Wie ist das Arbeiten in Deutschland?

Jessica79

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Hallo, ich heiße Jessica und bin Krankenschwester. Ich bin 2010 nach Norwegen ausgewandert und arbeite seit Mai diesen Jahres im Krankenhaus auf einer Inneren Medizin Station. Ich darf das gar nicht sagen, aber wir haben normal 30 Betten und sind auch oft überbelegt. Morgens sind wir 10 bin 12 Mitarbeiter. Das bedeutet einen hohen Anteil Krankenschwestern und ein kleiner Teil, hier würde man sagen Altenpflegern. In Norwegen sind sie eine Stufe unter den Krankenschwestern. Sie haben ein Jahr weniger Ausbildung, also statt 3 Jahre nur 2 Jahre. Im Pflegeheim dürfen sie nach einem Medikamenten Kurs und Prüfung auch Medikamente austeilen. Nur leider dürfen sie nicht im Krankenhaus Medikamente austeilen. Da muss denn immer eine Krankenschwester im Hintergrund sein und ist zwar nicht für die Pflege verantwortlich aber für die Medizin und sonstige Fragen. Ansonsten haben wir im Frühdienst 4 bis 5 Patienten und sind sind für alles verantwortlich. Das heißt, wir messen die Patienten. Geben den Frühstück, gehen zur VorVisite, wenn der Patient entlassen wird und er aus dem Pflegeheim oder von zu Hause kommt mit einem Pflegedienst müssen wir mit der Kommune über sogenannte PLO Meldungen kommunizieren ob ein Platz frei ist im Pflegeheim, also die gesamte Entlassung organisieren. Was Viel Zeit in Anspruch nimmt. Den Transport organisieren wenn nötig. So, aber zurück zur Vital Messung. In Norwegen arbeiten wir mit dem sogenannten NEWS SCORE 2 (National Early Warning Score ). Das bedeutet alle Messung (Blutdruck, Puls, Sättigung, Messung der Atmung, Temperatur ) wird aufgeschrieben, für jeden dieser Werte gibt es Punkte und wird zusammen gerechnet. 0 bedeutet alle 12 h messen, 1 bis 4 bedeutet alle 4 bis 6 h messen ab 4 bedeutet stündlich messen und Arzt anrufen. Das heißt, man ist viel mit messen und anrufen beschäftigt. Meine Frage ist, wird in Deutschland damit auch gearbeitet? Ich bin lange raus und mich interessiert es ob es da genau so ist.


 

Jillian

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Man könnte schon ein wenig neidisch auf euch blicken: 4-5 Patienten? Träumchen. In einem durchschnittlichen Tagdienst versorgt hier eine exam. PK 10-15 Patienten, wenn man besonders viel Pech hat auch mal bis zu 20. Die Personaluntergrenze wird jeden Tag gerissen, eine Strafzahlung scheint immer noch günstiger zu sein als sich um Personal zu bemühen.

Messintervalle wie bei euch sind, zumindest bei uns, komplett unrealistisch. Wer als Patient kritisch genug ist und solche häufigen Messungen braucht, muss auf IMC oder woanders ans Monitoring.
Das System selbst, das du nanntest, ist mir nur vage bekannt, da muss ich mich mal eingehender informieren.
 
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Jessica79

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Oh das hört sich heftig an. In Deutschland habe ich lange Zeit in der Geriatrie gearbeitet. Da gab es soetwas nicht wie NEWS. Da haben wir einmal oder zweimal Blutdruck gemessen und das war es. Die Sättigung haben nie gemessen. Auch als ich als Auszubildender auf der Medizin gearbeitet habe, was schon lange her ist, haben wir das nicht gemessen. Das ganze Problem ist, das durch solche Sachen die ganze Pflege in den Hintergrund gerät. Wir haben dieses Prinzip Primär Pflege. Ich bin alleine für den Patienten verantwortlich. In Deutschland war das Arbeiten auch anstrengend, im Spätdienst hatte ich 16 Patienten alleine. Aber wie gesagt, ohne ständiges Blutdruck messen und ein Haufen Antibiotika i.v. ich habe mal meine Chefin gefragt, wenn wir ein Patient von der Ambulanz bekommen der schlecht ist und überwacht werden muss, der aber nicht auf die Intensiv Station kommt, müssen wir das leisten. Da ist dann auch Stress angesagt. Aber klar, im Gegensatz zu Deutschland ist das wohl klagen auf hohem Niveau. Trotzdem ist die Fluktuation sehr hoch. Einmal im Jahr geht immer ein Schwung Krankenschwestern.​

 
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-Claudia-

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Ich arbeite auf einer viszeralchirurgischen Allgemeinstation eines Maximalversorgers. Wir haben 36 Betten. Im Tagdienst sind wir vier Examinierte, dazu kommen eine Teamassistentin, die die Neuaufnahmen und einiges an Organisation macht, ein bis zwei Versorgungsassistent*innen, die z.B. Schränke auffüllen, die Tee- und Kaffeekannen füllen und den unreinen Raum aufräumen., und je nach Verfügungbarkeit Auszubildende, Praktikant*innen, FSJler. Jede Examinierte betreut zwischen acht und zwölf Patient*innen (das kommt auf den pflegerischen Aufwand an); eine macht Schichtleitung und übernimmt höchstens eine kleinere Patientengruppe.

