Zwischenprüfung nach Plan B

Dieses Thema im Forum "Talk, Talk, Talk" wurde erstellt von valentina-a, 26.06.2011.

  1. valentina-a

    valentina-a Junior-Mitglied

    Registriert seit:
    24.05.2007
    Beiträge:
    51
    Zustimmungen:
    1
    Beruf:
    Krankenschwester
    Akt. Einsatzbereich:
    ambulante Pflege
    Funktion:
    TQM-Auditorin
    Durch den obigen Beitrag „Patientin verstirbt bei praktischem Examen“ wurde ich an meine Zwischenprüfung, die übrigens schon fast dreißig Jahre her ist, erinnert. Mein Patient ist zwar nicht verstorben, die Prüfung verlief aber dennoch absolut nicht nach meinen Vorstellungen. Mir brach der Angstschweiß aus und ich musste schwer improvisieren.
    Heute muss ich grinsen, wenn ich daran denke. Durch solche Situationen lernt man fürs Leben: In der Theorie kann man alles noch so gut planen, in der Praxis kommt alles anders!
    Gruß
    Valentina :cheerlead:


    Die Prüfer, ein Lehrer meiner Krankenpflegeschule und die Pflegedienstleiterin der internistischen Station wurden von mir um 7 Uhr auf der Station erwartet.
    Mein Dienst hatte bereits um 6 Uhr begonnen und ermöglichte es mir, mit der zuständigen Nachtschwester zu reden, die keine besonderen Vorkommnisse bei Herrn Mayer erwähnte. Ich hatte Zeit, die benötigten Utensilien vorzubereiten und Herrn Mayer zu begrüßen, der wach und ansprechbar in seinem Bett lag. Ich erinnerte ihn daran, dass wir wegen meiner Waschprüfung bald zu ihm kommen würden, und er zwinkerte mir freundlich zu.
    Jetzt konnte nichts mehr schief gehen, dachte ich und erwartete das Prüfungskomitee.
    Nach ihrem Eintreffen informierte ich sie über das Krankheitsbild des Patienten, über die Verordnungen, die ich durchführen wollte und über meinen geplanten Arbeitsablauf.
    Gemeinsam betraten wir das Zimmer von Herrn Mayer.
    Ich dachte, mich trifft der Schlag!
    Herr Mayer lag im Bett und schnarchte. Rütteln und Schütteln half nicht, er schlief weiter und schnarchte wie ein Holzfäller, während mir der Schweiß ausbrach.
    Ursprünglich hatte ich vorgehabt, Herrn Mayer in alle pflegerischen Tätigkeiten mit einzubeziehen, außerdem hatte ich auf seine Mithilfe gehofft. Doch daraus wurde nun nichts, ich musste improvisieren. Planmäßig führte ich die Grundpflege im Bett durch, informierte bei jeder Aktion meinen Patienten über jeden meiner Schritte „Herr Mayer, ich wasche Ihnen jetzt den Rücken“, „Herr Mayer, ich ziehe Ihnen jetzt die Antithrombosestrümpfe an“ oder „So, Herr Mayer, ich rasiere Sie jetzt“ und kam mir ziemlich bescheuert vor, denn das Einzige, was der Patient erwiderte, war ein immer lauter werdendes Schnarchen. Außerdem lag er wie ein nasser Sack im Bett und ich musste meine Prüfer ständig um Mithilfe bitten, denn alleine hätte ich diese Ganzwaschung nie bewältigen können.
    Völlig verzweifelt verließ ich später mit meinen grinsenden Prüfern das Zimmer. Diese interessierten sich besonders dafür, warum sich mein Patient im Tiefschlaf befand, und ich erkundigte mich deshalb bei der Stationsschwester, die aber auch keine weiteren Informationen hatte. In der Patientenakte war zunächst keine Eintragung zu finden, erst beim gemeinschaftlichen Durchsuchen entdeckten wir auf einem falsch abgehefteten Berichteblatt, dass Herr Mayer um 4.30 Uhr (!) wegen starker Unruhe zusätzlich ein leichtes Beruhigungsmittel von der Nachtschwester erhalten hatte.
    Na, bravo!

