Ich merke, dass mir das Akutkrankenhaus nicht liegt

Dieses Thema im Forum "Ausbildungsinhalte" wurde erstellt von blumenmädchen, 28.12.2011.

  1. blumenmädchen

    blumenmädchen Stammgast

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    Liebe Foren-Gemeinde!

    Ich habe im Oktober meine Ausbildung zur GuK angefangen und bin gerade im ersten Praxiseinsatz auf einer chirurgischen Station. Nun bin ich gerade mal drei Wochen da und war schon die erste Woche ziemlich deprimiert, dass die Patienten auf der Station nur so kommen und gehen oder regelrecht "durchgewunken" werden. Auf der Station sind aus Kapazitätsgründen auch viele Fremdlieger von anderen Stationen. Durch diesen steten Wechsel ist man nicht wirklich dazu in der Lage auf die Patienten einzugehen. Mir ist dies speziell an den onkologischen Patienten aufgefallen (mit pathologischen Knochenbrüchen), die wir bisher hatten, aber auch an den vielen geriatrischen Patienten. Viele haben ein großes Bedürfnis nach Sicherheit oder einfach nur "das Herz erleichtern". Mir ist das speziell an einer Krebspatientin aufgefallen, die sich beim Personal mit ihrem häufigen Klingeln wegen "Nichtigkeiten" nicht gerade beliebt gemacht hat. Heute ging ich auf ein Klingeln zu ihr, sie lag ihrem subjektiven Empfinden nach unbequem im Bett und wollte etwas aufgerichtet werden (nicht nur im körperlichen Sinne, wie sich schnell herausstellte). Während ich die Unterlage holte und zurechtrückte, merkte ich, wie sie etwas regelrecht vor sich herschob. Schließlich offenbarte sie sich mir: Sie sagte einfach nur, dass sie glaube, ihre Tochter heute das letzte Mal gesehen zu haben. Daran schloss sich ein Gespräch über ihre ganze aktuelle Lebenskrise an. Sie spüre angeblich, dass sie nicht mehr lange leben wird (ihr Tumor ist bösartig und sitzt an einer sehr sensiblen Stelle im Körper -möchte das hier nicht genau benennen aus Datenschutzgründen) und wolle mir daher gerne ein paar Dinge anvertrauen (wo sie wichtige Briefe etc. aufbewahrt, die ihre Kinder nach dem Tod noch lesen mögen). Dann komme hinzu, dass sie ihre komplette Selbstständigkeit vor kurzem verloren hat und fortan auf dauerhafte Pflege angewiesen ist. Das setze ihr psychisch sehr zu. Am meisten aber belaste sie, dass sie das Gefühl hat, von Ärzten und Pflegekräften aufgegeben worden zu sein (Off: Ja, das würd ich auch so empfinden. Die Stationsärzte sind so kurz angebunden, auf der Station, dass sie morgens viele Patienten morgens bei der Visite nicht mal grüßen, wenn sie das Zimmer betreten). Gerade an diesem Gefühl mache sie fest, dass es nun aufs Ende zugeht.
    Ich war alles in allem bestimmt 10-15 Minuten in ihrem Zimmer und wusste ihr doch am Ende keinen wirklichen Ratschlag zu geben. Ich hab mir vorgenommen, den Sozialdienst im Kh zu benachrichten. Ansonsten hoffe ich, dass sie eine Anschluss-Reha bekommt (ist normalerweise auch Usus) und dass die Reha-Klinik ein Rundum-Paket mit Seelsorge und Sozialdienst und Bezugspflege bietet. Ich finde diese drei Dinge so wichtig. Im Akutkrankenhaus kommt das alles viel zu kurz. Natürlich, die Liegezeiten sind einfach kürzer und man hat nicht die Zeit nicht, sich wirklich mit den Patienten auseinanderzusetzen.
    Auch deswegen weiß ich schon jetzt ganz am Beginn meiner Ausbildung: Ich möchte niemals in einem solchen Krankenhaus arbeiten. Mein Wunscharbeitsplatz ging von Anfang an mehr in Richtung Reha-Klinik, Hospiz, Palliativpflege, Heimpflege, Geriatrie/ Pflegeheim und auch Hauspflege. Ja. Viele von euch wird es sicher wundern. Die meisten meiner Mitschüler wollen gerade dort NICHT hin. Ich bin da eine ziemliche Ausnahme.

    Mich würde interessieren, ob es hier noch Schüler oder auch bereits Examinierte gibt, die ähnlich ticken wie ich. Mir macht die Ausbildung in der Praxis momentan nicht so viel Freude, wie ich vorher dachte. Kurze Zweifel kamen bei mir auch schon auf, ob ich das wirklich durchhalte bis zum Schluss. Andererseits gibt es ja auch den Wahleinsatz, den Einsatz auf der Geriatrie, Sozialstation, Psychiatrie, worauf ich mich freue. Auch Schule/ Theorie läuft top bei mir. Ich hab mich in vielen Stunden in den ersten vier Wochen ziemlich gelangweilt, weil ich schon so viel wusste (mich hat Medizin und Biologie schon immer interessiert und lese extrem viel). Aber die Praxis ist echt hart dagegen.

