Phänomen: Patienten, die bei Aufnahme auf die Station ihre Verantwortung abgeben

Dieses Thema im Forum "Pflegebereich Psychiatrie/Psychotherapie/Psychosomatik/Sucht/Forensik" wurde erstellt von Brady, 06.01.2007.

  1. Brady

    Brady Gast

    Hallo zusammen,

    ich beobachte immer wieder das Patienten sobald sie bei uns aufgenommen sind, sofort ihre Verantwortung abgeben.

    Denke, dass dies nicht nur ein Thema in der Psychiatrie ist.

    Ich kann da viele Beispiele nennen.
    Das letzte Beispiel, ein Patient geht zum erstenmal zur Massage und erhält dort eine Liste mit Folgetermine. Fragt mich der Patient, ob ich diese Liste haben möchte um ihn zu erinnern. Natürlich will ich diese Liste nicht haben, ich erwarte aber, dass er sich abmeldet wenn er dort hingeht.

    Dann bittet mich anderer Patient, ich solle ihn an einen bestimmten Termin erinnern, weil er so vergesslich ist. Setze mich dann mit ihm zusammen und überlege Strategien, wie er seine Vergesslichkeit besser in den Griff bekommt. Muss mich öfter mit Pateinten auseinandersetzen, dass ich nicht der Terminplaner bin, aber dass ich gerne bereit bin mit ihm gemeinsam zu überlegen, wie man das Problem in den Griff bekommt.

    Dann hat jemand RR-Probleme, vereinbare ich, dass er sich bei mir meldet, damit sein Blutdruck gemessen wird. Tut er dies nicht, werde ich ihn ansprechen, warum er sich nicht um seine Gesundheit kümmert. Ich laufe ihm also nicht hinterher um den Blutdruck zu messen. Es wird natürlich geschaut, kann ich das von dem Patienten erwarten, kann er das leisten?

    Auch müssen unsere Patienten selbständig daran denken, dass sie rechtzeitig ihre Auszahlungsscheine für Krankengeld einreichen. Oder auch, dass sie sich melden, wenn ihre Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausläuft.
    Es gibt noch viele Beispiele....


    Oft sind es noch nicht mal die "schwachen Patienten", die gerne die Verantwortung für sich selber abgeben.

    Liebe Grüße Brady
     
    #1 Brady, 06.01.2007
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 07.01.2007
  2. HHS

    HHS Poweruser

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    Hi,

    Kennne ich aus meiner Klinik nur zu gut....
    Ich suche immer noch das Schließfach an der Pforte für die Hirne unserer Patienten.

    Für viele Patienten ist es schlichtweg selbstverständlich, das wenn sie ihm Krankenhaus sind, ihnen alles mögliche abgenommen wird. Dabei bestimmt unser Leitbild, das wir nur Hilfe zur Selbsthilfe geben. Die Patienten sollen soviel wie möglich machen.

    Liegt es an unserer Erziehung, dem Bild in der Gesellschaft?
    Das Phänomen geht sogar soweit, das eigentlich geistig gesunde Patienten nicht mal wissen wie ihr Körper "funktioniert": junger Pat. nach Arthroskopie in spinaler Betäubung: Ich habe da einen Druckgefühl im Unterbauch - kann es sein, das ich Wasser lassen muss? (Pinkelflasche direkt in Griffnähe)

    Junge, wenn das wirklich unsere Gesellschaft ist, dann sehe ich echt schwarz....


    Gruß
    HHS
     
    #2 HHS, 06.01.2007
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 07.01.2007
  3. *Tigerente*

    *Tigerente* Newbie

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    Guten Abend,

    ich erlebe nicht nur die Fälle, die Brady beschreibt - oh ja, die gibbet zur Genüge:x - ich erlebe es auch oft, dass Patienten systematisch "entmündigt" werden.
    Kollegen meinen wohl, dass Patienten zu blöd sind, sich tel. ein Taxi zu rufen - und machen das dann selbst.

