Stille führt zum Grübeln

Dieses Thema im Forum "Leben und Tod im Krankenhaus, Umgang mit Sterbenden" wurde erstellt von Rabenzahn, 22.04.2002.

  1. Rabenzahn

    Rabenzahn Poweruser

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    Hallo,

    kann es sein, dass kranke Menschen in der Stille ihres Krankenzimmers mehr über ihre Krankheiten grübeln.
    Macht es Sinn für Ruhe zu sorgen, statt durch einen gewissen Geräuschpegel das Gefühl zu vermitteln, am Leben teil zu nehmen.

    Jemand der sein Leben lang an einer viel befahrenen Straße gewohnt hat, wird sich in der Abgeschiedenheit des Krankenzimmers nicht wohl fühlen.
    Stille bedrückt.

    Können Geräusche ablenken und verhindern, dass Kranke in Depressionen versinken ?

    Was ist eure Meinung ?
     
  2. dagmar

    dagmar Senior-Mitglied

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    Hallo Rabenzahn,
    ich glaube, daß dies von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist. Das ist eine wichtige Aufgabe der Pflegekraft das herauszubekommen.
    Ich habe ein Beispiel .
    Eine Patientin 65 J., wurde mit akut. Abdomen eingeliefert.(Abends um 23.00 Uhr)
    Diag.: perf. App.
    Patientin äußerst agil, selbstbewußt, seel. stabil . Sehr bemerkenswerter Mensch (für mich). Hatte kaum Schmerzen. Wurde gegen Mitternacht operiert. Nach 20 Min. ruft der OP zum abholen der Patientin an.
    Patientin hatte Mesenterialinfarkt. Keine Chance mehr. Beim abholen war sie hellwach, vollkommen klar (trotz Vollnarkose)Keiner hatte mit ihr gesprochen. Wir schoben sie ins Zimmer und sie sagte: " Machen sie das Licht aus es ist sowieso alles aus"
    Ich sagte ihr nach der Versorgung das ich die Türe offenlasse und der Arzt gleich nochmal kommt. Sie wollte die Türe zu und wörtlich ihre Ruhe.
    Der Arzt kam nicht. Ich war entsetzt , weil es sich nur noch um Minuten bis max. einige Stunden handeln konnte.
    Als ich nach 10 Min. nochmals ins Zimmer ging, sagte sie:" Sie brauchen sich keine Mühe zu geben es ist vorbei mit mir." Ich fragte sie ob ich jemanden von ihren Angehörigen verständigen soll. Sie erwähnte, daß ihre Tochter in Amerika lebt und sie sonst keinen will. Ich fragte ob sie mit einem Pfarrer sprechen will. Sie sagte:" Das sowieso nicht"
    Ich fragte ob sie einen Wunsch hat (ich war jetzt ratlos und wollte ihr irgendetwas gutes tun, wenn du verstehst was ich meine)
    Sie sagte zu mir. "Geben sie sich keine Mühe, es ist vorbei."
    Ich ging aus dem Zimmer und piepste den Doc. an der bis jetzt noch nicht vorbei geschaut hatte, der Feigling. Am Telefon sagte ich zu ihm, daß er jetzt kommen soll und der Patient wenigstens Bescheid sagen soll, da sie es sowieso schon ahnt.
    Er kam und war nach 3 Min. entschwunden.
    Die Pat wollte nicht das ich nach ihr schaute (was ich aber tat) wollte nicht die geringste Lichtquelle und keine Aussprache mit irgendjemanden. Sie verstarb ´dann ca. um 3.30 Uhr ohne Schmerzangebe ohne Kampf und mit wahnsinnig viel Energie. Ich vergeße sie nie.
    Manche wollen nie alleine sein , die sind es nicht gewohnt und können nicht richtig über sich nachdenken.
    Nur das Geräusche eine Depression verhindern können, glaube ich nicht.
    VG
    Dagmar
     
  3. Rabenzahn

    Rabenzahn Poweruser

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    Hallo Dagmar,

    ich meine auch nicht das Geräusche eine klassische Depression verhindern. Eigentlich würde ich gerne eine Studie darüber machen, ob die Menschen wenn sie die normalen Umweltgeräusche hören wie z.B.

    - Stimmen
    - Verkehrsgeräusche
    - Telefonklingeln
    - Musik

    aus diesem Kreislauf ERKRANKUNG - STILLE - dunkle GEDANKEN - heraus kommen. Nicht liegen und grübeln ob es wirklich nur eine Zyste war und nicht doch Krebs.

    Meiner Meinung nach ist ein Raum ( wie ein Krankenzimmer ) mit der Stille der Klinik ein idealer Ort sich in Dinge zu versetzen die so nicht sind.
    Eigentlich wartet doch jeder Patient auf ein Besuch, die Schwester, den Arzt damit der stille Alltag unterbrochen ist.
    Immer nur die kahlen Wände anstarren kann auch nicht zur Heilung betragen.

    Deshalb meine Frage. ob eine Geräuschkulisse hilft sich nicht so isoliert zu fühlen, abgestellt und einsam.
     
  4. dagmar

    dagmar Senior-Mitglied

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    Hallo,
    du hast Recht mit deiner Meinung, daß ein Krankenzimmer ein idealer Raum zum grübeln ist.
    Aber ich denke nur für den Menschen (ich sage bewußt nicht Patient) der immer jemanden um sich rum hatte, bzw. hat. Es betrifft, meiner Meinung nach, die ältere Generation. Die haben fast ausschließlich für die Familie gelebt und haben sich selber vergeßen. Da kann ich mir vorstellen, daß diese Menschen "eingehen" an der Stille und das hoffentlich nur vermeintliche abgeschoben sein.
    Da sind wir als Pflegende gefragt. Diese Menschen gehören dann zu einem positiven, vielleicht auch etwas bemutternden Bettnachbarn.
    Dieses geschieht bei uns oft. Zur Zeit haben wir eine 90 jähr. Patientin die so betuttelt wird. Die erzählen Geschichten und sind sehr lieb, die Patientin klart dabei auf.
    Aber..! Ich denke oft an die "Stimmungsmacher" in diesen Zimmer. Alles Ältere. Das ist dann wieder der LOOP. Sogar im Kh geht´s um die anderen.Diese Menschen denken dann nur negativ und grübeln und verfallen in Depressionen. Nur bei diesen kann ich mir vorstellen, daß Geräusche und vor allem das Sehen von Pflegepersonal u.s.w. sehr hilft.
    Das ist alles sehr phiosophisch und hoch interessant.
    Ich hoffe ich hab nicht zuviel geschrieben.
    VG
    Dagmar
     
  5. carmen

    carmen Poweruser

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    :roll: Hallo Rabenzahn,
    wenn wir in der NW z.B. sind, schleichen wir ganz sicher nicht über den Flur oder versuchen jedes Geräusch zu unterdrücken. Du hast schon Recht. Es ist besser dem Pat. die normalen Umweltgeräusche ans Ohr zu lassen als eine total künstliche Stille erzeugen zu wollen. Das macht die Pat. nicht nur unruhig sondern auch mißtrauisch und manchmal auch aufmüpfig.
    Moin Moin Carmen
     
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