Kreative Patienten...

Dieses Thema im Forum "Tätigkeitsberichte" wurde erstellt von Piratte, 11.06.2006.

  1. Piratte

    Piratte Gast

    Manchmal haben Patienten ja ihren ganz eigenen Kopf.
    Sie tun schreckliche/verrückte Dinge und gar nicht im Sinne der Medizin.
    Ich fang mal an, vielleicht habt ihr ja auch noch einige Beiträge dazu...

    1. Patient x, groß an einem Tumor am Pharynx operiert, hat eine Magensonde
    und natürlich post OP ein absolutes Essverbot.
    Irgendwann wunderte sich unsere Nachtschwester, dass sie
    Magensondenzuleitungen immer abgeschnitten sind (also der Schlauch vom Beutel weg)
    Irgendwann erwischte sie ihn dann nachts dabei, wie er hinterm (!) Vorhang
    am Fenster ein Bier stehen hatte und die Zuleitung führte von dort durch
    den Nachttisch direkt zum Bett. Wenn er sich nach links drehte, konnte er
    immer am Schlauch saugen.

    (wie reagiert man in einer solchen Situation?
    Ich glaube, ich würde mich erst mal totlachen, aber natürlich dem Patienten
    mitteilen, dass ich das nicht so toll finde und welche Risiken damit
    verbunden sind. Außerdem wirds an die Ärzte weitergeleitet)

    2. Patient Y, knapp 70 Jahre alt, hatte eine Woche zuvor eine
    Larynektomie und ebenfalls eine Magensonde.
    Der Patient ist uns ein ewiges Rätsel, als er noch sprechen konnte,
    konnte er nicht wirklich adäquate Antworten geben, aber seinen
    Anus Praeter versorgt er komplett selbst.
    Also insgesamt kriegt er diverse (neue) Sachen nicht so auf die Reihe.
    Ich hab die SoKo in den Beutel gefüllt, insgesamt etwa ein Liter
    und in unserer üblichen Tropfgeschwindigkeit angehängt und bin aus dem
    Zimmer gegangen. Ich sah Herrn Y noch mitsamt Sondenkost und
    Infusionsständer im Flur umherspazieren.
    Keine halbe Stunde später war ich wieder im Zimmer - die Sondenkost war
    weg. Die Magensonde durchgespült, keine Kleckerei und der Beutel war
    unauffindbar.
    Keiner der Kollegen hat irgendwas an der MS gemacht.
    Hm... selbst ist der Mann.
    Aber ich hab erst mal geschaut, ob die Soko Flaschen wirklich leer sind,
    ober ob ich jetzt komplett verwirrt bin und das ganze Anhängen nur
    geträumt habe.

    Zwei Tage später: Eine Blasenspritze vorbereitet und kurz im Zimmer belassen.
    Komme wieder rein: Keine Spur von der Spritze, nicht mal im Müll ist sie zu
    finden.

    Patient hat in beiden Fällen keine Ahnung, was passiert ist und zuckt nur
    ahnungslos mit den Schultern.
    Kein Mitarbeiter des Pflegedienstes hat irgendwas bei dem Pat. gemacht.
    Und Beine hat das Zeug sicher nicht alleine bekommen.
    Ich vermute mal, dass Y sich selbst versorgt hat und dann
    anständig aufgeräumt hat...
    Das bestätigte sich auch, da am nächsten Tag auf wundersame Weise
    wieder ein Liter Soko innerhalb von einer halben Stunde durchlief als ich
    grad noch mal ins Zimmer kam.
    Und das war definitiv nicht meine eingestellte Tropfgeschwindigkeit.
     
  2. Elisabeth Dinse

    Elisabeth Dinse Poweruser

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    Kann es sein, dass der Blick der Pflegekraft auf die Fähigkeiten des Pat. etwas getrübt ist?

    Nur weil jemand sich nicht verbal adäqut äußern kann heißt das doch noch lange nicht, dass er nicht in der Lage ist etwas selbständig zu machen.

