Reden über den Tod?

hansi

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hallo leute !

ich wollte mal fragen, wie ihr mit Patienten umgeht, wenn sie über das sterben sprechen wollen. versucht ihr das thema zu umgehen bzw. benutzt ihr notlügen?
ich glaube, es ist verdammt schwer mit jemanden, der wahrscheinlich sterben wird über dieses thema zu sprechen.
hat einer von euch schon mal jemanden sagen müssen, dass es für ihn keine hoffung mehr gibt? wie geht man damit um?
dieses thema beschäftigt mich schon länger und ich wollte mal wissen, wie es anderen damit geht.
 

Andre_Winter

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Hallo Hansi!
Bei uns auf der Abteilung ist es in erster Linie Sache der Ärzte, dem Patienten mitzuteilen, daß seine Lage hoffnungslos ist. Aber selbstverständlich werden wir von der Pflege auch schonmal gefragt.
Ich persönlich sage, wenn ich SICHER weiß, daß es auch tatsächlich so ist, dem Patienten offen, wie ich die Dinge sehe. Allerdings betone ich ausdrücklich, daß es sich um meine Meinung und meine persönliche Einschätzung aufgrund meiner eigenen Erfahrung handelt.
Dabei spreche ich gerade heraus. Nach meiner Meinung hat jeder Mensch das Recht, über die ihm verbleibende Lebenszeit frei zu verfügen. Das kann nur, wer in einer solchen Situation präzise weiß, wo er dran ist.
Wenn mich also jemand fragt, ob er sterben muß, sage ich sowieso grundsätzlich JA. Weil, soweit ich weiß, konnte dem noch niemand entkommen.
Fragt ein Patient mit einer sicher nurmehr kurzen Rest-Lebenserwartung, sage ich ebenfalls ja, wenn ich eben genau weiß, daß der Arzt ihm schon einmal etwas dazu gesagt hat. In diesem Fall allerdings füge ich o.g. Erläuterung nicht hinzu.
Und ich gebe auch an, wenn ich denke, es wird nicht mehr lang dauern oder, wenn ich zum Beispiel am Freitag mittag nach Haus gehe und mir sicher bin, diesen Patienten am Montag nicht mehr zu sehen, dann nehme ich Abschied von diesem Patienten und gebe auch ehrlich an, daß ich annehme, ihn am Montag nicht mehr anzutreffen.
Meine Erfahrung sagt, daß die meisten Menschen damit viel besser umgehen können, als wenn man ihnen das Blaue vom Himmel runterlügt, während sie das Gefühl, bald zu sterben doch deutlich in sich tragen.
Und je offener wir uns zu sein trauen, je mehr fühlt sich der Patient angenommen, ernstgenommen, geborgen, kann er offener aus sich herauskommen, kann er offener seine Sorgen und Ängste besprechen.
Das ist nicht immer einfach. Dazu muß man gut in seinen Schuhen stehen. Vor Allem aber muß man IMMER authentisch bleiben. Wenn ich etwas nicht weiß, sage ich das offen. Wenn mir etwas -in welche Richtung auch immer - zu weit geht, gebe ich das deutlich an.
Zur Authentizität gehört dann auch, daß man selbst Trauer fühlen darf. Geht mir etwas derart nahe, daß mir die Tränen kommen, dann kommen die eben. Geschieht aber am Sterbebett etwas lustiges, traue ich mich ebenfalls, darüber auch zu lachen, wenn dies angebracht ist.
Diese Ehrlichkeit empfinde ich auch im Kollegium und wir alle versuchen, diese Einstellung auch an unsere Schülerinnen und Schüler weiter zu geben. Wir sind Menschen. In jeder Beziehung. Immer. Nichts mehr und nichts weniger.
Aus welcher Position heraus betrachtest Du dieses Thema, Hansi?
Viele Grüße!
Andreas
 

Laisy

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Hi Hansi!

