Umgang mit Suchtmittelkonsum während der Behandlung

Dieses Thema im Forum "Pflegebereich Psychiatrie/Psychotherapie/Psychosomatik/Sucht/Forensik" wurde erstellt von MiChung, 25.06.2007.

  1. MiChung

    MiChung Gast

    Hi,

    zur Zeit wird in unserem Team kontrovers diskutiert, wie wir mit Drogen- bzw. Alkoholkonsum während der stationären Behandlung umgehen sollen/wollen.
    (Geschlossene Station - zur Zeit viele junge psychoseerkrankte Patienten mit gleichzeitiger Suchtproblematik)

    Was macht ihr für Erfahrungen und welche Umgehensweisen haben sich bewährt?
     
  2. Brady

    Brady Gast

    Hallo MiChung,

    schreibe doch mal was von den kontroversen Diskussionen auf deiner Station.

    Liebe Grüße Brady
     
  3. MiChung

    MiChung Gast

    Hi Brady,

    im Prinzip gibt es 2 "Lager" - die einen, die der Meinung sind, ein "Suchmittelverstoß" müsse sanktioniert werden: also - je nachdem wie es der Unterbringungsmodus (freiwillig oder PKG) erlaubt - eine "disziplinarische" Entlassung oder eine Verlegung auf die Akutaufnahmestation zur Folge haben.

    Die anderen, die den Drogenkonsum eher als Krise werten und auch entsprechende Möglichkeiten der "Bearbeitung" sinnvoller finden. Ggf. eine "Verwarnung" aussprechen und Konsequenzen bei einem weiteren Suchtmittelrückfall vereinbaren würden.

    Ich selbst bin Verfechter der zweiten Lösung, zudem halte ich auch vorbeugende Maßnahmen, wie z.B. in unregelmäßigen Abständen durchzuführende Drogenscreenings, und die Einführung einer Infogruppe/ psychoedukativen Gruppe für angemessener. Und denke auch, dass es einzelfallabhängige Entscheidungen geben muss.

    Die Schwierigkeit ist, dass die ärztliche bzw. oberärztliche Entscheidung letztlich zählt - und meist sanktionellen Charakter hat....

    dennoch heißt das ja noch lange nicht, dass sich Ärzte und Oberärzte nicht durch gute Argumente überzeugen lassen...

    deshalb meine Suche nach Erfahrungen anderer Teams.
     
  4. eunerpan

    eunerpan Senior-Mitglied

    Registriert seit:
    07.06.2006
    Beiträge:
    153
    Zustimmungen:
    3
    Beruf:
    Krankenschwester
    Ort:
    NRW
    Akt. Einsatzbereich:
    fakultativ geschlossene sozialpsychiatrische Sektorstation
    Funktion:
    stellvertretende Leitung
    Hallo MiChung,


    ich kenne dein Problem nur zu gut, das ist bei uns auch immer wieder Thema

    Ich kann deine Ansicht nur teilen, denke das muss je nach Einzelfall entschieden werden aber auch bei uns hat meist der OA das letzte Wort .....

    Frage ist ja auch was ist wenn der Pat. per PsychKG da ist?!?! Den kann ich ja schlecht entlassen ......
    meist gibt es bei uns dann eine Ausgangseinschränkung
    aber es kommt ja auch vor das die Pat. zusammen konsumieren ....dann müsste der eine gehen und der andere bleibt ?!

    das ist ein schwieriges Thema finde ich und zu einer wirklichen Lösung kommt man wohl nicht ....

    Lieben Gruss

    :spopkorns:
     
  5. Brady

    Brady Gast

    Hallo zusammen,

    auch ich kenne dieses Problem. Bin eher auch für die 2te Lösung. Da ich auch der Meinung bin, dass wir keinen pädagogischen Auftrag in erster Linie haben, sondern einen therapeutischen.

    Wobei es auch immer wieder gut ist, kontroverse Ansichten im Team zu besprechen und zu durchleuchten.

    Konsequenz auf der einen Seite mit Regeln und Absprachen einzuhalten, halte ich unbedingt für erforderlich. Deshalb kann es auch nur eine individuelle Lösung geben. Denn wir müssen glaubhaft sein.

    Gründe, dass ein Patient dies (noch) nicht leisten kann, ist entweder dass er noch nicht stabil genug ist, oder in einer Krise ist, oder eventuell auch eine Entlassung provoziert aus Gründen, die mannigfaltig sein können. Natürlich kann es auch daran liegen, dass noch keine ausreichende Tragfähigkeit der Beziehung erreicht ist. Viele verschiedene Gründe können dann ausschlaggebend sein.

