Wie soll ich mit Patienten umgehen, deren Weltanschauung ich nicht teile?

Dieses Thema im Forum "Talk, Talk, Talk" wurde erstellt von aquarius2, 27.10.2013.

  1. aquarius2

    aquarius2 Poweruser

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    :gruebel:Also ich stelle mal eine Frage zur Diskussion, wie geht ihr mit Patienten um, deren Weltanschauung ihr nicht teilt. Ich habe mich gerade so aufgeregt, es ging um ältere Leute, die rassisctisch denken, aber es gibt ja auch so viele andere Menschen, die in das Raster fallen, zum Beispiel der Straftäter, der vielleicht ein Kind mißbraucht hat, oder der Rechtsradikale, oder oder oder.
    Soll der Pflegende seine Weltanschauung hintenanstellen und sagen, ich verhalte mich neutral und pflege professionell oder was?
     
  2. renje

    renje Poweruser

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    Da kann ich dir ganz klar und eindeutig Anworten.

    Ja - denn dafür werde ich Bezahlt.

    Meine Weltanschauung interessiert in diesem Zusammenhang niemand, die Weltanschauung meines Bankberaters ineressiert mich auch nicht oder meiner Physiotherapeutin.
     
  3. Elisabeth Dinse

    Elisabeth Dinse Poweruser

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    Wenn ich die Pflege ablehne, weil ich die Weltanschauung nicht teile- begebe ich mich dann nicht auf dasselbe Niveau? Für mich gibt es da keine Frage: wer Hilfe braucht, bekommt sie. Stichwort: Nähe und Distanz.

    Elisabeth
     
  4. Maniac

    Maniac Poweruser

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  5. Lillii

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    Solang es mich nicht persönlich betrifft, kann ICH neutral an die Sache herangehen und so kann ich auch professionell arbeiten und pflegen.
    Wenn es jedoch Probleme gibt (sei es die "Weltanschauung, Überforderung oder welche auch immer) sind ältere / erfahrerene Kollegen immer zu Stelle, auch in der Schicht, die Patienten zu "wechseln" oder zu unterstützen.
     
  6. Fleschor_Max

    Fleschor_Max Poweruser

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    Naja, es geht ja nicht um die Weltanschauung der Alten, sondern darum wenn sie rassistische Äußerungen machen. Da werden ja oft handfeste Straftatbestände wie Beleidigung und Volksverhetzung einfach so ignoriert. Und klar, wenn ein Nazi zu mir sagt: du dreckige Zecke, und der hat keine Erkrankung des Gehirns und ist noch geschäftsfähig, dann darf man den wohl durchaus anzeigen.

    Wenn der Nazi nur sein Hakenkreuz auf der Brust hat oder ein T-Shirt an, dann pflege ich ihn wie jeden anderen. Sollte er aber entsprechende rassistische Äußerungen tätigen, dann werde ich mir das natürlich verbitten und im Zweifel wenns strafrechtlich relevant ist, auch entsprechend Anzeige erstatten. Nur weil jemand Patient ist, ist er nicht ja nicht unzurechnungsfähig.

    Und wenn der Nazi auf Station nur einen indigenen Arzt fordert, dann werd ich ihm vllt. nicht versuchen zu überzeugen, mal etwas nachzudenken, aber ich werd ihm sicher nicht absichtlich nen indigenen Arzt schicken, sondern er bekommt den Arzt, den alle bekommen.
     
  7. aquarius2

    aquarius2 Poweruser

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    Beleidigen lasse ich mich auch nicht. Nur ab und zu kommen eben Patienten auf unsere Abteilung, die das Team polarisieren. Ich lege auch keinen gesteigerten Wert auf Diskussionen. Wer glaubt, er müsse eine bestimmte politische Einstellung haben oder Teile der Bevölkerung als minderwertig abstuft der hat eins, der hat es nötig, ich nicht!
    Ist ein Patient an Demenz erkrankt dann kann er sowieso nichts neues mehr lernen. Dummerweise erinnern sich diese Leute oft an solche Zeiten, wenn sie da jung waren.
    Neonazis oder Mitglieder der rechten Szene werde ich auch nicht umdrehen können. Mit denen habe ich aber nur wenige Erfahrungen, die die ich erlebt habe waren bei mir nicht auf Krawall gebürstet, die waren froh, dass ich sie versorgt habe. Komischerweise haben die sich auch bei Kollegen und Ärzten die nicht deutsch waren sehr zurückgehalten.
     
  8. Elisabeth Dinse

    Elisabeth Dinse Poweruser

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    Warum muss Pflege eigentlich jede Äußerung auf sich persönlich beziehen? Distanz bedeutet auch, sich von solchen Äußerungen zu distanzieren- darüber zu stehen.

    Ich denke, viel hängt damit zusammen, wie man selber zu seinem Beruf steht. Wer immer einen dankbaren und wertschätzenden Patienten/Pglegebedürftigen erwartet, wird ganz schnell scheitern.

    Weltanschauung fängt übrigens net erst bei Rassismus an. Ich zähle auch die Feindlichkeit im eigenen Land dazu. Stichwort: Solibeitrag, Länderfinanzausgleich, usw.. Da hab ich mir auch schon so einiges anhören dürfen. Und dann wird eben ohne Empathie ausschließlich der Körper gepflegt und keine Diskussion angefangen.

