Gerontopsychiatrie wann, warum?

Dieses Thema im Forum "Pflegebereich Psychiatrie/Psychotherapie/Psychosomatik/Sucht/Forensik" wurde erstellt von Brady, 28.01.2006.

  1. Brady

    Brady Gast

    Hallo,

    unter welchen Kriterien verlegt ihr Patienten von der Allgemeinpsychiatrie in die Gerontopsychiatrie? Wir haben verschiedene Ansätze, nicht nur das Alter. Was sind eure Ansätze? Würde mich sehr interessieren.

    Liebe Grüße Brady
     
  2. tempnurse

    tempnurse Newbie

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    Aus meiner Erfahrung sind die Verlegungsgründe relativ willkürlich, idealerweise sollte wohl das Krankheitsbild ausschlaggebend sein (z.B. Altersdepression) und eben auch therapierbar sein (um demenzkranke oder psychotische, multimorbide, bettlägrige Patienten auf Neuroleptika einzustellen muss ich sie nicht von der Inneren Verlegen - Psychiater haben Beine zum Laufen!!).
    Letztendlich scheint aber die tatsächliche Fähigkeit an Therapiesitzungen teilnehmen zu können häufig kein ausschlaggebendes Kriterium zu sein, was besagte Gerontopsychiatrien häufig zu Abladeplätzen für vollkompensatorisch zu versorgende wie auch immer verwirrte "Schreipatienten" macht.

    Dem Anspruch Psychiatrie für die besonderen Bedürfnisse des alternden Menschenzu bieten dürften so die wenigsten Einrichtungen gerecht werden.

    Soll in Bezug auf dein posting heißen, Patienten kommen als Aufnahme über EH, durch Überweisung oder von den peripheren somatischen Stationen, nur ganz, ganz, ganz, ganz, selten als Verlegung von anderen Psychiatrischen Stationen.
     
  3. Brady

    Brady Gast

    Hallo,

    leider sind die Erfahrungen die Du gemacht hast auch meine. Genauso wie Du es schilderst passiert es immer wieder.

    Ich arbeite ich in der Allgemein-Psychiatrie (Tagesklinik) mit Menschen von 18 bis ca. 55 Jahre. Wir nehmen uns raus Patienten die einen Rentenantrag gestellt haben oder in Rente gehen, vorzuschlagen in die Geronto-Tagesklinik zu gehen. Der Grund hierzu ist, dass die Themen anders sind als bei Menschen die wieder in Arbeit wollen. Zudem will jemand, der einen Rentenantrag gestellt hat.... wieder "gesund" werden? Muss er nicht befürchten den Rentenantrag abgelehnt zu bekommen? Die Themen sind auf Menschen ausgerichtet wie, was fange ich in dem Lebensalter an? Wie kann ein Leben ohne Arbeit ausschauen? Oder der Verlust eines jahrelangen Lebenspartners, usw.....Wobei, wir sollen alle länger arbeiten, passt es noch? Demografisch werden es immer mehr ältere Menschen. Was ist auch mit den älteren Menschen die körperlich und geistig fit sind? Die sogenannten "jungen" Alten, wo machen diese Menschen eine Therapie? Die normalerweise im Terminplaner nachschauen, ob sie in 14 Tagen auf das Enkelkind aufpassen können *gg*. Sollte man diese Einteilung vom Alter nicht ganz weglassen und dann entscheiden wie therapiefähig der jeweilige Mensch ist? Überall gibt es ältere und jüngere Menschen. Wenn ich die Gerontostationen sehe, dann kann ich mir kaum vorstellen, dass dort einem depressiven, älteren Mensch geholfen werden kann. Die Idee stammt wohl aus einer Zeit wo man dachte, man müsste älteren Menschen mit psychiatrischer Erkrankung eine besondere Behandlung/Therapie zukommen lassen und es mit Personal und Finanzen besser bestellt war. Jetzt sehe ich nur eine Ghettorisierung, alles was nicht passt...kommt auf die Geronto, aufjedenfall wenn der Mensch schon älter ist.

    Mich würde eure Meinung dazu interessieren.

