Wie funktioniert die Abgewöhnung vom Beatmungsgerät?

Caro2302

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Hallo
Ich arbeite als Krankenschwester auf einer Internistischen Station und habe deswegen keine Ahnung von diesem Thema.
Zur Geschichte:
Meine Mutter hatte letzte Woche ein Lungenversagen durch eine Legionelleninfektion und Sepsis.
Sie wurde nun eine Woche mit einer Ecmo "behandelt". Gestern konnten die Ärzte die Ecmo ab machen da sich die Lunge sehr gut erholte. Ab heute wird die Sedierung langsam runtergefahren.
Könntet ihr mir ungefähr erklären wie das mit der Abgewöhnung abläuft.
Vielen Dank
 

definurse.bs

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Hallo Caro,
das sog. weaning ist sehr individuell, muss immer wieder neu evaluiert werden zT sogar mehrfach pro Tag. Eine konkrete Aussage diesbzgl, ohne die Krankengeschichte deiner Mutter sowie den zurückliegenden und aktuellen Verlauf zu kennen, kann man nicht geben. Daher von mir nur einen strukturellen Überblick, wie es bei uns laufen würde:
Bei uns erfolgt eine Sedierungspause erst, wenn folgende Voraussetzungen erfüllt sind (ich zähle hier mal nur die Wichtigsten auf, es sind noch einige mehr, würde aber den Rahmen etwas sprengen)
- FiO2 > 50%
- kein Fieber
- keine pulonale Stauung, Atelektatsen oder raumfordernde Pleuraergüsse
- pH + Lactat im physilogischen Bereich
etc
Das ausschleichen der Sedierung nimmt einige Zeit ( bei schweren Krankheitsverläufen oder Langzeitbeatmung) in Anspruch. Fangen die Patienten an, regelmäßig zu triggern, dh sie beginnen selbst "Luft zu holen" wird die Beatmung versuchsweise umgestellt auf sog. druckunterstütze Beatmung. Ist der Patient tracheotomiert und schafft es ohne körperliche Anstrengung bzw Stress und bei individuell gewerteter, guter BGA, diese druckunterstütze Beatmung, auch bei niedrig eingestellter Unterstützung zu managen, beginnen wir mit der stundenweise Atmung ohne Respirator, sog "feuchte Nase". Hierbei wird auch begonnen, wenn keine Probleme (wachheitszustand, compliance etc) auftreten, den Pat zu mobilisieren (Bettkante, Sitzstuhl etc). Erholungsphasen am Respirator wechseln sich ab mit immer längeren Phasen ohne Maschine. Am Ende sollte dann, als höchstes anzustrebendes Ziel, das ziehen der TK und die komplette Entwöhnug vom Respirator stehen.
Bei oral intubierten Patienten findet die komplette Entwöhnung am Respirator statt. Eine Trainingsphase (= feuchte Nase), wie bei tracheotomierten Patienten gibt es hier nicht. Ist der Patient extubiert und erschöpft sich pulmonal, kann man mit einer sog NIV (Nicht Invasive Beatmung = per Maske) versuchen, eine Erholungsphase zu verschaffen. Sollte dies mislingen wird erneut intubiert und neu evaluiert bzw über eine Trachotomie ein erneutes weaning angestrebt.
Diese Zeit ist äusserst aufwendig bzgl Pflege, psycosozialer Betreuung und Bedarf viel Erfahrung bzw Empathie für den Patienten und kann sehr lange dauern, insbesondere bei so schweren Verlüfen wie ich sie bei deiner Mutter, nach deiner kurzen Schilderung vermute.
Hoffe, es ist einigermassen verständlich erklärt.
Viel Glück
D.
 

olynthchen

Stammgast
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Bei Pat, die nur kurze Zeit nachbeatmet wurden, fährt man die Sedierung runter.
Kommt der Pat. adequat zu sich und ist in der Lage selbst die Atemarbeit zu leisten und hat einen asureichenden Zeitraum Cpap machen können, versuchen wir es mit einem Spontanatmungsversuch.
Der Pat Cpapt eine viertel bis halbe Stunde bei 35% ohne Druckunterstützung und hat dabei gute Gase.
Er kann dann extubiert werden.
Bei Pat. die im Vorfeld aber Pulmonal angegriffen sind oder gerade waren, gehen wir da etwas vorsichtiger dran.
In der Regel sind unsere Pat. auch nach 7 Tagen tracheotomiert, weil ab da die Propleme an den Stimmbänder und in der Region generell anfangen, wo der Tubus als Fremdkörper Schäden setzt/ setzen kann.
Hier haben verschiedene Einrichtungen für sich ein Schema erarbeitet.
Hat der länger beatmete Pat. 24 Stundne ohne Probleme bei guten Gasen mit Reduktion der O2- ZUfuhr cpapen können, dann gehen sie mehrmals am Tag an die feuchte Nase.
Läuft das gut, kann man die Zeiten an der feuchten Nase steigern bis sie problemlos spontan 24 Stunde durchatmen können ohne Respierator.
Wenn das alles so gut bleibt, kann man den Pat. als entwöhnt betrachten.

