News Pflegepersonaluntergrenzen: Gut gemeint, bislang schlecht gemacht

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Die Pflegepersonaluntergrenzen (PpUG) in den Krankenhäusern sind seit 4. März 2020 pandemiebedingt vorläufig ausgesetzt, die Pflegepersonalbemessung ist seitdem willkürlich. Was die Politik als wichtiges Instrument zur Stärkung des Pflegepersonals und der Patientensicherheit in den Kliniken ab 1. Januar 2019 eingeführt hatte, wurde mit Beginn der Krise als verzichtbar eingestuft.

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Martin H.

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Krankenpfleger
Akt. Einsatzbereich
Ambulante Intensivpflege
"Pflegepersonaluntergrenzen: Gut gemeint, bislang schlecht gemacht"

:daumen:Ja, das trifft es ganz gut... und verwundert auch nicht:

"Knapp 1000 Antworten konnten ausgewertet werden. Das Meinungsbild zeigt deutlich, dass die Umsetzung der PpUG vielfach zu mehr negativen als positiven Effekten geführt hat und keineswegs mehr Patientensicherheit, Versorgungsqualität oder Mitarbeiterzufriedenheit garantiert. Stattdessen kam es zu gestiegenem Dokumentationsaufwand und Verschiebungen von Personal und Patient/innen.
„Auf dem verordnet niedrigen Niveau und begrenzt auf bestimmte Teilbereiche können die PpUG keine Patientensicherheit gewährleisten oder die Pflegenden vor Überlastung schützen. Dass in vielen PpUG-Bereichen Pflegefachpersonal aufgestockt werden musste, um die Vorgaben zu erfüllen, zeigt aber, dass Untergrenzen wirken. Besonders deutlich wird dadurch, wie schlecht die Personalausstattung vorher gewesen sein muss. Und immer wieder wurde in der Einrichtung kein Pflegepersonal aufgestockt, sondern nur verschoben. Die von der Politik versprochenen Verbesserungen verpuffen“, erklärt DBfK-Präsidentin Prof. Christel Bienstein."


Das ist ja genau, was ich schon immer sage - die Pflegepersonaluntergrenzen müssen IMMER und ÜBERALL gelten - ohne jede Ausnahme; "pflegesensible" Bereiche gibt es nicht, überall wo eine Pflegekraft arbeitet ist ein "pflegesensibler Bereich". Dann ist auch Verschiebereien ein Riegel vorgeschoben.
Und natürlich dürfen die Grenzen auch NIEMALS ausgesetzt werden, es kann nicht sein, daß man immer und wieder Ausnahmen schafft, indem man sagt "dann gilt halt nur das Monatsmittel oder das Jahresmittel" o. ä.

Interessant ist der Bericht selber:

"Es tauchen auch Hinweise auf, dass bei der Dokumentation und Meldung der Tatbestände zu den PpUG nicht immer ganz seriös verfahren wird: „Nachträgliche Manipulation der Dienstpläne, um die Untergrenze einzuhalten.“ „60 Minuten täglich, um Personal zu verteilen und Nachbarbereiche anzupassen, damit der Betrug im Monatsmittel stimmt.!“ „Scheindokumentation, doppelte Dienstpläne. Gerätemanager, Hygienepfleger, Case-Manager - alles was Examen hat, aber nie auf Station mitarbeitet, wird gezählt.“ „Diagnosen werden angepasst, so dass viel abrechenbar ist ohne Personaluntergrenzen. Die lukrativste Nebendiagnose wird behandelt.“ „Vorgesetzte berechnen die Patienten/PflegekräfteStatistik. Dies wird danach vom Verwaltungscontrolling kontrolliert und verändert.“
„Es werden nach Abrechnung des Dienstplans zusätzliche Pflegefachpersonen dokumentiert, die aber nicht gearbeitet haben. Nur damit die Personaluntergrenzen nicht unterschritten werden.“ „Patienten werden nicht als Intensiv-, sondern als IMC -Patienten (Intermediate Care) klassifiziert und so werden die Grenzen ausgehebelt.“ „Gezielte Misch-Belegung in früheren Fachbereichen, damit die PpUG nicht zum Einsatz kommt.“ „Statistiken werden geschönt.“ „Mogelpackung! Jede examinierte Kraft wird angerechnet, ob am Patienten tätig oder nicht.“ Es ist anzunehmen bzw. zu hoffen, dass es sich hierbei um extreme Einzelfälle handelt."

