Gerontopsychiatrie - muss Pflege so sein?

Dieses Thema im Forum "Pflegebereich Psychiatrie/Psychotherapie/Psychosomatik/Sucht/Forensik" wurde erstellt von Abigail, 25.12.2007.

  1. Abigail

    Abigail Newbie

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    Hallo

    ich mache eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin in einem psychiatrischen KH, zur Zeit habe ich meinen ersten praktischen Einsatz auf einer gerontopsychiatrischen Station.
    Da ich viele Jahre meinen demenzkranken Vater zu Hause gepflegt habe, besitze ich eine Menge Vorkenntnisse und arbeite auf der Station quasi als "Vollkraft", nicht als Schülerin.
    Es ist sozusagen die "Endstation" - zu uns kommen die Menschen, die niemand mehr haben will, weder Familie noch Heime, weil sie laut, aggressiv und unruhig sind.
    Ich arbeite sehr gerne auf der Station, ich komme mit den Patienten wunderbar aus. Doch ich habe zunehmend Probleme mit den Kollegen.
    Vor einiger Zeit hatte ich Dienst mit einer Kollegin, es war ein Horrordienst. Zimmer wurden "als Erziehungsmaßnahme" abgeschlossen, daraufhin sind einige Patienten regelrecht ausgerastet, weil sie nicht mehr rumlaufen konnten (stundenlanges Schreien, Wut, fremdaggressiv). Insgesamt 3 Patienten wurden als "Strafe" komplett fixiert und mit Medikamenten bis fast zum Koma sediert.
    Mehrmals habe ich versucht, das zu thematisieren, doch alle anderen Kollegen meinten nur, so ist sie halt, diese besagte Kollegin, alle wüßten, daß sie den Dienst nicht erträgt auf dieser Station.
    Mangels Hilfe und Reaktion habe ich nun diesen Horrordienst offiziell gemeldet. Ergebnis: ich bin der Nestbeschmutzer......
    Und es passieren merkwürdige Dinge. Weihnachtsgeschenke von Patienten, die sie mir geschenkt haben (gemalte Bilder, Handarbeiten u.ä.), verschwinden spurlos.
    Immer wieder werden nun erst recht Patienten vor meinen Augen fixiert als "Erziehungsmaßnahme", so z.B. bei einer Pat., die regelmäßig einkotet und schmiert. Laut Kollegen nötig, denn sie würde es extra machen und sei nun lieb und gefügig nach der Fixierung.
    Das widerspricht meinem Gewissen total. Und auch meinem Verständnis von Pflege auf dieser Station.. Diese Menschen sind uns zu 100% ausgeliefert. Sie können nichts ohne unser Einverständnis tun. Für mich ist es Machtmissbrauch und Gewalt, was da abläuft. Selbst solche Vorfälle wie z.B. die Bitte einer Pat, auf Toilette gehen zu wollen, sie abzuweisen mit dem Kommentar "Sie haben ja eine Schutzhose, da ist es doch egal"......

    Bin ich zu stark besaitet und nicht geeignet für diesen Beruf?
    Ich liebe meine Arbeit, und ich liebe es auch, mich um die Patienten zu kümmern. Und die Patienten danken es mir auf vielfältige Weise: bei mir essen und trinken sie, bei mir nehmen sie ihre Medikamente ohne Probleme, zu mir kommen sie, wenn sie traurig sind. Ich fahre jeden Tag zur Arbeit und freue mich.

    Noch bin ich in der Probezeit. Rein arbeitsmäßig kann mir niemand etwas vorwerfen, laut Beurteilung mache ich meine Arbeit sehr gut.
    Doch es belastet mich, wenn ich sehe, wie Kollegen mit diesen (kranken! nicht bösen) Menschen umgehen.

