News Privatisierung des Gesundheitswesens: Das Märchen von den teuren Alten

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"Unser Gesundheitswesen ist in Gefahr! Das hört man immer wieder. Die größte Gefahr gehe davon aus, dass die Gesundheit bald nicht mehr bezahlbar sein werde. Der medizinische Fortschritt mache die Medizin immer teurer, deswegen könne er nicht mehr allen zugutekommen. Man werde rationieren, priorisieren und zuteilen müssen. Und dann ist da außerdem auch noch die immer weiter steigende Lebenserwartung, die immer größer werdende Zahl alter Menschen. Älter ist kränker ist teurer, so lautet die Schreckensformel. Aber stimmt das eigentlich alles?"

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spflegerle

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Ich bin etwas hin und her gerissen in der Beurteilung dieses Artikels.

Einerseits gehe ich durchaus konform mit der Aussage, dass der Wandel vom "Gesundheitssystem" in eine "Gesundheitswirtschaft" Begehrlichkeiten im Sinne von Renditeabschöpfung generiert hat, die absolut abzulehnen sind.
Andererseits gibt der Artikel zwar richtig wieder, dass es einen demografischen Wandel der Gesellschaftsstruktur gibt, diesem aber keine Auswirkungen auf das Gesundheitswesen zuschreibt. Da gehe ich nun überhaupt nicht konform mit den Autoren. Hier sehe ich durchaus ein wachsendes Problem, das ich schon alleine bei den mit dem demografischen Wandel wachsenden Problemen der zunehmenden Demenzerkrankungen sehe. Dies zu ignorieren bedeutet für mich, die Brisanz in der Betreuungslücke zu ignorieren. Da wird der Artikel erstaunlich dünn und substanzlos.

Die Kritik am bestehenden System teile ich.
"Kostenexplosion" und "Altenlawine" mögen emotional aufgeladene Begriffe sein, sie alleine deswegen aber zu negieren halte ich für falsch.

Gruß spflegerle
 

spflegerle

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Deine Spielerei ist leider nicht aufrufbar. Worum geht es denn dabei?
 

Romsen2014

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Gesundheitsausgaben gemessen am BIP. Dort kann man sich bis zum JAhre 1990 (glaub ich...) nachvollziehen.
 

renje

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Hallo,
man kann dort leider gar nix nachvollziehen, da der link ins leere geht.
 

spflegerle

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Das Problem in dem Ursprungsartikel oben sehe ich ja gerade nicht in der Frage der laufenden Kosten ( die grundsätzliche Kritik am System teile ich ja), sondern in der Negierung des demografischen Faktors.
Zu glauben, die Probleme des demografischen Faktors könne man einfach mit statistischen Tricks wegdiskutieren halte ich für vermessen und falsch. Dass es eine steigende Zahl von pflegebedürftigen Personen gibt und eine steigende Zahl von Demenzfällen dürfte doch unstrittig sein, und dass das einhergeht mit erhöhtem Pflegepersonalbedarf und damit auch mit erhöhten Kosten dürfte genauso unstrittig sein.

Gruß spflegerle
 

Martin H.

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@Romsen2014
Dein erster Link ging wirklich nicht.

Hm, ich bin bei diesen Wirtschaftsgeschichten nicht so fit. Aber, soweit ich das beurteilen kann, setzen sich ja die Ausgaben im Gesundheitssystem aus ganz vielen verschiedenen Einzelposten zusammen. Und da sehe ich - neben dem Unding, daß bei privaten Trägern insbesondere in der Altenpflege irgendwelche Aktionäre kräftig Dividende aus den "Betrieben" erwarten :schraube: (was dann zu Lasten sowohl der Bewohner als auch der MA geht) - auch ein ganz großes Verteilungsproblem.
Um nur mal ein Beispiel zu nennen macht bei uns die Pharmaindustrie bzw. -lobby einen "ganz guten Schnitt", komischerweise einen besseren als in vielen anderen Ländern:
"Im Ergebnis muss Deutschland als Hochpreisland für
Arzneimittel im patentgeschützten Markt bezeichnet werden: Die Arzneimittelpreise
aller in dieser Studie betrachteten Länder liegen durchschnittlich deutlich
unter den Preisen in Deutschland, obwohl bereits ausschließlich Länder berücksichtigt
wurden, in denen die Gesundheitsausgaben hoch und somit vergleichbar
sind."