    Und wenn ein Pat. seinen Alkoholabusus auf diese Art selbst therapiert stimmt in der Therapie was nicht. Was haben denn eure Ärzte dazu gesagt?

    Der Mensch, wenn er zum Patienten wird, bleibt immer noch ein Mensch. Er hat Wünsche und Bedürfnisse die sich nur schlecht in das Raster der Skalen und Standards pressen läßt. Unser Blick auf den Pat. ist häufig getrübt durch unsere Sichtweise: wir sehen die Erkrankung nicht den Menschen.

    Elisabeth
     
  3. Piratte

    Piratte Gast

    Wir bieten den Patienten an, Alkohol über die Magensonde zu geben,
    was die meisten auch annehmen, er hat es auch so bekommen.
    Und einen Süchtigen kann man nicht innerhalb von 3 Wochen Aufenthalt
    umerziehen.
    Wir machen keine Alkoholtherapie.
    Es hat keinen Sinn, neben der schweren OP auch noch mit
    psychischen und physischen Entzugssymptomen zu kämpfen.
    Was erwartest du?
    Ich rede mit den Patienten immer sehr viel, bin vor allem bei den
    "schwierigen" Patienten, mit denen sonst keiner will, sehr beliebt.
    Dass meinen Kollegen teilweise diese Fähigkeit komplett fehlt und dann
    der Patient wegen seinem Problem ständig gegängelt wird, dafür kann ich
    nichts.
    Die Ärzte interessiert das alles nicht.
    Der Patient (wie es in dem Fall war weiß ich nicht) wird
    zusammenge******en, weil es die Heilung gefährdet und der OP
    Erfolg gefährdet ist.
    Im Idealfall wird ein psychiatrisches Konsil angeordnet.

    Das ist die Realität.

    Und zu Patient 2 hab ich geschrieben, dass er neue Dinge schlecht kann.
    Wenn er Montags dreimal die Magensonde abmacht, offen lässt und alles
    umhertropft, Dienstags er alles machen lässt und nur Schultern zuckt.
    Mittwochs ein benutzter AP Beutel umherliegt, der Pat. jeden Tag
    äußert, dass er Kanüle selbst wechselt, aber objektiv nichts dafür
    spricht (das Kanülenbändchen ist ein anderes wenn es von Ärzten
    gewechselt wird) und ich das dann mit ihm zusammen machen will
    und er das Ding anschaut, als hat er es noch nie gesehen und es
    schon mal gar nicht in den Hals bekommt.
    Dann darf ich schon berechtigte Zweifel haben, was er kann und was nicht.
    Und wenn er Montags etwas nicht kann, dann heißt es nicht,
    dass er es Dienstags auch nicht kann.
    Aber ich muss auch dafür sorgen, dass die Dinge gemacht werden,
    die notwendig sind und ich lasse ihm seinen Rahmen der Selbständigkeit,
    genauso wie ich Dinge übernehme, die nicht funktionieren.

    Und was allgemein die Ärzte angeht.
    Zum einen wird hier seit Wochen gestreikt, zum anderen
    findet die tägliche "Pflege", also das Anschauen der Patienten mit
    VW, Kanülenwechsel usw. fast ausschließlich durch PJler statt.
    Und wir reden uns den Mund fusselig.

    Die Einstellung der Ärzte und des meisten Pflegepersonals ist folgende:

    Wir hatten zuletzt einen Patienten mit ausgedehntem Larynx CA Rezidiv.
    Der gedamte Hals ist voller Tumor.
    Außerdem hat er aufgrund terminalem Leberversagen einen massiven
    Aszites und eine miese Gerinnung.
    Außerdem Z.n. CPR letztes Jahr und diversen Ösophagusvarizenblutungen.
    Trotzdem wurde noch eine LE gemacht.
    Natürlich ist das ganze ganz mies geheilt, das Tracheostoma war völlig
    ausgefranzt und faustgroß.
    Irgendwann hat er angefangen zu bluten, weil der Rest vom Tumor
    halt sämtliche Arterien infiltriert.
    Also Pat. notfallmäßig in den OP, Blutung gestillt und ein paar EKs
    reingepumpt.
    Ein paar Tage sind vergangen und es gib die nächste Blutung.
    Wieder notfallmäßig in den OP, um die 20 EKs und FFPs reingepumpt,
    außerdem einen Pectoralis major Lappen auf die Carotis gelegt.
    Volles Programm auf Intensiv.
    Kommt am So. zurück auf Station und die Dienstärztin sagt ihm, er soll
    seine Sachen regeln, er wird in den nächsten Tagen verbluten und
    Absprache mit ihm, dass nichts mehr gemacht wird außer in der Akutphase
    Dormicum & Co.
    Am nächsten Tag Oberarztvisite. Der sagt zum Pat, das wichtigste ist, dass
    der Lappen anwächst und bei Hb unter 9 EKs laufen sollen.
    Das wichtigste Problem der zuständigen Schwestern ist, dass der
    Patient unbedingt sediert werden muss weil er aggessiv ist.
    Und außerdem ist der doch immer schon aggresiv gewesen
    (Anmerkung: bei mir nie)
    Und außerdem unbedingt gewaschen werden muss.
    Dann kommt ein Konsilarzt der Palliativstation. Der redet mit dem Pat und
    ist wahrscheinlich der erste, der die Situation versteht.
    Außerdem gibts ein Bett auf Palliativ, dass er haben könnte.
    Die zuständige Schwester redet sich den Mund fusselig wegen Sedierung.
    Der Doc versucht, unseren Stationsarzt anzufunken, ansonsten gibt es nur
    eine PJ auf Station.
    Klare Ansage vom Pallitivdoc: Entwerder pallitiv und diese ganze
    Lappenanwachssache und die Konserven fliegen raus, oder sie sollen
    den Palliativdienst nicht in Anspruch nehmen.
    Stationsarzt meldet sich nicht auf Funk und ist das erste mal wieder
    ca. 18 Uhr auf Station.
    Es wird nichts geklärt, das Palliativkonsil bleibt ungelesen und der PalliDoc
    ist natürlich jetzt nimmer da.
    Am nächsten Tag wird doch irgendwie geklärt, dass er auf Palliativ kann,
    das ganze sogar schon mittags.
    Die zuständigen Schwestern kommen von der Verlegung auf Palliativ wieder
    und regen sich fürchterlich über die Kerze auf, die dort auf dem Flur für
    einen verstorbenen Patienten brannte. Das könne man doch nicht machen.
    Und das macht doch den Patienten Angst. usw usf.
    Im übrigen ist der Pat 2 Tage später auf Palliativ nicht sediert, aber dafür
    mobil und freundlich und lächelt wieder.

    Alltag in der Medizinfabrik.

    @Elisabeth: ich glaub, ich hab dein Post nicht beantwortet, ist mir jetzt
    aber auch egal.
     
  4. Elisabeth Dinse

    Elisabeth Dinse Poweruser

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    Akt. Einsatzbereich:
    Intensivüberwachung
    Du hast genau meine Fragen beantwortet: das Gesundheitswesen ist nicht gedacht für die Pat.. Und mitten in unserer Routine begegnen uns dann Pat. wie die von dir beschriebenen, die uns zeigen das unsere Ideen zur Heilung manchmal an den Bedürnissen vorbeigehen.

    Kann man das ändern? Ich glaube nicht. Wir sollten uns wahrscheinlich freuen, wenn uns im Alltag noch die Wunder begegnen die uns zeigen wie einfach manchmal Bedürfnisse befriedigt werden können.
     
  5. Piratte

    Piratte Gast

    Tja, damit hast du wohl recht.
    Mit meiner Meinung zu solchen Sachen... schieße ich mich
    im Team oft ins aus. Leider.
    Ich verbringe meine Zeit lieber bei einem Patienten als beim
    Fingernagellackieren zuzugucken.