    Wie würdet ihr eigentlich der Frau (s.o.) weiterhelfen? Wie kann man ihr die Angst nehmen, vor dem was kommt?
     
  2. Claudia B.

    Claudia B. Poweruser

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    Hallo blumenmädchen,

    Jo, ich, seit 1987 examienierte Krankenschwester (vorher tätig als Krankenpflegehelferin), kurz
    seit 28 Jahren (ohne Erziehungsurlaub) im Pflegeberuf.

    Ihr habt doch sicher einen Psychiologischen Dienst, den würde ich einschalten.

    Ansonsten kann man(n)/frau nur mit dem arbeiten was die Frau bearbeitet haben möchte.

    Das Wichtigste, die Zeit zu nutzen die Euch bleibt, heißt:
    "Sie sind nicht allein." "Wir sind für sie da." "Wir nehmen sie ernst und verstehen ihre Ängste."

    Was für Ängste hat sie? Wovor? ZUhören, ernstnehmen, informieren, begleiten, weiterleiten...

    LG
    Claudia B.
     
  3. Flop

    Flop Stammgast

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    Hallo Blumenmädchen,
    ich muss sagen, ich bewundere dich. Du schreibst sehr differenziert und schaust hinter die Kulisse.
    Ehrlich, das kann lange nicht jeder. Du hast auch genau das Richtige gemacht und dich zu der Pat. gesetzt und mit ihr geredet.
    Das ist das Beste, was du machen kannst- ihr Nähe und Gesprächsmöglichkeiten geben. Echt super:daumen:
    Ich finde es auch schade, dass ich auf dem Arbeitsplatz selten Zeit zur Beziehungspflege finde.
    Aber ich werde nachher wahrscheinlich auch nicht im Akuthaus arbeiten und deswegen mache ich jetzt einfach die Ausbildung, weil ich sie brauche (und trotz den Nachteilen echt gerne mache :-) )
    lg
     
  4. Hypertone_Krise

    Hypertone_Krise Poweruser

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    Gar nicht und das sollte auch nicht Dein Anspruch sein...Angst lässt sich nicht nehmen, schon gar nicht eine solch existentielle...Du kannst lediglich versuchen, im Rahmen Deiner Möglichkeiten, für diese Patientin dazusein und das ist schon eine enorme Leistung, wenn Du Dich mit ihren Gefühlen und Gedanken konfrontierst.
     
  5. ZNA-Öse

    ZNA-Öse Poweruser

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    Idealismus ist was Schönes,keine Frage,jedoch verliert man schon einen großen Teil davon während der Ausbildung,denn diese soll ja primär auf das spätere,reale Berufsleben vorbereiten.
    Du tust im Bezug zur genannten Patientin schon das Dir Möglichste,indem Du ihr zuhörst und ihr das Gefühl gibst,nicht allein zu sein. Mehr kannst Du nicht tun und mehr solltest Du auch nicht tun,denn wenn Du Patientenprobleme zu Deinen eigenen machst und Dich zu sehr mit dem Patientenschicksal identifizierst,wirst Du nicht lange im Beruf sein,das geht an's psychische Korsett. Du mußt noch lernen,Dir ein dickes Fell wachsen zu lassen,denn im Akuthaus geht's primär um die Krankheit des Patienten,für evtl. Folgen daraus sind wir nicht zuständig,dafür gibt's den psychologischen und den Sozialdienst,die dazu die Kompetenteren sind.
    Sicher,Du kannst nach Deiner Ausbildung Deinen Weg gehen und Dir den Arbeitsplatz suchen,der am besten zu Dir paßt,aber im Moment bist Du noch Azubine und in erster Linie dazu verpflichtet,Deine Ausbildung zu meistern,deshalb kosten Dich solche Gedanken nur wertvolle Zeit.
    Konzentrier Dich auf die Ausbildung und wenn Du die geschafft und immer noch Ideale hast,dann tu,was Du für richtig hältst,jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt dafür !
     
  6. -Claudia-

    -Claudia- Board-Moderation
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    Die Ausbildung ist auch dazu da, herauszufinden, welcher Bereich zu einem passt. Deshalb wird durch die unterschiedlichen Einsätze ja versucht, ein möglichst großes Spektrum an Berufsfeldern abzudecken.

    Insofern ist es nicht tragisch, wenn man bemerkt, dass man in einem Bereich fehl am Platz ist. Ich wusste z.B. nach dem Einsatz in der Psychiatrie, dass ich nie dort hin gehören werden - dennoch halte ich den Einsatz für einen wertvollen Bestandteil der Ausbildung. Man lernt auch durch Erfahrung. Gerade in unserem Beruf ist die extrem wichtig.

    Du wirst im Akutkrankenhaus vieles lernen, was Du später gebrauchen kannst, egal, wohin es Dich verschlägt. Diese Zeit ist mit Sicherheit nicht vergeudet.

    Wie erklärt sich der Schock der "harten" Praxis? Bestand die Ausbildungsvorbereitung bei Dir nur aus Theorie? Hattest Du keine Gelegenheit zu einem Praktikum?
     
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