Quelle: https://www.wido.de/fileadmin/wido/downloads/pdf_arzneimittel/wido_arz_patArznEUVerg_20160623_fin.pdf S. 44.
Gibt natürlich noch mehr "Player" im deutschen Gesundheitssystem, die auch "gut Geld abgreifen" und die im Prinzip ebenso wie die Pharmalobby hierzulande deutlich besser aufgestellt sind als die Profession Pflege.
Und da es natürlich immer nur eine begrenzte Menge Geld zu verteilen gibt, fehlt die Kohle dann schlicht und ergreifend an anderer Stelle - nämlich bei der Pflege, wo man dann sparen muß - indem weiter Stellen abgebaut werden. :wut:
 

Romsen2014

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Doch, tut er. Du musst einfach deine gesetzten links auch mal überprüfen, wenn du sie hier postest.
Aber du hast ja nun den korrekten link nachgereicht, also vielen Dank dafür.
Mach ich ja. Nur hier hat´s wohl nicht geklappt. Die Aussage bezog sich auch auf den nachgereichten Link :besserwisser:

Und da es natürlich immer nur eine begrenzte Menge Geld zu verteilen gibt, fehlt die Kohle dann schlicht und ergreifend an anderer Stelle
Ich vertrete ja immer noch die These, dass genug Geld vorhanden ist um die Pflege zu bezahlen und sogar die Vergütung attraktiv zu gestalten. Lediglich ist die Investition in Pflege als Gut und Dienstleistung nicht sehr attraktiv. Dafür aber der Wert von Immobilien im Pflegesektor, sowie prognostizierte Renditen. Die Begründung für letzteres geht nur über das einsparen von Personal (aber das ist ja auch bekannt).
 
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spflegerle

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Wahrscheinlich verzettele ich mich jetzt in eine offtopic laufende Statistikdiskussion. Trotzdem wollte ich nochmal kurz darauf zurückkommen...

Ich habe zu der von Romsen verlinkten Statistik noch folgende 2 Quellen gefunden:
- Internationale Vergleichsdaten
- Daten aus Deutschland im Zeitverlauf

Dabei fällt folgendes auf:
- Die Gesundheitsausgaben in Deutschland bezogen auf das BIP sind im internationalen Vergleich auf einem hohen Niveau. Ironischerweise geben die USA noch sehr viel mehr Geld aus (2016 17,1% des BIP versus 11,1% in Dtl.), haben dabei aber eine deutlich schlechtere Gesundheitsversorgung für ihre Bürger. Aber dass viel Geld im System ist, kann man durchaus sagen und damit gebe ich Romsen Recht mit seiner Aussage "dass genug Geld vorhanden ist um die Pflege zu bezahlen und sogar die Vergütung attraktiv zu gestalten".

- Dass ich trotzdem den Begriff "Kostenexplosion" für treffend halte, entnehme ich der Tabelle der Daten aus Deutschland (s.o.). Dort kann man die Daten im Zeitverlauf nicht nur bezogen auf das BIP sehen, sondern auch die Gesamtausgaben in Mio. € und die Gesundheitsausgaben je Einwohner in €. Der Anstieg bezogen auf den Anteil am BIP ist tatsächlich nicht so aufällig und liegt, wie Romsen richtig aussagt bei unter 1% seit 2005.
Die nackten Zahlen sehen aber dtl. beeindruckender aus: von 2005 bis 2016 liegt ein Anstieg der Gesamtausgaben von >47% vor, geht man zurück ins Jahr 1992 ist es sogar ein Anstieg von 123%. Bei den Gesundheitsausgaben/Einwohner sieht es damit natürlich genauso aus. Die realen Kosten sind also durchaus stark angestiegen, da aber gleichzeitig die Wirtschaftsleistung in Dtl. ebenfalls gut gewachsen ist, ist der Anstieg am BIP nicht so auffällig.

Und am Ende solcher Zahlenjonglierereien bleibt die Frage: setzen wir das vorhandene Geld wirklich vernünftig ein?
Ich bezweifele das stark...

Gruß spflegerle
 
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Martin H.

