Grubenunglück in Borken / Erinnerungen

Dieses Thema im Forum "Interdisziplinäre Notfälle" wurde erstellt von Rabenzahn, 08.06.2002.

  1. Rabenzahn

    Rabenzahn Poweruser

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    2. Juni war der 14. Jahrestag des Grubenunglücks in Borken / Hessen.

    1. Ankunft

    Am 2. Juni 1988 wussten die meisten Kolleginnen und Kollegen und ich in der Abteilung nicht, dass es eine Grube in unserer Nähe gab. Geschweige dann, was es für eine Grube ist . Das änderte sich als es um 11:30 Uhr plötzlich im Op hieß : „ Grubenunglück in Borken. „
    Um 12:00 Uhr wurde die Meldung durch den Zusatz: „ Schweres Grubenunglück in Borken“ , ergänzt und um 12:30 Uhr ertönte dann die Order : „ Anästhesie raus zum Hubschrauber ! „

    Wir sind für solche Notfälle nicht trainiert, trotzdem sind wir mit 5 Ärzten und 3 Pflegern zu dem wartenden Hubschrauber gelaufen. Jeder nahm etwas sinnvolles mit. Infusionen, Medikamente, Monitore, Beatmungsgeräte und und und. Es waren Bundeswehrmaschinen Typ Bell und diese boten Platz für uns, so das wir alle in einer Maschine auf dem Boden kauerten. Während des Fluges bereiteten wir unsere Infusionen, Medikamente und Intubationsbestecke vor und erwarteten entsprechend viele Verletzte.

    Der Landeanflug ist mit noch heute im Gedächtnis, weil das Bild das sich uns bot irgendwie paradox erschien. Wir waren die zweite Maschine die landete. Vorher kreisten wir über ein Feld, auf dem ein Landwirt mit seinem Traktor arbeitete. Auf dem Feld lagen zwischen dem Getreide ganz viele Steinbrocken und Eternitplatten herum, so dass ich mich fragte, warum der Landwirt sein Feld bestellt hat, ohne dieses vorher zu entfernen. Ich habe später erst gesehen, dass diese Teile von den Dächern der Grube stammten und teilweise 100 Meter durch die Luft gewirbelt waren, als die Explosion erfolgte.

    Da die Grube auf einem Berg lag, konnte ich die Zufahrtsstrasse sehen und bemerkte Frauen in Kittelschürzen, die den Berg hinauf eilten. Sie hatten ebenfalls die Explosion und den Rauch gesehen, wussten das etwas passiert war und versuchten nun das Werksgelände zu erreichen.

    Wir landeten in dem Feld und das Technische Hilfswerk hat sofort begonnen, einen Maschendrahtzaun, der Feld und Werksgelände trennte, einzureißen damit wir auf das Gelände konnten. Da wir ja alle noch in Op-Kleidung mit Op-Schuhen an den Füssen waren, sind wir doch sehr unbeholfen auf das Gelände gestolpert. Teilweise standen am Zaun entlang mannshohe Brennnesseln, weswegen wir sehr schnell versuchten aus diesem Feld zu kommen.
    Oben angekommen versammelten wir uns um den leitenden Notarzt und machten eine kurze Lagebesprechung.

    Danach wurde die Waschkaue ( Duschräume ) der Bergmänner besetzt und innerhalb von 5 Minuten wären wir in der Lage gewesen die ersten Patienten zu beatmen und zu versorgen, wenn es denn welche gegeben hätte.

    Während der Lagebesprechung konnte das Ausmaß der Explosion begutachtet werden. Es gab praktisch kein Gebäude, welches noch ein Dach besessen hatte. Selbst durch die Kabelschächte der Transformatorenhäuschen war die Explosionswelle gekommen und hatte die Dächer abgedeckt. Aus jeder Öffnung drang schwarzer beißender Qualm ( hochgiftig ) und unter freiem Himmel traten Atemprobleme auf. Dort wo früher die Grubenbahn eingefahren war, klaffte ein schwarzes, rauchendes Loch. Die Betonabdeckung des Einfahrstollens , geschätzte 3 Tonnen Beton, lag ungefähr 50 Meter weiter auf einem Hausdach in ca. 20 Meter Höhe. Dorthin hatte es die Druckwelle getragen.

    Die Luft war voll Motorengeräusche und Hubschrauber, Martinshorn und Blaulichter näherten sich dem Unglücksort.
    Angehörige wurden sofort in einen Besprechungsraum geführt und abgeschirmt.