    Ich hatte gestern einen Patienten, wieder so ein "schwieriger" Patient.
    Keiner kann mit ihm, er ist "komisch" und "unmöglich"
    Vorher war wegen fehlendem Intensivbett die OP dreimal verschoben.
    Ich hab lange mit ihm geredet, war dann aber einige Tage nicht da.
    Nun hab ich in post OP die ganze Woche gehabt.
    Komischerweise ist er bei mir wirklich zugänglich.
    Es besteht bei ihm v.a. das Problem einer COPD mit Dyspnoe.
    Gestern also hab ich eine ASE mit ihm gemacht.
    Und irgendwie hab ich so ein... (klingt ein bissl blöd) Glücksgefühl
    gespürt, als ich währenddessen merkte, dass seine Atmung ruhiger wurde
    und er das ganze offenschtlich genoss.
    Er bedanke sich bei mir und sagte zu mir, ich soll unbedingt noch mal
    ins Zimmer kommen und mich verabschieden, bevor ich (in den Urlaub) gehe

    Es wird zwar aller möglicher Kram in den Pflegeplanungen reingeschrieben,
    aber keiner weiß wirklich, wie es richtig geht, bzw es wird abgehakt, aber
    nicht gemacht.

    Es ist ein Kampf gegen Windmühlen.

    Was mich dabei aber auch traurig macht, es sind die jungen Schwestern,
    die das medizinische forcieren und die "Pflege" vernachlässigen.

    Und die älteren?
    Übergabe mittags am Bett.
    Eine Patientin hat eine IOS und hat mich bei der Üg nicht verstanden.
    Sie fragte nach und sagte: Ich habe sie nicht verstanden ?!
    Antwort einer Schwester: Das brauchen sie auch nicht.
    Bin dann noch geblieben, wärend die anderen richtig Kaffee gingen
    und habs ihr nochmal erklärt.
    Wozu dann Üg am Bett?

    So insgesamt, das sind doch Kleinigkeiten, wo man sich wirklich keinen
    Zacken aus der Krone bricht.
    Ich bin der Meinung, dass das weniger ein Problem des Systems ist,
    sondern dass diese Leute kein Gefühl für Menschen haben.
    Das hat nichts mit Arbeitsabläufen zu tun, die erledigt werden müssen.
    Sondern ist individuell abhängig von der empathischen Fähigkeit der
    Pflegekraft.
     
  6. lex

    lex Junior-Mitglied

    Registriert seit:
    20.08.2006
    Beiträge:
    46
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    0
    Hallo,
    was ich hier lese macht mir etwas Mut. Arbeite in der geschlossenen Psychiatrie und erlebe leider häfig das Gegenteil. Da kommt Opa Müller für geplante vier Tage ins Krankenhaus. Auf Station wird erst mal die Flasche Schabau eingezogen da es so etwas im Krankenhaus nicht geben darf. Opa Müller hat sich aber in den letzten 40 Jahren von einer Fl. Bier auf stattlich sechs hochtrainiert. In der zweiten Nacht wird er dann so komisch. Klingelt und stellt seltsame Fragen. Fuchtelt dabei wild mit der Hand in der Luft umher. Am nächsten Tag wird er zu uns gebracht. Eingenässt und eingekotet, verschwitzt und zitternd kann Opa Müller nicht mal mehr sagen wie er heißt. Seine Blutdruck sagt " kurz vor Exetus ". Jetzt istv es natürlich zu spät für einen Kurzen hinter die Binde. Und was hat die eifrige Stationsschwester erreicht: Doppelte Dauer des Aufenthaltes, doppelte Koste und ein Opa Müller der gedemütigtigt mit gesenktem, roten Kopf die Psychiatrie verlässt.

    Toll das ihr da mehr Einsicht habt. Gruß, Lex.
     
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