Einweisungsdiagnose: Bekannter Parkinson

Dieses Thema im Forum "Pflegebereich Neurologie / Neurochirurgie" wurde erstellt von carmen, 29.10.2003.

  1. carmen

    carmen Poweruser

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    Hi Leute,

    hatten heute mal wieder Großaufnahme.
    Da wir (noch) keine reine Onko-Station sind, sondern auch noch ein paar Betten für Pat. mit internistischen Diagnosen haben, bekommen wir manchmal solche Pat., wie heute.

    Eine alte Dame, 89 Jahre, wird von ihrer Schwester im Rollstuhl auf Station gebracht.
    Die Schwester der Pat. wurde befragt, weshalb sie die Pat. bringen würde und sie sagt, dass der Tremor bedingt durch Parkinson schlimmer werden würde. Parkinson ist seit 6 Jahren bekannt.

    Hmmm, Parkinson ist weder eine internistische noch eine onkologische Erkrankung.

    Jedenfalls kam raus, dass die Schwester sich nicht mehr im gewohnten Maße um die Pat. kümmern könne, deshalb ging sie zum Hausarzt der Pat., welcher einen Einweisungsschein in die Klinik ausstellte.

    Jetzt dürfen wir als Akutklinik einen Heimplatz für die Pat. organisieren, weil es weder der Hausarzt noch die Schwester der Pat. auf die Reihe bekamen.

    Solange wir Pat. mit derartigen oder ähnlichen Versorgungsproblemen also sozialer Indikation, für ca 400 Euro/Tag stationär aufnehmen können, scheint die Krankenkasse noch mehr als genug Geld in petto zu haben.

    Und unsere Sozialbeiträge steigen und steigen und steigen.


    Carmen
     
  2. Laisy

    Laisy Senior-Mitglied

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    Hi Carmen!

    Aufnahmen aus einer mehr oder weniger sozialen Indikation kenne ich auch zu genüge und habe mich sicher auch schon häufig darüber aufgeregt. In diesem Fall muss man sich dann aber auch den Umständen widmen. Bei Eurer Pat. scheint es ja nu auch so zu sein, dass die Schwester bestimmt auch schon etwas "betagter" ist und wie wir ja alle wissen, ist ein Heimplatz nicht im Nu gefunden und schon gar nicht wenn man den Pflegebedürfitgen dann noch zu Hause hat. Ich denke auch, dass Hausärzte in unserer Gesellschaft auch genug um die Ohren haben. Und bevor die an M. Parkinson leidende Dame nicht umreichend versorgt wird, ist es doch besser sie aufzunhemn und denn Sozialdienst einzuschalten.

    Desweiteren wird auch die Kasse der Pat. sicher nichts von dem eigentlichen Aufnahmegrund erfahren, es wird sicher ein wenig mit den Medikamenten jongliert und das ein oder andere EKG geschrieben und das solang, bis ein Heimplatz gefunden wird. Und mit der Kasse wird dann die Neueinstellung des Parkinsons abgerechnet.

    Eigentlich finde ich das auch gar nicht so verwehrflich, schließlich hat diese Pat. wahrscheinlich lang genug eingezahlt und warum soll sie dann in Notsituationen Ihre Kasse nicht in Anspruch nehmen???

    Liebe Grüße
     
  3. carmen

    carmen Poweruser

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    Hi Laysi,

    wir haben uns den Umständen der stat. Einweisung gewidmet, deshalb waren wir ja sauer.
    Die Schwester sagte, dass die Pat. schon vor über einem Jahr in ein Heim wollte, weil sie ihr nicht mehr "zur Last" fallen wollte. Doch die Schwester konnte sich nicht von der Pat. trennen, weil da irgendwas Erbschaftliches dran hing.
    Ein Heimplatz mußte also nicht im Nu gefunden werden, sondern es wär genug Zeit da gewesen. Eine Notsituation kann ich bei dieser Pat. nicht erkennen.
    Das Hausärzte genug um die Ohren haben, möchte ich nicht bestreiten und er wußte auch um die Situation der 2 Schwestern. Ein Anruf beim Sozialdienst hätte genügt und eine Heimunterbringung eingeleitet.
    Natürlich wird EKG, Sono, Echo, Rötgen Thorax erstellt, das ist (noch) Standart auf unserer Station.
    Die Pat. selber war ihr ganzes Leben nicht berufstätig, war Hausfrau und Mutter von 1 Kind, ihr Mann brachte wohl genug Geld mit nach Hause.
    Was jetzt nicht heißen soll, dass ein Pat., der nicht berufstätig war, bei einem Akutfall nicht in die Klinik aufgenommen werden soll.
    Das Verschleiern der Aufnahmediagnose vor den Krankenkassen finde ich nicht in Ordnung, da wir keinen Parkinson einstellen und die Pat. ihre gewohnten Medikamente weiterhin nimmt.
    Das ist nicht nur meine Meinung, sondern das Team der Pflegenden und die Ärzte sehen es genauso.