    Zu diesem Zeitpunkt war immer davon ausgegangen, dass die Hauptmunitionskammer in ca. 400 Meter Tiefe explodiert ist, was sich später dann als Irrtum herausstellte.
    Der Hubschrauber, mit dem wir gekommen waren, war die 3. Maschine die gelandet war, nun kamen sie aus allen Himmelrichtungen, einschließlich der Presse, die mehr behinderte als half.
    Da sich schnell herausstellte, dass es sich hier um eine längere Rettungsaktion handeln würde, beschloss der leitende Notarzt die Personaldecke zu verringern. Also flog die Hälfte unserer Gruppe gegen 17:00 Uhr zurück zur Klinik, musste aber wegen der Alarmbereitschaft dort verbleiben, wie die anderen Kollegen auch. Wir sollten dann um 22:00 Uhr wieder eingeflogen werden und die Nachtschicht bilden.
    Gesagt, getan. Um 22:00 Uhr waren wir wieder vor Ort und die Kollegen froh abgelöst zu werden.

    In der ersten Nacht wurde dann an allen möglichen Stellen Druckluft in die Schächte gepumpt, um dem Grubengas entgegen zu wirken. Da Niemand wusste, ob es unten zu einem Brand gekommen ist, mussten wir alle in der Maschinenhalle ausharren, da auch die Explosion der Grube nicht auszuschließen war.

    Die Zeit in der Maschinenhalle war eine der unangenehmsten Eindrücke die ich hatte. Dort standen überall Spinde mit Kleidung der Bergmänner. An den Spindtüren hingen Fotos von den Männern mit Texten versehen. Zum Beispiel: „Bernd und sein Freund Ali“ oder „ Unsere Schicht „ und so .
    Plötzlich haben die vermutlich toten Bergleute ein Gesicht bekommen und Namen.

    2. die Grubenwehr
    Bereits am späten Nachmittag waren die ersten Busse mit Bergmännern aus dem Ruhrgebiet eingetroffen. Die sogenannte Grubenwehr. Das waren alles junge Männer, Gardemaß 1,90 Meter, die bereit waren sich für die eingeschlossenen Kollegen in die Grube zu wagen um zu helfen. Sie hatten spezielle feuerfeste und wasserdichte Anzüge mit Atemschutz und Sprechmasken an und sind noch in der ersten Nacht in die Grube eingefahren.
    In der Nacht passierte dann wenig für uns. Wir waren teilweise damit beschäftigt, die wirklich sehr erschöpften Männer der Grubenwehr zu versorgen, wenn sie wieder an die Oberfläche kamen.
    Dazu waren Zelte ausgestellt worden mit Tragen darin.

    Wenn es Kameradschaft unter Arbeitskollegen gibt, dann sind die Männer der Grubenwehr ein Beispiel und Vorbild dafür. Diese jungen Männer sind so diszipliniert gewesen, das es dafür keine Worte gibt. Sie sind zusammen in die Grube eingefahren, zusammen aus der Grube gekommen, zusammen in ihren Bus gegangen, haben zusammen gegessen und zusammen geschlafen. Wann immer sie auftraten, waren es alle 6 Männer ( aus 6 Mann besteht eine Rotte ) . Versorgt wurden sie von ihrem sogenannten Zeugmeister, der für sie die Materialien ( Atemmasken, Sauerstoffflaschen, spezielle Anzüge und Essen ) vorbereitete. Wenn sie aus der Grube kamen, bekamen sie eine Tüte mit allen Utensilien in die Hand gedrückt, gingen zum Bus und kamen später wieder raus. Waren sauber umgezogen und hatten gegessen. Dann wurde geschlafen und später wieder eingefahren. Wenn diese Männer aus der Grube kamen, konnte man in ihren Gesichtern lesen was sie unten gesehen haben. Sie haben es nie gesagt, nie darüber gesprochen. Aber ihre Gesichter sprachen Bände. Manchmal hatte ich den Eindruck das sie innerhalb ihres 2 stündlichen Einsatzes um 5 Jahre gealtert sind. Trotzdem sie immer sehr erschöpft wieder zu Tage kamen, wollte keiner der Männer so richtig unsere Hilfe annehmen. Manchmal hatten sie Grubengas neben ihrer Maske geatmet, waren wackelig auf den Beinen und knapp vor dem Zusammenbruch. Aber sobald man einen versuchte zu stützen und zum Zelt zu führen wurde es abgelehnt. Selber gehen, auf die Trage legen und oftmals sofort einschlafen war ihre Devise. Beinharte Männer, die den größten Respekt für ihre Leistungen verdient haben.