    Im Nachgespräch wurde mir diese wichtige Informationslücke von meinen Prüfern natürlich angekreidet. Positiv bewertet wurden die Durchführung der Grundpflege und dass ich mich, trotz der geistigen Abwesenheit des Patienten, an den Plan gehalten hatte, ihn in alle Vorgänge mit einzubeziehen.
    Ich war froh, als alles vorbei war.
    Herr Mayer erwachte kurz vor Ende meines Frühdienstes und konnte sich an nichts mehr erinnern.
    Vielleicht war es auch besser so.
    Die Zwischenprüfung bestand ich trotzdem.
     
  2. narde2003

    narde2003 Board-Moderation
    Mitarbeiter

    Registriert seit:
    27.07.2005
    Beiträge:
    13.280
    Zustimmungen:
    63
    Beruf:
    FGuKP I&I, Praxisanleiterin DKG,Wundassistent WaCert DGfW, Rettungsassistentin, Diätassistentin
    Ort:
    München
    Akt. Einsatzbereich:
    HOKO
    Funktion:
    Leitung HOKO
    Du hast mich gerade an meine Abschlussprüfung erinnert - auch schon so 2 bis 3 Tage vorüber. Was war ich stolz, dass ich auf Intensiv meine praktische Prüfung ablegen durfte.
    Am Vortag der praktischen Prüfung, merkte ich schon, dass das wohl doch nicht sooo der Hit war, aber egal - ich, jung, dynamisch und erfolgreich würde das schon hinbekommen:verwirrt:
    Normalerweise gibt es ja auch auf Intensivstationen Patienten die sich für Schüler eignen, da Murphey bei Prüfungen unweigerlich zuschlägt, war natürlich die Auswahl eher bescheiden. Entweder waren die Patienten beatmet oder zu wackelig ob sie am nächsten Tag noch auf Intensiv liegen würden, oder aber zur Prüfungszeit sich im OP oder sonstwo befinden würden.

    Übrig blieben zwei Patienten, wovon meine Hauptpatientin neu auf Station war - eine SAB-Blutung mit allem Schnickschnack was man sich nur wünschen kann, selbstverständlich auch verwirrt, aber Florence Nightingale jr. würde sich der Herausforderung stellen.
    Patient Nr. 2, ein Amerikaner mit TVT über 3 Etagen an beiden Beinen und Lysetherapie. Eigentlich ein optimaler Patient, ich sollte bei ihm nur die Beine wickeln und die Lyse vorbereiten, sowie Waschschüssel stellen, Rücken waschen und Frühstück servieren.
    Der Herr hatte den ganzen Tag den TV laufen und sprach auch nur englisch - für mich kein Problem, da auch ich die Sprache etwas beherrschte, zumindest deutlich besser als meine Prüfer.

    Zu meiner ganz besonderen Ehre war auch eine Prüferin der Regierung mit dabei sowie eine angehende Lehrerin der Schule.

    Praktischerweise lagen beide Patienten nebeneinander in einer zweier Box - alle Freunde der Intensiv wissen um die grosszügigen Platzverhältnisse.

    So wurden diese beiden Patienten für mich erwählt - Frau SAB war die Hauptpatientin, für die es die ausführliche Pflegeplanung zu schreiben galt.
    Man erstelle bitte eine Pflegeanamnese wenn die Patientin doch sehr verwirrt ist, der sinnvollen Nutzung der Sprache nicht mächtig durch den Krankheitszustand und von Angehörigen keine Spur (wo sind sie nur wenn man sie braucht?).

    Dennoch habe ich eine wunderschöne Pflegeplanung incl. Ablaufplanung für meine beiden Patienten geschrieben.
    Da der Teufel bekanntlich im Detail steckt, auch alle Verbände von Zugängen neu gemacht am Nachmittag um böse Überraschungen zu vermeiden.
    Murphey war auch hier wieder am Werk, in Form einer dynamischen Nachtschwester, die all meine frisch verbundenen Zugänge neu gemacht hat, nach ihrer Methode...

