Umgang mit kognitiv eingeschränkten Patienten

Dieses Thema im Forum "Pflegebereich Neurologie / Neurochirurgie" wurde erstellt von Tuttifrutti2008, 06.07.2013.

  1. Tuttifrutti2008

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    Hallo ihr Lieben!
    Ich würde euch gerne von einer Situation berichten, wie ich sie heute früh erlebt habe und mal lesen, was ihr davon haltet.

    Ich arbeite auf einer kleinen Station (7 Patienten) in einer neurologischen Frühreha. Alle Patienten sind Phase B und kognitiv massiv eingeschränkt. Also starke Gedächtnisstörungen, Konzentrationsstörungen und vor allem auch weglaufgefährdete Patienten. Das Konzept sieht viele Gruppentherapien und auch gemeinsame Mahlzeiten im Aufenthaltsraum vor.
    Soweit auch alles gut und schön, das Problem ist, dass uns zu Beginn (unsere Station hat erst im Februar diesen Jahres eröffnet) versichert wurde, dass wir eine Tür bekommen würden und damit eine geschlossene Station wären.
    Wir warten natürlich immer noch auf diese Tür.
    Damit sieht es so aus, dass wir im hinteren Teil des Flurs einer anderen Station sind, durch die wir nur durch eine dauerhaft geschlossene Feuertür (aber nun mal nicht abgeschlossen) getrennt sind, auf der anderen Seite ist durch einen Notausgang (vor dem ein Pflegewagen steht), aber eben nicht abgeschlossen ist, das Treppenhaus zu erreichen.

    Zur Zeit haben wir eine Patientin mit massiven Gedächtnisstörungen (2 Minuten später hat sie alles vergessen, was man ihr gesagt hat) und einem sehr hohen Weglaufdrang. Ca. alle 5 Minuten kommt sie aus ihrem Zimmer und hat dann ihre gepackte Tasche dabei und möchte unbedingt jetzt etwas erledigen.. vernünftigen Kommentaren, wie z.B. dass es 5 Uhr morgens ist und die Läden noch zu haben, so dass sie ihr Shampoo momentan eh nicht kaufen kann, ist sie meist nicht zugänglich.

    Heute Morgen (ich hatte Nachtdienst) war es auch wieder so. Ich wollte nach einem Patienten schauen, der um Hilfe gerufen hat (es war zwar nichts, er vergisst nur immer wo er ist, aber man weiß ja nie^^), als sie aus ihrem Zimmer kam, fertig angezogen und natürlich mit gepackter Tasche. Ich habe versucht sie in ein Gespräch zu verwickeln, aber sie lief einfach immer weiter den Flur entlang, durch die Feuertür auf die andere Station. Ich musste natürlich hinterher, sonst wäre sie sonst wo im Haus verschwunden und musste meinen anderen Patienten rufen lassen. Die Gute ist körperlich nämlich voll mobil und uneingeschränkt..

    Das ganze ging ein paar Mal so. Als sie dann ein weiteres Mal die Station verlassen wollte habe ich mich vor die Feuertür gestellt und versucht sie mit irgendwas abzulenken.. sie wurde immer gereizter, schrie mich an, schlug mir auf dem Arm und hat auch versucht mir ins Gesicht zu boxen, ich konnte gerade noch den Kopf wegziehen. Ich war froh als dann mein Frühdienst kam und mir geholfen hat sie wieder ins Zimmer zu schicken.

    Das Problem ist nämlich, dass unsere Patienten vorher in einem Heim mit Jugendlichen tätig war, sich jetzt nicht als Patientin sondern als Mitarbeiterin betrachtet (sie will auch immer bei unseren Übergaben dabei sein) und mich als eine ihrer Jugendlichen sieht. Auch als ich ihr ihre Akte mit den Diagnosen und ihre Kurve gezeigt habe, ließ sie sich einfach nicht überzeugen.

    Wir haben den AVD informiert und die Patientin erhielt Tavor und wurde 3 - Punkt - fixiert.. Ich habe außerdem den Vorgang genau dokumentiert und festgehalten, dass ich die Verantwortung nicht mehr übernehme, falls sie nochmals aggressiv werden sollte und ich mich nicht noch mal dazwischen stelle. Sollte es noch mal passieren, informiere ich den AVD und ggf. die Polizei, sollte die Patientin das Haus schon verlassen haben.

    Was mich jetzt interessiert: Hattet ihr auch schon mal solche Patienten? Wie seid ihr mit ihnen umgegangen? Oder wie hättet ihr an meiner Stelle reagiert?
    Und ist es überhaupt zulässig solche Patienten aufzunehmen, obwohl man zur Zeit noch keine geschlossene Station ist??

    Sorry für den Roman!!! Danke an alle die es trotzdem lesen und eure Antworten!! =)
     
  2. Beetlejucine

    Beetlejucine Stammgast

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    Ist das denn generell eine Station, auf die Menschen richterlich eingewiesen werden? So wie eine geschlossene Psychatrie?