    3. das Technische Hilfswerk ( THW )
    Bereits bei der Landung war das THW damit beschäftigt, den Weg für uns frei zu machen. Innerhalb einer knappen halben Stunde hatten die Männer des THW einen Sendemasten auf dem Werksgelände aufgerichtet, so dass es möglich war Funkkontakte in die ganze Welt zu halten. Auch aus dem Ausland kamen Anfragen ob Hilfe benötigt wird. Das THW stellte auch die Zelte zur Betreuung der Grubenwehr auf, besorgte Fahrdienste und übernahm die Versorgung der Helfer mit Essen und Trinken. Die Logistik lief über das THW und ich habe so einen reibungslosen Ablauf noch nie erlebt. Hochachtung !!!
    An jeder freien Steckdose steckte eine Kaffeemaschine, davor saßen die Mädchen der THW Jugend und kochten unermüdlich Kaffee, schmierten belegte Brötchen und packten kleine Essensrationen, bestehend aus 2 belegten Brötchen, ein Mars, ein Getränk und ein Stück Obst. Und das rund um die Uhr und jeden Tag . Als die Nahrungsmittel knapper wurden, hat das THW in der Nacht die ortsansässigen Bäcker und Metzger aus den Betten geholt und deren Kühlkammern geleert.
    Später war es Aufgabe des THW´s die geborgenen Leichen und Leichenteile zum Werksgelände zu bringen, damit der Gerichtsmediziner diese begutachten konnte.

    4. Polizei und Rettungsdienste
    Die Rettungsdienste zeigten eine nie gekannte Präsenz mit Rettungswagen, Sanitätern und Notärzten. Sie hatten alle Hände voll zu tun, da auch ständig Angehörige kollabierten. Oftmals musste auch nur Jemand getröstet werden, damit es nicht zu ungewollten Reaktionen kam.

    Bereits am Nachmittag waren die Bereitschaftsdienste der Polizei aufgezogen und bildeten eine lange Polizeikette um das Gelände. Da es sich um ein großes Gelände handelte, die Entfernung vom Nordfeld zum Südfeld betrug 5 Kilometer, waren entsprechend viele Polizeibeamte nötig, um zu verhindern das Schaulustige oder die Presse auf das Gelände vordringen konnte. Sie standen in Abständen von knapp 10 Meter zu einander über die gesamte Strecke. Und sie standen am Nachmittag, in der Nacht bis zum nächsten Morgen. Auch sie wurden durch das THW und den Rettungsdiensten mit Essen und Trinken versorgt. Haben aber in der Nacht ganz mächtig gefroren. Sie waren sichtlich erleichtert als die Ablösung aufmaschierte.

    So ging es jeden Tag weiter und wir waren froh so abgeschirmt zu sein, weil die Presse sehr aufdringlich wurde.

    Der nächste Morgen, Donnerstag 03.06.1988, begann wieder damit das die Grubenwehr einfuhr und suchte. Mittlerweile quoll nicht mehr ganz so schwarzer und beißender Qualm aus den Schachtöffnungen und im Morgenlicht sah die Szenerie noch schlimmer aus, als am Vortag.
    Die Stimmung war gedrückt, weil keine Lebenszeichen gefunden worden waren und die Hoffnung auf Überlebende gleich Null.
    Am Nachmittag wurde bei der Besprechung mit dem leitenden Notarzt plötzlich bekannt, dass die Grubenwehr darauf drängte, dass medizinisches Personal mit in die Grube einfährt, um die Grubenwehr zu versorgen. Hintergrund war das eine Leiche aufgefunden wurde, die sehr entstellt war und der Bergmann sich übergeben hat, in die Atemmaske und nur durch seine Kollegen praktisch gerettet wurde, die ähnlich wie Taucher die Mundstücke wechselten. Bei Gaskonzentrationen wo drei Atemzüge tödlich sind, ist ohne Sauerstoffmaske kein Überleben möglich. Und in den großen Bergwerken ist es üblich das medizinisches Personal mit einfährt. Deshalb wurden Freiwillige gesucht.

    Der Anästhesist der mit mir war blickte erst irritiert, dann stimmte er zu als ich sagte, dass wir einfahren werden.