Sicher ist es schwer mit den Pat. über dieses Thema zu sprechen, aber es gehört zu unserer Arbeit auch den Sterbeprozess zu begleiten. Oftmals haben die Patienten auch weniger ein Problem darüber zu sprechen, als alle anderen.

Wir haben z. B. eine Stammpat. bei uns, die schon seit Monaten immer wieder wegen Ihrer COPD kommt und nun auf Grund eines Hirn-CA´s mit und ohne Bestrahlung nur noch ein Jahr zu leben hat. Da ist die Situation vielleicht noch ein wenig anders, weil das gesammte Team sie ins Herz geschlossen hat und die Pat. weiß, dass sie uns vertrauen kann und uns auch mag. Jedenfalls frug sie mich neulich, ob sie zum sterben zu uns wieder kommen könnte (wurde auf die Onko verlegt) und was mit einem Menschen kurz vor dem Tod passiert und wie wir ihn pflegen - ich habe mit ihr ganz offen darüber gesprochen und hoffe ihr ein wenig die Angst genommen zu haben. Zwar waren wir beide nach dem Gespräch emotional sehr ergriffen, aber die Wahrheit ist immer der beste Weg!!!

Und so halte ich es eigentlich immer, sicher ist es für mich auch schwer solche Gespräche zu führen ... aber es gehört zum Leben!!!

Liebe Grüße
Andrea
 

catweazle

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hansi schrieb:
hallo leute !

ich wollte mal fragen, wie ihr mit Patienten umgeht, wenn sie über das sterben sprechen wollen. versucht ihr das thema zu umgehen bzw. benutzt ihr notlügen?
ich glaube, es ist verdammt schwer mit jemanden, der wahrscheinlich sterben wird über dieses thema zu sprechen.
hat einer von euch schon mal jemanden sagen müssen, dass es für ihn keine hoffung mehr gibt? wie geht man damit um?
dieses thema beschäftigt mich schon länger und ich wollte mal wissen, wie es anderen damit geht.
Lügen niemals. Das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Und es nützt meist nichts- man würde es mir anmerken. Und umgehen ist auch keine lösung, da hätte ich ein schlechtes Gefühl, weil ich der betreffende Person ausweiche, anstatt zu helfen.

Die Aufklärung, wieviel oder wiewenig Hoffnung besteht, ist Arztsache. Das "Puffern" bleibt dann meist bei unsereins...

Ja, es kann sehr schwer sein. Meistens. Selten, daß so ein Gespräch über den nahenden Tod unkompliziert ist.
Ich versuche mich auf den Level des Patienten einzustellen. Da jedeR PatientIn unterschiedlich ist und unterschiedliche Bedürfnisse und Voraussetzungen hat, gibt es da kein Patentrezept außer Einfühlungsvermögen.

Wir haben auf unserer Station (Schwerpunkt Gastroenterologie) sehr viele ERCPs und stellen daher vergleichsweise oft das eigentlich nicht so häufige Pankreaskopfkarzinom fest. Welches meistens bei Diagnosestellung nicht mehr wirklich zu behandeln ist außer palliativ. Entsprechend oft kommen solche Gespräche. Ich bin zum Glück recht robust, aber wenn es zu viel wird, dann spreche ich mich bei meinen Kolleginnen aus, die gerade weniger davon betroffen sind und umgekehrt.

Da muß man sich gegenseitig auffangen, ein gutes Team vorausgesetzt.
 

