Schuldgefühle, was tun?

Severin

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Ich frage hier mal nicht für mich, sondern für eine Kollegin bei der ich das nun wieder mitbekommen habe.

Ich denke mal, gerade in der Ambulanten Pflege ist man mehr oder weniger auf sich gestellt, man ist da wirklich der erste dem irgendwelche Veränderungen der Patienten auffallen, und ein Arzt ist ja nunmal nicht täglich vor Ort.

Jetzt ist es bei mir im "Team" so, dass von einer Kollegin ein Patient Mitte November verstorben ist .. mehr oder weniger "ohne Ankündigung", also es gab irgendwie keine kritischen Anzeichen, das einzige "Problem" dass die Patientin hatte, war dass sie nicht regelmässig abführen konnte.

Und eben diese Kollegin macht sich jetzt seit Wochen Vorwürfe, sie hätte nicht auf alles geachtet, hätte irgendwas übersehen, nicht anständig gearbeitet .. kurz: sie macht sich riesen Vorwürfe und schiebt die "Schuld" am Tod der Patientin mehr oder weniger auf sich, obwohl sämtliche Kollegen und auch die Angehörigen ihr immer wieder sagen, dass sie nichts hätte besser oder anders machen können.

Meine Frage ist nu, war einer von euch schonmal in so einer Situation? Oder weiss wie man ihr vielleicht sonst noch helfen kann? Von den Patienten hab ich gehört dass sie vorher ein wahrer "Engel" gewesen sei, und seitdem baut sie völlig ab, ist unsicher in allem was sie tut ... Ich mein, irgendwie muss sie doch aus diesem Tief wieder rauskommen oder? Kann man ihr dabei irgendwie helfen?
 

Sterntaler

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Hallo Severin.

Eine Diagnose kann ich leider auch nicht stellen, aber ich kann vermuten.

Ich arbeite als Pflegehilfe im Altenheim und kann dir von uns erzählen:
Viele Bewohner haben Probleme mit dem Abführen. Wenn täglich vor den Mahlzeiten Lactulose nicht hilft und drei/vier Tage der Stuhlgang ausbleibt, bekommen sie Laxoberaltropfen und nach 7 Tagen ein salinisches Klysma.
Einige Typ Alzheimer Patienten führen teilweise nur noch mit Klysma ab.
Ich glaube- aber wie gesagt, bin unwissend da nur Pflegehilfe- dass unregelmäßiges Abführen, wenn der Hausarzt informiert war, nicht die Ursache sein kann.

Ich kenne mich in der ambulanten Pflege nicht aus, aber ich schätze mal, dass eine so gute Überwachung wie im Heim ja gar nicht möglich ist und daher auch keine Kontrolle über den Stuhlgang- viele wissen ja gar nicht so genau, ob sie nun am Tag schon abgeführt haben oder nicht und wenn man nicht dabei ist, hat man keine Kontrolle darüber sprich auch keine Möglichkeit zur guten Dokumentation. Aber da kann deine Kollegin ja nichts dafür, das ist eben so.

Bei mir ist bis jetzt noch keiner gestorben, den ich betreut habe, aber mir würde es genauso gehen, wenn ich allein für jemanden verantwortlich bin. Das ist aber glaube ich ein Gedanke, den man immer haben wird, wenn man für einen anderen Menschen verantwortlich ist.

Ich würde ihr sagen, dass sie nicht in die Frau reingucken konnte und alles nach bestem Wissen und Gewissen getan hat- mehr kann sie nicht tun!

Ich drück ihr die Daumen, dass sie es schafft, zu dieser Erkenntnis zu kommen und dass es ihr bald besser geht.

LG Sterntaler
 

Janina

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Hallo
Ich arbeite auch in einem ambulanten Pflegedienst und mir ist mal eine Frau direkt beim Frühstück gestorben.
Also ich war gerade dabei ihr das Frühstück zu reichen da fängt sie an nach Luft zu schnappen, ich dachte erst sie hat sich verschluckt, verdreht die Augen hört auf zu schnaufen und rutscht vom Stuhl.
War schon komisch direkt dabei zu sein wenn jemand stirbt und ich habe ganz schön gezittert als endlich die Sanis und der Arzt da waren.
Aber so ist das nun mal mit dem Tag an dem wir geboren werden steht fest, daß wir sterben und wann, wo und wie entscheiden nicht wir. Wir können versuchen den Menschen einen möglichst schönen Lebensabend zu bereiten aber den Tod können wir nicht verhindern, egal wie aufmerksam wir sind. Wir können ihn höchstens ein wenig herauszögern.
Das muß man einfach akzeptieren nicht nur beruflich auch privat.
Ich glaube je mehr man den Tod als Teil des Lebens ansieht und darauf vertraut, daß dannach nichts furchtbares sondern höchstens etwas schönes kommt, je besser wird man damit fertig.
Ich hoffe deine Kollegin wird es irgendwann akzeptieren können, daß es nicht an ihr lag, daß die Frau gestorben ist, sondern, daß es für sie einfach Zeit war zu gehen.
Gruß Janina
 

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