Weglauftendenz, Patientin lässt sich auch nicht davon abbringen

Dieses Thema im Forum "Der Alltag in der Altenpflege" wurde erstellt von Mikkian, 18.03.2010.

  1. Mikkian

    Mikkian Newbie

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    Hallo zusammen,

    ich arbeite als Betreuungskraft in einem Alten- und Pflegeheim.
    Dort ist eine Dame mit mittelgradiger Demenz, ansonsten mit ihrem Rollator noch gut zu Fuß :wink:

    Gestern war es dann mal wieder soweit....

    Ich sah nur noch wie diese Dame das Grundstück verließ (keine Jacke, keine festen Schuhe). Ich bin natürlich sofort hinterher.
    Bei ihr angekommen wollte sie auf gar keinen Fall zurück, sie müsse dringend ihre Tochter besuchen. Nach einigem hin und her (ich dachte wirklich sie ließe sich gar nicht davon abbringen) ist sie dann doch mit zurück gekommen.:beten:

    Jetzt habe ich mal weiter gedacht...
    Was wäre wenn ich sie überhaupt nicht dazu hätte bewegen können mit mir zurück zu gehen?

    Was macht ihr in solchen Fällen?
     
  2. Elisabeth Dinse

    Elisabeth Dinse Poweruser

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    Ich denke, du willst keine Antworten á la: na dann mit Gewalt. Deshalb:*neugierigbin* Was hast du ihr gesagt, um sie zur Umkehr zu bewegen?

    Elisabeth
     
  3. Mikkian

    Mikkian Newbie

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    Ne, ne mit Gewalt erzeugt man Gegengewalt :wink:

    Es ist kalt, dann sollten wir erstmal eine Jacke holen (nicht funktioniert)
    Soweit wollen Sie laufen ist es da nicht besser wir gucken wann ein Bus fährt (nicht funktioniert)
    Haben Sie überhaupt einen Schlüssel damit Sie auch rein kommen (nicht...)
    und noch so 1000 andere Sachen, hat alles nicht funktioniert.

    Dann habe ich das "Gespräch" auf die Kinder gelenkt und habe sie vorsichtig in eine andere Richtung bewegt. Das ging dann irgendwie, waren nur ein paar Minuten, ist mir natürlich wie Stunden vor gekommen.

    Aber was ist wenn das alles mal nicht funktioniert? (laufen lassen?)

    Ich glaube vor ein paar Wochen ist sie morgens ganz früh ca. 5:00 Uhr aus dem Haus weil sie Brötchen kaufen musste.
    Im Haus war nur die Nachtwache, diese hat dann die Polizei angerufen und die haben unsere Dame wieder zurück gebracht.
     
  4. Wonderflew

    Wonderflew Newbie

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    Huhu!

    ja, das sehe ich als letzte Möglichkeit...Die Polizei rufen.
    Was willst du machen. Du kannst sie ja schließlich nicht zurückzerren oder fixieren oder sonst was. Meist haben die alten Leute ja recht viel Respekt vor der Polizei oder Leuten in Uniform ;)
    Manchmal hilft vllt. auch, die Tochter, Enkelin oder sonst wen familiäres anzurufen, den die Dame/ der Herr kennt :-)
     
  5. Delta

    Delta Junior-Mitglied

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    Hallo zusammen,

    also ich kann da nur mal etwas von unseren Vorgehensweisen erläutern:
    • beruhigend auf den Pat. einwirken
    • Witterungsverhältnisse verdeutlichen
    • angemessene Bekleidung (Schuhwerk, Jacke)
    • Tageszeit erwähnen
    • Entfernung Zielort/derzeitiger Standort
    • per Handy Verstärkung holen
    • letztes Mittel bei Entweichung ist Polizei
    Kommen solche "Ausbüchsversuche" gehäuft vor, wird der Patient in eine Geschützte Abteilung verlegt.
    Verändert sich nichts an der Weglauftendenz (da Krankheitsverlauf fortschreitet), muß ggf. eine Verlegung in ein geschlossenes Heim (Absprache mit Angehörigen und Arzt nötig) in Betracht gezogen werden.

    Demenzkranken Pat. fehlt ja oft die Einsicht in ihr Fehlverhalten und es ist wirklich schwierig sie von ihren Vorhaben abzubringen (ist halt für sie alles real in dem Augenblick).
    Manchmal helfen da auch die besten Argumente nichts mehr und es muß leider(im Hinblick auf gesundheitliche Schäden) ab und an mal zu anderen Maßnahmen gegriffen werden (BM, evtl. kurzfristige Fixierung o.ä.).

    Man muß dann jedoch so schonend wie möglich vorgehen, was sich immer leichter anhört als getan.
    Wir versuchen dann, wenn mögl.,mit dem Pat. auf eine andere Station zu gehen und ihn somit erst mal "von der Strassse" wegzubringen.

    Dort wird dann vom Doc. weiter entschieden.
    In einem Alten/Pflegeheim ist das natürlich anders, meistens bekommen wir dann die "Ausreiser" in unsere Klinik verlegt zum Einstellen der Medikation o.ä..

    LG Delta:cheerlead:
     
  6. Elisabeth Dinse

    Elisabeth Dinse Poweruser

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    Man muss in so einer Situation damit rechnen, dass der Betroffene nicht stante pede umdreht.

    In ihrer Vorstellung ist sie nicht in dem Heim sondern in ihrer Heimat. Da dürfte es kaum Sinn machen wenige Schritte mit dem Bus zu fahren.

    In ihrer Vorstellung ist ihre Tochter wahrscheinlich ein Kind. Da braucht es keinen Schlüssel um in die Wohnung zu kommen. Ihr Kind öffnet ihr die Tür.

    usw.