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- Die Gesundheitsausgaben in Deutschland bezogen auf das BIP sind im internationalen Vergleich auf einem hohen Niveau. Ironischerweise geben die USA noch sehr viel mehr Geld aus (2016 17,1% des BIP versus 11,1% in Dtl.), haben dabei aber eine deutlich schlechtere Gesundheitsversorgung für ihre Bürger.
Ja, sowohl das deutsche als auch das amerikanische Gesundheitssystem sind berühmt oder besser gesagt berüchtigt dafür, extrem teuer zu sein. Das amerikanische ist auch hervorragend - aber nur für Leute, die es sich auch leisten können. Noch immer gibt es dort Leute ohne Krankenversicherung. Im Schnitt ist es also auch nur mäßig.
Das deutsche deckt zwar im Prinzip alle Bürger mit ab, bewegt sich aber im internationalen Vergleich auch eher im Mittelfeld als an der Spitze (auch wenn gern anderes behauptet wird). So war z. B. das britische ähnlich effizient wie das deutsche, aber deutlich billiger. Das lag daran, weil dort weit weniger teure Apparatemedizin benützt wurde, die Diagnostik aber trotzdem ähnlich gut war wie bei uns, indem die Ärzte mehr auf herkömmliche Art untersuchten. Daß man das dortige bislang sehr gute System inzwischen heruntergewirtschaftet hat und auf dem besten Weg ist, es kaputtzusparen, steht auf einem anderen Blatt - auch ein steuerfinanziertes System kann man kaputtmachen.
- Dass ich trotzdem den Begriff "Kostenexplosion" für treffend halte, entnehme ich der Tabelle der Daten aus Deutschland (s.o.). Dort kann man die Daten im Zeitverlauf nicht nur bezogen auf das BIP sehen, sondern auch die Gesamtausgaben in Mio. € und die Gesundheitsausgaben je Einwohner in €. Der Anstieg bezogen auf den Anteil am BIP ist tatsächlich nicht so aufällig und liegt, wie Romsen richtig aussagt bei unter 1% seit 2005.
Die nackten Zahlen sehen aber dtl. beeindruckender aus: von 2005 bis 2016 liegt ein Anstieg der Gesamtausgaben von >47% vor, geht man zurück ins Jahr 1992 ist es sogar ein Anstieg von 123%. Bei den Gesundheitsausgaben/Einwohner sieht es damit natürlich genauso aus. Die realen Kosten sind also durchaus stark angestiegen, da aber gleichzeitig die Wirtschaftsleistung in Dtl. ebenfalls gut gewachsen ist, ist der Anstieg am BIP nicht so auffällig.
Meiner Ansicht nach sagen die nackten Zahlen eher wenig aus, u. a. wegen der Inflation, und wie Du ja selber schon schreibst, wegen der gestiegenen Wirtschaftsleistung insgesamt.
Und sollte da tatsächlich irgendwas gestiegen sein, dann garantiert nicht wegen der Pflege - im Gegenteil, die wurde seit den 90ern konsequent kaputtgespart, die "schönen" Resultate können wir jeden Tag sehen...
Und am Ende solcher Zahlenjonglierereien bleibt die Frage: setzen wir das vorhandene Geld wirklich vernünftig ein?
Ich bezweifele das stark...
Zustimmung!
Ich sag nur: Überteuerte Arzneimittel, sinnlose und teure radiologische Untersuchungen...
Auf der anderen Seite z. B. Länder wie die skandinavischen, die einen deutlich höheren Anteil an ihrem jeweiligen BIP für die Pflege einsetzen als wir!
 

niesreiz

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GuK für Notfallpflege, Student Berufspäd.
Akt. Einsatzbereich
Interdisziplinäre Notaufnahme
Funktion
Praxisanleiter, MPG-Beauftragter
Vielleicht sollte eben nicht von einer Kostenexplosion im Gesundheitswesen gesprochen werden, sondern von einer Gewinnexplosion bei Investoren und weiteren Nutznießern der Vermarktwirtschaftlichung des Gesundheitswesens. Wie immer stellt sich hier die Frage, wer hat Interesse daran, dass es so läuft, wie es läuft und wem schwillt dadurch das Portmonnaie an? In meinen Augen versucht der Artikel über das Aufdecken falscher bzw. verschleiernder Kommunikation und Informationen eine neue Perspektive auf das Gesundheitswesen und seine Finanzierbarkeit zu ermöglichen. Dafür schätze ich ihn.

Quintessenz: Machen wir uns das Geld zum Regenten oder zum Untertan...
...die, imho, viel zu alte Frage in der Beziehung. :schraube:
 
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