Innere Distanz zu den Patienten: wie? Buchvorschlag oder ähnliches?

magunda

Newbie
Mitglied seit
11.12.2012
Beiträge
25
Ort
Landkreis Harburg
Beruf
Krankenschwester
Akt. Einsatzbereich
ambulante Pflege
Ich arbeite nun seit 8 Monaten als Spätwiedereinsteigerin im ambulanten Pflegedienst - mit wachsender Begeisterung.

Allerdings habe ich mehr und mehr das echte, manchmal schlafraubende Problem, zumal ich auch noch im selben Ort wohne, in dem ich auch arbeite,

mich an freien Tagen besonders von "meinen Sorgenkindern" zu distanzieren.

Vielleicht ist das eine Sache die sich mit der Zeit verliert oder etwa mit steigendem Lebensalter noch zunimmt?

Da ich ein Fan von Büchern zu den Fragen des Lebens im allg. und speziellen bin:

Habt Ihr einen Buchvorschlag?
 

Elisabeth Dinse

Poweruser
Mitglied seit
29.05.2002
Beiträge
19.811
Beruf
Krankenschwester, Fachkrankenschwester A/I, Praxisbegleiter Basale Stimulation
Akt. Einsatzbereich
Intensivüberwachung
Hast mal überlegt, was dich da so quält und warum? Ich denke, ein Buch wird da wenig helfen.

Elisabeth
 

magunda

Newbie
Mitglied seit
11.12.2012
Beiträge
25
Ort
Landkreis Harburg
Beruf
Krankenschwester
Akt. Einsatzbereich
ambulante Pflege
Danke, Elisabeth, für´s genauere "Hinhören".

Durch vieles Rumgelese hier, möchte ich aus Angst vor überheblichen Reaktionen nicht mein Inneres nach außen kehren.

Klar überlege ich andauernd, seit "ES" mir bewusst ist, wie ich "DAS" hätte verhindern können - und gerade momentan bin ich aus meiner gewohnten Route in eine andere versetzt worden, wo jemand ausgefallen ist. Vielleicht nützt das was.

Ich habe vermutlich zu viele Dienste hintereinander bei immer den gleichen Patienten gemacht und nicht wahr genommen, wie sehr mir ihr Leben unter, bzw. in die Haut/ Seele gedrungen ist.

Nehme mir schon immer vor, morgens so ne Art Schutz - Rüstung anzuziehen.

Eigentlich hoffe ich noch, dass es "nur" ein Wiedereinsteiger-Problem ist.
 

Elisabeth Dinse

Poweruser
Mitglied seit
29.05.2002
Beiträge
19.811
Beruf
Krankenschwester, Fachkrankenschwester A/I, Praxisbegleiter Basale Stimulation
Akt. Einsatzbereich
Intensivüberwachung
Ich glaub, es ist im ambulanten Bereich auch ungleich schwerer, sich abzugrenzen.

Im klinischen Bereich begelite ich Pat. immer nur ein Stück ihres Weges. Ich hab die Möglichkeit mich bewusst zu verabschieden udn dem Pat. damit zusignalisieren: hier ist meine Begleitung beendet. Das geht, glaub ich im ambulanten Bereich nicht so.

Dú schreibst, dass du es als Wiedereinsteigerproblem siehst. Grübelst du über die "Lebensgeschichte" des Kunden nach? Oder ist es das Gefühl, nicht genug gegeben, etwas vergessen zu haben?

Welches Gegengewicht zur Arbeit hast du? Familie? Freunde? Hobbys?

Elisabeth
 

magunda

Newbie
Mitglied seit
11.12.2012
Beiträge
25
Ort
Landkreis Harburg
Beruf
Krankenschwester
Akt. Einsatzbereich
ambulante Pflege
Und nochmal: "danke" Elisabeth!

Ich habe Hobbys und eine feine Familie + Hund.

Aus der Familie lösen sich z.Zt. die drei großen "Kinder" und ich merke, immer mehr, dass ich ein Loslass - Problem im allg. und speziellen habe.

In diesem Job (du hast recht, früher auf Station haben eben andere die Arbeit weitergemacht und man hat die Pat. eine wesentlich kürzere Zeit begleitet) habe ich sehr oft das Gefühl, ich könnte noch viel mehr geben wollen und aber auch wieder das Loslassen müssen, wenn zu junge Patienten an Krebs sterben (werden).

Wir sind zwar ein nettes kleines Team, in dem man es aber drehen und wenden kann, wie man will: zum Austausch bleibt viel zu wenig Zeit und die meisten gehen ganz anders , viel routinierter ran. Beneidenswert oder auch nicht? - es treibt mich jedenfalls um.
 

Beetlejucine

Stammgast
Mitglied seit
20.08.2012
Beiträge
267
Beruf
GuK, PDL, QMB, Pflegeberaterin, Studentin Pflegemanagement
Ich kann Elisabeth nur zustimmen, es ist manchmal nicht einfach sich abzugrenzen.