    In der Betreuung von Dementen muss man Zeit einplanen. Die Zeit brauchst du, um in ihre Welt einzutauchen und heraus zu finden was hinter dem "ich muss zu meiner Tochter" wirklich steckt um dann darauf eingehen zu können.
    Stichwort: Validation.

    Elisabeth
     
  7. Nasonex2001

    Nasonex2001 Senior-Mitglied

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    Neurologische Intensivstation, Stroke Unit
    Solche Menschen sind nicht entmündigt (was es ja auch nicht mehr gibt) deshalb dürfen sie gehen wann sie wollen. Allesandere wäre Freiheitsberaubung. Das einzige was man in solchen Fällen tun kann ist evtl. sie versuchen mit und auch nur mit Worten versuchen sie um zu stimmen. Ansonsten Polizei informieren, dann liegt die Verantwortung in deren Hand. Verlegung in eine geschlossene Abteilung find ich weniger angebracht. Das wäre in meinen Augen auch einsperren gegen den Willen.
     
  8. Mikkian

    Mikkian Newbie

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    Wie es der Zufall so wollte war die Tochter heute da und ich konnte ihr davon berichten das ihre Mutter gestern Abend zu ihr wollte.

    Bei dieser Bewohnerin ist es auch so das sie zwar dement ist, aber sehr wohl noch weiß das ihre Tochter erwachsen ist, sie setzt sich das in den Kopf und dann wird das gemacht.
    "... ich bin früher auch immer überall alleine hin dann kann ich das jetzt auch..."

    Die Tochter meinte das die Mutter das schon früher immer gemacht hätte und ganz oft von der Polizei nach Hause gebracht wurde.

    Ich denke mal das diese Frau ein sehr selbstständiges Leben geführt hat und dann besucht man seine Tochter auch alleine :wink1:

    Viele Möglichkeiten gibt es wohl nicht in einer solchen Situation. Die Ergotherapeutin meinte wenn es gar nicht anders geht solle ich halt mitlaufen.
    Gestern hat die Dame ja auch irgendwann mal gemerkt das es kalt wurde und ist vielleicht deshalb zurück gekommen.

    Validation bei ihr anzuwenden gestaltet sich halt sehr schwierig, da sie jedes Argument (es ist spät, der Weg ist zu weit, es ist kalt, ihre Tochter ist gar nicht zu Hause, wir rufen da erstmal an etc.) nicht die gewünschte Wirkung zeigt, sie fegt alle Argumente mit einer Antwort beiseite.
     
  9. Elisabeth Dinse

    Elisabeth Dinse Poweruser

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    Du verstehts glaub ich Validation falsch. Es geht nicht darum, dass du vorgibst, indem du ihr deine Interpretation der Situation anbietest und hoffst, dass sie darauf einsteigt.
    Bei der Validiatation versuchst du Zugang zur Gefühlswelt desjenigen aufzubauen. Es geht nicht um Handlungen sondern um die Gefühle, die hinter diesen Handlungen stehen.
    Demente sind in der Regel nicht unzureichend bereit auf unsere (logische) Argumentation einzusteigen... wir sind unzureichend bereit sie ernst zu nehmen in ihrer Welt.

    Ich glaube, in der Ergo hats du einen guten Lehrer. Sie wird dir sicher noch viele Tipps geben können.

    Elisabeth
     
  10. auswanderin

    auswanderin Senior-Mitglied

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    behüteter Bereich für an Demenz erkrankte Menschen
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    Wohnbereichsleitung, Praxisanleiterin
    hallo an alle
    hier zeichnet sich zudem keine Weglauftendenz, sondern eher eine Hinlauftendenz. Die Bew. ist in ihrer Welt und da muss sie nun zu ihrer Tochter und da wird sie nichts von abbringen. Man könnte in so einer Situation evt. versuchen, sie von ihrem Vorhaben abzubringen, indem man auf ihre Gefühle anspringt, das sie wohl eine sehr liebe Mutter sei, die sich immer um ihr Kind kümmert, spazieren geht ect. Hierbei dann versuchen den Weg etwas zu verändern, wenn sie so in ein Gespräch, was in ihrer Welt stattfindet, führen kann, merkt sie nicht das man den Weg ändert.

    ich hoffe ihr versteht meine Worte, bin heute etwas konfus im Formulieren
     
  11. akli

    akli Junior-Mitglied

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    Du hast es schon perfekt ausgedrückt, Auswanderin: Die Gefühle bleiben bis zum Schluss bei einem Demneten erhalten. Sie spüren vor allem auch, wenn Du unsicher bist. Einen Dementen niemals anlügen oder Angst machen!!! Auch Polizei oder Busfahrten nicht als "Druckmittel" nehmen..Erst mal mitlaufen..."Sie vermissen wohl ihre Tochter sehr".."Ich möchte auch mal Kinder".. "Wie viel Kinder haben sie noch?".."Kleine Kinder-kleine Sorgen,große Kinder-große Sorgen".."Erzählen sie mir von ihrer Tochter.".......Man muss viel probieren und man hat nicht immer Erfolg...muss man auch nicht...Das macht die Arbeit mit Dementen ja erst so interessant.
    1. Fallgespräch / biographische Daten sammeln / lebt die Tochter denn noch? Wo? Tochter einbeziehen..
    2. Foto der Dame
    3. Kleidungsbeschreibung FD / SD / ND
    Als Letztes, wenn die demente Frau nicht auffindbar ist, die Polizei informieren.

    Liebe Grüße

    akli
     
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