    5. die Grube
    Aus verschiedenen Filme kennt man die Art wie Bergleute in die Grube gelangen. Förderkorb, einsteigen und Abfahrt, Nur wenn nichts mehr funktioniert, dann wird es schon ein richtiges Abenteuer. So auch die Einfahrt ins Nordfeld. Dort hatte man ein Lüftungsrohr mit einem guten Meter Durchmesser genommen, die Querstreben im Inneren abgeschnitten und ein rundes Blech genommen, dass dort hinein passt. In der Mitte war eine Stange und in 2 Meter Höhe ein kleines Dach darauf gesetzt. Das ganze mit einem Haken an einem Kran befestigt. Durch dieses Rohr ging es abwärts, wobei noch erwähnt werden muss, dass das Rohr nur 100 Meter lang bzw. tief ging. Nichts für Menschen mit Platzangst. Ich stellte mich also auf das Blech, musste die Arme dicht an den Körper nehmen und den Notfallkoffer hochkant auf meine Füße stellen. Im Vertrauen darauf das der Kranführer wusste wie tief 100 Meter sind bin ich abgelassen worden. Unten war ein Ausstieg aus dem Rohr geschnitten gewesen und ich stand auf einem Stollen in völliger Dunkelheit, alleine und 100 Meter unter Tage. Nach 20 Minuten kam der Anästhesist nach und nach weiteren 20 Minuten kamen Grubenlampen.
    Meine Vorstellung über Stollen im Bergwerk waren begrenzt, doch dieser Stollen übertraf noch alles. Er war knappe 2 Meter hoch und knapp 3 Meter breit. In der Mitte war eine Stahlschiene. Da konnten mit Rollen Materialien transportiert werden, was wir später auch nutzten. Der gesamte Stollen war mit Beton ausgespritzt, damit das Grubengas nicht Nischen findet sich anzureichern und obwohl ich im Kohlebergwerk war, war von Kohle nichts zu sehen. Unser Aktionsradius betrug 30 Meter vom Lüftungsrohr ausgehend, dann kam das Grubengas. Auf dem Stollen lagen bereits tote Bergleute, bedeckt vom Explosionsstaub. Und erstaunlicherweise sahen sie völlig friedlich aus. Keine Angst in den Gesichtern, einfach nur Überraschung und ein ganz schneller Tod.
    Angesichts dieser Situation kam uns der Gruß der Bergleute, die wieder durch den Schacht kamen mit ihrem „Glück auf“ befremdlich vor. Nach 4 Stunden wurden wir abgelöst und zu Tage befördert.
    Da wir im Nordfeld nicht benötigt wurden, brachte uns das THW zum Südfeld in 5 Kilometer Entfernung, wo wir uns die Nacht mit der Versorgung der Männer der Grubenwehr beschäftigten. Freitag sind wir dann zurück zum Nordfeld gekommen.
    Mittlerweile war ich seit Mittwoch im Dauereinsatz, spürte aber keine Müdigkeit, weil das Adrenalin in den Adern floss und wie ein Aufputschmittel wirkte.

    Der Freitag Vormittag war ausgefüllt mit einer sehr intensiven Betreuung der Angehörigen, die in einem Raum seit Mittwoch ausharrten, in der Hoffnung auf ein Zeichen oder Überlebende. In regelmäßigen Abständen wurden die neuesten Zahlen der aufgefundenen Leichen veröffentlicht und jedes Mal brach einer der Angehörigen zusammen. Insgesamt habe ich 3 Herzinfarkte bei Angehörigen erlebt und ungezählt Weinkrämpfe. Am Nachmittag bin ich mit dem Werksarzt eingefahren. Unsere nächste Stelle wo wir hin sollten war 400 Meter unter Tage, 5 Kilometer im Berg. Die Strecke musste gelaufen werden. Um das Grubentelefon verlegen zu können musste jeder der nach unten kam 2 Rollen Kabel mitnehmen die immer schwerer wurden. Auch die Wegstrecke wurde immer beschwerlicher. Dadurch das die Elektrizität abgestellt war, waren auch die Wasserpumpen abgestellt worden. Das Grundwasser stieg in manchen Stollen an, so dass es in Senken schon bis zur Brust reichte. Da musste man durch. Kabeltrommel hochhalten und vorsichtig mit dem Fuß tasten worauf man tritt. An den Wänden ragten Kabelstränge herunter und jeder machte möglichst keine Wellen, damit kein Wasser daran schwappt.
    Das hatte natürlich zur Folge das man immer klitschnass an seinem Einsatzort ankam und erklärte auch, warum die Männer der Grubenwehr wasserdichte Kombinationen anhatten. Einer der größten Fehler war das Tragen vom Gummistiefeln, aber das haben wir erst nachher erkannt.