    Liebe Grüße Brady
     
  4. Moonspell

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    Naja...bei uns werden die eigentlich direkt bei der Aufnahme gefiltert...
    Falls sich wirklich mal ein 60+ auf die Allgemeine "verläuft" (aufgenommen wird), wird er zunächst nicht direkt verlegt, sondern wir gucken erst einmal wie der jenige mit unserem Therapieangebot zurecht kommt...
    ...bisher war es meistens so, dass sich die 60+ bei uns gar nicht so wohl gefühlt haben unter dem "jungen Gemüse"... sowie ihnen das Therapieangebot nicht entsprach...
    Dafür sind Gerontostationen ja da, die haben ein ausgelegtes Therapieprogramm für diese Generationen...
    Von daher finde ich das keines wegs als Abschiebung oder ähnliches...
    ...schliesslich muss sich der Pati auch wohl fühlen...
     
  5. eunerpan

    eunerpan Senior-Mitglied

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    Wunderschönen guten morgen !

    Bei uns is das sehr unbefriedigend....:|
    Die ehemalige Gerontostat. nimmt jetzt nur noch alle Arten von Demenz ..... also bleiben einige für unsere Station ..... wobei die "fitten Alten" auf die psychotherapeutische Station gehen..... die psychotischen und oder pflegebedürftigen kommen zu uns ....

    Sehr schade für diese Patienten, weil wir keine therapeutischen Angebote für sie haben .... kann die ja schlecht mit den jungen Borderlinern in die Bewegung schicken :gruebel:

    Lieben Gruss :mrgreen:
     
  6. nightshade

    nightshade Senior-Mitglied

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    Hallo. Kann mich nur Moonspell anschliessen. Arbeite auf einer Gerontostation. Natürlich kommt es mal zu der einen oder anderen fraglichen Verlegung. Doch meistens ist sie später begründet und sinnvoll gewesen. In Frage wird nur häufig die Verlegung aus den somatischen Kliniken gestellt..
     
  7. mellgi

    mellgi Newbie

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    :| Hi!
    Ich arbeite seit einiger Zeit auf einer Gerontostation und bei uns kommt es schon mal vor, dass pflegeaufwändige Pat zu uns verlegt werden obwohl sie das rentenalter bei weitem noch nicht erreicht hatten.
    Aus schülerzeiten weiß ich auch noch das von allen anderen Stationen die Geronto als allerletzter Bahnhof gesehen wird.

    Schönen Tag noch
     
  8. Brady

    Brady Gast

    Hallo Mellgi,

    ich verstehe nicht so ganz deinen Beitrag.

    Pflegeaufwändige Patienten kommen zu euch auf die Gerontostation. So wie ich das verstanden habe sind sie relativ jung? Vielleicht sind Dir auch die Begrifflichkeiten durcheinander geraten?


    Gerontopsychiatrie http://de.wikipedia.org/wiki/Gerontopsychiatrie


    Gerontologie http://de.wikipedia.org/wiki/Gerontologie


    Geriatrie http://de.wikipedia.org/wiki/Geriatrie


    Wobei ich sagen muss, daß ich die Gerontopsychiatrie oder auch die Geriatrie nicht als allerletzten Bahnhof sehe. Denn wenn man als Personal auf so einer Station diese Einstellung dazu hat......dann wird es so auch für Patienten werden. Dann braucht man nichts mehr verändern, nichts mehr tun....bedeutet, daß man aufgeben hat........Nein, Danke

    Natürlich ist es nicht leicht dort zu arbeiten, aber es sind oft die kleinen Erfolge die es ausmachen....

    Liebe Grüße Brady
     
  9. nightshade

    nightshade Senior-Mitglied

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    Hallo. Haben auch häufig pflegebedürftige Pat. bekommen, die noch nicht das "Gerontoalter" hatten. Also noch keine 60 J. alt waren. Jedoch waren sie körperl. so eingeschränkt oder so beeinträchtigt, das ich es häufig auch als sehr sinnvoll empfunden habe. Denn das Therapieprogramm auf der "Allgemeinen" hätten die Pat. überfordert. Nicht gut fürs Selbstwertgefühl, denk ich. Zum Weitern hat der Gerontobereich natürlich auch ne bessere Ausstattung für die Pflege. Mehr behindertengerechte Toiletten, Duschen etc.. Allein auch mit der Kleiderpflicht und der Hygiene. Zum Weiteren gehen die Pat. nicht so "unter" .Denke, muss man wirklich individuell sehen. Grundsätzlich kann man dazu keine Aussage zu machen.
     
