Wie funktioniert die Abgewöhnung vom Beatmungsgerät?

Dieses Thema im Forum "Intensiv- und Anästhesiepflege" wurde erstellt von Caro2302, 30.11.2010.

  1. Caro2302

    Caro2302 Newbie

    Registriert seit:
    29.11.2010
    Beiträge:
    4
    Zustimmungen:
    0
    Beruf:
    Krankenschwester
    Akt. Einsatzbereich:
    Innere
    Hallo
    Ich arbeite als Krankenschwester auf einer Internistischen Station und habe deswegen keine Ahnung von diesem Thema.
    Zur Geschichte:
    Meine Mutter hatte letzte Woche ein Lungenversagen durch eine Legionelleninfektion und Sepsis.
    Sie wurde nun eine Woche mit einer Ecmo "behandelt". Gestern konnten die Ärzte die Ecmo ab machen da sich die Lunge sehr gut erholte. Ab heute wird die Sedierung langsam runtergefahren.
    Könntet ihr mir ungefähr erklären wie das mit der Abgewöhnung abläuft.
    Vielen Dank
     
  2. definurse.bs

    definurse.bs Senior-Mitglied

    Registriert seit:
    16.01.2009
    Beiträge:
    188
    Zustimmungen:
    0
    Beruf:
    Krankenschwester
    Akt. Einsatzbereich:
    IPS
    Hallo Caro,
    das sog. weaning ist sehr individuell, muss immer wieder neu evaluiert werden zT sogar mehrfach pro Tag. Eine konkrete Aussage diesbzgl, ohne die Krankengeschichte deiner Mutter sowie den zurückliegenden und aktuellen Verlauf zu kennen, kann man nicht geben. Daher von mir nur einen strukturellen Überblick, wie es bei uns laufen würde:
    Bei uns erfolgt eine Sedierungspause erst, wenn folgende Voraussetzungen erfüllt sind (ich zähle hier mal nur die Wichtigsten auf, es sind noch einige mehr, würde aber den Rahmen etwas sprengen)
    - FiO2 > 50%
    - kein Fieber
    - keine pulonale Stauung, Atelektatsen oder raumfordernde Pleuraergüsse
    - pH + Lactat im physilogischen Bereich
    etc
    Das ausschleichen der Sedierung nimmt einige Zeit ( bei schweren Krankheitsverläufen oder Langzeitbeatmung) in Anspruch. Fangen die Patienten an, regelmäßig zu triggern, dh sie beginnen selbst "Luft zu holen" wird die Beatmung versuchsweise umgestellt auf sog. druckunterstütze Beatmung. Ist der Patient tracheotomiert und schafft es ohne körperliche Anstrengung bzw Stress und bei individuell gewerteter, guter BGA, diese druckunterstütze Beatmung, auch bei niedrig eingestellter Unterstützung zu managen, beginnen wir mit der stundenweise Atmung ohne Respirator, sog "feuchte Nase". Hierbei wird auch begonnen, wenn keine Probleme (wachheitszustand, compliance etc) auftreten, den Pat zu mobilisieren (Bettkante, Sitzstuhl etc). Erholungsphasen am Respirator wechseln sich ab mit immer längeren Phasen ohne Maschine. Am Ende sollte dann, als höchstes anzustrebendes Ziel, das ziehen der TK und die komplette Entwöhnug vom Respirator stehen.
    Bei oral intubierten Patienten findet die komplette Entwöhnung am Respirator statt. Eine Trainingsphase (= feuchte Nase), wie bei tracheotomierten Patienten gibt es hier nicht. Ist der Patient extubiert und erschöpft sich pulmonal, kann man mit einer sog NIV (Nicht Invasive Beatmung = per Maske) versuchen, eine Erholungsphase zu verschaffen. Sollte dies mislingen wird erneut intubiert und neu evaluiert bzw über eine Trachotomie ein erneutes weaning angestrebt.
    Diese Zeit ist äusserst aufwendig bzgl Pflege, psycosozialer Betreuung und Bedarf viel Erfahrung bzw Empathie für den Patienten und kann sehr lange dauern, insbesondere bei so schweren Verlüfen wie ich sie bei deiner Mutter, nach deiner kurzen Schilderung vermute.
    Hoffe, es ist einigermassen verständlich erklärt.
    Viel Glück
    D.
     
