Wie richtig mit dem Tod eines Patienten umgehen?

Dieses Thema im Forum "Leben und Tod im Krankenhaus, Umgang mit Sterbenden" wurde erstellt von Coroa, 13.02.2012.

  1. Coroa

    Coroa Newbie

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    Hallo ihr Lieben,

    ich mache momentan in der Gastroenterologie ein Praktikum, bin auch schon vier Wochen dabei und es sind schon einige Patienten gestorben auch wenn ich da weder dabei war noch wirklich viel mit denen zu tun hatte.

    Nun ist aber am Wochenende eine Patientin verstorben mit der ich in der Woche davor sehr viel Zeit verbracht hatte, früh morgens waschen und lange Gespräche. Ich sehe sie förmlich noch vor mir. Sie war zwar krank aber noch voller lebensfreude. Auf der Arbeit als ich das erzählt bekommen habe kam bei mir keine Emotion hoch, ich war traurig aber mehr in einem "rationalen" Sinne.

    Also ich hab mehr gedacht wie traurig es ist als es gefühlt. Jetzt zu Hause abends kommen mir dann doch die Tränen :(

    Das ist meine erste richtige Konfrontation mit dem Tod eines Menschen und ich weiß nicht wirklich wie ich damit richtig umgehen soll. Tagsüber wars okay aber gerade fühl ich mich wirklich schlecht. Jetzt muss ich natürlich auch an eine andere Patientin denken die von uns auf die ITS ist und mit der ich ebenfalls sehr intensiv zu tun hatte.

    Nun halt meine Frage: Wie geht ihr damit um? Wie wahrt ihr die richtige Distanz? Wie trauert ihr um Menschen die im Endeffekt doch Fremde sind?

    Ich weiß ja es gibt kein Patentrezept aber ich würde mich einfach über eure Berichte freuen.

    Ganz liebe Grüße und schon mal danke für jede Antwort
    Cora
     
  2. -Claudia-

    -Claudia- Board-Moderation
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    Ein richtig oder falsch gibt es da nicht. Es wird immer wieder Patienten geben, die die Schranken der professionellen Distanz durchbrechen und tiefer unter die Haut gehen. Das geht mir ab und zu noch so - und ich arbeite seit zehn Jahren mit palliativen Patienten.

    Hast Du jemanden auf Station, mit dem Du darüber reden kannst? Praxisanleiter, Stationsleitung, eine Kollegin zu der Du einen Draht hast?
     
  3. Coroa

    Coroa Newbie

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    Weder zur den Praxisanleitern noch zur Stationsleitung habe ich wirklich einen Draht aber ich habe eine Schwester mit der ich mich sehr gut verstehe. Ich hoffe nur ich schaffe es morgen sie in all dem Trubel auch anzusprechen.

    Ich weiß zwar rational das das Müll ist so zu denken und fühlen aber irgendwo komm ich mich auch dämlich vor das mir der Tod einer Patientin die ich doch nur recht kurz gekannt habe so unter die Haut geht.
     
  4. Fleschor_Max

    Fleschor_Max Poweruser

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    Nein, das ist kein Müll. Bei manchen Patienten packt es mich auch noch, und ich denke mir: das wäre jetzt wirklich nicht nötig gewesen.

    Bei anderen Patienten, die gehen dürfen, steht man aber auch am Bett und fragt den (oft soporös/komatösen) Patienten "Mensch, was wollen sie denn noch hier".
    Manchen Patienten wünscht man es. Ich kann mich da teils auch für Pat. freuen. Wenn es z.B. sehr stolze alte Damen sind, die viel wert auf ihre Selbstständigkeit legten. Ich würde auch gerne selbstständig sein bis 80-90 und dann mit nem Infarkt oder ner ICB ins Krankenhaus kommen und dann am ersten Tag schon nach "oben entlassen werden".

    Andere Patienten gehen alle Kollegen auf der Station unter die Haut, auch die die nicht direkt mit ihnen arbeiteten, und man spricht noch Monate später darüber. Selbst abgebrühte ITSler sitzen dann zusammen und müssen nochmal reden.