  10. eunerpan

    eunerpan Senior-Mitglied

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    Hallo!!!


    Kann mich nightshade nur anschliessen!!

    Haben grad eine pflegeaufwendige Patientin..... und bis ich mir da mal alles zusammengesucht habe ist mein Dienst auch schon fast um *lach*
    Auch find ich den hygienischen Aspekt überlegenswert, denn ich pfleg dann nicht in weiss, hab aber immerhin Pflegeschürzen auf Station ....

    Und schwierig ist es auch dafür zu sorgen, dass sich die jungen persönlichkeitsgestörten Pat. nicht die Älteren Pat. aussuchen um diese zu ärgern oder sogar zu beleidigen.......

    Aber leider haben wir ja keine Geronto mehr sondern nur noch eine Demenz Station..... also müssen wir entweder unser Konzept anpassen um allen gerecht zu werden oder das Haus kommt auf die gloreiche Idee, dass wir beides bräuchten : Demenz und Gerontostation :mrgreen:


    Lieben Gruss
     
  11. nightshade

    nightshade Senior-Mitglied

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    Hej Eunerpan. Das kann ich mir gut vorstellen. Als unsere Gerontostation völlig überbelegt war, wurde ein Pat. in der Allgemeinen untergebracht, damit er nicht ein Flurbett erhalten musste. Der Pat. hatte eine frische PEG. Natürlich mussten sie sich sämtliche Hilfsmittel bei uns holen. Also ein hin und her gerenne. Der Pat. wurde dann nach dem Wd. in den Gerontobereich verlegt. Zum Weitern haben häufig die "Allgemeinen" tiefere Betten. Auch sehr vorteilhaft für rückenschonenedes Arbeiten, grins.
     
  12. Moonspell

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    Welches sich bei uns kürzlich aber verändert hat...
    Keine ollen, festsehenden Therabetten, sondern jetzt auch schöne, rollende, hochpumpbaren Pflegebetten...
    Also her mit den 60+... :mrgreen:
     
  13. Tombolo

    Tombolo Newbie

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    Hallo alle miteinander,

    arbeite als stellvertretende Leitung einer halboffenen gerontopsychiatrischen Station in Augsburg.

    Zu uns kommen meist Leute über 65.

    Gelegentlich auch Jüngere. Vor kurzem hatten wir einen Patienten mit 48. Dieser hatte eine Wesensänderung aufgrund eines Schlaganfalles.

    Zudem kam mal ein 47jähriger Patient mit einer HIV-Enzephalopathie und Alkoholabusus.

    Das sind so die Jüngeren, die wir bekommen. Meist organische Wesensänderungen oder dementielle Entwicklungen.

    Ansonsten ist es für viele Ältere Patienten angenehm, unter Gleichalten zu sein. Gerade bei Menschen mit Altersdepressionen oder Patienten, die in der Trauerarbeit stecken.

    Ansonsten behandeln wir alle psychiatrischen Erkrankungen. Von der Sucht bis zur chronischen Schizophrenie.

    Einziges Kriterium ist das hohe Alter.

    Natürlich haben wir auch viele schwerpflegebedürftige Menschen, bei denen erst die somatischen Erkrankungen im Vordergrund stehen.

    Insofern kein somatisches Krankenhaus diese Patienten übernimmt, werden diese Erkrankungen dann konsiliarisch in einem somatischen Nachbarkrankenhaus behandelt.

    Viele Patienten fühlen sich aber auch auf Stationen mit jüngeren Patienten sehr wohl, da dies auch oft motivierend sein kann und sich die Jüngeren auch oft um die Älteren kümmern.

    Zwangsläufig sollte nicht jeder ältere Mensch auf eine Gerontostation müssen. Das sollte man individuell abwägen.

    Zudem sind wir meist bis auf den Flur dermaßen überbelegt, dass die halboffenen Akutstationen oft auch Gerontopatienten aufnehmen müssen.

