News Mehr Personal! - Kann das Pflegepersonalstärkungsgesetz halten, was sein Name verspricht?

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Soeben hat der Bundestag das PpSG verabschiedet - es soll zum 1. Januar in Kraft treten. Bundesgesundheitsminister Spahn will damit das Versprechen an alle Pflegekräfte einlösen, ihren Berufsalltag konkret zu verbessern. Ob es mit dem heute beschlossenen Pflegepersonalstärkungsgesetz wirklich gelingt, das Pflegepersonal zu stärken, bleibt abzuwarten. Letztlich wird es davon abhängen, ob die Pflegefachpersonen dem Versprechen trauen, ihre Arbeitszeit aufstocken und in den Beruf zurückkehren.

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spflegerle

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Was ich nach wie vor noch nicht verstehe ist die Umsetzung der immer so großspurig angeführten Herausnahme der Pflegekosten aus den DRGs:
Wie werden wir also in Zukunft den notwendigen Finanzierungsbedarf ermitteln?

Ein System zur Ermittlung des tatsächlichen Pflegepersonalbedarfs wurde ja ausdrücklich nicht etabliert.
Welche Art/Umfang an Dokumentation müssen wir also in Zukunft leisten um nachzuweisen, welcher Pflegepersonalbedarf tatsächlich vorherrscht? Auf welcher Grundlage soll das geschehen?
Führt möglicherweise gerade das Fehlen von Instrumenten zur Pflegepersonalbedarfsermittlung zu noch mehr Dokumentationspflichten? Oder kann das Fehlen dieser Intsrumente evtl. sogar dazu führen, dass ein Bedarf überhaupt nicht nachzuweisen ist und somit Tür und Tor für willkürliche Entscheidungen geöffnet wird?

Möglicherweise habe ich ja etwas überlesen, aber für mich sind diese Fragen völlig ungeklärt.
Weiss jemand Näheres?

fragt sich
spfegerle
 

spflegerle

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Die Finanzierung der Pflegepersonalkosten soll ab 2020 auf eine von den Fallpauschalen unabhängige, krankenhausindividuelle Vergütung umgestellt werden.(Quelle)
Darauf läuft ja meine Frage hinaus: wie weist also künftig ein Krankenhaus nach, welche tatsächlichen Pflegekosten existieren?
Handelt es sich hier nur um die ausschliesslichen Pflegepersonalkosten? Oder spielen noch viele andere Bereiche mit hinein (zB Aus-/Fort-/Weiterbildung, "Hotelleistungen", Hygiene, ...). Und wie kann ein Krankenhaus ohne Personalbemessungsinstrumente den Personalbedarf nachweisen? Wie könnte man die krankenhausindividuellen Geldmittelbedarfe vergleichen, wenn es keine einheitlichen Bemessungsinstrumente gibt?
Wie kann ein Krankenhaus belegen, dass es mit diesen Geldmitteln keine Quersubventionierung anderer Bereiche vornimmt? Ich denke da zB an die hohen Investitionskosten, die ja eigentlich jetzt schon von den jeweiligen Bundesländern in voller Höhe übernommen werden müssten, tatsächlich aber nur zu einem Bruchteil übernommen werden und deshalb von den bisherigen Erlösen über die DRGs quersubventioniert werden mussten. Das hat ja entscheidend mit zum Abbau von Pflegepersonal beigetragen. Wenn nun mehr Geld für Pflegepersonal bereitgestellt wird, wie wird dann verhindert, dass wieder dieses Geld für die Quersubventionierung der Investitionskosten herhalten muss?

Fragen über Fragen die nur beantwortet werden könnten, wenn die Details etwas genauer formuliert würden und wenn es standardisierte, den tatsächlichen Pflegebedarf der einzelnen Abteilungen/Stationen abbildende Bemessungsinstrumente geben würde.

Ich kann auch die Forderung der Ärztevertretung verstehen, dass sie nun genauso DRG-unabhängig ihre Stellen finanziert bekommen wollen. Und tatsächlich wird man wohl die nachweislich in manchen Kliniken vorgenommenen unnötigen OPs nur auf diesem Wege eindämmen können. Solange Ärzte ihre Daseinsberechtigung durch die bloße Zahl an vorgenommenen Eingriffen rechtfertigen müssen, wird es wohl immer Chefärzte/Chefärztinnen geben, die ihre unterstellten KollegInnen zu unnötigen Eingriffen/Untersuchungen uä drängeln.

Das PpSG kann nur ein erster Schritt sein zu einem noch viel weitreichenderen Umbau des Gesundheitssystems. Da gibt es noch sehr viel zu tun...

Gruß spflegerle
 
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Martin H.