    Sollten wir einen Patienten entlassen, (bei uns in der Tagesklinik sind alle Patienten freiwillig), dann geben wir ihm Adressen für Anlaufstellen von Drogenberatung, Selbsthilfegruppen, oder bieten ihm stationären Entzug an.

    In dem Sinne ist es auch keine "Bestrafung". Wobei dies natürlich vom Patienten anders gesehen werden kann. Aber wir versuchen dies in unserer Haltung klar zumachen. Auch eine Wiederaufnahme ist dann möglich.

    Natürlich ist dies bei Patienten mit PsychKG schwierig.

    Liebe Grüße Brady
     
  6. MiChung

    MiChung Gast

    N`abend Zusammen,

    erst mal Danke für Eure Antworten. Im Prinzip ist es für mich nicht so ein ganz neues Thema - hab vorher auf einer Psychotherapiestation gearbeitet, auf der eine ähnliche Umgehensweise und Haltung vorherrschte, wie von Brady beschrieben.

    Auf meiner jetzigen Station ist es wohl schwieriger, eine zufriedenstellende Lösung zu finden, die Patienten sind dort deutlich instabiler und die ein oder andere Verlegung/ Entlassung verursachte mir schon "Bauchschmerzen".

    Wahrscheinlich werde ich mich aber tatsächlich daran gewöhnen und akzeptieren müssen, dass es eben oft auch keine ideale Lösung gibt, wie eunerpan schrieb...

    falls uns denn doch im Laufe der Zeit etwas "geniales" einfällt, werde ich berichten...
     
  7. MiChung

    MiChung Gast

  8. Brady

    Brady Gast

    Hallo MiChung,

    vielen Dank für deine Links. Wir haben auch immer wieder Patienten, wo ein Missbrauch von Suchtmitteln vorliegt. Meist aus der Lage heraus, dass sie sich selbst "therapieren". Einsetzen um ihre Situation zu verbessern. Zum Schlafen, bei Unruhe, bei Ängsten, bei Schmerzen, bei Mißempfinden jeglicher Art. Das fatale ist ja nun auch, es hilft schnell und zuverlässig in dem Moment, wo es gebraucht wird.

    Dieser Einsatz, der einer Sucht Tür und Tor öffnet. Dann auch Patienten, die zwar Medikamente ablehnen und wenn dann nur pflanzliche wollen, aber auf gar keinen Fall Psychopharmaka, da diese ihnen Angst machen manipuliert zu werden, oder wie sie es ausdrücken:"Ich will nicht rumlaufen, wie ein Zombie".

    Eine Patientin, die auch unter Rückenschmerzen leidet und kein Schmerzmedikament sofort bekam, meinte: "Zuhause habe ich 2 Flaschen Bier getrunken und schon hatte ich keine Schmerzen mehr. Medikamente haben mir zuviel Nebenwirkungen".

    Ich denke, hier tut noch genügend Aufklärung gut, wobei dies nur in Beziehungsarbeit geleistet werden kann. Abhängige sind in fast allen Bereichen abhängig, wie weit daran gearbeitet werden kann, bzw. möglich ist, ist immer wieder eine Herausforderung.

    Liebe Grüße Brady
     
    #8 Brady, 09.07.2007
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 09.07.2007
  9. MiChung

    MiChung Gast

    Hallo Brady,

    wir haben nicht "immer mal wieder" Patienten mit einem Suchtmittelabusus, sondern wir haben überwiegend junge Patienten mit einer sog. "Doppeldiagnose" - oder wie man heute lieber sagt: "Komorbidität".
    Die Schwierigkeit bei uns ist, dass wir nicht ausschließlich diese Klientel haben, sondern so etwas wie eine "Auffangstation" für die Patienten sind, die eine längerfristige, geschützte Behandlung benötigen (Verweildauer 6-8 Wochen) und zum Teil auf eine neue Perspektive (Wohnheim, betreute WG, BeWo) vorbereitet werden.
    Ein einheitliches Konzept zu entwickeln ist daher schwierig - dennoch würde ich mich gerne konzeptionell auf die Arbeit mit der zunehmend größer werdenden Gruppe der jungen "DD- Patienten" spezialisieren.
    Ich denke, dass diese Entwicklung nicht nur in unserer Klinik, sondern allgemein so sein wird.
    Die Suchtstationen sind mit diesen Patienten oft überfordert, die allgemeinpsychiatrischen Aufnahmestationen ebenfalls.
    Im Prinzip müsste es spezielle Stationen geben, die ausschließlich diese Patienten (auch in der Akutphase) behandeln.

    Vielleicht gibt es ja Kollegen, die auf einer solchen Station arbeiten??
    Würde mich über Rückmeldungen freuen.

    LG MC
     
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