    Hat vielleicht einer von euch eine Idee, was ich machen kann/soll?

    herzliche Grüße und ein frohes Weihnachtsfest euch allen

    marmotte
     
  2. Brady

    Brady Gast

    Hallo marmotte,

    du arbeitest auf einer der schwierigsten Stationen, zudem bist Du auch selber persönlich durch das Schicksal und die Pflege deines Vaters betroffen.
    Dies ausgerechnet ist dein erster Einsatz und ich befürchte, dass dein Blickwinkel auch etwas dadurch beeinflusst ist. Ich will nicht damit sagen, dass es diese falschen und grenzüberschreitende Pflegemaßnahmen nicht gegeben haben.
    Aber Du bezeichnest Dich jetzt schon als "Vollkraft", ob diese Herangehensweise für Dich und auch für die Kollegen gut ist, bezweifel ich.

    Sicher will ich auch nicht behaupten, dass Du durch die Pflege mit deinem Vater nicht viel gelernt hast. Aber dies ist eine andere Seite und gehört in den emotionalen Bereich, da professionelle Distanz und Nähe wichtig ist in unserem Beruf.
    Du solltest versuchen Abstand zu deinem persönlichen Erfahrungen bekommen, da dies Dir in deiner Ausbildung ständig nur eine Sichtweise der Dinge zeigt.

    Spreche deinen Praxisanleiter an, wenn Dir Dinge überhaupt nicht behagen. Löchere ihn und versuche diese Dinge auf den Grund zu gehen. Wenn es deiner Meinung nach nicht richtig oder sogar menschenunwürdig ist.

    Diese Geschenke, die dort verschwinden, da kann ich mir auch keinen Reim darauf machen, aber wenn Du in ein Team kommst und es so rüberkommt, dass nur Du für die Patienten die einzige Pflegekraft bist, die Verständnis hat, wird man versuchen euch im Team zu spalten. Da heißt, in "gut und böse".
    Egal wie krank Menschen sind, es ist in der Natur des Menschen sich vermeintliche Vorteile zu verschaffen. Dies verunsichert auch Patienten.
    Diese Geschenke solltest Du auch hinterfragen. Ist es in Ordnung sie anzunehmen? Oder eben auch nicht? Das kannst Du Dir auch nur beantworten.

    Wenn dort Fehler laufen, dann ist es auch deine Pflicht sie anzusprechen.
    Gehe zur Stationsleitung, oder eben zum Praxisanleiter. Du bist Auszubildnende und solltest Dinge hinterfragen und erstmal lernen und vorsichtig sein, mit den Erfahrungen im persönlichen Bereich.

    Du hast den Vorteil auch was älter zu sein, oder eben auch den Nachteil.
    Es werden vielleicht auch Dinge von Dir vorausgesetzt, die Du noch gar nicht wissen kannst.

    Oder man traut sich Dir nichts zu sagen, da Du schon was älter bist.
    Es ist ein gut gemeinter Rat von mir, du musst ansprechen und fragen und immer wieder fragen. Nicht von vorne her rein Dinge annehmen, wo Du denkst, dass weiß ich eigentlich besser. Ich weiß, dass eigene persönliche Erfahrungen die Wahrnehmung trüben.

    Ein frohes Weihnachtsfest und liebe Grüße Brady
     
  3. Abigail

    Abigail Newbie

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    Hallo Brady

    danke für Deine Sichtweise.
    Ja, es stimmt, ich bin natürlich geprägt von den Jahren der Pflege meines Vaters. Und ich merke nun, daß es mir schwer fällt, andere Pflege anzunehmen.

    Die Mißstände hat es so wie ich geschrieben habe gegeben. Und erst hab ich versucht, mit den Kollegen zu reden, als das scheiterte, habe ich mich an die Praxisanleiterin gewandt. Diese hat es "offiziell" gemacht. Was ich nicht wußte: sie und diese Station kommen nicht gut miteinander aus. Von dieser "Politik" hab ich nichts gewußt. Die besagte Kollegin mußte zugeben, daß sie falsch gehandelt hatte, und auch wenn meine Praxisanleiterin im Gespräch mit ihr, mit mir und der Stationsleitung es "sehr mutig" nannte, daß ich als Schülerin in der Probezeit so etwas melde - bin ich dennoch der "Nestbeschmutzer"....