    Am Tag der praktischen Prüfung, morgens um 6 Uhr war die Welt noch in Ordnung, gut von meinem vorbereitetenden Pflegewagen hatte sich schon einiges an Material verselbständigt, aber dafür kommt man an solchen Tagen praktisch früher.

    Bei der Übergabe war auch noch alles perfekt, die Damen lauschten ergeben meinen Erzählungen.
    Wir näherten uns dem Patienten und dann nahm das Drama seinen Lauf.

    Frau SAB war über Nacht aufgeklart und entsprach allem anderen als der Dame die ich gerade geschildert hatte und passte beim besten Willen nicht in ihre Pflegeplanung. Sie hatte ihre Sprache wieder gefunden, war wach klar und äusserst kooperativ, konnte bei der Grundpflege weit mehr als meine Pflegeplanung für sie vor sah - doof für mich, aber gut, da muss man durch, freuen wir uns doch wenn es den Patienten gut geht:razz1:

    Richtig schlimm wurde es, als ich die Dame fragte was sie zum Frühstück bevorzuge Kaffee oder Tee?
    Tee trinke sie immer und zwar Bärentraubenblättertee :angry: Florence Nightingale sen. hätte damit sicher keine Probleme gehabt und das Getränk aus dem Ärmel geschüttelt, ich jedoch stand sprachlos bzw. stammelend vor der Dame und meinte nur totat entsetzt: WAS???? Fröhlich wiederholte Frau SAB sie trinke seit 40 Jahren jeden morgen eine Tasse Bärentraubenblättertee.
    Solche Wünsche in der Prüfung und die Gedanken kreisen nur noch um Bärentraubenblättertee - alles andere ist weg.

    Patient Amerika wurde von mir problemlos versorgt wir haben uns trotz laufendem TV gut unterhalten, und für die Damen das Wichtigste übersetzt.

    Als es um die Verbände ging, war ich dann erneut am Ende. Die nächtliche Kollegin hatte meine Verbände erneuert und fieserweise so fixiert, dass ich erstmal eine VVK gezogen habe, weil die sowas von doof fixiert war, dass beim Lösen des Pflasters die gleich mit rausgerutscht war, weil Frau Kollegin die VVK mit Leukoplast zusätzlich fixiert hatte, dieses unter dem VVK-Pflaster geklebt war und von aussen nicht ersichtlich war - was war ich ihr dankbar, das war ja nur der Patient ohne Gerinnung bei Lyse.
    Die Lyse war natürlich auch hinterhältig und schäumte unheimlich beim Auflösen, genauso wie der Arzt der eine neue VVK legen durfte.

    In der Reflexion war ich dann nur noch fertig und wusste überhaupt nicht wie ich mich einschätzen sollte - in meinen Augen war ich eh durchgefallen.
    Mein Fanclub fragte dann auch noch, warum ich den Bärentraubenblättertee nicht berücksichtigt habe. Die hatten mir nichtmal zu Gute gehalten, dass ich noch teleniert habe um diesen Tee im Haus zu ergattern, nein, das bringt das Zeitmanagement nicht aus dem Konzept, überhaupt nicht.

    Ausserdem wurde ich gefragt, wie ich meine PP einschätze - ähm ja, die passt jetzt nimmer ganz so zur Patientin:razz1:
    Warum Herr America den TV laufen hatte und ich ihn nicht ausgeschlatet habe - den hatte ich in meine PP nämlich eingeplant und schon bei der Übergabe gesagt, dass dies die Bedingung des Patienten war sich als Prüfungspatient anzubieten - der TV muss weiterlaufen.

    Langer Rede - kurzer Sinn: Bestanden habe ich, wenn auch nur mit einer 2 im praktischen. Interessiert hat sich bis heute niemals jemand für meine praktische Note und ich war mir doch sowas von sicher, dass ich durchgefallen war.
     