  3. olynthchen

    olynthchen Stammgast

    Registriert seit:
    09.11.2010
    Beiträge:
    319
    Zustimmungen:
    0
    Beruf:
    Krankenschwester
    Akt. Einsatzbereich:
    Chirurgie
    Bei Pat, die nur kurze Zeit nachbeatmet wurden, fährt man die Sedierung runter.
    Kommt der Pat. adequat zu sich und ist in der Lage selbst die Atemarbeit zu leisten und hat einen asureichenden Zeitraum Cpap machen können, versuchen wir es mit einem Spontanatmungsversuch.
    Der Pat Cpapt eine viertel bis halbe Stunde bei 35% ohne Druckunterstützung und hat dabei gute Gase.
    Er kann dann extubiert werden.
    Bei Pat. die im Vorfeld aber Pulmonal angegriffen sind oder gerade waren, gehen wir da etwas vorsichtiger dran.
    In der Regel sind unsere Pat. auch nach 7 Tagen tracheotomiert, weil ab da die Propleme an den Stimmbänder und in der Region generell anfangen, wo der Tubus als Fremdkörper Schäden setzt/ setzen kann.
    Hier haben verschiedene Einrichtungen für sich ein Schema erarbeitet.
    Hat der länger beatmete Pat. 24 Stundne ohne Probleme bei guten Gasen mit Reduktion der O2- ZUfuhr cpapen können, dann gehen sie mehrmals am Tag an die feuchte Nase.
    Läuft das gut, kann man die Zeiten an der feuchten Nase steigern bis sie problemlos spontan 24 Stunde durchatmen können ohne Respierator.
    Wenn das alles so gut bleibt, kann man den Pat. als entwöhnt betrachten.

    Jedoch brechen viele respieratorisch wieder ein, weil sie neue Pneumonieen ausbrüten, total verschleimen und es nicht abhusten können.
    Sie sind einfach noch geschwächt und die Atemarbeit ist für jemanden den man mit einer schweren Pulmonalen Vorgeschichte entwöhnen möchte, ein riesen Berg.
    Darum bin ich mir sicher, daß man bei deiner Mutter sehr behutsam vorgehen wird und ihr ausreichend Zeit läßt sich zu erholen und die Atemmuskulatur zu trainieren.
     
  4. Caro2302

    Caro2302 Newbie

    Registriert seit:
    29.11.2010
    Beiträge:
    4
    Zustimmungen:
    0
    Beruf:
    Krankenschwester
    Akt. Einsatzbereich:
    Innere
    Vielen Dank für eure Antworten. Da hat meine Mama noch einen haufen Arbeit vor sich. Der FiO2 hat heute auf 30% gestanden. Sie hat auch ein Tracheostoma bekommen. Wie es mit der Spontanatmung aussieht weiß ich leider nicht. Aber sie fahren jetzt langsam die Sedierung runter.
    Lg
     
  5. Paula Puschel

    Paula Puschel Poweruser

    Registriert seit:
    30.03.2007
    Beiträge:
    843
    Zustimmungen:
    0
    Beruf:
    Exam. Gesundheits- u. Krankenpflegerin, Medizinstudentin
    Ort:
    Bonn
    Akt. Einsatzbereich:
    Psychiatrie
    Weaning (so nennt sich das Abgewöhnen vom Beatmungsgerät) kann eine ganze Zeit dauern, führt aber fot mit kleinen Schritten stetig zum Erfolg.
    Alles Gute und viel Kraft wünsch ich dir und deiner Mutter :-)
     
  6. pericardinchen

    pericardinchen Poweruser

    Registriert seit:
    20.06.2004
    Beiträge:
    1.303
    Zustimmungen:
    3
    Beruf:
    ex. KS, FKS A+ I, RbP, Studentin
    Ort:
    Bayern
    Akt. Einsatzbereich:
    7. Semester Pflegepädagogik
    Die Entwöhnung beginnt mit der Beatmung. Bei einem Lungenversagen (ARDS) wird als Ultima ratio die ECMO- Therapie angewendet. Vorweg kann auch noch die kinetische Therapie (z.B. 135° Bauchlagerung, Spezielle Drehbetten bis zu 62°) eingesetzt werden - gibt es auch in Kombination ECMO und kinetische Therapie.
    Bei einem ARDS (synonym für z.B. Akutes Lungenversagen) wird eine frühestmögliche Spontanatmung angestrebt. Im Akutstadium wird eher die Form des tiefen Komas angewendet, um weitere Schädigungen für die Lunge durch z.B. " pressen" (vereinfacht ausgedrückt) zu vermeiden.
    Da aufgrund der tiefen Analgosedierung meist doch ein längerer Opiatüberhang besteht wird gerade bei diesen Patienten/innen zur Linderung der Entzugserscheinungen auch Paracefan (Medikament) eingesetzt.