    Carmen
     
  4. Dirk

    Dirk Stammgast

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    Ich finde den Fall dieser armen alten Dame sehr bedauerlich.
    Zeigt es wieder einmal, dass wir in einem sozialen Loch leben, in dem es nur dann noch Fürsorge und Betreuung gibt, wenn man in ein Krankenhaus kommt - weiss Gott aus welchem Grund.
    ****Autsch ... das war jetzt aber sehr überzogen****
    Nun mal im Ernst :
    Die Schwester der Patientin ist sicher auch keine 50 mehr.
    Von daher wird sie sicher reichlich Schwierigkeiten haben, in der heutigen Zeit, wo Bürokratie und Verwaltungen, Schnelllebigkeit und Inkonsistenz das Tempo der Zeit bestimmen.
    Wer ist also Ansprechpartner ? An wen kann sie sich wenden ?
    Ein Mensch, dem man, insbesondere alte Menschen, sehr vertraut, ist der Hausarzt. Der sieht die vermeintliche Not, und schreibt die Einweisung.
    Das löst ja auch - zumindest kurzfristig - das Problem der Schwester.
    Dann ist es sogar so, dass wenn das Krankenhaus einen Heimplatz sucht, hat die Schwester noch nciht einmal den Schwarzen Peter ...

    Ich möchte hier niemanden in Schutz nehmen - aber ist der Patient, der vermeintlich abgeschoben wird, ein schlechterer Patient ???
    Ich lese in den Berichten, dass es die Diagnose ist, die Euch stört, von Empathie lese ich nichts.
    Eine kritische Frage ist auch : Weshalb nimmt der Arzt dann überhaupt auf ??? Weshalb entlässt der Arzt nicht ???
    Weshalb macht man beim Parkinson mit verstärtem Tremor ein Ultraschall ??? Da wird das Geld verbraten ! Ihr solltet nicht nur den Hausarzt verurteilen, der das Spiel beginnt, sondern genauso Euer eigenes Arztpersonal, welches den Ball aufnimmt, und mitspielt.

    Das ist alles sehr kritisch geschrieben, und sicher nicht als Angriff zu verstehen.
    Ich möchte nur sagen : versucht auch ein wenig die Situation der alten Frau zu verstehen, und macht einfach das beste draus.

    Liebe GRüsse

    Dirk
     
  5. carmen

    carmen Poweruser

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    Grüß Dich Dirk,

    natürlich ist es für die Pat. sehr bedauerlich, unter welchen Umständen sie in die Klinik sollte. Noch dazu, wo sie gar nicht wollte, sondern schon vor 1 Jahr in ein Pflegeheim. Aber wie geschrieben, ließ das die Schwester nicht zu, wegen einer Erbschaftsangelegenheit.
    Die Pat. hat noch eine 2. Schwester, welche seit 2 Jahren in einem Heim lebt und die Schwester, welche die Pat. brachte, hatte damals die ganze bürokratische und organisatorische Sache zur Heimaufnahme in die Hand genommen.
    Die Pat. weint und schluchzt bei uns, weil sie in ein Heim möchte und nicht ins Krankenhaus. Wir trösten sie nun in Gesprächen, dass bereits der Sozialdienst eingeschaltet ist und ein Heimplatz organisiert wird. Das sie aber solange auf Station bleiben muß, bis der Heimplatz gefunden ist.
    Natürlich ist sie kein schlechter Pat., weil sie unter fadenscheinlichen Gründen bei uns "abgestellt" wurde. Die Pat. kann da gar nichts dafür.
    Was ich schreibe und geschrieben habe, richtet sich keinesfalls gegen die Pat., sondern gegen die Umstände der stat. Aufnahme.

    Diese sinnlose Untersucherei (Standartdiagnostik) bei jedem Pat., kommt von ganz hoher Stelle. Was meinst Du, wie oft wir uns schon dagegen aussprachen und unsere Meinung mit den unnütz entstehenden Kosten begründet haben.
    Endlich, ab November sollen nur noch therapierelevante Untersuchungen durchgeführt werden. Wird ja auch Zeit.


