Umgang mit der Schmerzsymptomatik bei ausländischen PatientInnen

Werner Rathgeber

Stammgast
Mitglied seit
01.09.2005
Beiträge
315
Ort
Neubiberg
Beruf
Fachkrankenpfleger für Nephrologie und A+I
Akt. Einsatzbereich
Fachkrankenpfleger für Nephrologie (DKG)
Funktion
Klinikdialyse
Hallo @ all!

Ich war heute auf einem Workshop zum Thema "Schmerzverhalten von MigrantInnen.
Die Crux daraus möchte ich Euch nicht vorenthalten und gleichzeitig bitten, das Ihr mir Eure Erfahrungen, Gedanken und Standards mitteilt.

Das wichtigste zuerst:
Es gibt (noch) keine festen Handlungsanweisungen.

Es gibt Patienten, die im Schmerz einen Sinn sehen (z.b. Strafe oder Prüfung Gottes) und ihn gerne "behalten" wollen, aber mit einer Schmerzreduktion einverstanden sind.

Für viele Migranten ist Krankenhaus gleichbedeutend mit "mein Angehöriger ist schwerkrank" - auch wenn dies aus unserer Sicht oft nicht zutreffend ist.
Auch ist es im Koran eine Pflicht, kranke Mitmenschen zu besuchen.

Manche Ausdrucksweisen sind erklärungsbedürftig:

Wenn ein türkischer Patient berichtet, er habe einen "gefallenen Nabel", so meint er damit, dass er "aus der Spur geraten" sei, medizinisch ausgedrückt:
Anpassungsstörung

Hilfreich bei starken Schmerzäußerungen können sein:

Initialberührung am Arm
Mit ruhigen, kurzen Sätzen auf Patienten eingehen.
Ihm sagen: "Ich weiß, dass es Ihnen schlecht geht, kann ich etwas für Sie tun?"
Patient oder seine Angehörigen fragen, warum er so stark reagiert.

Bin auf Eure Antworten gespannt!
Werner
 
B

Brady

Gast
Hallo Werner,

ich arbeite in einer psychiatrischen-psychotherapeutischen Tagesklinik mitten im Zentrum. Dadurch haben wir sehr viele türkische, bzw. kurdische Patienten. Wir haben auch einen türkischen Psychologen , deshalb alleine kommen schon sehr viele aus dieser Kultur zu uns in die Therapie.

Wir machen in unserem Haus demnächst eine Migranten-Ambulanz auf und es wird jetzt schon spannend. Diese Ambulanz wird auch für andere Menschen aus vielen verschiedenen Ländern zur Verfügung stehen. Wobei wohl der grösste Anteil aus dem türkischen Kulturkreis ist.

Wie Du schon erwähnt hast, sind diese Äusserungen wie mit dem Nabel auch mir bekannt oder "Er hat seinen Kopf gegessen"....bedeutet jemand ist verrückt geworden. Hatte mal eine Fortbildung was einige Schmerzäusserungen bedeuten. Es sind aber auch so ähnliche Äusserungen wie bei unserer Kultur....Volksmund.... Da läuft mir die Galle über.....das schnürt mir den Hals zu....usw...

Wobei ich auch festgestellt habe, daß psychosomatischer Schmerz anders wahrgenommen wird und auch anderen Körperstellen betrifft als bei uns, meistestens ist es der Kopfschmerz.

Es ist ein sehr interessantes Thema und ich lerne jeden Tag neu von meinen türkischen Patienten.

Bei uns werden die beiden grossen Feste "Ramadan und Opferfest" genauso berücksichtigt wie bei uns das Weihnachtsfest.

Liebe Grüße Brady


 

Werner Rathgeber

Stammgast
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01.09.2005
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Neubiberg
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Fachkrankenpfleger für Nephrologie und A+I
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Fachkrankenpfleger für Nephrologie (DKG)
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Klinikdialyse
HalloBrady,

auch unsere Chefs haben die Migranten als Zielgruppe "Entdeckt".

Es gibt bei uns neu eine Fachreferentin für interkulturelle Versorgung.

Habt Ihr Informationen, wie die Abläufe in den Krankenhäusern in der Haimat der Migranten sind?
Ganz speziell würde mich der Ablauf bei Aufnahme von Notfallpatienten interessieren.
Dürfen die Angehörigen immer mit rein oder müssen sie, so wie bei uns vor der Tür warten?
Wie habt Ihr dieses Problem bei Euch gelöst? Welche Erfahrungen habt Ihr mit Eurer Lösungsvariate gemacht?
Gibt es Infobroschüren in den jeweiligen Landessprachen?
Wie händelt Ihr Zwangseinweisungen bei ausländischen Patienten?
Fragen, über Fragen!
Freue mich auf Antworten!
Viele Grüße
Werner
 

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