    Wenn ich also nun weitere Situationen an die Praxisanleiterin melde, mit denen ich nicht klar komme, wird die Station wieder einen auf den Deckel bekommen.

    Ich bin also im Zwiespalt mit meinem Gewissen: einerseits weigere ich mich, an den Praktiken der Kollegen mitzumachen, andererseits stelle ich mich immer mehr auf die Außenseite ("verschworene Gemeinschaft").

    Es sind ja auch nicht alle Kollegen so!!! Ich habe wunderbare Dienste gehabt, wo alles sehr gut lief, wo die Patienten wirklich menschenwürdig behandelt wurden und wirklich Pflege stattgefunden hat.

    Als ich schrieb, ich würde als Vollkraft behandelt, so entspricht das der Tatsache. Auch das habe ich mit der Praxisanleiterin besprochen. Ich hatte meine erste praktische umfassende Anleitung mit ihr, und sie nannte meine Arbeit "optimal". ABER: ich bin eben noch Schülerin.... Sie meinte, mir würde auf der Station zuviel Verantwortung gegeben.

    Besonders die ganz schwierigen Pat. soll ich pflegen, weil ich eben gut mit ihnen klar komme. Einerseits ist diese Arbeit sehr befriedigend für mich, andererseits allerdings auch sehr anstrengend.
    Ich arbeite nicht wesentlich langsamer als meine Kollegen, aber ich versuche, meine Vorstellungen von Pflege umzusetzen. Zum Beispiel basale Stimulation beim Waschen. Und den Pat. scheint es gut zu tun.

    Geschenke von den Pat. habe ich angenommen, das ist wahr. Ich habe ihre Bilder auf der Station aufgehängt - und nun sind sie weg..... Einzig die selbstgemachten Topflappen (ich hatte der Pat. Häkelsachen besorgt, weil sie früher wunderbare Handarbeiten gemacht hatte) habe ich als Dankeschön mit nach Hause nehmen wollen, auch sie sind weg.

    Was also kann ich tun? Mit der Praxisanleiterin reden - das hätte zur Folge, daß noch andere Kollegen Probleme bekommen.

    Ich hab soviele Fragen und Schwierigkeiten, gerade was das Sedieren und Fixieren betrifft. Meistens ist das meiner Ansicht nach unnötig, es wird gemacht, weil anderes, wie Zuhören, Berühren, sich Zeit nehmen zu anstrengend ist.
    Trotz all der Arbeit ist aber genau dieses möglich - es wird nur nicht gemacht. Dann lieber Kaffee trinken oder rauchen oder........

    Die Kollegen /das Team spalten? In gut und böse? Tatsächlich ist es so, daß meine Kollegen mich mit der Arbeit beauftragen, weil "ich ja so gut mit den Pat. kann".........
    Da bin ich wieder bei der Vollkraft: sie sind froh auf der Station, daß ich nicht wie eine normale Schülerin alles erst lernen muss, sondern eben die Arbeit schaffen kann. Jedoch hab ich dann oft das Gefühl, ich werde missbraucht als "Dödel für alles". Ich BIN Schülerin, und ich weiß, ich habe noch eine Menge zu lernen. Auch wenn ich hier auf der Gerontostation meine Erfahrungen und mein Wissen bestens einsetzen kann.

    Ach Brady, ich bin nicht bereit, Pat. "wegzumachen" oder zu bestrafen. Sie sind doch schon auf der geschlossenen Station und völlig abhängig. Sie sind dement und nicht böse.
    Im besagten Horrordienst hat mich eine Pat. geschlagen, weil sie ausgerastet ist, daß alle Zimmer abgeschlossen waren. Mir ist nichts passiert, und ich kann mich wehren. Sie konnte das nicht, sie wurde komplett fixiert und sediert. Ich hab mich dann zu ihr gesetzt und sie einfach nur gestreichelt, sie wurde ganz ruhig. Sie ist eine der liebenswertesten Pat. auf Station, und sie muss nicht fixiert und sediert werden, es reicht, ihr ein bißchen Freiraum zu geben, sie rumlaufen zu lassen und ab und zu ein liebes Wort an sie zu richten.

