noch relativ harmlos anhören, doch für mich ist diese Frau, in ihrer Verwahrlosung, zu einem Vorboten für die Zukunft geworden und für das große Problem in dem sich das Gesundheitssystem mit uns, Krankenschwester/Pfleger, als größte Berufsgruppe befindet.

Die Krankenpflege ist für mich ein unmenschlicher Beruf geworden. Ein Hamsterrad, eine Tretmühle ein Stressfaktor in meinem Leben der mich auf lange Sicht psychisch und physisch auslaugen wird. Klar jeder erlebt Stress und Überforderung anders aber für mich ist das Maß voll.

Ich werde mich jetzt etwas fachlich weit entferntes studieren, nicht Medizin, wie ich es seit dem Abi geplant hatte. Ich werde mich bilden und werde mich nie wieder in meinem Leben in ein System aus ermüdenden Routinen reinpressen lassen, in denen ich außer meinen eigenen Grenzen, deren Überschreitungen und deren negativen Effekte auf mich im chronischen Ausnahmezustand, nichts lernen werde.

Mich nicht weiter dem Kostendruck und Gewinnstreben von Krankenkassen und Personalverwaltern entsprechend ausbeuten lassen.

Mich nicht von einer viel zu schwachen Gewerkschaft vertreten lassen, die maginale Änderungen erwirkt die eher dem aufrechterhalten des Status quo dienen (Inflationsausgleich). Ich will streiken dürfen ohne in Konflikt mit einer direkten Verantwortung gegenüber den mir Schutzbefohlenen (Patienten) zu kommen.

Ich will wissen das ich am Wochenende zu Geburtstagen gehen kann. Möchte mein Leben länger als einen Monat im vorraus planen können und nicht so lang wie der Dienstplan reicht, Weihnachten und Silvester frei haben.

Wieder im Verein Sport machen. Ich möchte krank sein dürfen ohne zu denken wie überfordert meine Kollegen jetzt sind. Viel zu oft habe ich mich schon mit einer Grippe zum Dienst geschleppt.

Ich will wieder regelmäßig schlafen können und nicht dauernd müde sein. Wieder die Kraft haben mich gegen Missstände aufzulehnen und nicht vor Kraftlosigkeit alles erdulden, weil das dagegen vorgehen mir zu viel Kraft kostet und außer weiteren Stress nichts bringt.

Es mag feige wirken einfach so zu gehen, sich nicht dagegen zu stemmen und mit aller Macht etwas dagegen zu tun. Sich nicht aktiv in die Gewerkschaft einzubringen.

Bloß wurde bei dem ersten und einzigen Warnstreik den ich miterlebt habe, direkt ein bereits ausgehandelter Vertrag mit Friedenspflicht eingeführt der gegenüber den gestellten Forderungen das geringere Übel war. Der Streik verpuffte also als er noch gar nicht richtig begann.

Armes Deutschland, wie du deine Schwächsten versorgen lässt und wie du uns, die es für dich tun, für ihre Mühen belohnst.

Allen, die in diesem Beruf bleiben wollen, wünsche ich alles Gute. Auf das die Zukunft besser wird.

Für mich ist Schluss mit Schwester/Pfleger.



Natürlich sind alle o.g. Fälle frei erfunden und lassen keine Rückschlüsse auf reale Fälle zu...
 
Lieber skzr,
dein Text hat mich sehr berührt. Mit fast 30 Jahren Berufs- und 25 Jahren Intensiverfahrung erkenne ich mich selbst. Geh, such dir ein neues Wirkungsfeld und hab Spaß am Leben. Ich bin leider zu alt geworden, um beruflich noch mal voll durchzustarten. Dennoch bin auch ich weg. Alles Gute, Marty
 