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Und wie kann ein Krankenhaus ohne Personalbemessungsinstrumente den Personalbedarf nachweisen?
Wie kann ein Krankenhaus belegen, dass es mit diesen Geldmitteln keine Quersubventionierung anderer Bereiche vornimmt?
Ich denke mal, den tatsächlichen PflegepersonalBEDARF kann bislang (mangels Meßinstrument) kein Krankenhaus nachweisen.
Aber sie könnten belegen, wie viel Pflegepersonal tatsächlich da war, indem sie dann die jeweiligen Dienstpläne vorlegen (könnte ich mir vorstellen). Und dafür kriegen sie dann das Geld.
Ist aber nur eine Überlegung von mir, ob das tatsächlich so laufen wird... :weissnix:
Aber Du hast natürlich völlig recht, das Ganze ist völlig unausgegoren und man hat an vielen Stellen den Rat der Fachleute (wieder mal :roll:) in den wind geschlagen.
 

spflegerle

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Naja, die Instrumente existieren ja.
Für den Normalpflegebereich gibt es die PPR und den PKMS, beide Systeme werden ja auch schon jetzt angewandt. Da ich nicht aus dem Normalpflegebereich komme kann ich nicht wirklich gut beurteilen, inwieweit sie den tatsächlichen Pflegepersonalbedarf abbilden. Das können hier aber sicher einige beantworten.
Für den Intensivpflegebereich gibt es das INPULS-System. Das läuft in meinem Haus nun schon einige Jahre. Das System wurde schon ein paar Mal modifiziert, immer mit dem Ziel, den Pflegepersonalbedarf kleiner zu rechnen. Trotzdem erzeugt es Zahlen, die nach wie vor so hoch sind, dass das System bislang noch nicht für die Bemessung herangezogen wird. Nun, mit dem Versprechen, dass jede zusätzliche Stelle voll finanziert wird, könnte man die Zahlen ja endlich mal ernst nehmen und mehr Personal einstellen (oder Leistungen aufgrund der Zahlen einschränken bis das Personal zur Verfügung steht, oder den Leasing-Stopp endlich beenden, damit genug Leasingkräfte angefordert werden könnten,...).
Ob es taugliche Bemessungsinstrumente für die Notaufnahmen, die Funktionsbereiche, Ambulanzen uä gibt, weiss ich tatsächlich nicht, vielleicht kann hier ja der Eine oder die Andere aufklären?

Zumindest stehen wir nicht im luftleeren Raum.

Wenn aber nur Gelder bereitgestellt werden um den aktuellen Personalstand zu finanzieren, dann zementiert man ja nur ein weiteres Mal die aktuell schlechte Situation. Das kann ja nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

Gruß spflegerle
 

Martin H.

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Naja, die Instrumente existieren ja.
Für den Normalpflegebereich gibt es die PPR und den PKMS, beide Systeme werden ja auch schon jetzt angewandt. Da ich nicht aus dem Normalpflegebereich komme kann ich nicht wirklich gut beurteilen, inwieweit sie den tatsächlichen Pflegepersonalbedarf abbilden. Das können hier aber sicher einige beantworten.
In der Tat. 8-) Wobei ich natürlich schon ein paar Jährchen aus der Klinik raus bin, aber beide Systeme kenne ich noch...
PPR war damals ein erstes Instrument in den 90ern, um den Pflegepersonalbedarf zu erfassen; hat aber auch Schwachpunkte, z. B. werden nur ein paar der ATLs erfasst, der Rest fällt komplett unter den Teppich. Und, soweit ich mich erinnern kann, wurde damit nur der Pflegeaufwand tagsüber erfasst, die Eingruppierung erfolgte immer irgendwann um 18 oder 19 Uhr; wenn sich der ND "zu Tode gearbeitet" hat, fiel das ebenfalls komplett unter den Tisch.
Nichtsdestotrotz wurde damals in den wenigen Jahren, wo die PPR Gültigkeit hatte, ein erheblicher Mehrbedarf an Pflegepersonal festgestellt... und wurde deshalb postwendend außer Kraft gesetzt. :mrgreen:
Die PKMS wiederum ist an sich nicht verkehrt, hier besteht die Möglichkeit, durch die Pflege Geld für die jeweilige Klinik zu erwirtschaften. Nachteile: Sie ist ziemlich zeitaufwendig und sie bildet auch nur hochaufwendige Pat. ab, d. h. die meisten "normalaufwendigen" Pat. werden dadurch überhaupt nicht erfasst. Die machen aber natürlich auch Arbeit.

Ein ziemlich umfassendes System wäre das aus der Schweiz stammende LEP (=Leistungserfassung in der Pflege), da es wesentlich umfassender ist als z. B. die alte PPR bei uns...
Leistungserfassung von Pflegeleistungen – Wikipedia
https://www.dip.de/fileadmin/data/pdf/projekte/Isfort_Denn_sie_wissen__was_sie_tun.pdf
 

spflegerle

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OK, danke erst mal für diese links zu LEP, mit diesem System hatte ich noch nie direkten Kontakt.

