Betreuungswunsch einer Altenpflegerin für das Jahr 2021

Dieses Thema im Forum "Der Alltag in der Altenpflege" wurde erstellt von elli42, 05.06.2008.

  1. elli42

    elli42 Junior-Mitglied

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    Zitat:
    Da ich im Jahr 2021 stolze 75 Jahre sein werde, möchte ich mich bei Ihnen vorstellen:
    Lassen Sie mir bitte meine Identität: ich heiße Helga Weitz und möchte auch so genannt werden. Nicht Oma oder Helga, auch bin ich kein Zirkusmitglied und heiße Floh.
    Wahrscheinlich werde ich nicht mehr in der Lage sein, meine Wünsche zu äußern, darum möchte ich es jetzt tun.
    Aus finanziellen Gründen kann ich mir kein Einzelzimmer leisten, aber meine Bitte: Bei der morgendlichen Grundpflege stellen Sie doch bitte einen Sichtschutz auf, damit ich nicht allen Blicken preisgegeben bin.
    Ich wasche mich nicht so gern, dafür dusche ich um so lieber und dies täglich. Zum Abschluß bitte einmal kalt. Das bin ich von Kind auf so gewöhnt (daher selten erkältet).
    Trocknen Sie mich gut ab, damit ich nicht wund werde. solange ich noch als Altenpflegerin tätig war, habe ich immer auf kurzr saubere Fingernägel Wert gelegt. Würden Sie das bitte für mich übernehmen ( auch zu Ihrem eigenen schutz, damit ich Sie nicht kratzen kann).
    Falls ich mich nicht mehr allein anziehen kann, hätte ich gern, dass die Schwester mir dabei behilflich ist. Ich möchte so nett wie möglich gekleidet sein. Röcke und Blusen sollen miteinander passen, auch die jacke soll farblich harmonieren( bitte keinen bunten Paradiesvogel kleiden).
    Mein Bargeld reicht wahrscheinlich dazu, dass ich zweimal im Monat zum Friseur kann, ach ja, einmal Fußpflege bitte, denn die Hühneraugen tun so schrecklich weh.
    Falls ich tagsüber im Gemeinschaftsraum sitzen muss, bitte wäre es möglich, dass hier zeitweise etwas Ruhe herrscht? Der Fernseher oder das Radio müssen doch nicht den ganzen Tag laufen? Wenn man mir ein gutes Buch zum Lesen gibt, z.B. Eugen Roth, reichen Sie mir dann auch meine Brille bitte?
    Sollte ich nicht mehr allein essen können, zerkleinern Sie doch bitte die großen Stücke für mich mundgerecht. Nur nicht passieren, das sieht so vorgekaut aus. Gern will ich versuchen, mit dem Löffel auch allein zu essen, damit Sie mich nicht "füttern" müssen. Der Teller müsste wohl einen höheren Rand haben, damit ich das Essen nicht über den ganzen Tisch jagen muss, Sie sind sonst verärgert mit mir und ich bekomme keine frische Tischdecke.
    Wenn ich Blase und Darm nicht mehr kontrollieren kann, würden Sie mich dennoch als normalen menschen behandeln? Könnten Sie versuchen, die Nase nicht zu rümpfen, wenn Sie die Bettdecke aufschlagen und es nicht gut riecht. Nennen Sie mich auch nie einen Schmutzfink, auch wenn es im Sozialhilfegesetz die erhöhte Geldzulage für Schmutzer gibt, so die Auskunft eines Beamten des Sozialamtes.
    Ich würde auch gern mal ausgeführt werden, vielleicht in die Oper? Es darf auch ein ausflug in den Frühling sein.
    Sollte ich einmal senil werden, Ihre Wünsche nicht verstehen können, schimpfen Sie nicht mit mir, das macht mich nur noch unruhiger und aggressiver. Behandeln Sie mich mit Ruhe und Nachsicht.
    Meine Welt wird zunehmend immer kleiner, darum lassen Sie mich doch an Ihrer ein klein wenig teilhaben. Erzählen Sie mir etwas von Ihrer Familei, oder wie Ihr Urlaub war. Meine Wünsche nehmen kein Ende. Doch sind sie alle recht einfach zu erfüllen. Was ich brauche ist gutes Essen, menschliche Wärme und jemand, der mich liebevoll betreut und versorgt. Ich habe Ihnen viel zum Nachdenken gegeben, vielleicht kann ich auch dass später nicht mehr und Sie müssten es für mich tun. Würden Sie das für mich übernehmen?
    Für alle Ihre Bemühungen möchte ich mich jetzt bei Ihnen bedanken, vielleicht kann ich auch das später nicht mehr.
    Helga Weitz
    zitatende

