Suchtbegriff

Dieses Thema im Forum "Pflegebereich Psychiatrie/Psychotherapie/Psychosomatik/Sucht/Forensik" wurde erstellt von Brady, 04.11.2006.

  1. Brady

    Brady Gast

    Der Begriff Sucht (engl. addiction) hat im Laufe der Zeit viele
    Wandlungen durchgemacht, so daß immer das Risiko von
    Mißverständnissen besteht. Er kommt von "siech" - krank her,
    nicht von suchen. Aus manchen alten Krankheitsbezeichnungen
    ist auch heute noch ersichtlich, daß die Nachsilbe -sucht
    Krankheit bedeutet: Gelbsucht, Bauchwassersucht, Bleichsucht,
    usw. Zum einem wird Sucht heute als Oberbegriff für die
    Phänomene Abusus und Abhängigkeit (meist unter Einschluß
    der sog. nicht stoffgebundenen Süchte und des Mißbrauchs
    nicht psychotroper Stoffe) gebraucht, zum anderen wird er
    manchmal als Bezeichnung für schwere Verlaufsformen von
    Suchtkrankheiten verwendet. Wegen der Mißverständlich-
    keit im Einzelfall besteht eine Tendenz, das Wort nur noch
    im Zusammenhang mit zusammenfassenden Oberbegriffen
    zu verwenden, z.B. Suchtkrankheiten, allgemeine Sucht-
    theorie usw. Die amerikanische Bezeichnung Psychoactive
    substance use disorders als Ersatz für Addiction" (American
    Psychiatric Association 1987) schließt Stoffe ohne psychische
    Wirkung (z.B. Laxantien) und nicht stoffgebundene Süchte aus.

    Aus:
    Thieme Medikamente - Mißbrauch und Abhängigkeit 1996
    Entstehung - Verlauf - Behandlung
    Autoren: Wolfgang Poser und Sigrid Poser


    Schaue auch hier:
    Sucht - Wikipedia
    Suchtstoff - Wikipedia

    Liebe Grüße Brady
     
  2. rudi09

    rudi09 Stammgast

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    Die Verwendung im Sinne von "Suchen" habe ich allerdings als therapeutisch sinnvoll erlebt.
    Die Amis machen übrigens auch nicht alles richtig und haben bestimmt noch mehr Definitionen.
    Mir fehlt in der Definition die soziale Komponente (Arbeit, Familie, Geld) und halte deshalb den Ausschluß der nichtstoffgebundenen Süchte für fahrlässig.
    "substance use" sollte deshalb als "Suchtdefinition" nicht allein stehen.
    MfG
    rudi
     
  3. Brady

    Brady Gast

    Hallo Rudi09,

    da kann ich Dir auch Recht geben. Was gerade in der heutigen Zeit eine sehr grosse Bedeutung hat.

    Liebe Grüße Brady
     
  4. randall-mcmurphy

    randall-mcmurphy Junior-Mitglied

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    hallo,

    Kriterien der ICD-1o zum Thema Sucht:

    Treten mindestens drei der folgenden Aspekte auf:

    - starker Wunsch zum Konsum
    - verminderte Kontrolle des Konsums
    - Entzugssyndrom
    - Toleranzentwicklung
    - Interessenvernachlässigung
    - Konsum trotz feststellbärer Schädigung

    kann man von Abhängigkeit sprechen.

    Setzt man statt "Konsum" z.B. "Spielen" (Spielsucht), passen die Punkte 1,2,5 + 6. Somit lässt sich dieser Katalog auch auf nicht-stoffgebundene Süchte anwenden.

    Eine andere Definition lautet:

    Abhängigkeit ist eine komplexe, somatische, psychische und soziale Erkrankung, die die Persönlichkeit des Betreffenden, sein soziales Netzwerk und seinen mikroökologischen Rahmen betrifft und beschädigt (und zerstören kann). Abhängigkeit hat eine multikausale, zT stark variierende Genese. Sie zeigt unterschiedliche Ausprägungen und Verlaufsformen, abhängig von genetischen Dispositionen, biographischen Vorschädigungen, psychosozialer Gesamtsituation, Grad der Chronifizierung, sowie der Ressourenlage. (zit. nach Petzold (Hg.): Integrative Suchttherapie, Wiesbaden 2004)

    Grüße,

    Randall (mit einem ersten Beitrag im Forum)
     
  5. Friedrich

    Friedrich Junior-Mitglied

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    Mein Senf dazu: Suchtbegriff

    Hallo Zusammen!

    Den therapeutischen Nutzen aus der Interpretation "Sucht hat mit Suchen zu tun" konnt ich nie ziehen.

    Es kam mir eher wie romantisch - verklärtes Halbtherapeutisches Wissen vor, welches vor allem den Anwendern gut tut.

    Dagegen finde ich das Verständnis der Sucht aus meiner Fachweiterbildung stets hilfreich, und zwar übergreifend bei stoffgebundenen Süchten und auch bei nicht stoffgebundenen, sowohl bei körperlicher als auch bei psychischer Abhängigkeit, sowohl bei manifesten Suchterkrankungen wie auch bei Süchten, die im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen (Psychosen, Persönlichkeitsstörungen u. s. w.) vorkommen.

