Betreuungsrecht

Dieses Thema im Forum "Talk, Talk, Talk" wurde erstellt von Sanne3, 13.12.2010.

  1. Sanne3

    Sanne3 Stammgast

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    Hallo!

    Ist hier irgend jemand im Forum, der eine Betreuertätigkeit eines nahestehenden Angehörigen ausübt?

    Bin leider doch in allem sehr überfragt!

    Mein Bruder und ich sind die einzigen, die einem angeheirateten Verwandten, der durch unglückliche Umstände plötzlich zu einer hilfebedürftigen Person auf unbestimmte Zeit wurde, als eventuelle Betreuer in Frage kämen.

    Von der vielen Leserei im Internet bin ich schon ganz wirr im Kopf und verstehe nur noch Bahnhof.
    Irgendwie habe ich das Gefühl mit einer Betreuerfunktion ständig mit einem Bein im Gefängnis zu stehen.
    Und es scheint alles seeehr zeitaufwändig zu sein.

    Deshalb die Frage, ob hier noch jemand ist, der eine Betreuung ausübt und welche Erfahrungen er damit macht?
    Ist es auch mit wenig Zeit zu schaffen?
    Es hört sich vielleicht alles hart an, aber ich habe auch gelesen das viele Personen als Betreuer schlicht überfordert sind.

    Oder ist es vielleicht besser eine fremde Person zur Ausübung seiner Rechte einzuschalten?

    Es gibt noch einen leiblichen Sohn, zu dem er allerdings aus verständlichen Gründen keinerlei Kontakt mehr hat und der auch nichts über die derzeitigen Probleme seines Vaters weiß.

    Für Antworten bedanke ich mich jetzt schon einmal ganz herzlich!!!
    Viele Grüße,
    Sanne
     
  2. Aspie

    Aspie Newbie

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    Ich kenne verschiedene Personen, die eine Betreuung eines Angehörigen ausüben, unter anderem meine Mutter für meine Oma.

    Das ist eigentlich nicht so kompliziert und zeitaufwändig. Wenn man neben der rechtlichen Betreuung auch die Person pflegt, können gerade Angehörige damit natürlich schon zeitlich und emotional überfordert sein, aber das ist unabhängig vom rechtlichen Aspekt zu sehen.

    Ist die Person, um die es geht, denn noch geschäftsfähig und könnte eine Vorsorgevollmacht erteilen? Wenn ja, erspart das die Bestellung eines Betreuers durch das Gericht.

    Ist die Person nur nicht mehr in der Lage, praktische Dinge des Alltags zu verrichten, aber grundsätzlich noch zu einer freien Willensbildung fähig, dann braucht man vielleicht gar keine Betreuung.

    Als Betreuer entscheidet man in verschiedenen Angelegenheiten (z.B. ärztliche Behandlung, Durchsetzen einer Patientenverfügung, Vermögensverwaltung, usw.) für den Betreuten. Die Betreuung muss deshalb immer im Sinne des Betreuten erfolgen und nicht gegen dessen freien Willen. Deshalb steht man aber nicht ständig "mit einem Bein im Gefängnis". In der Regel geht es um zivilrechtliche Ansprüche, die z.B. vom Erben geltend gemacht werden könnten.
    Wenn es um die Verwaltung von nennenswertem Vermögen des Betreuten geht (oder wenn man sonst auf Nummer Sicher gehen will), sollte man eine entsprechende Haftpflichtversicherung abschließen. Auch beim Vormundschaftsgericht kann man sich meist Auskunft einholen, wenn man in einem konkreten Fall unsicher ist.
     
  3. Sanne3

    Sanne3 Stammgast

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    Hallo Aspie,
    vielen Dank für Deine Antwort!
    Sie hat mir seeehr weiter geholfen. Endlich mal kein "Beamtendeutsch"!
    Allerdings wurden diese "Angelegenheiten" nun etwas anders geklärt.

    Mein Stiefvater wurde am 23.12. in eine Frührehaklinik verlegt und ich habe mich mit dem Sozialdienst in Verbindung gesetzt.
    Dessen Meinung wäre nun, da unsere familiären Verhältnisse ( leibeigener Sohn, wir nur Stiefkinder) etwas verworren sind, würden sie einen Berufsbetreuer empfehlen.
    Das wäre uns, meinem Bruder und mir, eigentlich ganz recht, da wir uns mit den gesetzlichen Rechten überhaupt nicht auskennen.

    Allerdings bin ich der Meinung, dass wenn ein Berufsbetreuer eingesetzt wird, wir keinerlei Möglichkeiten mehr hätten irgendwie mitwirken zu können, einen Heimplatz (zur Zeit angedacht) für ihn auszusuchen.
    Er hat sich seine Erkrankung selber zuzuschreiben (jahrelanger Alkoholiker), aber dennoch möchten wir natürlich, dass er möglichst gut versorgt wird.

    Weiß bitte irgend jemand Bescheid, aus eigener Erfahrung, wie es so abläuft wenn ein Berufsbetreuer eingeschaltet ist?
    Haben wir noch Rechte, als Stiefkinder, bezüglich unseres Vaters?