    Vorne am Kartentisch, dem angestrebten Punkt unseres Einsatzes, stand ein Mann mit einer genauen topographischen Karte der Grubenanlage und dirigierte die Rotte durch die Stollen. Das war eine hochinteressante Aktion. Wie bereits erwähnt bestand die Rotte aus 6 Mann. Der erste Bergmann und der letzte Bergmann hatten Sprechkontakt zu uns. Sie mussten alle 5 Minuten den Sauerstoffvorrat aller Flaschen durchsagen. Die Regel sagt, 1 Drittel Sauerstoff für den Hinweg, 2 Drittel Vorrat für den Rückweg. Und die geringste Menge war wichtig, so das die Rotte dann sofort umkehren musste. Der Mann am Kartentisch gab immer die entsprechende Information an die Rotte. Zum Beispiel: „ Links oben ist ein Streb ( Querschacht ). Nachsehen ob dort wer ist. „ Antwort: „Verstanden, keine Person gefunden. „. Oder in zehn Meter Entfernung befindet sich ein Wetter ( Türen zu Schließen des Schachtes ) liegt dort wer hinter der Tür ? „ Antwort: „ Ja, eine Person „
    Dieser Fundort wurde in der Karte markiert um dann später die Leiche zu bergen.
    Auf diese Art und Weise wurde jeder Meter der Grube durchsucht. Während eine Rotte unterwegs war, ruhte sich eine weitere Rotte bei uns aus. Dann wurde gewechselt. Im Idealfall wurde man nach 6 bis 8 Stunden vor Ort abgelöst. Mittlerweile waren Hose und Hemd trocken, wurden aber auf dem Rückweg wieder nass beim Durchqueren der Wasserlöcher.
    Die durchschnittliche Temperatur im Bergwerksstollen betrug durch das ständige zuführen von Druckluft ungefähr 18 Grad Celsius, der Sauerstoffanteil lag bei 16 bis 17 % . Messungen wurden alle 60 Minuten durchgeführt.

    Freitag gegen 18:00 Uhr bin ich dann erstmalig vom Ort des Geschehens weg, weil irgendwann braucht man doch Schlaf. Ich kann mich auch nur daran erinnern, dass ich versucht haben muss meine Hose auszuziehen und so wie ich mich auf die Bettkante gesetzt hatte, wachte ich am Samstag gegen 8:00 Uhr auf. Die Hose hatte ich immer noch an.

    Für Samstag 10:00 Uhr war die Rückkehr zur Grube abgesprochen und der Fahrdienst war pünktlich da.

    In den Frühnachrichten wurde dann plötzlich davon gesprochen das Überlebende gefunden wurden. Und tatsächlich haben 6 Männer das Unglück in einer Luftblase eines Querstrebs überlebt. Das muss ein wahnsinniges Glücksgefühl für die Truppe gewesen sein, die dabei waren. Auf einmal kam wieder Hoffnung auf, die sich aber leider nicht erfüllte. Doch es gab das Wunder von Borken und damit Auftrieb für die folgenden harten und belastenden Tage die noch folgten.

    Als ich gegen 11:00 Uhr eintraf war eine Mischung von Glücksgefühlen und Trauer auf dem Werksgelände, wie sie spürbarer nicht sein konnte.

    Am Samstag sollte dann in den späteren Abendstunden mit der Bergung der ersten Leichen und der Leichenteile begonnen werden. Zwischenzeitlich wurden Leichenspürhunde eingesetzt, die Einzelteile aufspürten. Ihnen wurde vor dem Einsatz eine Blutgasanalyse abgenommen. Dann wurde berechnet wie lange sie unten sein durften und danach wurde wieder kontrolliert ob sie in Ordnung sind. Dann kamen die Taucher der Berufsfeuerwehr und Polizei und durchsuchten die Wasserlöcher. Auch dort wurden sie immer wieder fündig.
    Die ersten beiden LKW´s des THW´s brachten nur Säcke mit Leichenteilen vom Nordfeld nach oben zum Werksgelände. In einem Raum der Waschkaue waren die Gerichtsmediziner damit beschäftigt, diese Teile zu begutachten und zu zuordnen. Später wurden dann die ersten Toten gebracht. Wer zweifelsfrei identifiziert werden konnte, wurde eingesargt, die Angehörigen gerufen und informiert und der Sarg in die
    Turnhalle der Schule zur Aufbahrung gebracht.