  3. Marty

    Marty Poweruser

    Registriert seit:
    10.01.2010
    Beiträge:
    1.009
    Zustimmungen:
    12
    Beruf:
    krankenschwester und diplompsychologin
    Akt. Einsatzbereich:
    unavailable...
    He, ihr Zwei,
    jetzt hab ich gute Laune! :flowerpower:
     
  4. anästhesieschwester

    Registriert seit:
    19.05.2007
    Beiträge:
    1.006
    Zustimmungen:
    16
    Beruf:
    Krankenschwester, B.Sc. Health Care Studies
    Bei mir hatten die Prüferin und meine Nebenpatientin, eine seit Jahren stabil mit Insulin eingestellte Diabetikerin, einen handfesten Streit über die "richtigen" Zeiten der Insulingabe :streit:
    Leider waren beide recht wortgewandt... :motzen:
    Wenn das nicht gerade mein Examen gewesen wäre, ich hätte Tränen gelacht, aber so hat mich das ganze völlig aus dem Konzept gebracht. Aber bestanden hab ich trotzdem!


    Gruß
    Die Anästhesieschwester
     
  5. QuasiModo

    QuasiModo Newbie

    Registriert seit:
    24.06.2011
    Beiträge:
    1
    Zustimmungen:
    0
    Beruf:
    Krankenschwester
    Akt. Einsatzbereich:
    ambulante Pflege
    Funktion:
    Qualitätsbeauftragte
    Hihi, lustiger Thread, da werden schlagartig Erinnerungen wach!
    Mein Patient war am Prüfungstag einfach verschwunden. Erst sind wir durch das ganze Haus und den Garten gerannt, dann haben wir sogar die Polizei verständigt.
    Nach zwei Stunden wurde er ziemlich verwirrt, aber ansonsten wohlauf, im Keller aufgefunden.
    Auf solche Stresssituationen kann man im Examen gerne verzichten, aber leider kommen sie vor.
    Heute kann ich auch über mein dummes Gesicht, das ich gemacht haben muss, lachen, aber ich kann noch genau beschreiben, wie hilflos (warum passiert das ausgerechnet mir?) ich mich damals gefühlt habe.
    QuasiModo
     
Die Seite wird geladen...
Ähnliche Themen - Zwischenprüfung nach Plan Forum Datum
Anatomie in Zwischenprüfung? Rund um die Abschlussprüfung (Examen) 05.04.2015
Praktische Zwischenprüfung Rund um die Abschlussprüfung (Examen) 06.03.2015
Zwischenprüfung: Fachlichkeit und Musterlernplan? Ausbildungsinhalte 08.01.2015
Durchhänger und Zwischenprüfung Ausbildungsinhalte 07.11.2013
Erstes Ausbildungsjahr und Zwischenprüfungen? Ausbildungsinhalte 19.08.2013

Diese Seite empfehlen

  • Über uns

    Unsere Online Community für Pflegeberufe ist eine der ältesten und mitgliederstärksten im deutschsprachigen Raum (D/A/CH) und wir sind stolz darauf, dass wir allen an der Pflege Interessierten seit dem Jahr 2000 eine Plattform für unvoreingenommene, kritische Diskussionen unter Benutzern unterschiedlicher Herkunft und Ansichten anbieten können. Wir arbeiten jeden Tag mit Euch gemeinsam daran, um diesen Austausch auch weiterhin in einer hohen Qualität sicherzustellen. Mach mit!

    ©2000-2016 - www.krankenschwester.de - Die Online Community für Pflegeberufe

  • Schnellnavigation

    Öffne die Schnellnavigation

  • Unterstützt uns!

    Unser Team von www.krankenschwester.de arbeitet jeden Tag daran, dass einerseits die Qualität sichergestellt wird, um kritische und informative Diskussionen zuzulassen, andererseits die technische Basis (optimale Software, intuitive Designs) anwenderorientiert zur Verfügung gestellt wird. Das alles kostet viel Zeit und Geld, deshalb freuen wir uns über jede kleine Spende!

Ich stimme zu Weitere Information

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.