    An wen also kann ich mich wenden?!

    Noch schlimmer wird die Situation dadurch, daß die Ärzte sich aus allem raushalten. Sie machen Visite per Akte und kennen nicht einmal die Pat. manchmal. Wenn also ein Kollege meint, die Pat. brauchen noch mehr Tavor o.ä. dann wird das in die Akte geschrieben und basta. Seit ich auf Station bin, hab ich nicht einmal erlebt, daß ein Arzt mit einem Pat. gesprochen hat! Auch das habe ich an meine Praxisanleiterin weitergegeben. Ihre Antwort: da wird dran gearbeitet, dieser Zustand ist bekannt.

    Die Pat. sind also völlig abhängig vom PP, dieses entscheidet, was mit ihnen passiert. Und manche können offensichtlich nicht der Versuchung widerstehen, ihre Macht zu missbrauchen oder sind schlichtweg überfordert.

    Diese Station ist meine "Traumstation". Ich arbeite sehr gerne dort. Doch ich bin nicht bereit, nur weil es immer so gemacht wird, Mißstände zu decken oder mitzumachen. Wenn Du so willst: ich habe meine Ideale. Und was ich davon umsetzen kann, das versuche ich zu tun.

    Danke noch einmal für Deine Antwort.
    Es tut gut, sich das alles einmal von der Seele zu schreiben.

    Lieber Gruß
    Marmotte
     
  4. Brady

    Brady Gast

    Hallo Marmotte,

    mache weiter wie bisher, denn positive Unterstützung erfährst du ja dort. Natürlich wird Dir das dann auch Ärger einbringen, nicht alle werden sagen: "Oh toll, da kommt jetzt eine Neue und die weiß alles besser als wir".
    Denn für Ideale und Vorstellungen muss man eben auch kämpfen.

    Solange du weiterhin reflektierst arbeitest und Du versuchst fachlich zu sein, wird dir nicht wirklich jemand was anderes unterstellen können.

    Bedenke aber, Du brauchst dafür sehr viel Energie und und ein dickes Fell, dieses wünsche ich Dir auch.

    Hier "Auftanken" und uns darüber weiter zu berichten wäre gut. :up:

    Liebe Grüße Brady
     
  5. dieEv

    dieEv Poweruser

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    Liebe marmotte, ich verstehe vollkommen, wie sehr dich die "Zustände" aufregen und wünsche dir viel Kraft, denn wenn du dich emotional nicht distanzieren kannst, gehst du an dieser Arbeit kaputt, gerade weil es dir so wichtig ist.
    Liebe Grüße!
     
  6. Abigail

    Abigail Newbie

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    Mein Einsatz ist zu Ende, und ich habe eine sehr gute Beurteilung bekommen ;)
    So ganz bin ich mir noch nicht sicher, warum diese Beurteilung so gut ausgefallen ist. Einerseits natürlich meine Praxisanleiterin, die mich laut Kollegen über den grünen Klee gelobt hatte, andererseits hatte ich das Gefühl, es sei eine Art Belohnung fürs Stillhalten, daß ich nicht noch mehr Mißstände gemeldet habe...:mryellow:

    Beim Abschlußgespräch habe ich offen meine Kritik geäußert, daß meiner Meinung nach zuviel sediert und fixiert wird, daß ich damit nach wie vor Probleme habe.
    Ich sehe durchaus ein, daß es zu einem (auch hygienischen) Problem werden kann, wenn Patienten dauernd einkoten und überall schmieren. Und daß niemand die Arbeitszeit ausschließlich damit verbringen will, sauber zu machen und zu desinfizieren. Denn diese Zeit fehlt dann, um sich um die Patienten zu kümmern.
    Doch die "Lösung" Fixieren und sedieren sehe ich nicht als Lösung.
    Ich hatte in meinem Einsatz erwartet, dafür andere Lösungen zu finden. Doch die meisten Kollegen haben keine anderen.
    Meine Lösung war: ich hab mich besonders um diese Patienten gekümmert, war aufmerksam, wohin sie gehen und was sie gerade machen. Oft konnte ich so rechtzeitig eingreifen, wenn sie schmieren wollten.
    Dies ist kein Patentrezept, denn trotz Aufmerksamkeit passiert so etwas immer wieder.

