Nach welchen Kriterien werden Patienten aus der Psychiatrie entlassen?

Dieses Thema im Forum "Pflegebereich Psychiatrie/Psychotherapie/Psychosomatik/Sucht/Forensik" wurde erstellt von narde2003, 04.07.2006.

  1. narde2003

    narde2003 Board-Moderation
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    Liebe Kolleginnen und Kollegen der Psychiatrie,

    ich habe eine, in euren Augen, vermutlich ziemlich dumme Frage.

    Wann werden Patienten aus der Psychiatrie entlassen?

    Hintergrund meiner Frage ist der, dass bei uns in der Notaufnahme desöfteren Patienten kommen, die vor kurzem aus welchen Gründen auch immer aus der Psychiatrie entlassen wurden.

    Aufnahmegrund bei uns dann, eigentlich die zugrundeliegende psychiatrische Grunderkrankung - Wahn, Borderliner oder Suizidversuche.

    Werden Patienten auch direkt von der geschlossenen Station nachhause entlassen, oder liegt es an der nicht ausereichenden Nachbetreuung durch niedergelassene Psychiater?

    Ein konkretes Beispiel für meine Frage habe ich auch:

    Ein Patient, Mitte 60, wurde mit der Polizei bei uns eingeliefert, er hatte am Nachmittag seine Frau erstochen und dann versucht sich die Pulsadern aufzuschneiden.
    Er hat seit 2 Jahren Wahnvorstellungen und hört Stimmen.
    2 Wochen vor der Tat war er aus der geschlossenen Station entlassen worden.

    Vielen Dank für eure Antworten
    Narde
     
  2. spritzensusi

    spritzensusi Stammgast

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    Hallo >Narde2003<,
    also ich bin zwar keine Psychiatrie- Schwester, kann mich aber noch sehr gut an meine Schülerzeit in der Psychiatrie erinnern: also damals wurden die Pat. dann entlassen, als die Akutphase vorbei war (besonders bei Borderlinern, Depressiven sowie Pat. mit Psychosen) und manche von ihnen wieder in die Arbeitswelt durch Sozialbetreuer wieder eingegliedert werden konnten. Also so extreme Fälle mit Messerstechereien oder ähnliche tätliche Übergriffe kamen bei uns nicht vor. Die waren ja in der forensischen, geschlossenen Psychiatrie. (Sollte man meinen und hoffen....:-? )
    Normalerweise wird es ja so gehandhabt, das die Leute die Eigen- bzw. Fremdgefährdung betreiben schon in der geschlossenen Abteilung bleiben. Aber man hört ja gerade auch oft in den Medien von z.B. ehemaligen Sexualstraftätern die gleich nach der Entlassung rückfällig wurden. Aber ich kann halt nicht sagen, wo dort der Fehler liegt.....Kann mir auch denken, das ein paar dieser Menschen Psychologen/Psychiater das Blaue vom Himmel erzählen und eine Genesung vortäuschen könnten.
    Und ich glaube, gerade diese Wahnerkrankungen sind unberechenbar. :weissnix:
    Es gibt Pat., die arrangieren sich mit ihren "Stimmen", andere kommen da überhaupt nicht zurecht und bei wieder anderen stauen sich vllt. unterdrückte Dinge an, keiner merkt was und auf einmal ist was Schlimmes passiert. Viele sind auch sehr in sich gekehrt und holen sich keine Hilfe wenn sie "Stimmen" oder ähnliches hören.
    Naja, konnte dir zwar auch nicht wirklich weiter helfen, wollte nur mal mit dir zusammen darüber nachgrübeln......:gruebel:
     
  3. narde2003

    narde2003 Board-Moderation
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    Danke Netti,

    dass du mit mir grübelst, meine Pschiatrieausbildungszeit ist schon einige Tage her.
    Ich hoffe doch, dass uns unsere Kolleginnen und Kollegen aus der Psychiatrie weiterhelfen können

    Sonnige Grüsse
    Narde
     
  4. eunerpan

    eunerpan Senior-Mitglied

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    Hallo!!!!