    Elisabeth
     
  9. squaw

    squaw Poweruser

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    Wie man mit Patienten umgeht, deren Weltanschauung man nicht teilt? Sachlich, freundlich, respektvoll. Professionell eben. Ihre Weltanschauung ist ihre, meine ist meine. Das Eine hat mit dem Anderen nichts zu tun.
     
  10. aquarius2

    aquarius2 Poweruser

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    Hallo, heute hatten wir eine Supervision, die ging um das Thema, man wurde heftig diskutiert.
     
  11. squaw

    squaw Poweruser

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    Und, was kam raus?
     
  12. karola1

    karola1 Stammgast

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    Eine Supervision zeichnet sich u.a. dadurch aus, daß Inhalte und Gesagtes nicht "den Raum" verlassen. Wer weiß denn schon, wer hier mitliest an Kollegen. Ich würde mich verraten fühlen und keine Supervision mehr besuchen, wenn ich wüsste, daß doch "getratscht" wird. Der Tratscher / die Tratscherin lässt sich ja leicht zuordnen bei dem Thema...
     
  13. squaw

    squaw Poweruser

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    danke für die belehrung, karola1. Sooo genau wollt ich das ja nun auch nicht wissen...
     
  14. monaluna

    monaluna Poweruser

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    Schwieriges Thema... meistens professionell, heisst freundlich und nicht weiter drauf eingehen, man kann ja über andere Themen reden. Ich hatte einen Fall in der Psychiatrie da hatten wir nen 21 jährigen zur Wiedereingliederung nach einem Strafvollzug der seinen Nachbarsjungen mit 16 erstochen hat, weil er sehen wollte wie es so ist wenn einer stirbt. Ehrlich gesagt, war ich nicht professional, ich habe ihn behandelt, aber keine weiteren Gesprächen mit ihm geführt. Eines Tages fragte er mich ob ich ein Problem mit ihm habe. "Ja habe ich, und hier sind noch andere Kollegen die die behandeln, pflegen können, bitte gehe zu ihnen. " Ich weiss durchaus das das nicht professional war/ist, aber mit knapp 20 Jahren war ich halt nich reif genug, das zutreten.... das ist auch ein Grund warum ich niemals in der Forensik arbeiten könnte! NIEMALS!

    Bei uns hier im KH, sind wir für die Versorgung des Gefaengniss mitverantwortlich. Wir wissen nie was die Jungs getan haben, sie kommen grundsätzlich in 4 Punkt Sicherung und mit zwei schwerbewaffneteten Beamten... sie erfahren nicht unsere Namen etc.... mit ihnen komme ich gut aus, ich sehe sie wirklich nur als Pt. und behandle sie so. Wüsste ich was sie getan haben, hätte ich es schwerer.

    Andere Weltanschauengen lasse ich meistens so stehen wie sie sind... in einem von Republikaner beherrschten Staat, ist das als Liberal eingstellte KS auch besser :D und als Gast in einem fremden Land sowieso.
    Wenn mir aber jemand Kollegen als "Nigger oder ähnliches beschimpft, mache ich meinen Mund auf... freie Meinungsaeuserung hört da auf, wo sie andere einschränkt.


    Wir hatten hier nach dem Bostonanschlag eine interessante Diskussion, was würdet ihr tun, wenn der Attentäter auf euerer Station liegt und im Nachbarzimmer die jungen Menschen um ihre Gliedmassen und Leben kämpfen... Natürlich sagt jeder professional handeln, aber leicht ist das nicht! Ich versuche jeden Tag meine Pt. nicht zu beurteilen, sondern den Menschen so anzunehmen wie er ist... egal ob dick oder dünn, Trinker Raucher oder andere Weltanschauung ... aber ich bin auch nur ein Mensch! Meine Arbeit werde ich immer tun, aber ob ich das letzte Quentchen Zuneigung und Empathie jedem entgegenbringen kann, sei dahingestellt.

    Auf zum Nachtdienst
     
  15. Nincha

    Nincha Newbie

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    Wie geht man mit Patienten um, deren Weltanschauung man nicht teilt?
    Ich finde Carl Rogers hat gute Ansätze mit solchen Patienten umzugehen (Patientenzentrierte Gesprächsführung):
    -Echtheit
    -positive Wertschätzung
    -Empathie

    Natürlich ist das in der Praxis nicht immer wirklich so umsetzbar, das ist mir auch klar. Aber gerade was die poitive Wertschätzung angeht, finde ich, dass man das durchaus umsetzen kann.
    Wie hatten damals als Beispiel einen Patienten, der Kinder missbraucht hat und in die Psychatrie kam. Wertschätzen kann man seine Taten bestimmt nicht. Jedoch kann man durchaus wertschätzen, dass er zur Therapie geht, vielleicht sogar sein Problem /Krankheit erkennt, sich gar ändern/daran arbeiten will.

    Schon klar, alles ist einfacher gesagt als getan - aber den Ansatz an sich hilft mir perönlich das ein oder andere Mal.
     
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