    Halbstündlich wurden die Angehörigen im Warteraum besucht und so gut wie es möglich war betreut.
    Die schlimmsten Szenen spielten sich immer dann ab, wenn bestimmte Angehörige zur Identifizierung geholt werden mussten und deren Hoffnung dann platzte wie eine Seifenblase. Aber damit hatte die Ungewissheit auch endlich ein Ende.

    Was ich eigentlich nicht mitbekomme habe ist, dass die Psychologen, Pfarrer und Krisenmanager da waren. Aber sie waren da und haben Gespräche geführt. Nur waren wir immer so beschäftigt, dass deren Anwesenheit gar nicht auffiel.

    Der Einsatz vom Samstag endet am Montag und dann immer alle zwei Tage nochmals für 24 Stunden.
    Die Klinik hat den Mitarbeitern die Zeit in Borken als Überstunden anerkannt und uns für die Arbeit dort auch freigestellt.
    Nach der Bergung der letzten Leiche aus dem Hauptexplosionsgebiet wurden noch in der Nacht alle Tätigkeiten eingestellt. Es war zu gefährlich geworden.

    Knapp 14 Tage nach Beendigung der Arbeiten haben wir nochmals ein Treffen bei der Feuerwehr, um den Dank der Landesregierung der Verantwortlichen der Rettungsdienste, der Bergwerksleitung und auch der Angehörigen zu bekommen. Eine Aufarbeitung der Erlebnisse durch Psychologen ist nicht erfolgt und war glaube ich auch nicht nötig.

    Ein Jahr nach dem Unglück war ich in Borken auf dem Friedhof und habe die Gräber der Bergleute gesehen. Auch hier habe ich keine Gedenkfeier erlebt. Irgendwie war dieser Ort noch immer gelähmt.

    Ich habe aus diesem auch für mich ungewöhnlichen Einsatz meine Lehre gezogen. Aus dem Berg habe ich ein Stück Braunkohle mitgenommen und den Helm den ich bei der Arbeit getragen habe. Die Kohle liegt auf einem kleinen Tablett und erinnert mich daran, dass ich mich niemals mit einem anderen Menschen streiten möchte ohne mich noch am selben Tag zu versöhnen. Denn manchmal kann es am nächsten Tag zu spät für eine Entschuldigung sein.

    Übrigens war es nicht die Hauptmunitionskammer die explodiert war, sondern Kohlenstaub. Was bisher nur aus Steinkohlebergwerken bekannt war, ist erstmalig auch in einem Braunkohlebergwerk passiert. Ein bis dahin undenkbarer Vorgang.

    56 Bergleute starben, 6 Männer wurden gerettet. Keiner der Helfer wurde verletzt.
     
  2. Kps2001

    Kps2001 Stammgast

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    Puh... Kann man gar nicht viel zu sagen... Sowas ist sicherlich ein Einsatz fürs Leben! War gerade fünf Jahre alt als es passierte, deshalb kannte ich dieses Unglück nicht! Gut, daß in solchen Notfällen die Zusammenarbeit mit Rettungsdiensen, Bergungskräften, Polizie etc. so gut läuft (wenn sie sonst auch so läuft).

    Ansonsten bekommt man im Krankenhaus nur die "Überbleibsel" eines solchen Unglücks zu sehen, dabei zu sein und alle Emotionen zu erleben ist sicher etwas, was man ewig im Kopf behalten wird.
     
  3. Ute

    Ute Poweruser

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    Man sieht die Welt anders, wenn man so etwas erlebt hat !

    gruß ute
     
  4. uefchen71

    uefchen71 Junior-Mitglied

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    Respekt und Anerkennung für die geleistete Arbeit !!!
    Mehr gibts dazu wirklich nicht zu sagen.
     
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  5. blubbblubb

    blubbblubb Gast

    Älteres Thema - egal:
    Ich war grade 8Jahre alt, als es sich ereignete.
    Habe es am Rande mitbekommen und kann mich grob erinnern.
    Zumal ich gebürtig aus der "Umgebung" komme.
    Danke für Deinen Rückblick. War Gänsehaut beim Lesen.

    blubbblubb
     

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