Hallo skzr,
treffender hätte ich ein Resümee meiner Zeit im Krankenhaus auch nicht ziehen können.
Wie aus zahlreichen meiner Beiträge hervorgeht, habe ich Ende 2015 nach über 17 Jahren eine unkündbare Stellung aufgegeben und einen befristeten Vertrag (der inzwischen in einen unbefristeten Vertrag geändert wurde)in einer Praxis angenommen.
Viele aus meinem beruflichen wie privaten Umfeld haben mich für verrückt erklärt, Kündigungsschutz, Altersvorsorge etc. aufzugeben, und mit 47 Jahren komplett neu anzufangen.
Aber ich wäre krank geworden, eigentlich war ich schon krank, hatte einen Hörsturz der allerfeinsten Sorte, musste kompensatorisch Joggen bis zum Ermüdungsbruch eines Knochens und auch dann noch weiter, fühlte mich ständig getrieben und ineffektiv, war schon genervt, wenn der Postbote klingelte, ansonsten sehr bärbeißig allen Mitmenschen gegenüber und verlor allmählich sämtliche Emotionen.
Ich arbeite jetzt in einer Praxis, habe geregelte Arbeitszeiten, einen wunderbaren Chef, der meine Arbeitskraft, mein Wissen und Können sehr schätzt und mir das auch mitteilt, und nette Kollegen.
Ich entdecke wieder Empathie für die Patienten, kann wieder viel lachen, bin entspannt und brauche weniger Schlaf, kann fünfe gerade sein lassen und genieße die Planbarkeit meines Privatlebens.
Trotz allem ist mir der Abschied aus dem KH nicht leicht gefallen, habe lange mit mir gerungen wieder in ein (anderes) KH zurückzugehen. Inzwischen bin ich mit mir im Reinen und sicher, dass ich richtig entschieden habe.
Ich finde es schade, wie sehr unser -eigentlich schöner - Beruf heruntergekommen ist, ich hoffe sehr, dass die kommenden Generationen die Kraft haben, das Ruder herumzureißen.
Ich fühlte mich zu erschöpft zu kämpfen.
Für mich steht auch fest, ich werde NIE wieder in einem KH arbeiten.
malu68
 
  • Like
Reaktionen: pepita-sheep
Schaut eher nicht so aus derzeit.
Vielleicht müssen die ALTEN doch auch noch mit anschieben?

wer weiss ob das genug ist ? ( wie auch immer das dann in der realität aussehen würde )

vielleicht kann ja das gesamte pflege/versorgungskonzepts in der traditionellen weise in zukunft gar nicht mehr aufrecht erhalten werden...

auf jeden fall hat mich der text von Skzr ebenfalls sehr berührt und ich wünsche ihm alles glück der welt, dass es mit der nächsten berufswahl besser klappt ! :-)
 
@Skzr:
Schade, wieder ein Kollege weniger...
Andererseits absolut nachvollziehbar. Was in den letzten Jahren abgeht, ist nicht mehr normal. :angryfire:
Wünsche Dir alles Gute für die Zukunft!!
 
Ich schiebe kräftig mit an: Meine Tochter macht jetzt nach der Ausbildung zur MFA noch die Ausbildung zur GuK ab 01.10. diesen Jahres.
Ich habe sie gewarnt, sie hat viel von mir mitbekommen und : sie will es trotzdem... also werde ich sie unterstützen und bestärken, wenn sie mal schwächeln sollte.
Sie ist jedoch tough genug, hat genug Ego, um rechtzeitig "nein" zu sagen und durch ihre MFA- Ausbildung in einer großen Praxis auch die nötige Durchsetzungskraft um sich zu behaupten und nicht über den Tisch ziehen zu lassen.
Ich glaube, dass die "neue", junge Generation oft diese charakterliche Voraussetzung mitbringt, die in der Pflege gebraucht wird, um eine "neue Ära" einzuleiten....
 
  • Like
Reaktionen: yyyveb
Schaut eher nicht so aus derzeit.
Vielleicht müssen die ALTEN doch auch noch mit anschieben?

