Schwierige Alltagsaufgaben und Situationen in der Psychiatrie

Dieses Thema im Forum "Pflegebereich Psychiatrie/Psychotherapie/Psychosomatik/Sucht/Forensik" wurde erstellt von Brady, 27.10.2007.

  1. Brady

    Brady Gast

    Hallo zusammen,

    möchte gerne eure Erfahrungen lesen im Umgang mit schwierigen Situationen/Aufgaben. Welche kennt ihr?

    Natürlich ist es auf einer geschlossenen Akutaufnahme anders, als in einer Psychotherapiestation, einer geschlossenen Langzeitstation…oder noch ganz anderen Abteilungen.

    Weinende Patientin, was macht es mit mir? Mein erster Gedanke wäre zu trösten, aber im gesamten Prozess wäre dies jetzt auch falsch. Wohlbemerkt bei dieser Patientin, da es jetzt gerade wichtig ist, dass sie jetzt selber an den Punkt kommt um selber Lösungsmöglichkeiten finden zu müssen. Ihre eigene Strategie zu verändern.

    Für mich bedeutet es aushalten, auch die „Böse“ zu sein. Manchmal geht es auch so weit, dass ich froh bin, wenn Patienten richtig sauer werden, jetzt kann endlich was passieren. Krise bedeutet, es geht so nicht weiter, es muss ein anderer Weg eingeschlagen werden. Diese Erkenntnis muss vom Patienten selber kommen, dann ist es die wertvollste. Denn alles andere was ich rate, ist nicht „seins“. Ich kann ihn beraten und auch unterstützen für sich das „Richtige“ zu finden.

    Da kommt der Aspekt wieder zum Vorschein: „Hilfe bei der Selbsthilfe“. Denn die eigenen Ressourcen sind immer die besseren. Es gibt auch die Aussage: Hilfe zur Selbsthilfe“, aber dieses sagt mir nichts davon, welche eigenen Ressourcen der Mensch hat. Deshalb ist für mich die erste, die bessere Aussage.

    Ich erinnere mich an eine Selbsthilfeprojekt in einem afrikanischen Dorf, sorry ich weiß nicht mehr wo und wann es war. Dort bekamen die Menschen Landbaumaschinen, diese sollten ihnen helfen ihre Selbständigkeit zu ermöglichen. Nur was nicht überlegt wurde, diese Menschen hatten nichts mit Landwirtschaft am Hut. Dadurch ist dieses Projekt gescheitert. Man kann nichts überstülpen, sondern überlegen welche Ressourcen, Bewältigungsstrategien hat dieser Mensch oder die Menschen aus einer anderen Sozialisation.

    Dann eine andere Patientin mit körperlicher Behinderung. Es werden Dinge nicht von ihr aus angesprochen, vermeidet über körperlichen Defizite zu sprechen, hofft immer auf die Hilfe von anderen. Dieses anzusprechen, ist meine Aufgabe. Das ist natürlich nicht einfach, anderen zu sagen: „Sie haben eine körperliche Behinderung und sie müssen dieses ansprechen“. Es ist nicht immer jemand da, der dies ohne zu Fragen übernimmt“. Quasi verleugnet, als wäre dieses Problem gar nicht da.

    Ein Patient, erklärt mir, dass er hohen Blutdruck hat und dass ich ihn öfter mal nachmessen sollte. Und ich ihm dann erkläre: „ Nein, es ist ihre Aufgabe, für sich zu sorgen“.

    Ein sehr junger Patient, der ständig morgens zu spät kommt. Er erklärt mir, dass er nicht vor 1.00 Uhr schlafen kann und dann eben verschläft, es läge an seiner Depression. Er mir dann eine Lösungsmöglichkeit vorschlägt, wie: „ Meine Mutter kann mich ja wecken“. Ich aber dann wiederum sage: „Sie sollten das am besten alleine schaffen“.


    Ich muss dann wiederum mit ihm besprechen, wie er seinen Tages- und Nachtrhythmus ändern kann und es hier nicht möglich ist, dass er immer zu spät kommt. Spreche auch dann stationären Rahmen an, da er nicht die Regeln einhalten kann oder will.

    Natürlich löst so was Verärgerung aus und es wird oft als Bedrohung empfunden auf eine Station zu müssen. Aber wenn jemand so „schwach“ ist, die Anforderungen einer Tagesklinik nicht zu bewältigen, muss ich auch das in Betracht ziehen. Wichtig ist es für ihn, ihm auf der erwachsenen Ebene zu begegnen und mit ihm zu kommunizieren, auch wenn er erst 18 Jahre alt ist. Dies ist natürlich besonders für junge Kollegen in der Psychiatrie schwer. Einem zum Beispiel gleichaltrigen Patienten auch so zu begegnen.


    Eine Fachkrankenschwester A+I sehr kompetent, hatte Diabetes vom Typ I. Sie konnte auf sich nicht aufpassen. Insulin vergessen, dann nicht gegessen. Da musste ich auch sehr auf meine eigene Distanz achten.

