Die Fachlichkeitskolumne schlechthin gefunden

Dieses Thema im Forum "Talk, Talk, Talk" wurde erstellt von nurseoffortune, 20.05.2011.

  1. nurseoffortune

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    hallo auch, hier was kleines gefundenes, äußerst amüsant und hochgradig zutreffend:

    Von Baumhäusern und Sakralbauten
    für Nurse columne board



    Vorwort

    Das Vorwort als wechselnd populäres Solches dient im Allgemeinen dazu, dem gewillten Leser Lust auf mehr zu machen, oder dem Kritiker seine Vorurteile mit wenigen Zeilen schon vor dem Lesen auszureden. Dies geschieht üblicherweise durch kurze, möglichst witzige, kritische, informative oder völlig nichtssagende Beschreibung des nachfolgenden Skriptinhalts. Es wird also beschrieben, was der Leser erwarten kann oder viel mehr erwarten sollte.
    Was ist in diesem Fall zu erwarten? Analyse aktuellen Pflegegeschehens in subjektivem aber objektiv empfundenem Fokus. Es gilt also herauszufinden, was in der Pflege passiert.
    Zum Beispiel wird validiert, rationalisiert, mobilisiert, immobilisiert, evaluiert, konkretisiert, analysiert, organisiert, verbalisiert, dokumentiert, tote Pferde geritten und koordiniert.
    Und all das zwischen Meningismus, Katheterismus und sämtlichen anderen vorstellbaren -Ismen.
    Man unterscheidet zwischen positiven und negativen Qualitäten, spricht von schwarzen Zahlen, roten Zahlen und Dunkelziffern, ohne den Qualitäten und Zahlen des Zusammenspiels von Patienten, Angehörigen, Ärzten und der Pflege auch nur ein Wort zu widmen.
    Hierfür muss man sich zuerst folgende Fragen stellen:

    Was ist ein Patient? Wie funktioniert der Arzt? Und wo sieht sich Schwester Jutta dabei?

    Nein, man muss sich diese Fragen nicht stellen. Aber könnte man. Ich jedenfalls habe es getan und mich auf den nächsten Seiten mit den Eigenschaften verschiedenster Patienten- u. Pflegegruppen beschäftigt. Viel Freude.




    I. Der Patient



    Des Patienten bevorzugte Umgebung sind Pflegeheime, Seniorenwohnparks, Betreutes Wohnen, das häusliche Umfeld, Rehabilitationszentren und Krankenhäuser - von der Universitätsklinik bis hin zum Provinzkrankenhaus. Im Allgemeinen ist er pflegebedürftig oder zumindest therapiebedürftig, wobei das eine das andere nicht ausschließt.
    Müsste man sie einteilen ginge das wie folgt:

    1. Nach Erkrankung
    2. Nach Pflegeaufwand
    3. Nach Geschlecht
    4. Nach Alter

    Da Möglichkeiten 1-3 zwar durchaus häufig praktiziert, aber in literarischer Hinsicht als ethisch und moralisch äußerst fragwürdig oder im Mindesten als angreifbar zu bezeichnen sind, widme ich mich voll und ganz der Einteilung nach Alter.





    Die jungen Wilden

    Eine pflegeleichte, meist wenig aufwendige aber ständig aufmüpfige Patientengruppe in meist jugendlichem Alter. Dieser Patient hat für gewöhnlich kein Interesse an Standards, Verfahrensanweisungen, der förmlich richtigen Begrüßung am Morgen oder an Mitpatienten, sofern diese nicht selben Alters sind. Das Interessenfeld dieses Patienten beschränkt sich meist
    auf den häufig täglichen Besuch von Freunden, die Benutzung des mitgebrachten Ipods mit ca. 2500 Funktionen von der Wasserwaage bis zum Briefbeschwerer und den Tag der Entlassung.
    Dieser Patient misst seinem Blutdruck wie auch seiner Körperkerntemperatur nur wenig Bedeutung bei oder siedelt die ermittelten Werte irgendwo zwischen egal und gleichgültig an.
    Auch ist sein Verständnis noch nicht ausgeprägt genug, um die wichtige Frage nach dem täglichen Stuhlgang nachvollziehen zu können.
    Das Krankenhausessen findet er durchschnittlich genießbar.