Schlag mich nicht. Ich bleib immer an den Alten hängen. Manchmal weiß ich gar nicht auf wen ich sauer sein soll. Die da oben, die unmögliches wollen oder die da unten die den ****** mitmachen. Meine Kollegen aus meiner Generation kann ich das ja noch begreiflich machen, wie der Rattenschwanz zusammen kommt.

Was ich sehr häufig sehe sind Menschen ohne Rückrad und das wird ausgenutzt. Von oben, aber auch aus den gleichen Reihen. Leitungen die den Mist einfach nach unten weiter geben. bin froh darum etwas älter als der Rest der Azubis zu sein und bereits Berufs- und Lebenserfahrung zu haben. Aber weiß ich auch was ich nicht mit mir machen lasse und das verteidige ich. Sogar gegen mich selber.

Auch wenn ich es nicht verhindern kann, das ich stelleweise wirklich unsinnige Arbeit machen muß, so kann ich "nein" sagen wenn man mich einspringen lassen will etc.

Es ist nur wie immer. Der Pflege fehlt es an Teamfähigkeit und zwar für sich selber. Stattdessen werden eigenen Unzulänglichkeite ausgelebt etc.
 
  • Like
Reaktionen: renje
Manchmal weiß ich gar nicht auf wen ich sauer sein soll. Die da oben, die unmögliches wollen oder die da unten die den ****** mitmachen. Meine Kollegen aus meiner Generation kann ich das ja noch begreiflich machen, wie der Rattenschwanz zusammen kommt.

Was ich sehr häufig sehe sind Menschen ohne Rückrad und das wird ausgenutzt. Von oben, aber auch aus den gleichen Reihen. Leitungen die den Mist einfach nach unten weiter geben.
Ist eines der Hauptprobleme der Profession Pflege. Sie hat immer nur gelernt "still zu dulden" oder aber zu jammern; aber gemacht wird nichts. Im Gegenteil, wenn einzelne Pflegende versuchen, etwas zu ändern, und sich organisieren oder irgendwelche Aktionen zu starten (Pflege am Boden etc.), dann kommt meist nur ein resignierendes "Bringt ja eh nix" oder "Die machen ja eh nix" (wobei "die" halt vorzugsweise die anderen sind). Selber mal den ***** hochkriegen? Fehlanzeige.
 
  • Like
Reaktionen: renje
Dazu muss man aber sagen, dass viele Kollegen weiblich sind und nicht nur durch Schichten, ungünstige Arbeitszeiten und hohe psychische und physische Anforderungen belastet sind, sondern "nebenbei" noch Kinder großziehen.
Da bleibt oft weder Zeit noch Kraft sich in der oft nicht oder wenig vorhandenen Freizeit auf den Boden der nächsten Großstadt zu legen.
 
Da bleibt oft weder Zeit noch Kraft sich in der oft nicht oder wenig vorhandenen Freizeit auf den Boden der nächsten Großstadt zu legen.
Verstehe was Du meinst. Die Aktion war auch nur ein Beispiel.
Auch der Organisationsgrad der Pflege ist unter aller Sau.
 
  • Like
Reaktionen: Bachstelze
@Bachstelze:
und das hindert einen daran in einen Berufsverband oder Gewerkschaft einzutreten?
oder sich zumindest 1 oder 2 mal im Jahr an einer Demo in der Nähe zu beteiligen?

Wenn das schon Hinderungsgründe sind, na dann wird das in den nächsten 100 jahren nix!
 
Jetzt mal eine ernstgemeinte Frage.

Welchen persönlichen Nutzen hat jemand, der bei einem kirchlichen Träger oder beim DRK arbeitet von einer Gewerkschaftsmitgliedschaft?
Über den grundsätzlichen Nutzen von Gewerkschaften bin ich ganz bei Dir.

Tatsächlich findet man im Internet wenig darüber.


Zur Demo: Tatsächlich bin ich die meiste Zeit zu Tode erschöpft, weil mehr als ausgelastet mit Job, alleiniger Verantwortung für Kind und Kegel und einer alten Mutter. Ich kann natürlich nicht für die ganze Welt sprechen.
 
