Wie soll ich mit Patienten umgehen, deren Weltanschauung ich nicht teile?

aquarius2

Poweruser
Mitglied seit
15.09.2006
Beiträge
879
Standort
München
Beruf
Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensiv
Akt. Einsatzbereich
Interdisziplinäre Intensivstation
Funktion
Gerätebeauftragte
:gruebel:Also ich stelle mal eine Frage zur Diskussion, wie geht ihr mit Patienten um, deren Weltanschauung ihr nicht teilt. Ich habe mich gerade so aufgeregt, es ging um ältere Leute, die rassisctisch denken, aber es gibt ja auch so viele andere Menschen, die in das Raster fallen, zum Beispiel der Straftäter, der vielleicht ein Kind mißbraucht hat, oder der Rechtsradikale, oder oder oder.
Soll der Pflegende seine Weltanschauung hintenanstellen und sagen, ich verhalte mich neutral und pflege professionell oder was?
 

renje

Poweruser
Mitglied seit
16.08.2009
Beiträge
3.528
Standort
Bayern
Beruf
GuK, RA, KHbetrw.
Akt. Einsatzbereich
Angestellt
...ich verhalte mich neutral und pflege professionell...
Da kann ich dir ganz klar und eindeutig Anworten.

Ja - denn dafür werde ich Bezahlt.

Meine Weltanschauung interessiert in diesem Zusammenhang niemand, die Weltanschauung meines Bankberaters ineressiert mich auch nicht oder meiner Physiotherapeutin.
 

Elisabeth Dinse

Poweruser
Mitglied seit
29.05.2002
Beiträge
19.811
Beruf
Krankenschwester, Fachkrankenschwester A/I, Praxisbegleiter Basale Stimulation
Akt. Einsatzbereich
Intensivüberwachung
Wenn ich die Pflege ablehne, weil ich die Weltanschauung nicht teile- begebe ich mich dann nicht auf dasselbe Niveau? Für mich gibt es da keine Frage: wer Hilfe braucht, bekommt sie. Stichwort: Nähe und Distanz.

Elisabeth
 

Lillii

Poweruser
Mitglied seit
06.01.2013
Beiträge
437
Beruf
Gesundheits- und Krankenpflegerin, Rettungsassistentin
Akt. Einsatzbereich
Rettungsdienst
Solang es mich nicht persönlich betrifft, kann ICH neutral an die Sache herangehen und so kann ich auch professionell arbeiten und pflegen.
Wenn es jedoch Probleme gibt (sei es die "Weltanschauung, Überforderung oder welche auch immer) sind ältere / erfahrerene Kollegen immer zu Stelle, auch in der Schicht, die Patienten zu "wechseln" oder zu unterstützen.
 

Fleschor_Max

Poweruser
Mitglied seit
05.02.2012
Beiträge
899
Beruf
GuKPfl, Student BScN
Akt. Einsatzbereich
innere ITS
Soll der Pflegende seine Weltanschauung hintenanstellen und sagen, ich verhalte mich neutral und pflege professionell oder was?
Naja, es geht ja nicht um die Weltanschauung der Alten, sondern darum wenn sie rassistische Äußerungen machen. Da werden ja oft handfeste Straftatbestände wie Beleidigung und Volksverhetzung einfach so ignoriert. Und klar, wenn ein Nazi zu mir sagt: du dreckige Zecke, und der hat keine Erkrankung des Gehirns und ist noch geschäftsfähig, dann darf man den wohl durchaus anzeigen.

Wenn der Nazi nur sein Hakenkreuz auf der Brust hat oder ein T-Shirt an, dann pflege ich ihn wie jeden anderen. Sollte er aber entsprechende rassistische Äußerungen tätigen, dann werde ich mir das natürlich verbitten und im Zweifel wenns strafrechtlich relevant ist, auch entsprechend Anzeige erstatten. Nur weil jemand Patient ist, ist er nicht ja nicht unzurechnungsfähig.

Und wenn der Nazi auf Station nur einen indigenen Arzt fordert, dann werd ich ihm vllt. nicht versuchen zu überzeugen, mal etwas nachzudenken, aber ich werd ihm sicher nicht absichtlich nen indigenen Arzt schicken, sondern er bekommt den Arzt, den alle bekommen.
 