    Es hilft nur Reden,Reden, Reden. Es ist im Gegenteil völlig rational durch den Wind zu sein. Die Abgebrühtheit erleichtert zwar manches, aber wirklich wünschenswert ist sie eigentlich nicht.





    Bei der ersten Patientin die ich gut kannte, die gestorben ist, bin ich noch hin und hab mir die Leiche angeschaut, und noch ein bißchen mit ihr geredet. Das tat mir gut, und mir gings nicht sehr nahe. Alte Dame, hatte sich das verdient.

    Was mir sehr nahe ging, als Frischling auf ITS, war eine Patientin die im relativ jungen Alter einen schweren Verkehrsunfall hatte, und dann auf Station schon eher hirntot ankam (fehlte natürlich die Diagnostik) das ging mir schon sehr nahe. Ich hab mich dann paar Stunden reingehangen, um die Patientin für eine evtl. Organentnahme zu stabilisieren, das hätte für mich noch irgendwie Sinn gemacht.

    War nur 15min rauchen, komme hoch, in den 15min hat der Arzt das Gespräch mit den Angehörigen geführt, und so wie ich auf Station zurück komme und eigentlich noch ganz gut mit der Welt klarkam, und gerade am Tresen ankomme, und noch gar nicht weiß, dass keine Organspende passiert, geht der Oberarzt sofort ins Zimmer und macht Beatmung/Medikamente aus. Monitor wurde abgeschaltet, und Bestatter informiert. Das Herz der Patientin machte >20min später immer noch paar Schläge, hatte das Stethoskop draufgehalten (die Schädelverletzung war aber nicht mit dem Leben zu vereinbaren). Der Bestatter hätte fast eine hirntote Patientin mit noch hin-und wieder schlagendem Herz mitgenommen. Das war heftig, das geht mir heute, Jahre später noch nah.
     
  5. -Claudia-

    -Claudia- Board-Moderation
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    Weder Du noch Deine Reaktion ist dämlich. Wir sind Menschen. Wir dürfen Gefühle haben. Wir müssen nur lernen, damit umzugehen.

    Schnapp Dir die Schwester, mit der Du Dich gut verstehst, und bitte sie um ein Gespräch. Oder kann Dir jemand in der Schule weiterhelfen? Vertrauenslehrer oder so?
     
  6. Enneleyn

    Enneleyn Gast

    ich bin sowohl in der Ausbildung als auch jetzt im Heim öfter dem Tod begegnet. Bei manchen Menschen kam es doch überraschend und wenn ich mit denen auch länger zu tun hatte, war ich doch auch etwas "bestürzt" darüber.
    Je nachdem wie mein persönliches Verhältnis zu ihnen war, zünde ich zu Hause dann ein Teelicht an und lass es nieder brennen. Und ich sehe es auch nicht als Trauer an.. ich denke mir eher "gut, jetzt hat er/sie es geschafft ohne noch jahrelang bettlägerig und mit Schmerzen vor sich hin zu vegetieren" ..
     
  7. Teilzeitschwester

    Teilzeitschwester Poweruser

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    Dem möchte ich mich anschließen, vlt gibt es auch andere Praktkantinnen, die Dir zuhören und mit denen Du Dich austauschen kannst??
    Mir hilft mein Hobby-Nordic walking...auch mich lässt nach all den Jahhren so mancher Todesfall nicht zur Ruhe kommen..Habe ich das Richtige gesagt/getan?
    Es kann einen nicht kalt lassen, wenn Menschen, mitdenen man mitgefühlt und gelacht hat sterben.
    Ich bringe die Verstorbenen in Gedanken zum See-7km nordic walking um einen Baggersee. Die letzten Wochen überdenke und zum Schluß sag ich dann zur/r Verstorbene/n"So Hr oder Frau X, Sie bleiben jetzt hier". Erklär mich für verrückt-mir hilfts!!
     