Nach der morgendlichen Übergabe beginnen wir mit Vitalzeichenkontrolle, leeren Drainagen und Katheterbeutel, errechnen die Ausscheidung der letzten 24 Stunden, fragen nach Schmerzen, Gewicht, Stuhlgang. Wir helfen dort, wo es die Patient*innen nicht selbst können, bei der Körperpflege, wir mobilisieren, und wir kontrollieren, ob die Verbände noch in Ordnung sind. Die Teamassistentin macht gemeinsam mit PJlern Blutentnahmen. Wir entnehmen nach Anordnung Drainagenlabor.

Anschließend kommen die Ärzt*innen zur Visite, untersuchen die Patient*innen, geben wenn nötig Anordnungen. Patient*innen kriegen Frühstück, wir machen Pause. Danach kommen weitere Mobilisationen, Kurzinfusionen (inklusive einem Haufen Antibiotika, wenn nötig) und Verbandwechsel, Drainagen werden auf Anordnung entfernt, Patient*innen zu Untersuchungen gebracht, und gegen eins kommt das Mittagessen. Dazwischen müssen ohne feste zeitliche Anordnung Bedarfsmedikationen verabreicht, PCAs und PDKs neu bestückt oder Patient*innen zur Toilette begleitet werden.

Den Großteil der Entlassplanung übernehmen die Kolleginnen vom Sozialen Dienst und dem Zentralen Patient*innenmanagement, die Organisation des Transports übernehmen wir, ebenso natürlich den Pflegeverlegungsbericht. Vitalzeichenkontrolle machen wir auch nicht so häufig wie bei Euch: Einmal täglich ist Muss, bei Veränderungen des Zustandes selbstverständlich, und bei einzelnen Personen aus Gründen auch mehrmals täglich. Eine stündliche Überwachung könnten wir jedoch nicht gewährleisten, dazu müssten die Patient*innen auf die Intermediate Care.

Mir persönlich gefällt das Konzept Primary Nursing sehr gut, aber ich habe es leider noch nie "in echt" erlebt.
 

Considerway

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Sehr interessant, was du da beschreibst. Hört sich wie ein Paradies an.
Aber dieses ständige Messen der Vitalparamter einschließlich Sättigung und Ruhe- EKG kenne ich aber von Kardiologie auch. Das die Arbeit sich von Fachbereich zu Fachbereich ändert, damit sage ich nichts Neues.
Aber beeindruckt war ich schon, wie krass sich innerhalb von einem Haus komplett neue Schwerpunkte auftun.

Oh das hört sich heftig an. In Deutschland habe ich lange Zeit in der Geriatrie gearbeitet. Da gab es soetwas nicht wie NEWS. Da haben wir einmal oder zweimal Blutdruck gemessen und das war es. Die Sättigung haben nie gemessen. Auch als ich als Auszubildender auf der Medizin gearbeitet habe, was schon lange her ist, haben wir das nicht gemessen. Das ganze Problem ist, das durch solche Sachen die ganze Pflege in den Hintergrund gerät. Wir haben dieses Prinzip Primär Pflege. Ich bin alleine für den Patienten verantwortlich. In Deutschland war das Arbeiten auch anstrengend, im Spätdienst hatte ich 16 Patienten alleine. Aber wie gesagt, ohne ständiges Blutdruck messen und ein Haufen Antibiotika i.v. ich habe mal meine Chefin gefragt, wenn wir ein Patient von der Ambulanz bekommen der schlecht ist und überwacht werden muss, der aber nicht auf die Intensiv Station kommt, müssen wir das leisten. Da ist dann auch Stress angesagt. Aber klar, im Gegensatz zu Deutschland ist das wohl klagen auf hohem Niveau. Trotzdem ist die Fluktuation sehr hoch. Einmal im Jahr geht immer ein Schwung Krankenschwestern.​

Sehr interessant, was du da beschreibst. Hört sich wie ein Paradies an.

Aber dieses ständige Messen der Vitalparamter einschließlich Sättigung und Ruhe- EKG, kenne ich aber von Kardiologie auch.
Und das sich die Arbeit von Fachbereich zu Fachbereich ändert, damit sage ich nichts Neues.
Aber beeindruckt war ich schon, wie krass sich innerhalb von einem Haus komplett neue Schwerpunkte auftun.

Wohin gehen die Krankenschwester hin?

Aber eins scheint überall gleich, Pflegekräfte können sich aussuchen, wo sie arbeiten möchten .
 
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