    Das Weaning (= die Entwöhnung) vom Beatmungsgerät (= Respirator) ist bei einem ARDS- Patienten/in häufig nicht ganz leicht.
    Seit sicherlich mehr als 10 Jahren gibt es spezielle Spontanatemmodis (die vorwiegend bei schwierigen Weaningpatienten/innen angewendet werden und vorallem bevorzugt bei ARDS, COPD u.a. sprich bei einer geschädigten Lunge) und sich gut nach den Vorgaben des Patienten/innen richten.

    Zur kinetischen Therapie: Es gibt Patienten die reagieren darauf (" responder" ) und es gibt Patienten die reagieren nicht (" non responder") darauf.
    Daher ist die kinetische Therapie nicht bei jedem Intensivmediziner so beliebt.

    Ich persönlich hatte schon gute Erfolge.


    Das Weaning heutzutage verläuft selbst in kleinen Einheiten sehr individuell. Die Beatmungsgeräte bzw. die diversen Modis machen es möglich.
    Es gibt, wie ich oben schon kurz erwähnte, Spontanatemmodis, die sich an den Patienten/innen anpassen. Die Druckunterstützung kann dabei sogar komplett wegfallen.

    Feuchte Nase oder T-Stück:
    Wird in der Regel und nach sehr guter Erfahrung in einem mind. vierstufigen Schema durchgeführt (gibt es mittlerweile in sehr vielen Kliniken in D, A und CH). Zwischenzeitlich wird natürlich immer für Ruhephasen gesorgt und am Optimalsten ist eine ruhige Atmosphäre (sprich : geschlossene Zimmertüre oder spanische Wände).
    Aus Erfahrung heraus : Eine Mobilisation in den Sessel ist individuell zu evaluieren.

    Wahrnehmungsfördernd:

    - eigene Düfte
    - eigene Musik
    - Fotos, selbstgemalte Bilder u.a.
    - Trainingsbälle für die Hände oder Stofftiere u.a.
    - saubere, geschlossene Schuhe für das Bett und natürlich auch ausserhalb des Bettes
    - Besuch von den "Liebsten"
    u.v.m.
     
Die Seite wird geladen...
Ähnliche Themen - funktioniert Abgewöhnung Beatmungsgerät Forum Datum
Login funktioniert nicht mehr Hilfe, Lob, Kritik und Anregungen zur Website 26.11.2015
Diensttausch bei uns faktisch verboten - Umfrage: wie funktioniert das bei Euch? Arbeitsrecht / Gesundheitsrecht / Krankenpflegegesetz 10.09.2009
E-Mail-Benachrichtigung funktioniert nicht immer Hilfe, Lob, Kritik und Anregungen zur Website 16.05.2009
Wie funktioniert eine Bülau-Drainage? Pflegebereich Chirurgie 23.01.2007
Kopieren im Editor per Kontextmenü funktioniert nicht... Hilfe, Lob, Kritik und Anregungen zur Website 07.08.2006

Diese Seite empfehlen

  • Über uns

    Unsere Online Community für Pflegeberufe ist eine der ältesten und mitgliederstärksten im deutschsprachigen Raum (D/A/CH) und wir sind stolz darauf, dass wir allen an der Pflege Interessierten seit dem Jahr 2000 eine Plattform für unvoreingenommene, kritische Diskussionen unter Benutzern unterschiedlicher Herkunft und Ansichten anbieten können. Wir arbeiten jeden Tag mit Euch gemeinsam daran, um diesen Austausch auch weiterhin in einer hohen Qualität sicherzustellen. Mach mit!

    ©2000-2016 - www.krankenschwester.de - Die Online Community für Pflegeberufe

  • Schnellnavigation

    Öffne die Schnellnavigation

  • Unterstützt uns!

    Unser Team von www.krankenschwester.de arbeitet jeden Tag daran, dass einerseits die Qualität sichergestellt wird, um kritische und informative Diskussionen zuzulassen, andererseits die technische Basis (optimale Software, intuitive Designs) anwenderorientiert zur Verfügung gestellt wird. Das alles kostet viel Zeit und Geld, deshalb freuen wir uns über jede kleine Spende!

Ich stimme zu Weitere Information

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.