  8. verenalgo6

    verenalgo6 Stammgast

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    Welches dein Weg ist kann ich dir nicht sagen aber ich kann dir sagen was mir beim ersten "Sterben sehen" geholfen hat:
    Zuerst mal hab ich schon im Fäki angefangen zu heulen (selbst der Stationsdrache wurde ganz weich als sie mich da als kleines Häufchen Elend hat stehen sehn:-)), dann hab ich ne Zigarette geraucht und anschließend mit einer erfahrenen Kollegin ein bisschen gesprochen... Nach dem Dienst hab ich dann meine Mam angerufen und dieser alles erzählt...und ehrlich gesagt, am nächsten Morgen war alles nur noch halb so schlimm... gib dir ein bisschen Zeit, es werden dir immer wieder Situationen begegnen die dich noch Stunden/ Tage... beschäftigen....
    Ich "verabschiede" mich übrigens auch nochmal gedanklich oder persönlich von den Pat.- das tut mir gut!
    Sprich doch oder schreib einfach uns darüber wenn dir das hilft!
    Alles Liebe
    Verena
     
  9. amezaliwa

    amezaliwa Poweruser

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    Lang ist es her, vergessen habe ich es nicht.
    Im FSJ in einer internistischen Klinik, gab es eine sympahtische ältere Dame, aus damaliger, unbedarfter Sicht - eine nette Oma.
    Sie war schon länger in der Klinik, es ging ihr eine zeitlang schlecht, dann schien sie sich etwas erholt zu haben,
    auf einmal konnte wieder aufstehen, essen trinken.
    Man, was hab ich mich für sie gefreut.
    Die Freude darüber war nur kurz, sie ist dann, sehr schnell verstorben, kurz nachdem ich im Zimmer drin gewesen bin.
    Und ich war einfach nur schockiert.
    Ich weiß noch dass ich an diesem Tag nix mehr auf die Reihe gebracht, hab, geheult hab, ständig.
    Wurde angesprochen - Tränen. Hab an die Frau gedacht - schon wieder liefen die Tränen.
    Verstanden hab ich das eigentlich nicht, konnte aber nicht anders.
    Geholfen hat es mit anderen darüber zu sprechen, später, nicht an diesem Tag.

    Wäre diese Patientin furchtbar gewesen, unsympathisch, hätt ich sie am Sterbetag erst kennengelernt, nicht schon länger mitbetreut, mich nicht mitfreuen können als es ihr wieder besser ging, wäre ich nicht kurz zuvor noch im Zimmer gewesen,
    wäre sie außerhalb meiner Arbeitszeit verstorben
    hätte ich - vermutlich - nicht so prompt diese starke Trauer empfunden, wäre nicht so schockiert gewesen, wäre es mir nicht so nahe gegangen.
    Nehme ich an. Im Rückblick.
    Selbstverständlich, damals, wurde ich von den Patienten geduzt, das war normal.
    Die Distanz war damals nicht da, da war eine Patientin wie die nette Oma von nebenan,
    die Ebene damals Pat.- Pflegekraft, war nicht so, wie sie es heute ist.
    ...hätte man mich vorgewarnt, von Seiten der exam. Pflegekrägte, hätte es geholfen? Ich weiß nicht.
    Damals war ich 17.
    Keine Ahnung von nix.
    Nicht viel vom Leben, noch ganz, ganz wenig vom Sterben.
    Ein ganz normaler Teenager.
     
  10. Schwester Rabiata 2

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    Coroa, deine Reaktion ist nicht dämlich. Sie zeugt davon, dass dein Herz am rechten Fleck sitzt. Weinen ist immer gut, dann keine deine Seele atmen. :troesten:
     
  11. Coroa

    Coroa Newbie

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    Tut mir Leid das ich erst jetzt hier wieder antworte und vielen Dank für all die lieben Antworten, sie haben mir wirklich geholfen =)

    Ich habe mich mit meiner Mitpraktikantin und der FSJlerin noch am Tag darauf darüber unterhalten sowie mit einem Freund des Rettungsassistent ist. Meine Mutter hat mich auch noch mal ganz fest gedrückt und mit ihr konnte ich auch darüber reden.