    Für mich liest sich das so, als ob ihr nur einfach die Türen abschließen wollt, um Menschen am weglaufen zu hindern, die es nicht besser wissen. Mit welcher gesetzlichen Grundlage wollt ihr das tun?

    Generell dürfen Türen einer Station oder in einem Heim nicht abgeschlossen sein, da es eine Freiheitsberaubung darstellt. Ebenso das Hiindern am weggehen.

    Wenn die Dame, um die es sich hier handelt weder eingewiesen, noch sonstwie unter Betreuung (und selbst wenn, darf man sie trotzdem nicht einfach einsperren) steht, dann darf sie IMHO gehen wohin sie will.




    Zum Umgang: Ich hätte es mit Validation versucht. Die Wahrheit vorzuzeigen kann die Aggression noch verstärken und die Patienten fassundlos machen. Genrell ist es natürlich schwer zu sagen, wie man mit so jemand umgeht. Man müßte den Charakter, die Biographie kennen usw.
     
  3. Corv

    Corv Senior-Mitglied

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    Wenn ich das richtig verstanden habe handelt es sich um eine neurologische Rehaklinik?
    Dann wird es vermutlich schwer einfach die Türe abzuschließen.

    Wie ist die Patientin denn sonst versorgt? Gibt es da schon was? Heim? Angehörige?
    Was würde passieren wenn die Patientin wegläuft? vermutlich nicht mehr zurückfinden oder?

    Ich würde mich ganz ehrlich nicht zwischen eine aggressive Patientin stellen, wenn ich mich damit selbst gefährden würde.
    Viel tun kannst du in der Situation nicht.
    Du kannst versuchen die Patientin verbal davon zu überzeugen auf Station zu bleiben. Sollte das nichts bringen, AVD informieren.
    Sollte der nichts unternehmen, lass die Patientin laufen.
    Ist die Patientin weg, und eben nicht in der Lage für sich zu sorgen, informierst du erneut den AVD und dann wirst du sie vermutlich polizeilich suchen lassen müssen.
    Ist natürlich keine tolle Lösung.

    Aber wenn ein Patient absolut nicht auf einer Station zu halten ist, dann ist sie auf der Station falsch. Und scheinbar handelt es sich bei der Patientin ja nicht um eine Ausnahme, dass sie nur einmal wegwollte, sondern scheinbar immer!?
    Dann muss entschieden werden, was mit der Patientin passert?
    Es gibt ja auch geschlossene Einrichtungen, wo Patienten untergebrach werden können. Aber eben Einrichtungen die auch darauf ausgelegt sind und wo Patienten eben nach gewissen Vorschriften eingewiesen sind, sodass es dafür auch eine rechtliche Grundlage gibt.

    Ich würde keinen Patienten einfach einschließen oder festhalten, wenn du keine rechtliche Handhabe dafür hast. Das ist dann freiheitsberaubung und dass du damit die Patientin vielleicht schützen wolltest,interessiert im Zweifelsfall niemanden.

    Vielleicht solltet ihr diese Situation mal im Team besprechen mit Leitung und behandelndem Arzt.
    und versuchen eine Lösung zu finden.
     
  4. amezaliwa

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    @Tuttifrutti2008
    Bislang 0 Mal haben wir Patienten, wie von Dir beschrieben in die (in der Nähe befindliche) Frühreha Phase B verlegt.
    (Deine Patientin war sehr mobil, in der Lage ihre Sachen zusammenzupacken, sich ausgehfertig anzuziehen - ohne Hilfe, ich vermute sie kann selbständig zur Toilette, selbständig Essen und Trinken, evtl. klappt auch das duschen.....)
    Alle Patienten die von uns bisher verlegt wurden waren u.a. hochgradig pflegeabhängig und entsprachen den Eingangskriterien (s. link Strukturen Tabelle 2)
    Bei einem potentiellen Frührehapatienten berechnen wir den Frühreha-Barthel - werden die geforderten Minuspunkte nicht erreicht - wird davon abgesehen, die Punkte sind ausschlaggebend. Man verlegt nicht dorthin, wenn man annimmt, dass die Kosten nicht erstattet werden.
    Ich frag mich also - wie hat man die Verlegung begründet. Für mich scheint: Nicht die Tür ist das Problem, sondern die Klientelzuweisung.
    Da bin ich dann an dem Punkt: Man nimmt es in Kauf.
    Ich weiß tatsächlich nicht wie viele Patienten bei uns in der (in der Nähe befindlichen) Geri-Reha mit welchem Schlüssel betreut werden, vor dem Umbau war das allerdings eine Neurostation - mit ca. 30 Patienten.

    Strukturen der neurologischen Frühreha in Deutschland
    http://www.dgpmr.de/attachments/054...ührehabilitation (Phase B) in Deutschland.pdf

    Berechnung Frühreha Barthel Index
    http://www.kcgeriatrie.de/downloads/instrumente/frb.pdf
     
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