    Kann Dein Unverständnis gut verstehen!

    schliesse mich teilweisse Netti an

    Hinzu kommt das wir die Patienten nur da behalten dürfen, wenn eine akute Eigen- oder Fremdgefährdung vorliegt und wir ein PsychKG einleiten können, liegt dies aber nicht vor und der Patient möchte entlassen werden, müssen wir ihn gehen lassen -auch wenn uns das auch nich wirklich gefällt.....:|

    Desweiteren werden bei uns die Patienten nicht einfach so nach der akut Phase entlassen. Da wir eine sozialpsychiatrische Station sind, steht bei uns auch die nachstationäre Versorgung mit auf dem Programm...
    Z.B. Benachrichtigung des SPDI ( sozialpsychiatrischer Dienst), welcher die Pat. zu Hause weiter besucht, ode wir schauen das die in Tagestätten etc. angebunden sind.....

    Hoffe, ich hab Dir ein wenig helfen können :gruebel:
    Bei weiteren Fragen werd ich mir Mühe geben, diese zu beantworten :mrgreen:

    Lieben Gruss
     
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  5. narde2003

    narde2003 Board-Moderation
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    Hallo Eunerpan,

    verstehe ich es richtig, dass theoretisch ein Patient direkt von der geschlossenen Station nachhause kommt?

    Was ist ein PsychKG? Psychiatrische Krankengymnastik wohl nicht.
    Ist es eine Unterbringung nach dem Unterbringungsgesetz

    Sonnige Grüsse
    Narde
     
  6. flexi

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  7. eunerpan

    eunerpan Senior-Mitglied

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    Hallo Narde,

    Flexis Link hilft zur Erklärung des PsychKgs.....

    Es gibt auch Häuser die eine Aufnahmestation haben, da landen dann die ganz akuten Fälle und werden bei Entaktualisierung weiterverlegt....
    Bei uns ist das nich so....
    Die Patienten bleiben in der Regel den Aufenthalt über bei uns, so dass wir alle Behandlungstadien mit den Patienten erleben.
    Heisst u.a Akutphase, Entaktualisierung, Med. Einstellung, Psychoedukation etc....
    Finde das das auch für den Pflegeprozess sehr gut ist
    Und natürlich werden die Patienten, soweit möglich von uns aus-mit den entsprechenden Anbindungen-nach Hause entlassen.
    Was hättest Du denn für Ideen wo sie noch hin sollten?:gruebel:

    Meine Station ist auch "nur" fakultativ geschlossen- heisst wir sind nur zu wenn wir Patienten mit Beschluss haben die abhauen wollen.

    Hoffe ich habe Dir weiterhelfen können?!?!


    Lieben Gruss
     
  8. narde2003

    narde2003 Board-Moderation
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    Hallo Eunerpan,

    ich sag doch, es ist eine dumme Frage.
    Ich komme aus der Somatik - habe es in meinem Kopf so verglichen wie Intensivstation und Normalstation, also die geschlossene Station und dann auf eine offene Station.

    Entaktualisierung, Psychoedukation sind für mich böhmische Dörfer.

    Hintergrund meiner Frage war eben das angegebene Beispiel, des Mannes, der 2 Wochen nach Entlassung seine Frau erstochen hat.
    Ich will hier keinem einen Vorwurf machen, nur habe ich mich eben gefragt, wie das passieren kann, ob der Patient evtl. zu früh entlassen wurde oder was auch immer.

    Schönen Abend
    Narde
     
  9. eunerpan

    eunerpan Senior-Mitglied

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    Hallo Narde,

    es gibt ja bekanntlich keine dummen Fragen .....

    Natürlich kann das passieren das Patienten zu früh entlassen werden .... kann ja in der somatik bestimmt auch passieren..... :mrgreen:

    Wir können den Patienten leider auch nur vor den Kopf schauen .... und wenn derjenige ne gute Fassade hat - grade in der richterlichen Anhörung wenn wir den Beschluss bestätigen lassen wollen- dann können wir nichts machen .