Ich denke wir sollten uns darüber klar werden, egal welche Personalbemessungsinstrumente bzw. Systeme zur Erfassung des Pflegeaufwandes letztendlich herangezogen werden:
Durch die Herausnahme der Pflege aus den DRGs wird es künftig unsere Aufgabe sein nachzuweisen, wie hoch der tatsächliche Pflegeaufwand und der Zeitaufwand aller dazugehörigen patientenfernen Aufgaben ist. Die Dokumentation wird also nicht weniger, sondern vermutlich deutlich mehr werden (müssen).

Spannend wird es dann auch sein, in wie weit sich prophylaktische und Gesundheit erhaltende Massnahmen hier ihren Stellenwert erkämpfen können. Es macht ja beispielsweise durchaus einen Unterschied, ob ich den Personalbedarf aus den dokumentierten durchgeführten Massnahmen ermittle, oder ob ich erst den notwendigen Bedarf an Massnahmen definiere (Pflegeplan/-ziel...) und daraus den Personalbedarf ermittle. Konkret: wenn ich zB nie einen Patienten mobilisiere, dann werden in der Dokumentation auch keine Zeitwerte für diese Massnahme erfasst, es wird dann bei der Abrechnung am Monatsende rückblickend ein niedrigerer Zeitwert entstehen und weniger Personalbedarf daraus errechnet. Lege ich aber die für die Patienten notwendige Pflegeplanung zugrunde, unabhängig davon, ob ich mit der aktuellen Besetzung diesen auch in allen Punkten umsetzen kann, dann werden nicht durchgeführte, aber aufgrund des Pflegeplanes ermittelte notwendige Mobilisationen trotzdem den Personalbedarf beeinflussen.
Unsere pflegerische Expertise muss also auf jeden Fall in die Personalbemessung einfliessen, sonst sorgen wir auch hier nur wieder für den Erhalt des Status Quo.

Und dann wären wir bald auch beim nächsten Thema: wie sorgen wir dafür, die Professionalität im Pflegeteam hoch zu halten bzw. zu steigern? Wie sorgen wir für eine anhaltende Wissensvermehrung und regelmässige Fortbildungen? Das Thema Pflegekammern wird dadurch aktueller denn je...

Wir stehen erst am Anfang.

Gruß spflegerle
 
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Martin H.

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@spflegerle
Da rennst Du bei mir offene Türen ein. 8-)
Pflege darf nicht nur "verwahren der Pat." und "satt& sauber" sein. Und es muß eben klar sein, daß eine vernünftige und humane Förderung eben Zeit - und damit auch Geld - kostet.
Wer das von den Verantwortlichen (Politik, Kassen...) nicht will weil zu teuer, der soll es bitte deutlich sagen - damit jeder Bürger weiß, was auf ihn zukommt, wenn er mal pflegebedürftig wird. :mrgreen:
 

Romsen2014

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KMT
Ich bin ja immer noch der Meinung man sollte Pflege genauso vergüten wie ärztliche Leistungen, anhand von DRG´s.

Also eine Art N(Nursing)DRG´s. Eine möglichkeit, würden dabei die Pflegediagnosen darstellen, welche ja nach der neuen Reform wohl auch verstärkt Anwendung finden soll. In meiner alten Klinik habe ich noch am Rande die ersten EDV Programme zu Erfassung und Doku dieser miterlebt.

Sie würden einerseits den Pflegerischen Aufwand darstellen (da es ja auch Pflegeprobleme abbildet) und zusätzlich eine Grundlage zur Abrechnung geben. Und nicht wie ein Budget, was irgendwann mal komplett Leer sein könnte bzw. einfach verschoben wird.

Wenn ich mich richtig erinnere, werden Pflegediagnosen in den USA tatsächlich als Abrechnungsgrundlage für Pflegerische Leistungen genommen.

Nachteil: Dett wird teuer.
 

Martin H.

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Eine möglichkeit, würden dabei die Pflegediagnosen darstellen, welche ja nach der neuen Reform wohl auch verstärkt Anwendung finden soll. In meiner alten Klinik habe ich noch am Rande die ersten EDV Programme zu Erfassung und Doku dieser miterlebt.
Echt? Die haben Diagnosen nach NANDA erhoben?
Ich sehe die persönlich ja etwas kritisch, da sie (natürlich) auf die Pflege in den USA zugeschnitten sind. Und sie orientieren sich wohl sehr stark an medizinischen oder auch psychologischen Diagnosen.
Mir wäre jetzt aber kein besseres System bekannt (auf Pflegediagnosen bezogen).
Wenn ich mich richtig erinnere, werden Pflegediagnosen in den USA tatsächlich als Abrechnungsgrundlage für Pflegerische Leistungen genommen.
Das ist natürlich cool; hast Du da evtl. einen Link dazu oder so?
 

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