Trisha

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Hallo,

einen Pat. belügen, um ihn zu trösten oder vom Thema wegzulenken etc., nein, das darf und sollte man auf keinen Fall.
Jeder Mensch weiss dass er sterben muss, viele kranke oder sehr alte Menschen wissen, dass das Ende unmittelbar bevorsteht. Wenn mich ein solcher darauf anspricht, spreche ich mit ihm darüber, und bin dabei absolut offen und ehrlich.
Neulich sagte eine Ca-Pat. zu mir, während ich sie versorgte: "Wissen Sie was, Schwester, heute hat der Doktor zu mir gesagt, dass ich bald abkratzen muss" und winkte dabei ab.
Selbstverständlich sagte der Arzt das SO nicht zu ihr, aber sie selbst zog es ins Lächerliche. Mir fiel zunächst die Kinnlade runter und ich starrte sie nur noch an, sie redete dann aber weiter und erzählte mir von ihren Plänen die sie zwischenzeitlich gemacht hat, um die Zeit bis zum Tod zu überbrücken.
Wie man mit einem Pat. über Sterben und Tod redet, ist individuell verschieden. Es kommt ganz darauf an, auf welche Art und Weise er das Thema anschneidet.

LG
Trisha
 

hansi

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ich bin durch einen artikel im spiegel darauf gekommen, in dem steht, dass das krankenhauspersonal das thema tod im umgang mit patienten vermeidet. es wird ungern darüber gesprochen, zimmer mit sterbenden patienten werden gemieden.
vielleicht gibt es trotzdem leute, die die kraft dazu aufbringen können sich um sterbende patienten zu kümmern und mit ihnen über ihre ängste etc. reden.
wie sieht es eigentlich in der ausbildung aus? lernt man dort auch mit dem sterben umzugehen?
ich glaube, es ist leider trotzdem die minderheit, die sich nicht vor offenen gesprächen mit sterbenden patienten scheut.
 

Andre_Winter

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Hallo Hansi!
Wir hatten in der Ausbildung mehrere Stunden über dieses Thema, unter anderem in Psychologie.
Und wir haben in dieser Zeit auch einiges über Gesprächsführung gelernt.
Allerdings hilft einem das wenig, wenn man erstmal in der Situation steckt.
Bei uns ist es so, daß wir das Zimmer eines Sterbenden garnicht meiden können.
Bei Sterbenden heben wir die Besuchszeiten auf und wenn ständig Familie da ist, kommt man automatisch bei jeder Runde mit einem der Angehörigen ins Gespräch.
Durch die offene Kultur auf der Station und diese frequenten Begegnungen wird es nicht angenehmer, aber sicher einfacher, konkret auf Fragen einzugehen und sich auch für Gespräche anzubieten.
Aus meiner Erfahrung weiß ich, daß Angehörige mit ihren Fragen auch eher auf Pflegekräfte zugehen, von denen sie schon offene und präzise Informationen bekommen haben.
Allerdings gibt es immer auch Angehörige, die auch in der letzten Stunde die Hoffnung nicht aufgeben wollen.
Die haben es bei uns etwas schwerer, denn die Zeit, in der Nonnen in unserem Haus das Blaue vom Himmel logen (Die Vöglein singen, die Blumen blühen und alles wird wieder guuuuuuuut!) sind entgültig vorbei.
Das nimmt aber, seien wir darin deutlich!, nicht weg, daß wir immer dafür sorgen, daß, wo gewünscht, geistlicher Beistand erscheint, und zwar auch zu den unmöglichsten Zeiten!
Viele Grüße!
Andreas
 

WOFR

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Hallo @ll,

ich denke ein solches Projekt ist ein guter Anfang in unserer Gesellschaft mit dem Tod offener umzugehen.


[font=Verdana, Arial]Ärzte Zeitung, 08.07.2004[/font]

Thema Tod und Sterben als Unterrichtsfach?

OLPE (ag). Sterben, Tod und Trauer soll Thema im Schulunterricht werden. Eine Projektgruppe der regionalen Schulberatung des Kreises Siegen-Wittgenstein hat gemeinsam mit dem Deutschen Kinderhospizverein in Olpe erstmals Grundlagen für Lehrpläne und Fortbildungsangebote entwickelt.

Nach den Sommerferien sollen die Rektorenkonferenzen des Kreises und die Landesbehörde für Lehrerweiterbildung in Soest informiert werden, damit die Fortbildung - nach dem Start in der Region - auch landesweit angeboten werden kann, teilte der Verein mit.



bis denne`
Frank
 

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