"Rektalkapseln"?!

Dieses Thema im Forum "Pharmakologie" wurde erstellt von funcz, 08.02.2008.

  1. funcz

    funcz Senior-Mitglied

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    Hi zusammen!
    Bin im Moment im Hospiz eingesetzt und habe heute eine abenteuerliche Art der Medikamentenverabreichung kennengelernt. Ging um eine Patientin mit Hirnmetastasen bei MammaCa, die unter ausgeprägter Aphasie, Apraxie und Dysphagie leidet. Da sie kaum noch in der Lage dazu ist, ihre Medikamente oral einzunehmen, ist das Pflegepersonal heute dazu übergegangen, diese zu mörsern, in Leerkapseln zu füllen und rektal zu verabreichen :gruebel: erklärung war, dass es so besser sein, als gar nichts zu geben. i.v.-Zugänge besitzt die Dame nicht, werden dort auch nicht gelegt.
    Meine Frage: Verändert sich dadurch nicht der ganze Wirkmechanismus, von Wirkungslosigkeit bis hin zu unerwünschten Nebenwirkungen? Vielleicht kennt ja jemand von euch diese Praxis und kann mir ein bisschen was näheres dazu erzählen!
    Gruß, Julian
     
  2. anästhesieschwester

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    Guten Abend,

    ich nehme an, in diesem Fall werden auch Film- und Retardtabletten gemörsert?
    Dann verändert sich die Wirkung natürlich völlig, diese dürfen nämlich nicht gemörsert werden.

    Diese Leerkapseln kenne ich selber nicht. Sind die Kollegen sicher, dass die nicht nur von der Magensäure aufgelöst werden, sondern auch im Darm? Sonst könnte man sich das ganze nämlich sparen...


    Gruß


    Die Anästhesieschwester
     
  3. Maniac

    Maniac Poweruser

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    Überhaupt, was wird da gemörsert? Alles? Ist jeweils die Wirkung auf Darmschleimhaut untersucht? Ungefährlich?
    Von der Wirkpharmakokinetik, inkl First Pass Effekt, mal ganz zu schweigen

    Ich habe sowas noch nie gehört und halte das Ganze für fragwürdig!
    Auch wenns um Hospiz-Patienten geht, unverantwortlich, sodenn nicht wichtige Hintergrundinfos fehlen!
     
  4. funcz

    funcz Senior-Mitglied

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    Puuuh bin ich beruhigt, dachte schon ich wäre der Einzige, der davon noch nie was gehört hat :mrgreen: dort in der Einrichtung scheint das wohl usus zu sein, die oben genannte Argumentation finde ich schon etwas fragwürdig.
    Ging in diesem speziellen Fall um Phenytoin (das erst unter höheren pH-Werten im Jejunum/Duodenum unter Mitwirkung von Gallensäuren resorbiert wird) und Dexamethason (dessen Wirkung auf Schleimhäute wohl bekannt sein sollte). Wenigstens hat die Pflegerin selbst erkannt, dass die rectale Gabe von Pantozol keinen Sinn macht :klatschspring:
    Zumindest hier ist es eigentlich offensichtlich, dass von der ursprünglich angestrebten Wirkung nicht mehr viel übrig bleiben wird bzw. die Applikation der Patientin u.U. sogar schaden könnte. Angeblich wird das Vorgehen von den betreuenden Palliativmedizinern und Hausärzten mit getragen.
    Werde am Montag nochmal genauer nachbohren, bin sehr gespannt was dabei rauskommt!
     
  5. narde2003

    narde2003 Board-Moderation
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    Hallo Funz,

    ich finde es mehr als fragwürdig. Es erinnert mich so ein bisschen an eine Aussage einer alten Unterrichtsschwester, die meinte im ersten Weltkrieg hätte man Hühnersuppeneinläufe gemacht um die Patienten zu ernähren.

    Eine Frage wie wird die Patientin ernährt? Kann sie noch Essen und Trinken? Wenn ja, könnte man die Medikamente doch oral verabreichen.

    Sonnige Grüsse
    Narde
     
  6. Gerrit

    Gerrit Senior-Mitglied

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    Ich kenne diese Vorgehensweise für kurze Zeit indem retardierte Morphinkapseln (unzermörsert) so appliziert werden können.
    Die Resorption ist unsicher (Stuhlgang etc.).
    Für andere Medikamente ist mir eine solche Applikation nicht bekannt.

    Grüße,

    Gerrit
     
  7. flexi

    flexi Administrator
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    [/quote]
    Hallo funcz,

    ein solches Vorgehen ist nach den Bestimmungen des Arzneimittelgesetzes AMG - § 13 Herstellungserlaubnis - Einzelnorm
    eindeutig nicht erlaubt!
     