    Der Speiseplan wird laut vorgelesen - statt dem Patienten eine Kopie zur Auswahl dazulassen.:fidee:

    Und die Tabletten werden mobilen Patienten nur allzu oft bis ans Bett getragen - als wenn der Pat. sie sich nicht im Dienstzimmer abholen könnte.

    Dabei ist es doch so, dass unser Klientel psychosoziale Kompetenz üben soll, oder?
    Muss halt noch dran gearbeitet werden....!

    Ich werde jedenfalls auch keinem Patienten zwecks RR-Messung hinterherlaufen, sofern er selbst in der Lage ist, das Dienstzimmer aufzusuchen. Nur muss es immer glasklare Absprachen geben!

    LG

    von der Tigerente

    Marlies
     
    #3 *Tigerente*, 06.01.2007
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 07.01.2007
  4. Brady

    Brady Gast

    Hallo Marlies,

    ja genau, das stimmt. Mobilen Patienten die Medikamente hinterher zu tragen ist vielleicht auch einfacher, bzw....man trägt sie an alle einfach aus und man muss nicht weiter darüber nachdenken. Kann er damit umgehen oder kann er es nicht?

    Wenn ich aber die Medikamente nicht hinterher trage habe ich mehr Arbeit. Muss auch immer wieder erinnern (Übungseffekt).

    Es sollte geschaut werden welche Probleme der Patient damit hat. Man erkennt dies auch rechtzeitig, bevor der Patient entlassen wird.

    Wie Du auch schon erwähntest müssen die Absprachen klar sein. Damit auch keine Missverständnisse entstehen.

    Es muss klar sein, warum bekommt der eine Patient seine Wasserflasche auf das Zimmer gebracht bekommt und der andere darf sie sich holen.

    Sollte im Team genau besprochen sein (Konzept), damit keine Spalterei geschieht. Z.B. die eine Schwester bringt mir immer was... und die andere nicht.

    Liebe Grüße Brady
     
  5. Lillebrit

    Lillebrit Bereichsmoderatorin
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    Ich glaube, dass mit dem Abgeben der Eigenverantwortung ist nicht nur ein Problem in der Psychiatrie. Auch in der Somatik habe ich dieses Phänomen - in meiner Ausbildung - beobachten können.

    Aber mal ehrlich : gehören zu solch einer Interaktion nicht immer zwei?

    Wenn der Pat. einer Pflegekraft suggeriert: ich bin hier Gast und als solcher "König"...ziehen sie mal die Gardinen zu, ich bin zu faul zum aufstehen......dann hat die Pflegekraft doch mehrere Möglichkeiten, darauf zu reagieren.

    Was ist mit Pflegekräften, die dem Pat. bereitwillig alles aus der Hand nehmen oder sogar diese anbieten? Sie nehmen dann ja die Rolle der "Fulltime-Servicekraft" an....*grübel*


    Lille
     
    #5 Lillebrit, 06.01.2007
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 07.01.2007
  6. lex

    lex Junior-Mitglied

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    Hallo,
    leider kann ich Eure Erfahrungen aus meinem Alltag nur bestätigen ( all zu oft geben aber nicht nur die Patienten ihr Hirn an der Pforte ab ). Ich glaube das wir von unseren Patienten all zu oft als Dienstleister angesehen werden, die einem für Geld den Aufenthalt mollig warm gestalten sollen. Dienstleister sind wir ja auch, uns bleibt letztlich also nur zu definieren und zu erklären worin die Dienstleistung besteht. Eben nicht darin dem Patienten den A.. Popo hinterher zu tragen, sondern mit ihm die Fähigkeiten zu trainieren die er benötigt wenn wir nicht mehr für ihn da sind. Das verstehen tatsächlich die Meisten und sind dann auch dankbar. Probleme gibt es bei uns immer nur dann, wenn der Chef auch der Meinung ist ( Privat- ) patienten soll man " verwöhnen ", damit sie nur ja möglichst lange bleiben ( ...und hospitalisieren).

    Von der Realität gefrustet, Lex.
     
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