Unter diesem Aspekt machst Du die quantitative Forschung aber komplett undurchführbar. In der quantitativen Forschung werden ja nahezu ausschließlich aufgestellte Hypothesen überprüft. Teste ich die Wirksamkeit eines neuen Medikaments oder den Effekt einer neuen Operationsmethode, so erfasse ich immer die Daten der Studiengruppe mit der neuen sowie die der Kontrollgruppe mit der herkömmlichen Maßnahme. Da man aber in der Regel davon ausgeht, dass das neue Verfahren besser ist (ein schlechteres würde man ja nicht auf den Markt bringen wollen), wäre es nach Deinem Gedankengang ethisch nicht vertretbar, einen Menschen in die Kontrollgruppe aufzunehmen.
Ich sollte also gar nicht forschen und immer das neueste Verfahren anwenden, ohne vorher herauszufinden, ob die gewünschte Verbesserung überhaupt erreicht wurde? Das kann's ja nun auch nicht sein.
Nunja, ich gehe davon aus dass OP-Methoden und Medikamente vor der klinischen Anwendung ausgiebigst geprüft wurden. Das beginnt ja im Normalfall im Labor, dann kommt der Tierversuch, dann kommen Studien an ausgewählten Freiwilligen, und erst ganz zum Schluss werden Präparate an Patienten in der Klinik ausprobiert. Dieser Prozess dauer nicht umsonst Jahre.
Man sollte schließlich dort, wo es um Menschen und deren Gesundheit geht, nicht einfach "herumexperimentieren".
Und Ja, ich sehe durchaus Schwierigkeiten bei der empirischen Untersuchung von pflegerischen Aspekten! (Was genau meinst du mit "quantitative" Forschung? Der Begriff ist mir so nicht geläufig, möchte ich nicht qualitatives erforschen?)
Aber man kann das Design einer solchen Studie mal im Kopf durchspielen.
Meine Hypothese lautet: Bettlägerige Patienten haben mit transurethralem Dauerkatheter weniger Dekubitalulzerationen als bei der Verwendung von Schutzhosen.
Für die Statistiker:
H0: µ0=µ1
H1: µ0 =/ µ1
Ich lege den Versuch an mit einer Versuchsgruppe V1, die einen DK erhalten, einer Versuchsgruppe V2, die eine Schutzhose bekommen und einer Kontrollgruppe K, die gar keine Inko-Versorgung erhält.
Aus der Grundgesamtheit aller Patienten, die inkontinent und bettlägerig und verwirrt sind, wähle ich randomisierte Probanden für eine Stichprobe aus. Sagen wir mal n=1000 Patienten in verschiedenen deutschen Krankenhäusern.
Bei allen Patienten sollen alle anderen Prophylaxen ganz normal durchgeführt werden, am Ende schauen wir dann wieviele Dekubiti es gibt.
Klingt ja jetzt erstmal toll.
Ich seh da dann aber doch so einige Probleme:
Zum einen die Frage, wer jetzt genau zur Grundgesamtheit gehört. Alle Patienten? Alle mit DK? Alle mit Demenz? Patienten im Krankenhaus, oder auch im Heim doer zu Hause? Auch Patienten mit Diabetes oder Durchblutungsstörungen?
Dann die Frage wer bekommt einen DK? Das Legen eines DKs sollte nur unter strenger Indikation erfolgen, ist die Teilnahme an einer Studie eine ausreichend strenge Indikation, um den Patienten dem Risiko einer möglichen Verletzung oder Infektion auszusetzen?
der Patient soll an einer groß angelengten Studie teilnehmen, diesem muss er zustimmen, kann ein dementer Patient das? Wenn nicht, dann kann ich eine solche Maßnahme mit ihm auch nicht machen!
Was ist nun, wenn keiner der Patienten einen Dekubitus bekommt? Und was ist wenn einer einen kriegt? Ist das dann gesichert auf Grund der Maßnahme, oder liegt es vllt an etwas ganz anderem?
Ich bin der Meinung dass man an Menschen nunmal keine klassischen Experimente durchführen kann, schließlich befinden wir uns im Krankenhaus "im Feld" und nicht im Labor.
Da würde sich eher eine Beobachtung anbieten, doch auch da stellt sich mir die Frage nach der Validität der Studie.
Daher wäre ich doch sehr dafür erstmal die Effekte einer DKs im Tierversuch zu untersuchen, bevor man damit an Menschen heran geht.
Aber um nochmal auf die Pharmazeutischen Studien zurück zu kommen:
Medikamente werden ja nicht einfach wahllos an irgendwelchen Leuten getestet.
Entweder es melden sich Freiwillige die die Präparate unter genau kontrollierten Bedingungen einnehmen, oder es erhalten sie Patienten, die an einer bestimmten Erkrankung leiden und die mit der Erprobung eines neuen Medikaments einverstanden sind und die über Risiken und möglichen Nebenwirkungen aufgeklärt wurden.
Einfach mal so was an Patienten ausprobieren wird wohl hoffentlich niemand.
Gut, ich hoffe dass ich meinen Standpunkt so langsam wissentschaftlich beleuchten und klar machen konnte, auch wenns daher etwas länger geworden ist.