Pflegewissenschaften: Theorie- Praxis- Transfer

Elisabeth Dinse

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Hallo @all

Ich möchte eure Meinung zu ff. These erfragen:

Erkenntnisse aus den Pflegewissenschaften gelangen nur schwer in die Praxis. Das liegt unter anderem auch daran, das in Deutschland der Arzt zuständig ist für den gesamten Ablauf- auch in der Pflege. Ärzte haben kaum Wissen in diesem Bereich, es ist nicht Inhalt der Ausbildung. Das Wissen in diesem Bereich wird "nebenbei" erworben. Durch dieses Unwissen kommt es zu z.T falschen (Pflege-)Therapien, welche u.U. den Pat. auch schädigen können.

Elisabeth
 

*caro

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Hallo Elisabeth!
ich komme mit ganz vielen Eindrücken aus Regensburg zurück vom Kongress für Pflegepädagogik (Lernwelten). Natürlich ist es so, dass Wissen der Pflegewissenschaften nur schwer die Praxis erreichen. Ist es so, dass wir wiedermal alle Schuld den Ärzten zuschieben können? Ich denke nicht. Pflege entwickelt sich seit den letzten Jahren immer weiter und ich möchte hierbei auf den Vortrag von Barbara Hellige verweisen, den sie zum Thema Professionalisierung gehalten hat. Sie hat beschrieben, dass Pflege eine zeitlang sich der Medizin angepasst hat, bzw. versucht hat medizinische Rituale in die Pflege zu übernehmen (Pflegevisite). Sie hat dies als "assimilierte Pflege" bezeichnet. Pflege sollte sich (und auch das hat sie festgestellt), dem zuzuwenden, was Pflege zum großen Teil ausmacht: Nämlich der Beziehungsarbeit.
Ich denke, wir haben in der Pflege mittlerweile viel erreicht: Es gibt Pflegediagnosen, Pflegestandards, Skalen usw. Aber wir müssen uns auch auf die Menschen einlassen, die Beziehungsarbeit. HAben Ärzte soviel Kontakt zum PAtienten wie wir? Wissen Sie, wie es dem Patienten gerade geht, was ihn belastet? Ich denke, auch Ärzte sollten sich dessen langsam bewusst werden, dass sie von den Pflegenden profitieren können.

caro
 

narde2003

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Hallo Elisabeth,

ich steh gerade völlig auf dem Schlauch, glaub ich, in wie weit gibt mir der Arzt die Pflege vor.
"Ich" Pflege doch nicht nach Anweisung des Arztes.

Schick mir doch bitte ein Beispiel, manchmal bin ich blond! (ich darf das schreiben, ich bin es wirklich, nur lässt es nie jemand als Argument gelten)

Danke
eine Nachtdienstgeschädigte Narde
 

Elisabeth Dinse

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Beispiel: Pat. ist immobil, hat spast. Paraplegie Beine,
Problem: livide Rötung über den Sitzbeinhöckern (wahrscheinlich zu lange im Rollstuhl gesessen)
Ressourcen: Oberkörper voll beweglich, ausreichende kognitive Fähigkeiten und somit gut motivierbar
Ziel: intakte Haut
Maßnahmen: AO Arzt: Mobilisierung und WDM
Durchführung: Mobilisierung gestaltet sich ausgesprochen schwierig, da die Spastikkette nicht unterbrochen werden kann (spezieller Handgriff nicht bekannt)- Pat. wird mit Streckspastik ind Knien und Hüftgelenk auf die Bettkante gebracht. Mobil. wird abgebrochen aus Sicherheitsgründen und vom Doc abgesetzt.

Mein Problem ist, dass es als nachgewiesen gilt (s.Neander), dass WDM für Pat. mit spastischen Mustern ungeeignet sind. Hier kommt noch hinzu, dass WDM durch Reizung der Kniekehle die Streckung unterstützt.

Beispiel: Pat. hat gelockerte Bettruhe und ist schwanger
Problem: Stase
Ressourcen: Pat. bewegt sich im Bett, geht selbst zur Toilette und zum Duschen, ausreichende kognitive Fähigkeiten und somit gut motivierbar
Maßnahmen: AO Doc ATS kontinuierlich- auch beim Duschen

Mein Problem ist, dass ich weiß das ATS nur einen Ruhedruck erzeugen können und demzufolge nur bei fehlender Muskelpumpe Sinn machen. Beim Duschen machen diese Strümpfe auf jeden Fall keinen Sinn- im Gegenteil: Unterkühlung, Gefahr HWI.

Beispiel: Pat. hat eine Apraxie und versteht das gesprochene Wort nicht
Problem: Sekretverhaltung
Ressourcen: hustet bei Reizung im Rachenbereich durch Sekret
Maßnahmen: AO Doc: Pat. aufsetzen und abklopfen

Sekret läßt sich aus der Tiefe nach oben transportieren? Aufforderung zum Abhusten kann er nicht umsetzen. Wäre da nicht eine Lagerungsdrainage besser?

usw., usw., usw.

Von den Erlebnissen in der Wundversorgung will ich gar nicht erst anfangen.

Elisabeth
 

Tobias

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Hallo Elisabeth,
na wen Du es besser weist rede mit Deinem Dok und fahrt ein neues Konzept! Zeige Ihm halt Unterlagen usw. wo Deine Argumente bewiesen sind und er wird einlenken! So läuft es bei uns ganz gut, denn nur im Team läßt sich was bewegen.
Wenn aber die Pflege nur das macht was der Dok vielleicht vor 20 Jahren gelernt hat, ist die Pflege seber Schuld! Muß ich jetzt mal so deutlich sagen.