    Der Patient im berufstätigen Alter

    Eine sehr facettenreiche Gruppe von Patienten mit enormer Bandbreite an Qualitäten. Hier beeinflussen oft Beruf oder Familienstand das Verhalten. Berufstätige aus wissenschaftlichen Bereichen möchten alles bewiesen haben, haben das Fachwörterbuch unter dem Kopfkissen um auch wirklich mitreden zu können. Pflege, Therapie, einfach alles wird hinterfragt und auf seine korrekte, regelrechte und machartkonforme Ausführung überprüft. Arbeitnehmer aus dem Finanzwesen haben auch häufig das Fachwörterbuch im Nachtkasten, allerdings nicht um mitreden zu können, sondern um unbemerkt verstehen zu können, was bei der Visite so geredet wird. Er könnte ja suboptimal oder ineffektiv behandelt werden.
    Der Handwerker zeigt sich in der Klinik wie auch im Berufsleben eher praktisch orientiert. Für eine Pflegekraft ist das äußerst angenehm. Für ihn ist nicht wichtig warum und wie das alles funktioniert, wie alles sein sollte und tatsächlich ist. Für ihn ist wichtig wie stark er seine frisch einzementierte Hüftprothese belasten darf (wobei er die ärztliche Vorgabe mit ziemlicher Sicherheit überschreiten wird) und wann er wieder in den heimischen Hobbykeller entlassen wird.




    Wesentlich höhere Anforderungen an das Personal stellt der Theologe dar. Er kritisiert, und das abschnittsweise auch noch berechtigt, die Schulmedizin, redet in Metaphern und antwortet auf jede Frage, indem er dazu eine Parabel oder wie er es nennt - ein Gleichnis - zitiert und stigmatisiert jeden pflegerischen Mitarbeiter mit der ethischen Verantwortung der Wissenschaft.
    “....haben Sie je den Brief des Johannes an die Korinther gelesen?”. Nein, habe ich nicht. Aber es steht auf meiner Liste, direkt nach einer Erkrankung an Fußpilz.

    Der Theologe weist eine gewisse Ähnlichkeit zur nächsten Patientengruppe auf - den Esoterikern. Der Esoteriker bedient sich nicht nur eines Schriftwerkes, sondern nutzt eine Vielzahl von Wühltischbüchern und trivialer Literatur jeglicher Art um seine Leiden zu lindern, zu erklären und seine Genesung zu fördern bzw. heraufzubeschwören.
    In seiner Requisite finden sich oft Quarzgesteine mit heilender Wirkung, Öle, Salben, Puder und Kerzen, die vom ortsansässigen Scharlatan gegen eine kümmerliche Gebühr gesegnet wurden.
    Diese Patienten fragen häufig nach weniger invasiven Methoden und Naturheilverfahren, um sich im Anschluss mit dem diese Dinge als Humbug und Hokus Pokus bezeichnenden Mitpatienten zu messen.

    Mit großer Distanz zu den letztgenannten Gruppen sind Patienten, die selbst in der Pflege oder im Ärztewesen arbeiten, die Schlimmsten. Es ist grundsätzlich unmöglich, im Verhältnis zu diesen Patienten eine komfortable Position einzunehmen. Längst überholte Methodik wird abgefragt, die Pflege hinterfragt und die Ärzte überfragt. Im Diskurs folgt gefährliches Halbwissen auf das etwas bequemeres Dreiviertelwissen. Die Gefahren einer Thrombose beim vol l mobilen Patienten, wie auch das Risiko einer Embolie oder eines apoplektischen Insults sind aus der Sicht des medizinisch-pflegerisch bewanderten Patienten allgegenwärtig. Auch wenn diese Risiken so gering sind wie die Wahrscheinlichkeit eines anaphylaktischen Schocks nach der Einnahme von TicTacs. Bei jeder Maßnahme oder Anwendung wird prinzipiell Pflegerelevanz erfragt.
    “....ich bin ja auch vom Fach.”

    Die Krankenhausküche stößt bei Patienten im berufsfähigen Alter auf wechselnde Begeisterung.