Siehe
S. 14

Schön auch die (sehr entlarvende) Meinung eines Mediziners:

"In einem kürzlich erschienenen Gastbeitrag von Prof. Hans Martin Hoffmeister, Präsident des Berufsverbands Deutscher Internisten und Chefarzt im Städtischen Klinikum Solingen, bewertet auch er die Effekte der Personaluntergrenzen8 . Sein Fokus liegt vor allem auf den durch die Pflegepersonaluntergrenzen ausgelösten Engpässen in der Intensivmedizin.
Er argumentiert, dass wegen des fehlenden Fachkräfteangebots auf dem Arbeitsmarkt zwangsläufig „weniger pflegeintensive Krankenhausbetten angeboten werden können.“ Durch die Umsetzung der PpUGV entstehe eine „massive Versorgungskrise“, weil immer der „für eine optimale Pflege als Untergrenze angesetzte Wert erreicht werden muss und nicht eine ausreichende Pflege in bestimmten Situationen akzeptiert werden kann.“ „Optimale Pflege“ auf einer Intensivstation - mit einer Besetzung von 2,5 zu 1 in der Tagschicht und 3,5 zu 1 im Nachtdienst, wie es die Personaluntergrenzen vorgeben? Wer dies für eine optimale Pflegepersonalbemessung hält, hat nicht verstanden, was Pflege leistet und welche Bedeutung sie für die Chance auf Genesung und die Sicherheit von Intensivpatient/innen hat. Und was man seinen Mitarbeiter/innen schuldig ist. Mit solchen Quoten liegt die deutsche Intensivpflege im internationalen Vergleich am untersten Level."

Quelle: ebda., S. 18
 

spflegerle

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So lange Personalbemessung mit irgendwelchen Durchschnittswerten und Mittelungen über längere (gerne frei wählbare) Zeiträume bestimmt wird, so lange wird sich an der inakzeptablen Arbeitsbelastung für Pflegekräfte nichts verbessern.

Es wird Zeit, dass wir alle gemeinsam auf die Straße gehen und dafür kämpfen, dass sich die Personalbemessung an der Anzahl der belegbaren Betten orientiert, also Personal vorausschauend zur Verfügung stellt und nicht rückwirkend irgendwelche Fantasie-Durchschnittswerte generiert.
Es hilft mir nämlich nichts, wenn ich zB auf der Intensivstation gerade 3 Betten frei habe und diese leeren Betten dann rückblickend irgendwelche hübschen Durschnittswerte ergeben. Wenn ich heute für diese 3 Betten kein Personal vor Ort habe, dann kann ich sie heute nicht belegen. Basta.
 
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spflegerle

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Die Lösung heisst also: Betten frei lassen, bis das notwendige Personal eingestellt und eingearbeitet ist. Dass das funktioniert hat ja die Covid19-Krise gerade schön bewiesen: kein Anstieg der Sterblichkeit in Deutschland durch Bettensperrungen und drastische Verringerung von Krankenhausleistungen. Die Lüge, das System würde zusammenbrechen, wenn man eine große Zahl Betten unbelegt lässt um die Arbeitsbelastung der Pflegekräfte zu minimieren, ist enlarvt. Es geht nur um Einnahmeverluste der Häuser. Ein andere Finanzierung des Gesundheitssystems muss also her.

Ihr Politiker, die ihr uns gerade alle als systemrelevant bezeichnet habt, wo bleiben eure Vorschläge für eine grundlegende Reform des Gesundheitswesens? Jetzt wäre die Gelegenheit, um zu beweisen, dass ihr es ernst gemeint habt...
 
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