    Dieser Brief ist aus dem Jahr 1993

    Wenn ich heute durch ein Alten- und Pflegeheim gehe, stelle ich mit Bestürzung fest, dass dort "Omis und Opis" im Paradiesvogellook ihre passierte Pampe über die Tische jagen und dabei von Radio und bzw. oder Fernsehen beschallt werden. Da Wird Über den Flur gebrüllt "...... hat einge******en, kann mir mal jemand helfen?" Usw. usw.
    15 Jahre sind vergangen, hat sich wirklich so wenig geändert?
    Gruß Elke

    Edit by Narde: Quellenangabe eingefügt: der brief wurde das erste mal in Altenpflegerin und Altenpfleger 1/2.93 veröffentlicht und steht auch in Psychologisches Grundwissen für Altenpflegeberufe, Wirsing, 5. überarbeitete Auflage, Beltz, PsychologieVerlagsUnion
     
  2. mietzedatze80

    mietzedatze80 Newbie

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    Hallo Elke,

    vielen Dank für das Zitat. Ist einen Aushang wert im Stationszimmer.
    Somit wird der nette Text mal wieder nach oben gebracht-da gehört er hin.

    Vielen Dank

    Gruß Antje
     
  3. Mietze-Katze

    Mietze-Katze Senior-Mitglied

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    Leider ist es heute noch oft so....:gruebel:
    Es gibt die Patientenverfügung, warum nicht auch einen Betreuungswunsch schriftlich festhalten.
    Ich finde die Idee gut.
    Viele Grüsse Mietze-Katze:-)
     
  4. ozeana1986

    ozeana1986 Junior-Mitglied

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    Hallo,
    leider muss ich mit Entsetzen feststellen, dass es oft solche Situationen gibt!
    Habe vor ein paar Tagen mit Kollegen und einer Frau die uns eine Fortbildung in Wundmanagement gab auch über diese,eigentlich selbstverständlichen Sachen wie jeden Tag duschen oder einfach nur Wünsche die man für die Zukunft in einem Altenheim hat gesprochen.
    Die alltäglichen,selbstverständlichen Dinge,die man zu Zeit noch selbstverständlich tun kann werden in einem Altenheim leider große Dinge,für die bei dem geringen Personal keine Zeit bleibt.

    Wir haben bei uns eine mittlerweile 55- jährige Frau, die vor fünf Jahren einen schweren Verkehrsunfall hatte. Heute kann sie nur noch ihren Daumen bewegen an dem die Klingel befestigt ist. Im Kopf ist sie noch voll klar. Sie war beruflich Lehrerin. Man sieht genau die Unterschiede zwischen einer noch so jungen Frau und den älteren Herrschaften im Alter von 80 Jahren.
    Sie möchte jeden 2.Tag baden. Sie musste sich sehr dafür einsetzen dass sie das durchbekommt.
    Während älteren Damen,die auch noch nicht Dement betroffen sind, es reicht einmal in der Woche geduscht zu werden.

    Was ich damit dazu beitragen will ist, dass wenn es bei mir einmal so weit ist und ich ins Pflegeheim muss, z.b auch jeden Tag geduscht werden will.
    Wir sind eine andere Generation und die Anforderungen an das Pflegepersonal werden Jährlich, wenn nicht sogar Täglich steigen!
    Aber, wird auch das Personal steigen?!?

    LG Julia
     
  5. Mendacious

    Mendacious Newbie

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    exam. Altenpfleger, Palliativfachkraft
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    spezialisierte ambulante Palliativversorgung
    Den Wünschen gerecht zu werden, die in diesem Schreiben stehen, sind für mich selbstverständlich. Und an vielen Pflegeheimen wird auch dem nachgekommen. Z.B. an meinem...
     
  6. shihtzu-fan-club

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    Ort:
    Schleswig Holstein
    Hallöchen,

    das Zitat trifft den Nagel auf den Kopf und wird leider nur sehr selten in die Tat umgesetzt (zumindest soweit meine Erfahrungen jetzt in dem Pflegeereich sind)

    Kleinigkeiten die das miteinander ändern bzw verbessern könnten...
     
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