Jedoch brechen viele respieratorisch wieder ein, weil sie neue Pneumonieen ausbrüten, total verschleimen und es nicht abhusten können.
Sie sind einfach noch geschwächt und die Atemarbeit ist für jemanden den man mit einer schweren Pulmonalen Vorgeschichte entwöhnen möchte, ein riesen Berg.
Darum bin ich mir sicher, daß man bei deiner Mutter sehr behutsam vorgehen wird und ihr ausreichend Zeit läßt sich zu erholen und die Atemmuskulatur zu trainieren.
 

Caro2302

Newbie
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Vielen Dank für eure Antworten. Da hat meine Mama noch einen haufen Arbeit vor sich. Der FiO2 hat heute auf 30% gestanden. Sie hat auch ein Tracheostoma bekommen. Wie es mit der Spontanatmung aussieht weiß ich leider nicht. Aber sie fahren jetzt langsam die Sedierung runter.
Lg
 

Paula Puschel

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Weaning (so nennt sich das Abgewöhnen vom Beatmungsgerät) kann eine ganze Zeit dauern, führt aber fot mit kleinen Schritten stetig zum Erfolg.
Alles Gute und viel Kraft wünsch ich dir und deiner Mutter :-)
 

pericardinchen

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ex. KS, FKS A+ I, RbP, Studentin
Akt. Einsatzbereich
7. Semester Pflegepädagogik
Die Entwöhnung beginnt mit der Beatmung. Bei einem Lungenversagen (ARDS) wird als Ultima ratio die ECMO- Therapie angewendet. Vorweg kann auch noch die kinetische Therapie (z.B. 135° Bauchlagerung, Spezielle Drehbetten bis zu 62°) eingesetzt werden - gibt es auch in Kombination ECMO und kinetische Therapie.
Bei einem ARDS (synonym für z.B. Akutes Lungenversagen) wird eine frühestmögliche Spontanatmung angestrebt. Im Akutstadium wird eher die Form des tiefen Komas angewendet, um weitere Schädigungen für die Lunge durch z.B. " pressen" (vereinfacht ausgedrückt) zu vermeiden.
Da aufgrund der tiefen Analgosedierung meist doch ein längerer Opiatüberhang besteht wird gerade bei diesen Patienten/innen zur Linderung der Entzugserscheinungen auch Paracefan (Medikament) eingesetzt.

Das Weaning (= die Entwöhnung) vom Beatmungsgerät (= Respirator) ist bei einem ARDS- Patienten/in häufig nicht ganz leicht.
Seit sicherlich mehr als 10 Jahren gibt es spezielle Spontanatemmodis (die vorwiegend bei schwierigen Weaningpatienten/innen angewendet werden und vorallem bevorzugt bei ARDS, COPD u.a. sprich bei einer geschädigten Lunge) und sich gut nach den Vorgaben des Patienten/innen richten.

Zur kinetischen Therapie: Es gibt Patienten die reagieren darauf (" responder" ) und es gibt Patienten die reagieren nicht (" non responder") darauf.
Daher ist die kinetische Therapie nicht bei jedem Intensivmediziner so beliebt.

Ich persönlich hatte schon gute Erfolge.


Das Weaning heutzutage verläuft selbst in kleinen Einheiten sehr individuell. Die Beatmungsgeräte bzw. die diversen Modis machen es möglich.
Es gibt, wie ich oben schon kurz erwähnte, Spontanatemmodis, die sich an den Patienten/innen anpassen. Die Druckunterstützung kann dabei sogar komplett wegfallen.

Feuchte Nase oder T-Stück:
Wird in der Regel und nach sehr guter Erfahrung in einem mind. vierstufigen Schema durchgeführt (gibt es mittlerweile in sehr vielen Kliniken in D, A und CH). Zwischenzeitlich wird natürlich immer für Ruhephasen gesorgt und am Optimalsten ist eine ruhige Atmosphäre (sprich : geschlossene Zimmertüre oder spanische Wände).
Aus Erfahrung heraus : Eine Mobilisation in den Sessel ist individuell zu evaluieren.

Wahrnehmungsfördernd:

- eigene Düfte
- eigene Musik
- Fotos, selbstgemalte Bilder u.a.
- Trainingsbälle für die Hände oder Stofftiere u.a.
- saubere, geschlossene Schuhe für das Bett und natürlich auch ausserhalb des Bettes
- Besuch von den "Liebsten"
u.v.m.
 

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