Ich fahre zu einigen meiner Patienten bereits seit vielen Jahren, teiweise gehört man fast zur Familie.
Man ist ein fester Bestandteil des Tagesablaufes, man sorgt für Vieles, erfährt eine Menge Dankbarkeit.

Man macht Biographiearbeit, man beschäftigt sich so ausführlich mit den Patienten, ihren Gewohnheiten, ihren Problemen, dass es gar nicht ausbleibt, dass man eine Bindung bekommt.
Ich halte das für ganz normal.

Die Frag eist nur, wie sehr belasten einen die Probleme, die man nicht lösen kann, die über die "gekaufte" Zeit hinaus gehen?
Muss man das ablegen, darf man das zulassen? Muss man sich überhaupt immer und generell distanzieren?

Nun, ich habe mir darüber auch bereits sehr viele Gedanken gemacht und für mich Entscheidungen getroffen. Ich hatte schon Patienten, mit dem ich echt und wirklich und wahrhaftig befreundet war. Hat sich eben so entwickelt über Jahre. Er ist nach 6 Jahren Betreuung realtiv jung gestorben. Und ich war traurig, sehr sogar. Ging mir unglaublich nahe.

Mein Mann sagte zu mir: Das bist du, du hast einen Menschen sehr gerne gehabt, er ist gestorben, ich würde es sehr merkwürdig finden, wenn du dabei den Anspruch haben wolltest, distanziert zu sein. Das ist dein Gefühl, es gehört zu dir und macht dich (auch) aus. Es ist ganz alleine deine Entscheidung, wie du sein möchtest und was du dir selbst an Gefühlen gestattest.

Darüber habe ich sehr lange nachgedacht und ich fahre inzwischen besser, wenn ich meine Gefühle lebe und mir auch erlaube, dass ich eine nahe Persönlichkeit bin. Das kann man nicht einfach so und immer abstellen.
Ich achte darauf, dass ich ganz bewußt Feierabend mache, das bedeutet, dass ich zuhause nix arbeite, dass ich mein Diensthandy ausmache, wenn ich frei habe und dass ich mir auch verbitte angerufen zu werden, wenn ich keinen Hintergrunddienst habe. Ich will nicht über jeden "Furz" informiert werden, da einen das immer wieder in die Gedanken reißt.

Ich mache ganz bewußt Termine mit den Leuten aus, im Rahmen der Beratung kann man in der ambulanten Pflege viel machen. Dafür nehme ich mir Zeit und bekomme auch Geld dafür.

Und wenn ich Gefühle habe, weil mit meinen Leuten etwas ist, z.B weil sie aus dem Krankenhaus über meinen Kopf hinweg ins Heim kommen, dann stehe ich zu diesen Gefühlen. MIR macht das weniger Stress, als wenn ich immer wieder von mir verlange, ich darf nicht so nahe, ich darf nix fühlen usw.

Ich höre auch nicht mehr auf andere Leute, die mir sagen, wie ich sein soll und dass man als Krankenschwester dies und jenes nicht darf, und dies und jenes muss usw. Ich gehe nach meiner Persönlichkeit und die ist nunmal eher nahe, ich lebe das in meiner Dienstzeit und finde es gut so. Zuhause allerdings ist zuhause, da ich meine Gefühle rauslassen und lebe, kann ich sie auch gut in der Arbeitszeit lassen.

Dies soll keine Allgemeingültigkeit haben, es ist meine Strategie, mit der ich seit Jahren sehr gut arbeiten kann, weil ICH zufrieden bin. Ich bin mittig, ausgeglichen, ganz selten überarbeitet oder überlastet.

Ach ja, wir haben auch insgesamt 3 Coaches im Betrieb, deren Hilfe man diesbezüglich immer in Anspruch nehmen kann.
 

magunda

Newbie
Mitglied seit
11.12.2012
Beiträge
25
Ort
Landkreis Harburg
Beruf
Krankenschwester
Akt. Einsatzbereich
ambulante Pflege
DANKE DANKE DANKE

diese Worte werde ich mir sicher noch öfter zu Gemüte führen :-)
 

Über uns

  • Unsere Online Community für Pflegeberufe ist eine der ältesten im deutschsprachigen Raum (D/A/CH) und wir sind stolz darauf, dass wir allen an der Pflege Interessierten seit mehr als 15 Jahren eine Plattform für unvoreingenommene, kritische Diskussionen unter Benutzern unterschiedlicher Herkunft und Ansichten anbieten können. Wir arbeiten jeden Tag mit Euch gemeinsam daran, um diesen Austausch auch weiterhin in einer hohen Qualität sicherzustellen. Mach mit!

Unterstützt uns!

  • Unser Team von www.krankenschwester.de arbeitet jeden Tag daran, dass einerseits die Qualität sichergestellt wird, um kritische und informative Diskussionen zuzulassen, andererseits die technische Basis (optimale Software, intuitive Designs) anwenderorientiert zur Verfügung gestellt wird. Das alles kostet viel Zeit und Geld, deshalb freuen wir uns über jede kleine Spende!