    Liebe Grüße
     
  14. rudi09

    rudi09 Stammgast

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    Hallo alle zusammen,
    zunächst möchte ich mich kurz zu Tombolo äußern. Halb offen oder halb zu?
    Für mich ist das Etikettenschwindel und Lüge an den Patienten (und sich selbst). Die, die freiwillig da sind, sind da nämlich ratz fatz mit eingeschlossen und das ist rechtswidrig. Oft wird auch mehrfach die Tür ohne Rechtsgrundlage zu gemacht. Das ist und bleibt Freiheitsberaubung, egal wie man das Kind auch nennt.
    Womit wir schon bei der Gerobelegung wären.
    Wir haben 2 Gerostationen. Eine ist mit Altersdepressionen und anderen Erkrankungen unter 60- jähriger belegt. Die andere ist eine fast reine Demenzstation ergänzt mit einigen minderbegabten. Patienten mit Fluchttendenz dürfen nur kurzzeitig ( 1 -2 h) eingeschlossen werden und müssen für alle Mitarbeiter sichtbar an der Tafel auf Station stehen. Der Grund muss dokumentiert werden. Hält der Zustand der Weglauftendenz länger an, müssen sie auf die geschlossene Station bis sich die Sache beruhigt hat. Dort ist dann auch zu prüfen, ob Rechtsgrundlagen geschaffen werden müssen.

    MfG
    rudi09
     
  15. Tombolo

    Tombolo Newbie

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    Hallo Rudi,

    na da hast du irgendwie schon recht.

    So blank ohne weitere Information sieht das nach Freiheitsberaubung aus.
    Abgesehen davon ist die Station ja nicht über Tage geschlossen.

    Die Zusammenarbeit mit der geschlossenen Gerontostation klappt eigentlich so gut, dass zügig ein entsprechender Austausch stattfindet. Beide Stationen haben halt immer mit der Überbelegung zu kämpfen. Zudem dauert es ja immer ein wenig, bis der ganze Bürokratiekram erledigt ist.

    Zudem gibt es in der Psychiatrie ja Gott sei Dank noch andere Hilfsmittel.

    Ich nenne diese mal Kommunikation mit, und Beziehung zu den Patienten.

    Natürlich wird mit allen Patienten geredet, wenn die Station kurzfristig geschlossen werden muss. Zudem bleibt jedem Patienten das Recht, sich frei im Haus und Gelände zu bewegen. Wir öffnen die Tür jederzeit für alle anderen Patienten.Sie müssen sich halt dann bei einem Pflegenden melden, wenn sie raus möchten, und das geht immer recht zügig.

    Die Beziehungsarbeit zu den Patienten ist das Wichtigste überhaupt und wenn die funktioniert, versteht auch jeder Patient, warum bestimmte Maßnahmen zum Schutz des Patienten ergriffen werden müssen. Somit erklären sich die anderen Patienten auch damit einverstanden.

    Zumindest ist das bei uns so.

    Merkwürdigerweise hab ich es noch nicht erlebt, dass ein Patient dies nicht nachvollziehen konnte.

    Schließlich sind wir Pflegenden in der Psychiatrie ja wohl mehr als nur Wärter und manch hochragende Probleme lösen sich schnell, wenn man nur miteinander redet.

    Natürlich entstehen bei bestimmten Patienten dann auch Ängste, aber dazu sind wir ja da, um diese zu thematisieren und zu bearbeiten und zudem besteht das wahre Leben ja immer aus problematischen Situationen, welche irgendwie bewältigt werden müssen.
    Auch dazu sind wir da, um anzuleiten.

    Wir ermutigen unsere Patienten grundsätzlich, ihrer Meinung Ausdruck zu verleihen.
    Natürlich wird diese dann auch gehört und sehr ernst genommen.

    Auch in anderen Krisensituationen auf Station ist es bei uns so, dass in der Regel Gruppenrunden stattfinden und eventuelle Befürchtungen und Gefühle zum Ausdruck gebracht werden können und sollen.

    Würde der Fall eintreffen, dass ein Patient kurzfristig die Situation der geschlossenen Türe nicht ertragen könnte, würde man sofort nach einer entsprechenden Lösung suchen sei es zum Beispiel einen Beurlaubung oder eine Verlegung auf die offene Depressionsstation oder Ähnliches.

    Liebe Grüße aus Augsburg
     
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