    Was mir geholfen hat im Endeffekt war mir das ganze von der Seele zu schreiben. Ich schreibe hobbymäßig gerne Geschichten und hab mir einfach einen Charakter geschnappt den in meine Lage gesteckt und eine (stylistisch grausige) Geschichte geschrieben wie besagter Charakter sich mit der Lage auseinander setzt =)

    @Teilzeitschwester: hört sich wirklich nach einer guten Sache an die du da machst!

    Ganz ehrlich gesagt hat mich das ganze auch ein wenig ins Grübeln gebracht ob es wirklich der richtige Beruf für mich ist, ich bin eben ein sehr emotionaler Mensch wenn man so will. Aber davon abbringen lassen will ich mich so schnell auch nicht, aufhören kann ich immer noch wenn ich merke es sollte zu viel sein ;)
     
  12. herzchen2508

    herzchen2508 Senior-Mitglied

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    Liebe Coroa,
    deine Einstellung ist toll,lass dich nicht davon abbringen den Beruf zu erlernen nur weil du ein "emotionaler Mensch" bist.
    Ich bin z.B auch sehr emotional,ich bin quasi nicht nah am Wasser - sondern im Wasser gebaut. soll heißen,mir kommen oft vor freude,wut oder trauer die Tränen.
    Wenn ich an meine Ausbildung denke - ich habe mehr als einmal geweint.
    und auch jetzt manchmal in schwierigen oder traurigen augenblicken kommen mir manchmal die Tränen.
    Vor 3 Wochen ist bei uns ein Patient verstorben,lag über 2Monate in unserem Krankenhaus. wechselte von Stroke - ITS - OP dauernd hin und her - er war grade 45 Jahre alt,maligner Mediainfarkt,2 kleine Kinder, eine tolle Familie. Er hat gekämpft,wurde wacher und adäquater und dann Sepsis,Hirnhautentzündung....kardiale Dekompensation. wir haben ihn versucht zu reanimieren - leider erfolglos.
    das war für uns alle schwer,die ehefrau kam wir haben sie in den Arm genommen und dann laufen einfach auch bei uns die Tränen.
    Und sie sagte " Danke für eure Menschlichkeit "

    Jeder von uns geht anders mit dem Tod um aber ich glaube schon,dass wir alle ein Stück weit emotional an die Sache rangehen und nichtz robotorhaft

    Liebe Grüße :lovelove:
     
  13. Bully1959

    Bully1959 Poweruser

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    hallo

    ich kann allen nur recht geben, ich habe über 21 Jahre in einer Zentralambulanz gearbeitet, ich hatte viel mit dem Tod zu tun, ich habe gelernt damit umzugehen, aber auch ich bin nahe am Wasser gebaut, ich vergesse nie, wir bekamen vor zig Jahren einen 19 jähr. Türken nach Verkehrsunfall mittags tot in die Prosektur, ich hatte Bereitschaft, fing also gerade erst an, plötzlich späten Nachmittag kam ein Anruf, die Angehörigen kommen, wir sollten schauen, wie er da unten liegt und mit gehen .......

    ich also flott runter, es war schon 17:00 Uhr vorbei, habe den Jungen zurecht gelegt, noch ein wenig gesäubert usw und dann kam der BUS .......

    ich stand allein mittendrin, ich hatte das Gefühl es waren mindestens 50 Leute, die diensthabende Internistin nahm mir die Eltern ab, den Rest hatte ich, 10 rein 10 wieder raus, aber die raus sollten strömten wieder rein, laut schreiend heulend usw ........

    ein Kumpel hing mir am Hals und schrie immer heulend warum er warum nicht ich .......... ich stand mit heulend in diesem ganzen Tumult, habe mich gefragt was mach ich hier eigentlich, konnte nur noch aufpassen, das sie wenigstens den Leichnam in Ruhe ließen und nicht von der Trage zerrten .....