Welchen persönlichen Nutzen hat jemand, der bei einem kirchlichen Träger oder beim DRK arbeitet von einer Gewerkschaftsmitgliedschaft?
Ach nö, dann lies es doch wenigstens ganz
- oder Berufverband

und/oder

Zur Demo: Tatsächlich bin ich die meiste Zeit zu Tode erschöpft, weil mehr als ausgelastet mit Job, alleiniger Verantwortung für Kind und Kegel und einer alten Mutter. Ich kann natürlich nicht für die ganze Welt sprechen.
auch nicht mal 2 oder 3 Stunden im Jahr?

So kommen wir aus der Tretmühle nicht raus!

Ich bin ja mittlerweile Demütig geworden, aber eine passive Mitgliedschaft in einem BV wäre schon mal ein Anfang.
 
  • Like
Reaktionen: Tryit
Jetzt mal eine ernstgemeinte Frage.

Welchen persönlichen Nutzen hat jemand, der bei einem kirchlichen Träger oder beim DRK arbeitet von einer Gewerkschaftsmitgliedschaft?

Ich bin bei einem Kirchlichen Träger. Daher bin ich im Berufsverband. Die Gewerkschaft ist in der Tat nicht für uns zuständig.
Was ich davon habe, ich bin wenigstens etwas Organisiert, noch dazu habe ich eine zusätzliche Berufshaftpflichtversicherung und ein schönes Abo "die Schwester der Pfleger". Da lohnen sich die 11 Euro im Monat schon. Das Abo und die Versicherung wären ohne DBFK schon teurer. Dazu habe ich halt auch noch ein paar Anlaufstellen an die ich mich bei Problemen mal wenden kann. Aktuell klappt das mit unserer MAV allerdings ganz gut. Passiv macht jedes Mitglied, wenn auch nur ein passives, den DBFK ein Stückchen stärker.

Leider konnte ich bisher an keiner Demo Teilnehmen. Entweder hatte ich Dienst oder Schule. Es ist zum Mäuse melken. Dürfte ich Streiken ich würde es tun und hätte es auch in den Fingern jucken die Streikbrecher mit Tomaten zu bewerfen. Würde ich nicht machen, aber dazu hätte ich Lust.

Soweit versuche ich mich selber nicht über den Tisch ziehen zu lassen. Aktuell kämpfe ich um eine Woche Urlaub vor meiner Zwischenprüfung. Ist nicht ganz einfach. Ich habe noch Urlaubstage aus dem letzten Jahr und noch 3 ungeplante aus diesem. Die Schule selber gibt ihr OK. Die Stationsleitung gibt ihr OK. Die PDL muß aus irgendwelchen Gründen n Affentanz darum machen. Ich bin gerade in einem Außeneinsatz. Bei den Altenpflegern ist es wohl so das die im Außeneinsatz keinen Urlaub nehmen dürfen.

Was mir häufig begegnet, was ich allerdings verstehen kann, ist diese Resignation. Die PDL will irgendwas wahnwitziges weil sie angst vor dem MDK hat, und beauftragt uns mit Zusatzaufgaben um sich doppelt und 3 Fach abzusichern. Das grenzt schon an Paranoia. DAs alles kompensieren dann die Pfleger an der Front, zu den sonst schon kaum zu schaffenden Aufgaben und die Stationsleitung lässt das durch, weil er gegen die PDL nicht ankommt. Und das darf ich nicht ablehnen, da ich auch unsinnige Aufgaben machen muß wenn man sie mir aufträgt. Sonst ist es ne Arbeitsverweigerung und ich bin weg vom Fenster. Aber es ärgert mich das ich wirklich unsinniges machen muß, weil jemand anders sich nicht durchsetzen kann.
 
  • Like
Reaktionen: Martin H.
Ach nö, dann lies es doch wenigstens ganz
- oder Berufverband

und/oder

auch nicht mal 2 oder 3 Stunden im Jahr?

So kommen wir aus der Tretmühle nicht raus!