    Bei einem Patient mitte 60, der über 2 Jahre Stimmen hört, würd ich auf eine chronifizierte Psychose tippen und da is es nun wirklich schwer, denn diese Patienen haben meist gelernt mit ihrer Erkrankung zu leben, sind sehr erfahren und meistens auch stark abbgebaut (psychisch), so dass die nur noch schwer zu beurteilen sind und tatsächlich auch teilweise unberechenbar sind. Da hab ich meist das Gefühl das es überhaupt keinen richtigen E zeitpunkt gibt :gruebel:



    Lieben Gruss
     
  10. Elisabeth Dinse

    Elisabeth Dinse Poweruser

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    Ich muss jetzt mal Gegenfragen stellen:

    Wohin sollten die Pat. die bis dato aus der Geschlossenen nach Hause entlassen wurden? Und wie lange sollten sie dort bleiben? Sicherheitsverwahrung? Bei wem?

    Elisabeth
     
  11. Tamara_München

    Tamara_München Stammgast

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    bei uns werden patienten nach ermessen der ärzte und/oder der richter aus der geschlossenen entlassen *schulterzuck*
     
  12. Brady

    Brady Gast

    Hallo.

    der Grund zu einer Entlassung ist immer individuell auch zu betrachten. Im geschilderten Fall von Narde vermute ich dass, die Nachbetreuung zu kurz gekommen ist. Wie z.B. psychiatrische Ambulanz, mobile psychiatrische Pflege .....Hilfen im Alltag.

    Pflege besucht den Patienten weiterhin zuhause, erstellt Pflegeplanung, Medikamententraining usw.... Entaktualisierung ist das eine, wobei in der Psychiatrie auch die Einstielung in sein gewohntes Umfeld genau geplant werden muss um Rückfälle oder Verschlechterung zu vermeiden.

    Sollte jemand entlassen werden, muss man schon genau wissen, wohin man ihn entlässt......Welche Wohnform, Arbeitsmöglichkeit, usw. für den Patient die beste Lösung ist.

    Für einen reicht die normale Entlassung in seine gewohnte Umgebung. Für den anderen müssen soziale Dinge geregelt sein. Wie Rückkehr zum Arbeitsplatz....z.B. Stufenweise Wiedereingliederung....
    Oder bei jungen Menschen, die keine Ausbildung haben wird versucht berufliche Eingliederung zu schaffen. BTZ : Berufstrainingszentrum, Praktika´s usw....
    Oder jemand der depressiv ist und hohe Schulden hat....Schuldnerberatung...Selbsthilfegruppen überhaupt....ist eine sehr gute Sache.
    Dann noch die Betreung, wo man schauen muss, ob dies ein Angehöriger übernimmt, oder doch besser ein Professioneller. Kommt immer wieder auf den Einzelfall an.

    Wobei auch der Druck der Krankenkassen überall zuschlägt....Es gibt genaue Zahlen an wieviel Tagen z.B. eine mittelgradige Depression behandelt werden soll......aber das ist eine andere Sache...


    Liebe Grüße Brady
     
  13. eunerpan

    eunerpan Senior-Mitglied

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    Kann mich Brady nur anschliessen :mrgreen:


    .....und den Druck der Krankenkassen bekommen wir auch immer heftiger zu spüren ...... Heimplätze die gestrichen werden sollen, überfüllte Forensiken ......... einfacher wird es dadurch nich .....


    Obwohl man auch sagen muss, das in den letzten Jahren auch immer mehr ambulante Hilfsangebote hinzugekommen sind...... Tagestätten, etc.....


    Lieben Gruss
     
  14. narde2003

    narde2003 Board-Moderation
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    Leitung HOKO
    Hallo,

    Dankeschön, ihr habt mir schon mal weitergeholfen.

    Ich habe jetzt gesehen, dass alles nicht so einfach ist, vorallem eine Wahnerkrankung ist nun mal kein Beinbruch, bei dem man sagen kann nach
    14 Tagen kann ich den Patienten entlassen.
    Dass gespart werden muss, wie überall ist klar.

    Schönes Wochenende und sonnige Grüsse
    Narde
     
  15. psychiatricnurse

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    In dem fall des mannes der seine frau erstochen hat, wird er mit großer wahrscheinlichkeit in die forensik kommen. Er ist mit seiner ERkrankung unzurechnungsfähig und nicht einschätzbar wann er akut fremdgefährdet ist.
    Bei einer chron. Psychose ist es sehr schwer wieder aus de forensik rauszukommen!
     