    ich habe mit Rotz und Wasser geheult und konnte es nicht verhindern ..........

    es ist eben so und das ist gut so, ich bin froh mir all die Jahre diese Menschlichkeit bewahrt zu haben

    und du solltest auch froh sein so zu empfinden, denn genau das ist für unseren Beruf wichtig

    viele Grüsse
    Bully
     
  14. -Claudia-

    -Claudia- Board-Moderation
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    .... und ich halte es für wichtig, dass wir auf Station dies auch den Schülern vermitteln. Wir dürfen Grenzen haben und diese auch verbalisieren. Das ist professionell. Immerzu cool wie ein Roboter zu bleiben wäre es eben nicht.
     
  15. Feurigel

    Feurigel Newbie

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    Bei mir auf der schnuckeligen, kleinen Privatstation sind vor ein paar Wochen innerhalb von zwei Tagen sechs Patienten verstorben, teilweise war es abzusehen, teilweise kam es überraschend.
    Mit zwei von ihnen habe ich mich wirklich gut verstanden und allgemein waren es die ersten Toten die ich gesehen und versorgt habe (bin Schülerin im ersten Jahr).

    An diesen Tagen waren alle auf Station ziemlich fertig, die Stimmung war nieder gedrückt, aber alle Examinierten die ich dazu gefragt habe sagten mir nur das ich mir das nicht so zu Herzen nehmen soll und das ich mich schon irgendwann daran gewöhnen werde. Andere Schüler mit denen ich darüber gesprochen habe aus meinem Kurs sagten mri auch, ich solle ja immer distanziert bleiben und darf nicht um Patienten trauern (das waren dann aber auch die Schüler die auf Stationen sind wo man absolut keine Zeit für den Menschen an sich hat und die so kaum eine Beziehung zu ihren Patienten aufbauen können). Schüler aus den oberen Kursen gingen mit dem Thema sehr locker um, aber auch da bekam ich zu hören das man nicht trauern sollte, da man die Menschen ja im Grunde gar nicht kennt.

    Ich habe dann mit der Schulleitung gesprochen, da ich zu dieser Person einen sehr guten Draht habe und ich ihr einfach vertraue was solche Dinge angeht. Sie meinte nur, das es vollkommen in Ordnung ist zu trauern wenn ein Patient stirbt um den man sich lange und intensiv gekümmert hat, solange man nicht wochenlang vollkommen hinüber ist. Man muss aber akzeptieren das der Tod zum Leben dazu gehört. Wer geboren wird, bei dem steht von Anfang an fest das er auch sterben wird.
    Und sie hat mich gefragt warum ich denn traurig bin. Zum einen war ich traurig, weil ich um die verpassten Lebenschancen dieser Patienten trauerte. Krankheit und Tod kamen in beiden Fällen sehr plötzlich, bei der einen war es zu erwarten das aus der Krankheit der Tod folgen würde, bei dem anderen war es plötzlich und keiner hatte damit gerechnet. Beide waren vor der Krankheit noch sehr lebensfroh und selbstständig gewesen. Beide hätten auch so bleiben können, wenn XYZ nicht eingetreten wäre. Das fand ich traurig, das diesen Menschen diese Chancen genommen worden sind.
    Zum anderen war ich traurig, wegen der Leute die diese Patienten gekannt hatten, denen sie wichtig gewesen waren, für die jetzt Löcher entstanden waren wo diese Patienten einfach fehlten. Das hat mich an Todesfälle in meinem Umkreis erinnert, und wie mir damals zu Mute gewesen war.
    Und ich war traurig, weil ich diese Patienten eben als Menschen schon lieb gewonnen habe. In den fünf Wochen meines letzten Praxisblocks habe ich mich um beide Patienten intensiv gekümmert. Natürlich auch um die meisten anderen Patienten die wir hatten, aber da es eine kleine Station ist (selten mehr als 12 Patienten gleichzeitig, da die meisten Einbett versichert) kann man sich so mehr mit den Menschen auseinander setzen. Ich hatte zwischendurch wirklich sehr viel Zeit, dann habe ich eben versucht den Aufenthalt für die pflegeintensiven Patienten angenehm zu gestalten, mit Haare waschen, ausführlicherer Pflege, Unterhaltungen, etc. Ich glaube nicht das das ein Fehler war und ist. Wenn ich die Zeit habe, soll ich dann lieber rumsitzen und Kuchen essen, anstatt mich mehr um die Patienten zu kümmern, Dinge zu tun für die sonst keine Zeit ist?