    Der gereifte Patient

    Die erste Patientengruppe der die Krankenhauskost schmeckt! Quantitativ die größte Patientengruppe. Das Spektrum der meist erworbenen Defekte und Defizite ist vorwiegend breit. Von leicht bis schwerwiegend, aus Unfall resultierend, angeboren, erworben oder Kriegsverletzung. Als Haupt- oder Begleiterkrankung zeigen sich häufig Störungen der Peristaltik oder eine Sammlung verschiedenster Schmerzsydrome die im Grunde alle durch Abnutzung bedingt sind. Die Häufigkeit erklärt sich dadurch, dass sich der gereifte aber noch selbstständig gesellschaftsfähige Patient gerne über seinen Stuhlgang nebst seinen Schmerzen definiert. Vergleichbar ist das Ganze mit dem Konkurrenzverhalten jüngerer Menschen.
    “Mein Haus, mein Auto” vs. “Mein Stuhl, meine Schmerzen”
    Für die noch etwas Betagteren unter den Betagten, die häufig völlig desorientiert und höchst pflegebedürftig sind, hat eine Bezeichnung oder viel mehr Beschreibung ihrer Ressourcen Einzug in den allgemein gültigen Wortschatz der Pflege gehalten: “Ein- und ausdrucksfähig”
    Eine absolut unmenschliche, aus der Heilerziehungspflege stammende Bezeichnung, die das Erleben sowie Aktion, Inter- u. Reaktion von Menschen mit schwersten multiplen Behinderungen beschreiben soll.
    Anderseits werden Ressourcen gefördert, Sensibilität gestärkt (auf Seiten der zu Pflegenden und der Pflegenden), um die Wette validiert und Lebensraum- und Lebenszeitgestaltung mehr celebriert als praktiziert.
    Wir stellen also fest, je älter der Patient, desto niedriger der Anspruch, aber desto höher der Aufwand. An dieser Stelle werden wohl einige Stimmen laut werden

    “....wie kann man nur so unmenschlich sein und Patienten nach ihrem Pflegeaufwand kategorisieren?”

    Die Antwort ist einfach. Man orientiert sich an der Praxis. In Wirklichkeit werden in nahezu jeder Einrichtung die Patienten nach ihrem Aufwand kategorisiert. So unmenschlich ist es also gar nicht. Ganz im Gegenteil, es hilft eher, unmenschliche Personalschlüssel zu vermeiden.
    Wir sind so sehr damit beschäftigt, den Patienten ganzheitlich als Individuum wahrzunehmen und darzustellen, dass wir vergessen, dass das hauptsächliche Interesse des Patienten in einer schnellstmögliche Gesundung liegt.
    Somit kommen wir auch zur zweiten Gruppe, der Pflege selbst.























    2. Die Pflege

    Die Pflege ist mindestens genauso bunt gemischt wie die zu Pflegenden. Unterstützt von fachspezifisch ausgebildeten und nicht ausgebildeten Hilfskräften und durchwachsen von unzähligen Fachkraftausbildungen und paramedizinischen ergänzend oder ersetzend wirkende Berufsgruppen. Das Folgende bezieht sich allerdings nur auf die Grundstrukturen, sozusagen auf den Klassiker. Die Krankenschwester bzw. Gesundheits- u. Krankenpflegerin. Allein der Wechsel der Berufsbezeichnung zeigt die Richtung - weg von der Pathogenese, hin zur Salutogenese. Die tatsächlich damit verbundene in der Praxis stattfindende Veränderung - nicht absehbar.
    Im Folgenden werde ich versuchen aufzuzeigen, dass Pflegekräfte genauso leichtfertig vom Patienten kategorisiert werden können, wir auch wir selbiges mit Patienten tun.


    Die Lernschwester/der Lernpfleger

    Eine beim Patienten meist sehr beliebt Gruppe. Dies liegt maßgeblich daran, dass der Patient meist gar nicht zu unterscheiden vermag, wer noch Lehrling ist und wer bereits voll examiniert. Daraus kann man entnehmen, dass die Beliebtheit der Pflegelehrlinge wohl nicht aus der Lehrlingsrolle resultiert, sondern aus den persönlichen Eigenschaften des Auszubilden.
    Diese sind einfach logisch begründbar. Die Lernschwester verfügt bei dementsprechendem Interesse und Engagement über sehr frisches, aktuelles Fachwissen aus erster Hand. Sie ist im Allgemeinen im Vergleich zu fertigen Schwestern und Pflegern eher unvoreingenommen, was von Vollkräften oft und gerne eifrig als Naivität und Unerfahrenheit gewertet wird.