  16. Brady

    Brady Gast

    Hallo Psychiatricnurse,

    das ist nicht ganz so richtig. Nur weil jemand eine chronische Psychose hat, daß er sehr schwer aus der Forensik rauskommt.

    Wir haben von Zeit zu Zeit auch Patienten die zur Wiedereingliederung zu uns in die Tagesklinik kommen. Diese Patienten sollen in ihrer gewohnten Umgebung wieder Fuss fassen. Diese Patienten standen auch noch unter den § 63 und gingen aber genau wie alle anderen Patienten täglich nach Hause.

    Siehe hierzu auch
    http://www.zip-kiel.de/2psychiatrie/5fl/vorl-huchzermeier-psychosen.pdf

    Liebe Grüße Brady
     
  17. eunerpan

    eunerpan Senior-Mitglied

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    Hallo!!!

    Ich kenn das auch eher so wie Brady sagt

    Meiner Erfahrung nach is es schwerer in die Forensik zu kommen, als wieder raus :mrgreen:

    Lieben Gruss
     
  18. nightshade

    nightshade Senior-Mitglied

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    Hallo.Also,wie gesagt wurde gibt es ja das Psych-KG.Das psychatrische Krankengesetz.Das heisst,wenn jmd.Fremd-oder Eigengefährdet ist.Dieses wird Folgendermassen erstellt.Ein Arzt füllt zunächst diesen Zettel aus.Der wird dann zum Ordnungsbeamten gefaxt.Der kommt dann zu der Klinik,füllt seinen Teil aus und gibt dieses weiter.Dann kommt ein Richter und ein Anwalt ins Haus und es kommt zu einer sogenannten Anhörung.Dann sitzt der Pat.,der Arzt und die beiden vom Gericht und sprechen mit dem Betroffenen.Danach bekommt der Pat.evtl.den Beschluss,der von dem Richter festgelegt wird.Z.B.für 4 Wochen.Dann muss der Pat.auf der Geschlossenen bleiben.Der Arzt kann aber auch nach Z.B.3Wochen entscheiden,ihn auf die Offene zu verlegen und den Beschluss aufheben zu lassen,oder er lässt ihn zunächst bestehen.Der Richter kann den Antrag aber auch ablehnen und keinen Beschluss erstellen und den Pat.bitten,an einer freiwilligen Therapie teilzunehmen...Soviel erstmal zum Ablauf.
     
  19. rudi09

    rudi09 Stammgast

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    Hallo,
    was "Eunerpan" meint, nennt sich "doppelte Buchführung". Wie von E. gesagt nach außen gelernt angepasst aufzutreten, nach innen die schlimmsten Ängste oder sonstwas.
    Das Ganze hat auch nichts mit Sicherungsverwahrung zu tun, sondern primär gibt es einen Behandlungsauftrag. Wenn der Tip "chronische Psychose" stimmt, dann ist das sowieso schwer dauerhaft zu behandeln. Die Compliance ist oft total weg und Medikamente fliegen zu Hause in die nächste Ecke.
    Tschüß rudi09
     
  20. eunerpan

    eunerpan Senior-Mitglied

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    Nabend Rudi09


    Ich weiss jetzt nich ganz genau wie Du meine Beiträge interpretiert hast, das Du auf "doppelte Buchführung" kommst.....geschweige denn worauf sich das bezieht :weissnix: vielleicht könntest Du das nochmal genauer erklären ??


    Finde das es unsere Aufgabe ist .....gerade bei Chronikern, dafür zu sorgen, das sie auch nach der stat. Behandlung gut weiterversorgt werden ..... sei es Wohnheim oder ambulanter Pflegedienst etc.... so dass die Tabletten eben nich in der nächsten Ecke landen sondern es eine Instanz gibt, welche auf solche Dinge achtet
    Und wenn der Beziehungsaufbau geglückt ist sind die meisten auch sehr gut handlebar :mryellow:

    ...... und da man seine Chroniker auf Station ja auch meist schon ewig kennt, kann man die auch bis zu nem gewissen Grad ganz gut einschätzen ...


    Lieben Gruss
     
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