Grüße Tobias
 

narde2003

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Hallo Elisabeth,
wir führen die Pflege im Dialog.
Dies hat sich auf der Intensivstation ganz gut bewährt.
Bei den Pflegemassnahmen mischt sich der DOC nicht ein, und wir sprechen miteinander.
Ob ein Patient eine WDM bekommt oder nicht entscheidet die Pflege. Worüber wir gemeinsam entscheiden ist z.B. ob ein Patient ein "Schaukelbett" (kinetische Therapie) bekommt.

Bei Pflegerischen Massnahmen, wozu ich Sekretmobilisation zähle bleibt es der Pflege überlassen.

Eine Patientin mit AE-Strümpfen zu duschen ist auch schwachsinnig, genauso wie die AE-Strümpfe nachts auszuziehen, da diese ja für's liegen konzipiert sind, ausser man geht davon aus, dass die Thrombose nachts schläft und somit nicht zuschlägt.

CU
Narde
 

Elisabeth Dinse

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Die Beispiele stammen nicht aus dem Intensivbereich. Da kenne ich es auch nicht anders. Und hat er mich nicht verstanden, gabs die Ansage, dass ich meine Bedenken schriftl. im Pflegebericht nierderlegen werde. Das hat in der Regel immer geholfen.

Meine Beispiel stammen wie gesagt aus den peripheren (was für ein Wort) Stationen. Dort werden vom Doc Studien verlangt. Hab welche ausgeteilt... geändert hat sich nichts. Weil jetzt muss noch der ärztl. Chef seinen Segen geben. Und der hat vor 20 Jahren ... .

Was lernen Ärzte eigentlich bezüglich Pflege in ihrer Ausbildung?

Elisabeth
 

narde2003

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Hallo Elisabeth,
ich kann leider nur für den Intensivbereich sprechen, für alle anderen Bereiche fehlt mir die ausführliche Erfahrung.

Ich verstehe aber auch nicht weshalb sich die Pflege alles aus den Händen nehmen lässt.

Was Ärzte über Pflege lernt - nix, ausser dem Praktikum am Anfang des Studiums.
Wo wären die Ärzte ohne die Pflege? Wer muss dei Veränderungen am Patienten merken, erkennen - Wohl meist wir, da wir es sind es sind die am Patienten arbeiten.

Warum lesen sie nicht was man ihnen gibt? Ignoranz, weils ja nur von der "kleinen Schwester" kommt, was will mir die schon sagen?!

Vielleicht haben wir in unserer Abteilung auch Glück, dass es keine Ignoranten sind? Wobei die Aromapflege wurde von ganz oben verboten, also doch Ignoranten?

Ich habe keine Ahnung woran es liegt, aber vtl. auch daran, dass manche meiner KollegInnen immer noch glauben, dass die Ärzte was für die Pflege tun müssen bezüglich Image?

:fidee:

Schönen Tag
Narde
 

Tobias

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Hallo narde,
mit welchem Grund wurde die Aromapflege verboten??? Ist doch eine anerkannte Geschichte!!?

Ich kann auch nur vom Intensivbereich sprechen und da funktioniert das Miteinander ganz gut, zwar nicht mit jedem aber mit fast jedem!

LG Tobias
 

Elisabeth Dinse

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Tobias schrieb:
Hallo narde,
mit welchem Grund wurde die Aromapflege verboten??? Ist doch eine anerkannte Geschichte!!?

Bei uns im Haus wurde es nach der Intervention der Dermatologen verboten. Zugelassen ist die Phytotherapie. Wir dürfen also Kamille, Salbei, Pfefferminze u.ä. nutzen. *fg*

Roche Lexikon schrieb:
Aroma|therapie
Behandlung von Erkrankungen durch pflanzliche Duftstoffe. Komplexe chemische Verbindungen in ätherischen Ölen enthalten Duftmoleküle, die nach ihrer Aufnahme in der Nase auf die Stimmungslage wirken sollen. Verabreichung in Form von Bädern, Massageölen, Wickeln u. Inhalationen sowie durch Aufträufeln auf die Zunge; Einsatz v.a. bei psychosomatischen Erkrankungen. Cave: bei Schwangeren, Kleinkindern, Allergie, Epilepsie.

Phyto|therapie
phytotherapy
Heilkräutermedizin; therapeutische Anwendung von Heilpflanzen (Phytopharmakon), deren Teilen (z.B. Blätter, Wurzeln), Wirkstoffen (z. B. ätherische Öle) oder deren Zubereitungen (z.B. Tinktur, Presssaft). Nicht zur Phytotherapie zählt die Anwendung isolierter Inhaltsstoffe (z.B. Atropin, Digitoxin) u. dem Wirkstoff nachgeahmter synthetischer Stoffe. Die rationale Ph. ist naturwissenschaftlich orientierte Medizin, die anstelle einer synthetisierten Substanz ein Phytopharmakon einsetzt. Die Pflanzen sind von der Kommission E des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) aufgearbeitet u. zugelassen („positiv verabschiedet“ im Sinne der Kommission). Für die Fertigarzneimittel ist die Arzneimittelzubereitung standarisiert, ihre wirksamkeitsbestimmenden bzw. wirksamkeitsmitbestimmenden Inhaltsstoffe sind bekannt, u. zu phytochemischen Kontrollzwecken sind Leitsubstanzen bestimmt. Die traditionelle Ph. beruht auf langer Erfahrung mit traditionell gebräuchlichen Heilkräutern u. Indikationen; auch die chinesische, die ayurvedische u. die tibetische Medizin etc. zählen dazu.

Elisabeth
 
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