    Meine Abneigung gegen Fixierungen hat manche Kollegen stark verunsichert.
    Es gab eine sehr alte Dame, völlig klar im Kopf, die sich aber nicht mehr versorgen konnte. Sie hatte überhaupt nichts auf unserer Station verloren. Sie wurde fixiert wegen Sturzgefahr.... Auf ihre Bitte hin habe sie nach dem Mittagessen unfixiert im Bett gelassen, dies im Dienstzimmer sofort gemeldet und gefragt, ob sie denn nicht unfixiert bleiben könne.
    Eine Kollegin hat daraufhin an die Stationsleitung gemeldet, daß ich eigenmächtig über Fixierungen entscheide.... Ich habe das richtig stellen können, und gut war. Nun ist die Dame auf einer normalen Station und natürlich unfixiert ;)

    Eine anderen Patientin wurde nach telefonischem (!) Richterbeschluß auf unserer Station festgehalten, ohne die Möglichkeit zu telefonieren oder mit dem Richter selbst zu sprechen.
    Ein Kollege und ich haben eigenmächtig auf unsere Kosten die Telefongebühren vorgestreckt, sie telefonierte und suchte sich Hilfe - und auf einmal wurde der richterliche Beschluß aufgehoben, und die Frau konnte nach Hause gehen........

    Ganz zum Schluß meines Einsatzes habe ich eine Auseinandersetzung mit der 19 jährigen FSJlerin gehabt. Sie meinte, sie wäre eine unersetzliche Kraft, die alles tun darf Zitat "sonst wäre es ja langweilig".... Sie hat keinerlei Vorkenntnisse oder Ausbildung, darf aber alles tun: spritzen, Medikamente verabreichen, Pflegeberichte schreiben, fixieren uvm. Ich habe ihr gesagt, daß ich diese Einstellung nicht gut finde, daß sie Zitat "alles vom Sehen her gelernt hat und kann" und ihr Benehmen als Kompetenzüberschreitung empfinde. Und das habe ich auch an die Praxisanleiterin weitergegeben. Auch ich habe mehr tun dürfen als es meinem Ausbildungsstand nach erlaubt wäre. Doch ich interessiere mich für den theoretischen Hintergrund und bemühe mich um ein kritisches Hinterfragen meines Tuns. "Einfach so mal drauflos tun" finde ich unverantwortlich in der Psychogeriatrie.

    Fazit meines Einsatzes: ich habe sehr gerne dort gearbeitet, ich habe feststellen können, daß ich sehr gut mit den Patienten klar komme.
    Meine Kritik hat mir nicht nur Freunde eingebracht, doch ich habe auch viel Rückendeckung erfahren.
    Es gibt noch viel zu tun :-)
    Erstmal die Ausbildung zu Ende machen, dann kann ich immer noch revolutionieren :twisted:

    Marmotte
     
  7. Cassiopaia

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    Hallo Marmotte!
    Wow, harter Bericht....ich hoffe du hattest schöne und vor allem erholsame Weihnachten! Ich kann dir jetzt etwas positives und negatives gleichzeitig sagen. Ich arbeite auf einer absolut vergleichbaren Station (aber definitiv anderes Haus, wir haben nämlich keine FSJler:wink1:) Das Negative zuerst: Es ist leider nicht die einzige Station, auf der diese Zustände herrschen. Jetzt das Positive: Wir habens geschafft diese Misstände zu beseitigen. Ich war schon in meiner Ausbildungszeit zweimal auf dieser Station. Der erste Einsatz war die Hölle......ähnliche Erfahrungen wie deine.....der Zweite war am Ende meiner Einsatzzeit. Damals hatte ich mit ganz anderen Menschen Dienst. Menschlichen Menschen. Und da wars toll. Danach hab ich mich auf diese Station beworben. Nicht gleich bekommen, aber über ein paar Umwege dann doch dort angekommen. Was mich aber immer wieder fix und fertig gemacht hat, waren aber eben diese respektlosen, unmenschlichen, brutalen, herzlosen Schwestern, von denen es leider nicht nur eine gab. Anfangs war ich zwar entsetzt, aber leider im Gegensatz zu dir nicht mutig genug meinen Mund aufzumachen. Ich hab zugeschaut, nicht mehr geschlafen, Horror vorm Dienst bekommen. Und ein schlechtes Gewissen gehabt den Patienten gegenüber. Dann kam eines Tages eine Schülerin zu mir und hat mir ihr Herz ausgeschüttet. Gleiche Geschichte wie bei dir und bei mir.....und dann hats gereicht, ich bin auf die Barrikaden gegangen und habe gekämpft. Für Patientengerechte Behandlung, für Respekt, gegen Fixationen und Aggressionen usw. Ich habe lange gekämpft. Bestimmt vier Jahre jetzt. Aber ich habe gewonnen. Es gibt keine ungeklärten Hämatome mehr, kaum mehr Fixierungen. Es war hart, aber es ist möglich. Ich habe viele Kolleginnen überzeugen können diesen Kampf zu kämpfen. Also gib die Hoffnung nicht auf. Stationen wie diese brauchen Schwestern wie dich! Die bereit sind für sie bzw. eine würdige Behandlung einzustehen.

    Liebe Grüße!:boozed:
     
  8. dieEv

    dieEv Poweruser

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    Oh je! Es ist gleichzeitig schrecklich und gut, solche Berichte zu lesen! Ich dachte, Psychiatrie dieser Art wäre längst abgeschafft! Und wie gut, dass es Leute wie euch gibt, die sich trauen, etwas zu bewegen und das dann auch schaffen!
     
  9. Abigail

    Abigail Newbie

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    Danke für Eure Antworten/Erfahrungen.

    Es stimmt, ich habe auf der Station sehr viel gesehen, was ich persönlich nicht gut finde.
    Doch es gab insgesamt mehr Positives als Negatives! Sehr viele Kollegen war sehr motiviert, und ich hab hier ja auch geschrieben, daß es wirklich wunderbare Dienste gab.

    Mein Resümee dieses Praxiseinsatzes ist eine Binsenwahrheit: alles hängt vom Menschen ab :-)

    Auf einer geschlossenen gerontopsychiatrischen Station fokussiert sich das Leben in der Gesellschaft.
    Wie wird mit alten Menschen umgegangen, die alles andere als "pflegeleicht" sind?
    In dieser Bandbereite findet sich alles wieder: Gewalt, Hilflosigkeit, Wut, Aggression, Ablehnung, aber auch Geduld, Freude, liebevolles Annehmen.

    Das "So-wird - es immer gemacht" steht dem "Wir-probieren-neue-Wege-aus" gegenüber.
    Ich möchte nicht auf die Erfahrung der Kollegen verzichten, die schon viele Jahre diese Pflegearbeit machen - dabei allerdings nicht in die Routine verfallen, die keinen Raum mehr für die individuelle Pflege gibt.
    Da ist dann der persönliche Einsatz gefragt, Motivation und Bereitschaft, Pflege neu zu gestalten und dies immer wieder zu überprüfen.