    Viele Grüße in die Schweiz

    Carmen
     
  6. urmel

    urmel Stammgast

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    Hallo zusammen,
    auch ich kenne diese Einweisungen, die eigentlich keine sind, denn es liegt keine akute Erkrankung vor, nur zu genüge.
    Die Angehörigen sind total überfordert mit der häuslichen Situation und ich kann mir gut vorstellen, daß der Hausarzt eine Einweisung schreibt, damit sich die Pflegenden nochmal erholen können...
    Richtig ist dies nicht, denn es gibt die Kurzzeitpflege, aber die kostet Geld und viele können sich das (oder wollen sich das) nicht leisten. Die Kasse zahlt ja.

    LG
    urmel
     
  7. Elisabeth Dinse

    Elisabeth Dinse Poweruser

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    Hallo @all

    auch ich frage mich manchmal, haben wir wirklich zu wenig Geld im deutschen Gesundheitswesen?

    Pat., Mitte 40, wird eingeliefert per Rettungsdienst wegen Schwäche im rechten Arm. Dieses sei akut aufgetreten. Bei Aufnahme ist die Schwäche nicht mehr nachweisbar, dafür aber eine Alkoholfahne. Wen wunderts, der Pat. kam direkt aus der Kneipe. 30 Minuten später (nach CT und BE) läßt sich der Pat. entlassen. Und damit er schnell wieder an den Tresen kommt, wird ein Taxi bestellt.

    Pat., Anfang 50; Einlieferung per Rettungsdienst wegen spontaner Fallneigung nach links. Pat. ist ansprechbar und augenscheinlich alkoholisiert. CT, BE (Blutakohol 3,5 Promille). Pat. verläßt 4 Stunden später die Station auf eigenen Wunsch.

    Pat., Anfang 50; Einlieferung per Rettungsdienst wegen plötzlich aufgetretner Schwäche in beiden Beinen. V.a. Paraplegie. Der Pat. kommt von einer Party. Nach der Ausnüchterung gibt es keine weiteren Symptome. Trotzdem 3 Tage Krankenhausaufenthalt zum Ausschluss eines Apoplex bzw. eines Infarktes.

    Pat. Ende 30, Einlieferung per Luftrettung da Pat. plötzlich die Beine nicht mehr bewegen konnte. Pat. stark alkoholisiert, wirkt katatonisch. In unbeobachtetem Moment kann alles bewegt werden. Man saß beim Gelage in der prallen Sonne und es wurde ihm so schwummrig. Naja, die Rettung hats ja gerettet. Ausnüchterung, Entlassung nach Hause.

    .....

    Erlebnisse aus den letzten 2-3 Jahren. Und ob sich das ändert mit der Einführung der 10 € Pauschale für den Rettungsarzt? Ich waage es zu bezweifeln. Wo nichts ist, kann man nichts holen. Es muss möglich sein, dass der Einsatz von Rettungskräften auch dann vergütet wird, wenn keine Krankenhauseinweisung erfolgt.

    Da ist das Problem der überarbeiteten Angehörigen für mich fast noch ein kleineres Übel, da es tatsächlich aktiver Hilfe bedarf. Und diese Hilfe darf nicht erst einsetzen, wenn es zu spät ist. Viele Angehörige wissen oft gar nicht, was es heißt 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr und das jahrelang zu pflegen. .... Und wir wissen es eigentlich auch nicht. Lassen wir also die Vorwürfe.

    Es gibt noch viel zu tun im deutschen Gesundheists- und Sozialwesen.

    Elisabeth
     
  8. carmen

    carmen Poweruser

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    Hallo Elisabeth,

    ist ja echt der Hammer wieviel und wie oft das Geld für derartige "Akutfälle" verbraten wird.

    Aber ich kann etwas Neues von unserer Pat. berichten.
    Sie kann ab Montag in ein Pflegeheim und sogar noch dorthin, wo es ihr Wunsch war.
    Hab noch nie einen Menschen so glücklich gesehen, weil es ins Pflegeheim geht.
    Ihre Worte waren, dass sie nun endlich, nach so vielen Jahren, machen kann, was sie möchte und das der Pflegedienst nicht mehr 2x tgl. kommen braucht.

    Hier kann man sagen "Ende gut, Alles gut".

    Schönes WOE

    Carmen
     
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