    Das wesentliche jeder Sucht ist demnach die so genannte süchtige Fehlhaltung.

    Süchtige Fehlhaltung:

    aus der unerträglich erscheinenden Realität in eine Betäubung zu flüchten.

    Und dies wörtlich mit Betäubungsmitteln, oder auch durch Handlungen (Spielsucht, Workaholics, Nymphomanie, Satyrismus), die durch andauernde Aktivität die Möglichkeit, über unangenehmes nachzudenken, betäuben.

    Anhand dieser Definition kann ich z.B. ein recht gutes Gefühl dafür entwickeln, ob jemand viel zu Bett liegt,

    - weil er erschöpft ist und Nachholbedarf hat
    - weil er depressiv ist und es zur Antriebsstörung gehört
    - oder weil er, sobald nichts zu tun ist und die Gefahr besteht, dass eigene Konflikte bewusst werden, ins Bett flüchtet, um dies mit Dösen oder schlafen zu betäuben.(wäre dann "süchtiges schlafen")
    - oder ob es einen - von mir bisher nicht bedachten - Grund hat (z. B. Eisenmangelanämie)

    Natürlich ist der Königsweg, den Betroffenen daraufhin anzusprechen, was der Grund für sein häufiges Schlafen ist und den Beweggrund gemeinsam zu "entdecken"

    Hoffe, meine Äußerungen klingen nicht zu besserwisserisch

    Lieben Gruß

    Friedrich
     
  6. randall-mcmurphy

    randall-mcmurphy Junior-Mitglied

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    >>> Friedrich: "Den therapeutischen Nutzen aus der Interpretation "Sucht hat mit Suchen zu tun" konnt ich nie ziehen" <<<

    hallo,

    ich konnte dies auch nie sehen, und kenne aus meiner 8 jährigen Arbeitsphase mit abhängigen Menschen weder Pflegepersonal, Psychologen noch Ärzte, die mit einer derartigen Analogie gearbeitet haben.

    Zum Begriff "süchtiges Fehlverhalten" hätte ich gerne mal ein paar stichhaltige Literaturangaben (habe dazu nur "zweifelhafte" (Laien-)Infos auf dubiosen Homepages gefunden (nicht böse sein, war halt mein Eindruck :-))

    Liebe Grüße

    Randall
     
  7. Friedrich

    Friedrich Junior-Mitglied

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    Literaturangaben

    @randall-mcmurphy:

    Hi Randall; der Begriff "Süchtige Fehlhaltung" stammt wie gesagt aus meiner Weiterbildung zum Fachpfleger für Psychiatrie.

    Muss mal in meinen alten Unterlagen forschen, aus welcher Quelle der stammt.

    Der Name des Dozenten wird wohl nicht reichen.

    Kann aber ein bisschen dauern.

    Arbeite halt sehr gerne damit, weil er meiner Meinung nach den Kern aller Süchte trifft.

    Ausgenommen sind Magersucht und Ess - Brechsucht (Bulimie) sowie die Kombi daraus (Bulimarexie), da hier andere nicht primär süchtige Strukturen zugrunde liegen. Deshalb werden sie ja auch in Esskliniken und nicht auf Suchtstationen behandelt.

    Friedrich
     
  8. MiChung

    MiChung Gast

    Hey,

    vielleicht hierher???:

    Die süchtige Fehlhaltung. Handbuch der Neurosenlehre und Psychotherapie Urban & Schwarzenberg,München,. Berlin,Wien
    ... keine laienhaft - zweifelhafte Info ;)

    LG
     
  9. randall-mcmurphy

    randall-mcmurphy Junior-Mitglied

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    Hallo.

    danke für den Tipp.

    Ich habe mich in meiner Unibibliothek mal umgesehen. Das besagte Handbuch stammt aus dem Jahre 1957 ... .

    Ich habe aber bei Möller et al.: Psychiatrie und Psychotherapie (2005) folgendes dazu gefunden:

    "Aus psychiatrischer Sicht bezeichnet Sucht grundsätzlich pathologische Verhaltensweisen, die einer süchtigen Fehlhaltung entspringen." (S. 306)

    Im gesamten Kapitel "Sucht" des genannten Buches (ca. 40 Seiten) wird dann aber leider nicht weiter darauf eingegangen. Unter dem Stichwort "Neurose" wird im Glossar dort allerdings angemerkt, dass nach der Lerntheorie die Symptome einer Neurose auf einem erlernten Fehlverhalten beruhen. (S, 580

    Tretter: Suchtmedizin (2000) schreibt zum Lernpsychologischen Modell von Sucht: Das lernpsychologische Modell von Suchtentwicklung gründet sich auf dem Prinzip Lernen am Erfolg und dem operanten Konditionieren (Skinner; Behaviorismus).

    Ich habe das Gefühl, dass mich diese Angaben zumindest basal informieren. Werde mir aber das Handbuch mal genauer ansehen und mich bei Zeiten wieder melden.

    Grüße

    Randall
     
  10. Friedrich

    Friedrich Junior-Mitglied

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    Schnell

    Hi MiChung; Hi Randall!

    schneller hätte ich es auch nicht finden können;

    Liebe Grüße

    Friedrich
     

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