    Die Ignorante

    Sie ist eine uninteressierte Schwester, dabei aber meist sehr freundlich. Ihr Fachwissen verhält sich umgekehrt proportional zu ihren zwischenmenschlichen Qualitäten. Sie ist immer pünktlich, stets zuverlässig und tut was getan werden muss. Eine beim Patienten und bei delegierenden Berufsgruppen beliebte Person. Die Akademisierung der Pflege ist ihr egal, sie dokumentiert weil dokumentiert werden soll und weicht von Standards ab weil es alle so machen.



    Die Lehrerin

    Eine Art Schwester, die sich gern in der Rolle des Lehrenden sieht. Sie erklärt dem Patienten in für ihn unverständlicher Sprache, obwohl sie genau weiß, dass sie es in wenigen Augenblicken noch einmal vereinfach darstellen muss. Ihr Fachwissen ist meist überdurchschnittlich, allerdings nicht so überdurchschnittlich wie sie es glaubt. Bei ihr wird der Patient nicht in den Rollstuhl gesetzt, sondern im Rahmen der geplanten therapeutischen Mobilisation aus dem Bett in den Sitzwagen transferiert, natürlich unter kinästhetischen Gesichtspunkten.
    In aller Regel ist sie nicht kompatibel zu Auszubildenden, deren Wissen ihrer Ansicht nach realitätsfremd ist. Bei Ärzten ist diese Schwester eher unbeliebt, da sie glaubt ihnen die Stirn bieten zu können und zu müssen.




    Die Altschwester

    Eine Vertreterin der Schwesterngruppe, die - im übrigen gut mit der Gruppe der gereiften Patienten kombinierbar - Worte wie “Schwesternehre” im Vokabular hat. In der Methodik ein wenig grob - aber extrem fürsorglich.
    Sie erzählen im Schwesternzimmer von “damals”, von halben Metern Schnee, und von Zeiten, in denen sie dem Chefarzt Sonntags noch sein Frühstücksei kochen mussten. Ihr Fachwissen ist resultierend aus Erfahrung umfangreich, wenn auch veraltet. Dem Patienten gegenüber lässt sie die ihrer Meinung nach notwendige Strenge walten, setzt sich aber sehr für sie ein.
    Man erkennt sie an der durch Arbeit ausgeprägten Wirbelsäulenverkrümmung, dem intermittierenden Hinken und der Vorliebe für manuelle Blutdruckmessung.





    3. Fazit

    “....das Klischee an Tisch 6 möchte bitte bedient werden”. Kapazitäten werden mit steigender Tendenz verbraucht um das Funktionierende in die Superlative zu verwandeln. Wir reden von Akademisierung und von eigener wissentschaftlicher Fachdisziplin. Wir reden von Risk Management, Client Processing und Educational Nursing ohne überhaupt über entsprechende Strukturen zu verfügen. Prognostisch lässt sich also deutlich das Prinzip der Verschlimmbesserung erkennen. Wir gehen so wertschätzend, ganzheitlich und individuell auf den Patienten ein, dass dieser sich in seiner Privatsphäre beschnitten fühlt oder diese Art der Pflege als aufdringlich empfindet. Wir nehmen etwas Grundlegendes, benennen es um und steigern damit den subjektiven Wert ohne eine objektive Veränderung zu erzielen. Als Beispiel nimmt man die Grundpflege und stilisiert sie zum heiligen Gral der Pflege und der Therapie. Es wird alles getan um die Pflege noch menschlicher zu machen. Also unterscheidet sich unsere Wertvorstellung deutlich von der der Patienten. Die meisten Patienten würden lieber “etwas weniger ganzheitlich” gesehen werden als eine Infektion von einer unhygienisch und somit fachlich falsch durchgeführten Injektion davonzutragen.
    Das sollte uns zu denken geben.
     
  2. Flop

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  3. eiermatz

    eiermatz Senior-Mitglied

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    Krankenschwester
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    ambul.Pflege
    hab mich wiedererkannt in der Typisierung, voll auf den Punkt, dachte nicht, dass man das in so wenigen Worten darstellen kann. Hut ab!( bin wohl die Ignorante) ob das jetzt sooo schlecht ist, sei mal dahingestellt.:nurse:
     

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