    Ich war also traurig und musste mich zum ersten Mal bis jetzt so richtig mit dem Tod auseinandersetzen. Nach dem Gespräch mit meiner Schulleitung habe ich die Lösung für mich gefunden, denke ich. Ich darf traurig sein und ich werde traurig sein wenn ich mich danach fühle. Ich werde vielleicht weinen wenn mir die Sache näher geht. Ich werde mir Zeit für den Sterbenden/den Toten nehmen, ich werde mich verabschieden. Ich werde das Fenster öffnen, damit die Seele nicht für immer in einem miefigen Patientenzimmer eingesperrt sein muss (und ab dem Punkt habe ich sogar ein bisschen Humor, denn wer will schon für immer in einem Patientenzimmer eingesperrt sein?). Wenn ich zu Hause bin zünde ich vielleicht ein Teelicht an und denke noch ein wenig darüber nach. Definitiv werde ich darüber mit irgendwem reden.
    Und dann muss es gut sein. Der Tod gehört dazu, das ist das einzige woran man sich meiner Meinung nach gewöhnen muss und was man akzeptieren muss. Aber man muss nicht abstumpfen und das ganze herunterschlucken oder überspielen, auch wenn viele Examinierte so tun als dürfe man da gar nicht weiter drüber nachdenken.

    Das war jetzt viel Text, mir war es aber wichtig auch noch mal hier, mit anderen Leuten, darüber zu reden. Und damit ist die Sache für mich abgeschlossen.
     
  16. Schwester Rabiata 2

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    Hör bloß nicht auf den Unsinn gefühlskalter Menschen! Wenn du traurig bist, bist du traurig. Punkt!! Beispiel: Neulich ist eine junge Pat. verstorben. Die Ärzte und wir haben gekämpft mit allen Möglichkeiten. Wir haben es nicht geschafft. Ich habe meine Arbeiten wie immer bis Dienstschluss ausgeführt, hatte aber nicht das wie sonst strahlende Lächeln, sondern eben ein trauriges Gesicht und war ruhiger als sonst. Ich bin angestellt worden, um gute Arbeit zu leisten und nicht den ganzen Tag fröhlich lachend über den Flur zu laufen. Wenn ich das Gefühl habe traurig zu sein, werde ich es nicht mit aller Macht versuchen zu vertuschen. Deine Schulleitung scheint in Ordnung zu sein!
     
  17. Marty

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    Ja, wir haben auch eine junge Patientin, mit Reanimation wegen fulminanter Lungenembolie mit bevorstehendem Hirntod. Jahrgang 1976. Da kamen der Ehemann und die Eltern und was das schlimmste war, ihre zwei- und sechsjährigen Kinder. Die haben ganz unbefangen auf dem Gang gespielt und ihre Stimmen hallten über die Station. Und wir wußten genau, in diesen Tagen wird eine entscheidende Weiche für ihr künftiges Leben gestellt, nämlich mutterlos aufzuwachsen. Manchmal ist dieser Beruf einfach nur übel...
     
  18. Schwester Rabiata 2

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    Marty, dass ist fuchtbar!! Und wen das nicht wenigstens ein wenig berührt, dem ist nicht mehr zu helfen!
     
  19. Marty

    Marty Poweruser

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    Ja, sie ist heute Mittag gegangen...
     
  20. Schwester Rabiata 2

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    Oh je, ich drück dich!! :troesten:
     
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