Ich bin ja mittlerweile Demütig geworden, aber eine passive Mitgliedschaft in einem BV wäre schon mal ein Anfang.


Wo steht, das ich nicht in einem Berufsverband organisiert bin?

Ich habe es ganz gelesen. Tatsächlich frage ich genau aus diesem Grund nach.

Und zwei Stunden brauche ich schon um überhaupt in die Zivilisation zu kommen. Mit einem Transparent in meinem Dorf am ADW rumzurennen ist wahrscheinlich eher nicht zielführend.
 
Zuletzt bearbeitet:
Hallo
Ich bin einPflegedinosaurier. Seit 37 Jahren, einschließlich Ausbildung am Patientenbett. Da ich nur halbtags arbeite und nebenher einen 4 Personenhaushalt,Hund und betreuungsbedürftige Angehörige habe, bin ich Pflegetechnisch auch nur halbtags gestresst. Vor langer Zeit hatte ich noch die 42 Stundenwoche, 24 Tage Urlaub und eine 8(Pat) zu 1(GKP) Besetzung.Kaum Dokumentation, seeehr wenig Administration.Wir haben alles gemacht. Verbände,Blutabnahmen,Betten putzen,Schränke auswischen,Fäkalienräume schrubben etc. Dann wurde die Arbeitszeit gekürzt, der Urlaub erhöht,die Planstellen reduziert,die Administration vervielfacht,die Patienten älter,kränker,anspruchsvoller. Die Pflege hat weiter versucht alle Aufgaben wie früher zu erledigen. Was,logischerweise, nicht zu schaffen ist. Also wurde gejammert und gejammert. Aber weiterhin versucht alles brav zu erledigen. Ich war voll dabei. Schließlich will man ja eine gute Schweser sein. Man bekommt sein Lob und fühlt sich gut. Bis zu dem Moment wo ich bei einem Gespräch mit der Geschäftsleitung dabei war. Es ging um eine Kollegin die mit 61 Jahren ein Attest brachte (das erste in diesem Betrieb), das sie aus dem Schichtdienst nahm, sie dürfe bis zur Rente (mit 63 Jahren) aus gesundheitlichen Gründen, nur noch Frühschichten machen. Kommentar der Geschäftsleitung:" Wenn sie keine Schichten mehr machen kann ist sie nutzlos und sollte sich eine andere Arbeit suchen." In dem Moment fühlte ich mich wie Müll, wie ein Einmalwaschlappen den man wegwirft nachdem man sich den Ar... geputzt hat. Die Kollegin war über 30 Jahre in dem KH tätig,hatte ein ausgeprägtes Helfersyndrom, ist ständig eingesprungen und hat versucht es allen Recht zumachen.
Ab da habe ich gelernt NEIN zu sagen. Was sind meine Aufgaben als Krankenschwester, was wird mir von den Ärzten deligiert, welche Tätigkeiten werden mir aufgezwungen weil die Servicekraft,Putzkraft,Hol-und Bringedienst etc. es nicht schaffen, jemand krank ist oder es nicht gründlich genug machen. Meine Konsequenzen: ich fahre keine Patienten mehr zu Routine Untersuchungen, weil der Hol-und Bringdienst zu langsam ist, bzw die Funktionseinheiten nicht warten möchten. Ich putze keine Betten, Liegen oder Schränke mehr, weil das schneller geht als auf den Putzdienst zu warten. Irgendwo im Haus gibt es noch ein sauberes Bett, oder eine Putzkraft die dies erledigen kann. Blutabnahmen stehen nicht auf unserem Stellenplan in der Pflege,also mach ich es auch nicht. Ich erledige meine Arbeit als Krankenschwester in der Praxis und Adminisrativ sorgfältig und zuverlässig. Ich bin nicht scharf darauf ärztliche Tätigkeiten zu verrichten, weil ich dazu keine Zeit habe. Es hat eine Weile gedauert bis bei meinem Umfeld angekommen ist, dass ich deshalb keine schlechte Schwester bin. Es hat noch ein weilchen gedauert bis die Anfeindungen durch diverse KollegenInnen aufgehört