    Dann Beschimpfungen, muss mich zurücknehmen und mir klar machen, dass viele Patienten mich persönlich gar nicht meinen, sondern aus den verschiedensten Gründen heraus verbal entgleisen.



    Liebe Grüße Brady
     
  2. eunerpan

    eunerpan Senior-Mitglied

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    Hallo Brady!



    Also ich kann das gut nachvollziehen was du da beschreibst .....

    Da fallen mir zwei Begriffe zu ein: zum einen validierende Gesprächsführung und zum anderen Empowerment förderndes arbeiten .....

    Allerdings möchten einige Patienten keine Eigenverantwortung .... oder können die nicht übernehmen .....
    Das ist nicht einfach da eine Gradwanderung zu schaffen ......
    Was kann ich von dem Pat. erwarten und was nicht?!

    Denke man muss sich auch immerwieder in seiner eigenen Haltung zum Patienten reflektieren .....


    Zum Thema Beschimpfungen/ Bedrohungen:
    Da kann ich mich in der Regel recht gut abgrenzen ...... wobei ich auch schaue, ob das sein Störungsbild ist oder einfach nur bewusst eingesetztes dissoziales Verhalten. Dementsprechend fällt dann auch meine Reaktion aus.

    Hoffe ich habe dir einen kurzen Einblick geben können


    Lieben Gruss

    :spopkorns:
     
  3. MiChung

    MiChung Gast

    Hi Brady,

    hatte grade im Frühdienst eine solche Situation:
    Autistischer Patient hat im Flur einen akuten Erregungszustand, schreit sich in Rage, ist verbal kaum zu erreichen. Ich bringe ihn unter Geschrei in sein Zimmer, um ihn auch aus der Situation zu bringen, wo er mich dann bespuckt.
    Mein erstes Gefühl war Wut und Ekel, als ich dann seine erschrockene Reaktion bemerkte und mitbekam, dass es ihm offensichtlich leid tat, hatte ich eher Mitgefühl und dachte, welche Not und Ohnmacht auch dahinter stehen musste.

    In solchen Situationen fällt es oft zunächst schwer, sich nicht persönlich angegriffen zu fühlen, sondern zu realisieren, dass es passierte, weil man eben grad da war und weil die Hilflosigkeit des Patienten sich irgendwie Bahn brach....

    Als der betreffende Patient mich später betreten fragte, ob denn mein Pullover wieder sauber sei, musste ich fast schmunzeln.
    Morgen, wenn die Wogen beiderseits wieder etwas geglättet sind, werde ich versuchen mit ihm zu besprechen, welche anderen Möglichkeiten es geben kann, seinen Unmut bzw. seine Wut vorzeitig mitzubekommen, bevor die Situation eskalieren muss. Heute war dazu keine Gelegenheit mehr. Mit etwas Abstand denke ich, ist es auch besser zu besprechen.

    LG
     
  4. Brady

    Brady Gast

    Hallo Eunerpan und MiChung,

    danke für eure Beiträge. Es ist immer eine Gratwanderung, die deutlich macht, wie schnell auch wir verletzlich sind. Dies dann in dem Moment fachlich zu bewerkstelligen, ist oft sehr anstrengend. Da gibt uns aber auch die Grundhaltung zum Patienten den nötigen Halt.

    Liebe Grüße Brady
     
  5. eunerpan

    eunerpan Senior-Mitglied

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    Hallo Brady!

    Mal eine leicht ketzerische Frage.....


    Muss ich denn immer fachlich sein? Darf ich nicht auch menschliche Züge haben auf der Arbeit?

    Warum sollten Patienten denn nicht auch direkt merken, wenn mich etwas z.b. verärgert?


    Lieben Gruss


    :spopkorns:
     
  6. MiChung

    MiChung Gast

    Hallo eunerpan,

    so ketzerisch finde ich Deine Frage gar nicht. Meinen Ärger deutlich zu machen hat ja auch was mit Authentizität (was für ein Wort...) zu tun.
    Natürlich muss ein Patient auch mitbekommen, welche Verhaltensweisen oder Reaktionen unangemessen sind. Wir sind schließlich nicht dazu da, die Patienten ständig in Watte zu packen. Wie sollen sie denn dann auch "draußen" zurecht kommen, wo es auch keine Watte gibt...
    Ich denke, das "Fachliche" ist, die Situation später zu reflektieren, wenn das möglich ist und die Reflexionsfähigkeit des Patienten (und die des Mitarbeiters *g*) dies zulässt. Und es nicht als persönlichen Angriff zu verstehen.

    Den Umgang mit dem von Dir angesprochenen "dissozialen Verhalten" mancher Patienten finde ich auch weitaus schwieriger. Vor Allem zu unterscheiden, ob nun ein Verhalten schlicht dissozial oder aber störungsbedingt ist. Oft gibt es da ja auch kontroverse Meinungen innerhalb des Teams.