    Ich persönlich habe den Eindruck, daß ich mich in diesen Wochen des Einsatzes verändert habe.
    Zu Beginn war ich sehr unsicher und bereit, alles zu übernehmen, was ich gesehen habe. Mit jedem Tag mehr wuchs der Zweifel, ob das alles so richtig und gut ist.Viele Gespräche, viele Fragen und Diskussionen haben mir den Mut gegeben, meinen Mund aufzumachen, und ich bereue es nicht.
    Diese "Horrorstation", wo keiner arbeiten will, wo die Menschen landen, die keiner mehr haben will - ich würde sofort wieder dort arbeiten, und es gab genug Kollegen, denen es genauso geht!

    Für mich ist allerdings wichtig, mich darüber austauschen zu können, und deshalb war und bin ich sehr froh, in diesem Forum die Möglichkeit dazu zu haben.
    Erst durch Rückmeldung und Perspektivwechsel ist eine Weiterentwickling möglich.

    liebe Grüße
    Marmotte
     
  10. rudi09

    rudi09 Stammgast

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    Hallo alle zusammen,
    ich habe jetzt sicher nicht alles gelesen. Aber trotzdem: Kann das sein dass das KH jetzt auch noch so weitermacht?Gibt es denn gar keine Konsequenzen für die Mitarbeiterin (Klage und fristloser Rausschmiß)? Oder ist das dort überall so? Wäre ich dort Stationsleiter würde ich im Erdboden versinken! Ich hätte glatt versagt. Die KH- Leitung in meinen Augen aber auch. Körperverletzung bei Schutzbefohlenen und Freiheitsberaubung sind doch keine Kleinigkeiten!
    MfG
    rudi09
     
  11. Cassiopaia

    Cassiopaia Junior-Mitglied

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    Ich weiß es ist entsetzlich, aber nichts desto trotz ist es so. (Oder in einem Fall WAR)
    Klar, Körperverletzung ist ein absoluter Kündigungsgrund. Aber man muß es auch beweisen können.....es sind leider nicht die dummen kleinen Blondchen, die ihre Aggressivität gegen die Patienten ausleben, sondern die die nicht so doof sind, das vor den Augen "gefährlicher Kollegen" zu tun. Meiner betreffenden Kollegin (richtig schlimm wars nur bei einer) konnte man es nie nachweisen. Jeder wußte es, aber für eine Kündigung hätten die handfesten Beweise einfach gefehlt. Und im Zweifel für den Angeklagten.....wir habens geschafft, daß sie versetzt wurde.....das war aber leider das Höchste der Gefühle.
    Tja, und das mit der Freiheitsberaubung ist eben so ne Sache.....Fixierung zum Schutz vor Eigenverletzung bei Sturzgefahr nennt sich das dann. Oder man behauptet der Patient war aggressiv.....wir sprechen hier von Gerontopsychiatrie. Geschlossen.....90% Demenzkranke. Da kann man viel erzählen....
    Und unsere Stationsleitung? Wegsehen bringt weniger Probleme....
     
  12. Pille 53

    Pille 53 Newbie

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    hallo auch,
    mit Interesse habe ich alle Antworten gelesen und ich kann sagen, auch ich hatte ( zum Glück HATTE!!!) solche Kollegen, als ich auf meiner Station anfing zu arbeiten!
    Inzwischen haben wir uns deutlich verjüngt und auch Eigenerfahrungen stehen auf unserem Fortbildungsplan.
    So ist z.B. jeder Mitarbeiter, Schüler... vollfixiert worden- der eine länger, der andere weniger länger.
    So ist mit der Zeit auch dem größten Gurtfan die Lust am fixieren vergangen.
    Fixierungen sind die allerletzte Möglichkeit bei einer psychiatrischen Behandlung und es ist wichtig, dieses zu begreifen!
    Wir sind auf einem guten Weg, leider haben aber auch wir ein großes Problem damit, die entsprechenden Mitarbeiter auf Fehler und Umgehensweisen mit Patienten hinzuweisen!
    Aber von den Patienten verlangen wir, sich ihren Problemen zu stellen.
    Na ja, wir versuchens mal weiter!
    Alles gute bei der Revolution!!!:klatschspring:
     
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