hat, weil ich damit durchgekommen bin. Und es hat noch ein bißchen länger gedauert bis der große Rest meiner KollegenInnen festgestell haben, daß die Erde sich weiterdreht und die Station trotzdem funktioniert wenn sie nicht für alles und jeden in die Bresche springen. Die Obrigkeit sich ein Ausfall konzept für die Hilfsdienste einfallen läßt, wenn die Pflege sich verweigert. Dass die angeordneten Blutentnahmen um die Hälfte zurückgegangen sind, seit die Ärzte ihr Blut selber abnehmen müssen. Dass Putzkräfte auch Stationsübergreifend Fäkalienräume säubern können. Jetzt muss nur noch das schlechte Gewissen verschwinden, bei denen die gerne alles für jeden tun möchten.
Seit einem Jahr habe ich auch noch meine Telefonnummer von der Stationsliste gestrichen. Ich möchte in meinem Frei nicht mehr angerufen werden, ob ich einspringen kann. Was 2-3 mal die Woche vorgekommen ist. Natürlich wird seitdem auch niemand mehr geholt wenn in meiner Schicht jemand ausfällt. So dass ich schon öfter alleine nur mit Hilfspersonal eine Schicht gearbeitet habe. Überlastungsanzeige schreiben,Funktionspflege,Delegation an das Hilfspersonal je nach Eignung und Können,setzen von Prioritäten,gute Kommunikation mit den Ärzten und ganz wichtig, eine Fachkraft von einer anderen Station für meine Pause. In der Pause die Station verlassen.
Unsere PDL hat entdeckt, dass es Honorarkräfte/Zeitarbeitsfirmen gibt und diese dann auch angefordert.
Mir geht es besser, meiner Familie geht es besser, ich gehe wieder gerne in die Arbeit. Mein Telefon kann klingeln ohne dass ich Angst habe, es könnte die Arbeit sein. Ich habe für mich entschieden Grenzen zu setzen, denn ich mache meinen Beruf sehr gerne, aber ich lasse mich nicht gerne ausbeuten. Ich möchte meine Rente noch bei halbwegs guter Gesundheit erreichen und mit meinem Mann alt werden. Ich möchte keine chronischen Schlafstörungen bzw. massive gesundheitliche Probleme etc. haben. Ich will nicht auf kosten meiner Ehe, ständig für die Arbeit erreichbar sein. Ich will planbare Freizeit und diese auch Störungsfrei genießen. Ich will mich am Ende meines Lebens nicht fragen müssen ob es die Arbeit wert war, dass ich verbraucht und alleine meinen verkürzten Lebensabend verbringe. Wir habenvor Jahrzehnten einen Schwesterstammtisch eröffnet. Die meisten von uns sind schon in Rente, ich bin das Küken. Für viele ist dieser monatliche Treff das Highlight des Monats. Andere Sozialkontakte sind kaum vorhanden. Ich habe zu oft gehört, dass so manche einiges anders machen würde. Was meistens kommt, daß sie über die Arbeit ihr Privatleben vernachlässigt haben, nicht auf sich und ihre Bedürfnisse gehört haben.
Jeder Einzelne von uns kann in kleinen Schritten etwas zum Positiven verändern. Wenn die anderen sehen dass es funktioniert, dann machen sie mit.
Aus Erfahrung habe ich gelernt, dass sehr viele gar nichts änders wollen, sie wollen nur jammern und klagen, jemanden der ihnen dabei zuhört und ihnen versichert was sie denn für gute Menschen sind dass sie sich sooooo aufopfern und dass sie deshalb grenzenlos bewundert werden.
Ich will mich nicht aufopfern, ich will nicht bewundert werden, ich will nicht jammern und klagen.
Ich will einen Beruf der mir Freude macht, diesen gut ausüben und nach getaner Arbeit nach Hause zu meiner Familie gehen und meine Freizeit genießen.
Alesig