    LG MC
     
  7. eunerpan

    eunerpan Senior-Mitglied

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    Huhu!


    ja das hab ich auch erlebt mit den kontroversen Meinungen ...... richtig schwierig wird es wenn der Arzt ne andere Meinung hat zu dem Thema als die Pflegenden ..... da ziehen wir leider immernoch oft den kürzeren :angry:


    Lieben Gruss

    :spopkorns:
     
  8. MiChung

    MiChung Gast

    Hi,

    ja stimmt, das ist dann richtig prima...
    wobei ja manchmal auch das dissoziale Verhalten als Störung zu verstehen ist:

    Psychiatrie-aktuell.de - Schizophrenie, Psychose, Depression, Manie, Demenz

    nur der Umgang damit ist ungleich schwieriger, weil es persönlichkeitsbedingt ist und nicht eine vorübergehende krisenbedingte "Ausnahmesituation".
    Insbesondere, wenn der Patient nicht aufgrund der eigentlichen Störung in Behandlung ist - bzw. kein eigenes Interesse hat, daran etwas ändern zu wollen.

    LG
     
  9. Brady

    Brady Gast

    Hallo zusammen,

    ja auch wichtig authentisch zu sein. Auch damit der Patient erfährt, dass er Fehler machen kann, aber dadurch auch nicht fallen gelassen wird.

    Oft, ist es auch ein reines "ausprobieren", wie weit kann man gehen und hält trotzdem die Beziehung. Wie weit kann ich mich auf mein Gegenüber verlassen?

    Gerade diese Erfahrung ist bei vielen jungen Menschen nicht vorhanden.
    Oder es wird auch dadurch Aufmerksamkeit gefordert.

    Es würde auch einen merkwürdigen Ausdruck verleihen, Verwarnungen, Einforderungen von Regeln mit lächelndem Gesicht zu übermitteln.

    Ich habe ja fast schon die Einstellung, das dissoziales Verhalten immer aus einer Störung heraus zu betrachten ist. Was nicht heißt, dass jemand dadurch keine Reaktionen auf sein Verhalten bekommen sollte. Denn zum lernen, ist keiner zu alt.*gg*


    Liebe Grüße Brady
     
  10. eunerpan

    eunerpan Senior-Mitglied

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    Hallo !

    Da muss ich dir Recht geben....

    allerdings steht auch in dem Link von MiChung :


    "...so dass auch kein Schuldgefühl und kein Verantwortungsgefühl entstehen können."

    "Darüber hinaus fehlen die Ansätze zur Verinnerlichung von Normen und Regeln."

    Das macht dann das "lernen" schwierig :gruebel:

    Lieben Gruss

    :spopkorns:
     
  11. MiChung

    MiChung Gast

    Hallo Brady,

    ja, Du hast natürlich recht damit, dass dissoziales Verhalten aus einer Störung resultiert und auch als solche verstanden werden sollte.

    Nur macht es einen Unterschied im Umgang damit, ob sich ein Patient mit dieser Störung auf einer Aufnahmestation befindet, oder auf einer psychotherapeutisch ausgerichteten Station, auf der es ein ganz anderes Behandlungssetting und einen anderen Behandlungsauftrag gibt.

    Und es macht einen Unterschied, ob der Patient sich auf freiwilliger Basis in Behandlung befindet, oder aber per PKG unfreiwillig.

    Lieben Gruß
     
  12. Brady

    Brady Gast

    Hallo zusammen,

    habe diesen Link gelesen. Muss ehrlich sagen, dass dieser Text mich echt entsetzt. Dies würde bedeuten, wenn jemand diese Diagnose hat, keinerlei Möglichkeit zur Stabilisierung und zur Verbesserung seiner Prognose hat.

    Habe noch keinen mit dieser Diagnose als Patient kennengelernt, was wahrscheinlich auch nichts heißen wird.
    Wahrscheinlich öfter in der Forensik anzutreffen? Oder habt ihr öfter damit zu tun?

    Liebe Grüße Brady
     
  13. MiChung

    MiChung Gast

    Hallo Brady,

    Du wirst wahrscheinlich mit Deiner Einschätzung richtig liegen, dass Patienten mit einer "Dissozialen Persönlichkeitsstörung" vorwiegend auf den forensischen Stationen zu finden sein werden.
    Vereinzelt hatten wir auch Patienten mit einer solchen Störung auf der Psychotherapiestation. Meist haben wir oder die Patienten jedoch die Behandlung vorzeitig beendet.
    Die Motivation war dann oft "Therapie statt Strafe" und kein wirklicher Wunsch, an seiner Schwierigkeit etwas zu ändern.
    Auf den Aufnahmestationen hat man solche Patienten auch häufiger - eine echte Herausforderung für die Mitarbeiter und auch die Mitpatienten....

    Früher wurden diese Patienten als "Psychopathen" bezeichnet. Diesen Begriff gibt es glaub ich "fachlich" nicht mehr.

    Lieben Gruß MC
     
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