aquarius2

Poweruser
Mitglied seit
15.09.2006
Beiträge
879
Standort
München
Beruf
Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensiv
Akt. Einsatzbereich
Interdisziplinäre Intensivstation
Funktion
Gerätebeauftragte
Beleidigen lasse ich mich auch nicht. Nur ab und zu kommen eben Patienten auf unsere Abteilung, die das Team polarisieren. Ich lege auch keinen gesteigerten Wert auf Diskussionen. Wer glaubt, er müsse eine bestimmte politische Einstellung haben oder Teile der Bevölkerung als minderwertig abstuft der hat eins, der hat es nötig, ich nicht!
Ist ein Patient an Demenz erkrankt dann kann er sowieso nichts neues mehr lernen. Dummerweise erinnern sich diese Leute oft an solche Zeiten, wenn sie da jung waren.
Neonazis oder Mitglieder der rechten Szene werde ich auch nicht umdrehen können. Mit denen habe ich aber nur wenige Erfahrungen, die die ich erlebt habe waren bei mir nicht auf Krawall gebürstet, die waren froh, dass ich sie versorgt habe. Komischerweise haben die sich auch bei Kollegen und Ärzten die nicht deutsch waren sehr zurückgehalten.
 

Elisabeth Dinse

Poweruser
Mitglied seit
29.05.2002
Beiträge
19.811
Beruf
Krankenschwester, Fachkrankenschwester A/I, Praxisbegleiter Basale Stimulation
Akt. Einsatzbereich
Intensivüberwachung
Warum muss Pflege eigentlich jede Äußerung auf sich persönlich beziehen? Distanz bedeutet auch, sich von solchen Äußerungen zu distanzieren- darüber zu stehen.

Ich denke, viel hängt damit zusammen, wie man selber zu seinem Beruf steht. Wer immer einen dankbaren und wertschätzenden Patienten/Pglegebedürftigen erwartet, wird ganz schnell scheitern.

Ein schwieriger Patient ist für mich ein Patient der mir meine Grenzen aufzeigt, zu dem ich emotional keinen Zugang finde, bei dem ich keinen Erfolg habe, bei dem ich Frustration erlebe.
Er stellt das Wertesystem des Pflegeberufes infrage. Das Helfen-Müssen wird von ihm infrage gestellt.

Ganz innen drinne fühle ich „das Gute“, dies ist meine Autoritätsgrundlage
Wer sich mir widersetzt, widersetzt sich dem Guten.

Wenn ich angespannt bin und mich gestresst fühle, denke ich oft: Wieso stellt er sich nur so an, ich will ihm doch nur Gutes. Wenn ich meine klaren Tage habe, weiß ich, dass ich ihm etwas anbiete und er das Recht hat, es anzunehmen oder nicht. …
Den schwierigen Patienten gibt es nicht, es gehören immer zwei dazu.

Aus Der Schwierige Patient von G. Kowarowsky
Weltanschauung fängt übrigens net erst bei Rassismus an. Ich zähle auch die Feindlichkeit im eigenen Land dazu. Stichwort: Solibeitrag, Länderfinanzausgleich, usw.. Da hab ich mir auch schon so einiges anhören dürfen. Und dann wird eben ohne Empathie ausschließlich der Körper gepflegt und keine Diskussion angefangen.

Elisabeth
 

squaw

Poweruser
Mitglied seit
17.02.2011
Beiträge
1.810
Wie man mit Patienten umgeht, deren Weltanschauung man nicht teilt? Sachlich, freundlich, respektvoll. Professionell eben. Ihre Weltanschauung ist ihre, meine ist meine. Das Eine hat mit dem Anderen nichts zu tun.
 

aquarius2

Poweruser
Mitglied seit
15.09.2006
Beiträge
879
Standort
München
Beruf
Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensiv
Akt. Einsatzbereich
Interdisziplinäre Intensivstation
Funktion
Gerätebeauftragte
Hallo, heute hatten wir eine Supervision, die ging um das Thema, man wurde heftig diskutiert.
 

karola1

Stammgast
Mitglied seit
21.03.2008
Beiträge
212
Standort
Weinstraße
Beruf
Fachkinderkrankenschwester
Akt. Einsatzbereich
Neo-Intensiv
Und, was kam raus?
Eine Supervision zeichnet sich u.a. dadurch aus, daß Inhalte und Gesagtes nicht "den Raum" verlassen. Wer weiß denn schon, wer hier mitliest an Kollegen. Ich würde mich verraten fühlen und keine Supervision mehr besuchen, wenn ich wüsste, daß doch "getratscht" wird. Der Tratscher / die Tratscherin lässt sich ja leicht zuordnen bei dem Thema...
 

squaw

Poweruser
Mitglied seit
17.02.2011
Beiträge
1.810
danke für die belehrung, karola1. Sooo genau wollt ich das ja nun auch nicht wissen...
 