    Vielen Dank schon einmal im voraus!!!
    Sanne
     
  4. -Claudia-

    -Claudia- Board-Moderation
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    Das Aufenthaltsbestimmungsrecht geht in solch einem Fall auf den gesetzlich bestimmten Betreuer über. Ihr habt dann kein Mitspracherecht diesbezüglich mehr. Bei der Frage der Heimunterbringung solltest Du aber ohnehin bedenken, dass die Wahlmöglichkeiten da oft sehr begrenzt sind; da muss man dann einfach in das Heim ziehen, in dem gerade ein Platz frei ist. Es sei denn, man kann den Heimaufenthalt durch häusliche Versorgung noch eine Weile aufschieben.

    Der Berufsbetreuer wird Euch sicher nicht den Umgang mit Eurem Stiefvater verbieten, und es wird auch möglich sein, dass Ihr über Änderungen seines Zustands informiert werdet. Die Entscheidungsvollmacht liegt jedoch allein beim Betreuer.
     
  5. Aspie

    Aspie Newbie

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    Die Betreuung könnte aufgeteilt werden, so dass z.B. der Berufsbetreuer nur in bestimmten Angelegenheiten (z.B. Vermögensverwaltung) entscheiden darf und jemand anderes hingegen die Betreuung z.B. in Bezug auf das Aufenthaltsbestimmungsrecht wahrnimmt. Maßgeblich für das Gericht sind in erster Linie die Wünsche des Betreuten, auch wenn er bereits geschäftsunfähig ist. Ich hoffe, er ist noch in der Lage, seine Wünsche zu äußern.

    Ich hatte mal mit einem Berufsbetreuer Kontakt und dieser sagte, dass er nach seinem beruflichen Selbstverständnis grundsätzlich mit den Angehörigen zusammenarbeitet bzw. Informationen austauscht, sofern die Angehörigen "interessiert" sind, zumal er ja auch als Dienstleister bezahlt wird.

    Das ist auch ein Punkt, der bedacht werden sollte: Der Berufsbetreuer kostet natürlich Geld. Hat der Betreute Einkommen und Vermögen über den Freibeträgen, dann muss er den Betreuer aus diesem Einkommen bzw. Vermögen bezahlen, ansonsten kommt der Staat dafür auf. Die Freibeträge liegen bei ca. dem 2-fachen Hartz IV-Regelsatz plus Kosten der Unterkunft beim Einkommen und 1.600 bzw. 2.600 Euro beim Vermögen (je nach dem, ob er unter oder über 60 Jahre alt ist).

    Zahlt die Staatskasse den Betreuer, dann kann sie die Kosten später vom Erben zurückfordern. Der Erbe haftet zwar nur mit dem Wert des im Zeitpunkt des Erbfalls vorhandenen Nachlasses, aber ggf. noch offene Forderungen des Betreuers könnten unmittelbar gegen den Erben geltend gemacht werden. Man sollte sich hier evtl. mal rechtlich beraten lassen, was da - ggf. auch im Zusammenhang mit einem Unterhaltsrückgriff unabhängig von der Betreuung - noch auf einen zukommen kann.

    PS: Das mit dem Unterhaltsrückgriff ist insbesondere auch für den leiblichen Sohn wichtig, auch wenn er den Kontakt zum Vater abgebrochen hat.
     
  6. Sanne3

    Sanne3 Stammgast

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    Hallo Claudia und Aspie!
    Ich badanke mich wirklich ganz herzlich für Eure Antworten.
    Mein Bruder und ich müssen nun einfach abwarten was passiert.
    Unser Problem ist eben der leibliche Sohn!
    Sollten wir eine, für unseren Stiefvater schöne und entsprechende Institution, sprich Pflegeheim, aussuchen und der Pflegesatz würde entsprechend höher ausfallen als das Vermögen unseres Stiefvaters, tja, dann wäre der leibliche Sohn gefragt.
    Und eben der "könnte" uns einen Strick daraus drehen?
    Wir könnten die Pflege unseres Stiefvaters eben aus beruflichen und privaten Gründen nicht gewährleisten.
    Auch wir müssen uns irgendwie schützen, vielleicht auch auf privater Ebene.
    Ein "Splitting" in Bezug auf die Betreuung ist wohl nicht so sehr erwünscht.
    So habe ich es jedenfalls nachlesen können. Habe ja bereits vom Amtsgericht ein entsprechendes Formular zu geschickt bekommen, auf Nachfrage. Ging wirklich sehr menschlich und zügig vonstatten.

    Es ist nun mal "sein" selbstgemachtes Leid.
    Dennoch werden wir unser weiter erkundigen, was das Beste für ihn wäre.
    Nochmals vielen Dank und viele Grüße,
    Sanne

    P.S.
    Um noch eine Frage zu beantworten!
    Er kann zur Zeit, auf Grund seiner Schädelverletzungen, nicht selber entscheiden.
    Allerdings wäre er uns sehr böse, wenn er es mal irgendwann verwirklichen kann.
    Aber das hat er eben selber zu verantworten.
    Wir haben und hatten aber immer ein sehr gutes Verhältnis zueinander.
    Mal sehen, was die Zukunft bringt!!!
     
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