  8. funcz

    funcz Senior-Mitglied

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    Mir war/ist durchaus bewusst, dass sich diese Art von Verabreichung jenseits einer rechtlichen Grauzone befindet, mir gings allein darum ob jemand nähere Kenntnisse dazu hat.
    War gestern zufällig in der Apotheke und habe dort mal nen Fachmann dazu befragt. Er fand alleine die Idee sehr innovativ und gar nicht mal so abwegig, war sich allerdings nicht ganz schlüssig darüber, wie und welche Menge des Wirkstoffs letztendlich beim Pat. ankommen. Er nannte u.a.
    - den fehlenden First-Pass-Effect
    - die Unterschiede zwischen Darm- und Magenschleimhaut, auch hinsichtlich pH-Wert und Milieu
    - die Galenik, da z.B. die Wirkstoffe in Suppositorien mittels Ölen und Fetten gebunden werden, die Leerkapseln aber aus Gelantine bestehen und damit wohl wesentlich langsamer gelöst werden
    - die Ausscheidung der Kapseln mit dem Stuhlgang vor Austritt von Wirkstoffen

    Würde mich über weitere Beiträge freuen!

    ps:
    Weiß jetzt nicht genau wie ernst die Frage gemeint ist, könnte die Patientin noch Essen/Trinken würde sie natürlich die Medikamente oral einnehmen und es würde diesen Thread nicht geben :mrgreen:
     
  9. narde2003

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    Hallo,

    wenn jemand nicht mehr isst und nicht mehr trinkt, ist seine Lebenserwartung sehr kurz, welchen Sinn macht es dann noch ihn mit rektalen Medikamenten zu quälen?

    Schönen Abend
    Narde
     
  10. narde2003

    narde2003 Board-Moderation
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    Hallo Funcz,

    bei genauer Studie deines Threads frage ich mich, warum man nicht auf Cortison Supp umsteigt, das wäre doch die zugelassene Möglichkeit dies zu verabreichen.

    Schönen Abend
    Narde
     
  11. Gerrit

    Gerrit Senior-Mitglied

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    Bei Hirnmetastasen wird normalerweise wegen der hohen Äquivalenzpotenz Dexamethason eingesetzt. Davon gibt's soweit ich weiß keine Suppositorien, Prednisolon o.ä. wirst Du in solchen Mengen die da benötigt werden nicht applizieren wollen.

    Das Argument mit der begrenzten Lebensdauer ist relativ - es sollen auf diese Art ja keine "Mittel zur Hautverschönerung" appliziert werden sondern Medikamente ohne die die Lebensqualität der Patientin sehr leiden würde.

    Grüße,

    Gerrit


    PS: "Mittel zur Hautverschönerung" ist natürlich ironisch gemeint, wobei ich da auch schon Pantozol dazu rechnen würde (verschönert ja die Magenschleimhaut :wink:)
     
  12. matras

    matras Bereichsmoderator
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    Hallo,
    ich finde die Tatsache, dass ein Arzneimittelgesetz exisitiert und solche Dinge, wie "off label use" regelt, macht jede weitere Diskussion über "wirkt" oder "wirkt nicht" völlig überflüssig! - Oder?

    Matras
     
  13. KM1975

    KM1975 Newbie

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    @matras: So ganz kann ich dir zum Thema "off-label. use" nicht zustimmen. Es gibt immer wiederBeispiele für den erfolgreichen "nicht bestimmungsgemäßen" Gebrauch, bzw. die Applikation von Arzneimitteln, z.b.:
    • Gentamicin zur Inhalation - bei Pseudmonas-Infektion/Kolonisation der Lunge
    • Dormicum s.c. - Palliativmedizin
    • Buscopan - gegen Hypersalivation
    etc.
     
  14. matras

    matras Bereichsmoderator
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    Hallo,

    die Tatsache, dass es diese und andere Beispiele gibt, dienen nicht der Legalisierung. Auch nur die Änderung einer (wie hier) Applikationsart, führen zu einer Änderung der Pharmakodynamik, die sich einem Laien eben verschließt! Wollen wir uns jetzt auch noch der Erforschung der wirkweisen verschiedener Anwendungsarten von Arzneimitteln widmen?!?
    Das ist und bleibt Sachen von Anderen....
    Und außerdem fehlt in der Ausgangsfrage auch die selbstverständliche Anordnung der Verordnung (Mittel, Dosis, Zeitpunkt und Applikationsart)!

    Davon müssen wir die Finger lassen.... "off label" ist ein Gebrauch außerhalb der bestimmungsgeäßen Zulassung eines Arzneimittels und liegt im Risiko des Verordnenden.

    Matras
     
  15. lena0409

    lena0409 Newbie

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    Hallo,
    ich hab mit palliativ-patienten erfahrung und mir kommt das auch sehr spanisch vor, gemörserte tabletten rektal zu verabreichen.
    wir haben dann einen subcutanen zugang gelegt und darüber flüssigkeit und medikamente wie morphin verabreicht.
    lg lena0409:nurse:
     
  16. Marechal

    Marechal Newbie

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    die rektale Applikation von Medikamenten ist eine dieser Blüten die das Fehlen einer vernünftigen ärztlichen Begleitung/Behandlung verdeutlicht genauso wie die subkutane Applikation von allen möglich Medikamenten.
    Der Gedanke ist nicht dumm aber auch nur eine Notlösung, Patienten die unter Dysphagie und Schmerzen leiden ist mit einer kontinuierlichen i.v.- Therapie sicherlich eher geholfen. Gerne vergessen wird nämlich bei dieser Art der Applikation dass sie hochgradig peinlich und unangenehm für alle Beteiligten ist und genau derartiges möchte ich grade in einem Hospiz den Gästen ersparen.
    Gerade wegen der veränderten Resorption ist die Steuerung einer Therapie viel schwieriger und Bedarf eigentlich einer sehr genauen (zeitintensiven)
    Beobachtung. Aber im Hospiz muss man den Menschen eben helfen und was soll man machen wenn der Hausarzt der Meinung ist wir würden den Perfusor sofort auf Anschlag drehen sobald man in uns zur Verfügung stellt....
     

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