monaluna

Poweruser
Mitglied seit
02.10.2006
Beiträge
970
Beruf
Krankenschwester RN
Schwieriges Thema... meistens professionell, heisst freundlich und nicht weiter drauf eingehen, man kann ja über andere Themen reden. Ich hatte einen Fall in der Psychiatrie da hatten wir nen 21 jährigen zur Wiedereingliederung nach einem Strafvollzug der seinen Nachbarsjungen mit 16 erstochen hat, weil er sehen wollte wie es so ist wenn einer stirbt. Ehrlich gesagt, war ich nicht professional, ich habe ihn behandelt, aber keine weiteren Gesprächen mit ihm geführt. Eines Tages fragte er mich ob ich ein Problem mit ihm habe. "Ja habe ich, und hier sind noch andere Kollegen die die behandeln, pflegen können, bitte gehe zu ihnen. " Ich weiss durchaus das das nicht professional war/ist, aber mit knapp 20 Jahren war ich halt nich reif genug, das zutreten.... das ist auch ein Grund warum ich niemals in der Forensik arbeiten könnte! NIEMALS!

Bei uns hier im KH, sind wir für die Versorgung des Gefaengniss mitverantwortlich. Wir wissen nie was die Jungs getan haben, sie kommen grundsätzlich in 4 Punkt Sicherung und mit zwei schwerbewaffneteten Beamten... sie erfahren nicht unsere Namen etc.... mit ihnen komme ich gut aus, ich sehe sie wirklich nur als Pt. und behandle sie so. Wüsste ich was sie getan haben, hätte ich es schwerer.

Andere Weltanschauengen lasse ich meistens so stehen wie sie sind... in einem von Republikaner beherrschten Staat, ist das als Liberal eingstellte KS auch besser :D und als Gast in einem fremden Land sowieso.
Wenn mir aber jemand Kollegen als "Nigger oder ähnliches beschimpft, mache ich meinen Mund auf... freie Meinungsaeuserung hört da auf, wo sie andere einschränkt.


Wir hatten hier nach dem Bostonanschlag eine interessante Diskussion, was würdet ihr tun, wenn der Attentäter auf euerer Station liegt und im Nachbarzimmer die jungen Menschen um ihre Gliedmassen und Leben kämpfen... Natürlich sagt jeder professional handeln, aber leicht ist das nicht! Ich versuche jeden Tag meine Pt. nicht zu beurteilen, sondern den Menschen so anzunehmen wie er ist... egal ob dick oder dünn, Trinker Raucher oder andere Weltanschauung ... aber ich bin auch nur ein Mensch! Meine Arbeit werde ich immer tun, aber ob ich das letzte Quentchen Zuneigung und Empathie jedem entgegenbringen kann, sei dahingestellt.

Auf zum Nachtdienst
 

Nincha

Newbie
Mitglied seit
19.10.2013
Beiträge
22
Beruf
Gesundheits- und Krankenpflegerin
Akt. Einsatzbereich
Kardiologische Überwachungs- und Intensivstation
Wie geht man mit Patienten um, deren Weltanschauung man nicht teilt?
Ich finde Carl Rogers hat gute Ansätze mit solchen Patienten umzugehen (Patientenzentrierte Gesprächsführung):
-Echtheit
-positive Wertschätzung
-Empathie

Natürlich ist das in der Praxis nicht immer wirklich so umsetzbar, das ist mir auch klar. Aber gerade was die poitive Wertschätzung angeht, finde ich, dass man das durchaus umsetzen kann.
Wie hatten damals als Beispiel einen Patienten, der Kinder missbraucht hat und in die Psychatrie kam. Wertschätzen kann man seine Taten bestimmt nicht. Jedoch kann man durchaus wertschätzen, dass er zur Therapie geht, vielleicht sogar sein Problem /Krankheit erkennt, sich gar ändern/daran arbeiten will.

Schon klar, alles ist einfacher gesagt als getan - aber den Ansatz an sich hilft mir perönlich das ein oder andere Mal.
 

Über uns

  • Unsere Online Community für Pflegeberufe ist eine der ältesten im deutschsprachigen Raum (D/A/CH) und wir sind stolz darauf, dass wir allen an der Pflege Interessierten seit mehr als 15 Jahren eine Plattform für unvoreingenommene, kritische Diskussionen unter Benutzern unterschiedlicher Herkunft und Ansichten anbieten können. Wir arbeiten jeden Tag mit Euch gemeinsam daran, um diesen Austausch auch weiterhin in einer hohen Qualität sicherzustellen. Mach mit!

Unterstützt uns!

  • Unser Team von www.krankenschwester.de arbeitet jeden Tag daran, dass einerseits die Qualität sichergestellt wird, um kritische und informative Diskussionen zuzulassen, andererseits die technische Basis (optimale Software, intuitive Designs) anwenderorientiert zur Verfügung gestellt wird. Das alles kostet viel Zeit und Geld, deshalb freuen wir uns über jede kleine Spende!