Autoritätsprobleme in der geschlossenen Psychiatrie

Dieses Thema im Forum "Pflegebereich Psychiatrie/Psychotherapie/Psychosomatik/Sucht/Forensik" wurde erstellt von McNurse3000, 03.07.2008.

  1. McNurse3000

    McNurse3000 Junior-Mitglied

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    Hallo zusammen.

    Ich wollte mal fragen wer von den Psychiatriepflegern und -Schwestern mir hier Tipps geben kann bzgl. distanzloser Patienten mit Logorrhö (Redeschwall).

    Habe einige Montate als Vertretung in der offenen Psychiatrie gearbeitet und nun die Chance bekommen mich in einem geschlossenen Wohnbereich zu bewähren. Ist natürlich alles noch Pflegeintensiver dort, das einzige Problem dabei ist ein Bewohner der einem keine Ruhe lässt, mit Fragen bombardiert und einem distanzlos überall hin folgt (stellt den Fuß in die Tür wenn man in Zimmer zur Pflege geht bzw. ruft und klopft an der Scheibe vom Schwesternzimmer während man Übergabe hat oder Medikamente stellt). Die Person wird zwar nochmals bei der psychiatrischen Visite vorgestellt, bin jedoch nicht davon überzeugt dass sich durch Medikamentenänderungen viel an seiner Art ändert bzw. zeitweise Fixierungen durchsetzbar sein werden. Der Betroffene hält weder etwas von Autorität noch von klar verständlichen Argumenten. Was kann man da noch tun? Auf Dauer gesehen bin ich - nur wegen dieser einen Person - weniger zuversichtlich schadensfrei dort den Arbeitsalltag zu bewältigen. Bitte innigst um Rat.

    MfG: McNurse3000.
     
  2. Elisabeth Dinse

    Elisabeth Dinse Poweruser

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    Wie gehen deine Kollegen mit dem Pat. um?

    Elisabeth
     
  3. rudi09

    rudi09 Stammgast

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    Hallo McNurse,
    du hast das Problem, was alle auf einer chronischen Station oder eben einem Wohnbereich mit chronisch psychisch Kranken haben: Es werden Grenzen ausgetestet, Kraftproben versucht. Argumente helfen da wenig bis gar nicht, konsequentes Auftreten und ungeteilte Zuwendung zur richtigen Zeit (sozusagen als Belohnung) können da eher helfen.
    Wie ich in einem anderen Thread schon mal geschrieben habe, ist die "Hackordnung" das alles entscheidende Maß.
    Fixierungsgründe liegen nach deiner Schilderung NICHT vor. Fremd- oder Eigengefährdung als einzige Gründe für eine Fixierung sind nicht erkennbar. Penetranz ist kein Grund.

    MfG
    rudi09
     
  4. engel0726

    engel0726 Junior-Mitglied

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    Das mit der Fixierung seh ich geanuso und auch ihn mit medis abzuschießen halte ich für sehr bedenklich bzw. für nicht machbar.

    Bei Manischen Patienten räumt man ihnen ja ne befristete "Redezeit" ein von mir aus 10min reden, du hörst ihm zu und dann is wieder gut für ne gewisse zeit chronisch psychatrische Patienten brauchen vor allem Absprachen und klare regeln und keine bestrafung.
     
  5. Nadiyia

    Nadiyia Newbie

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    Hallo!

    Ich bin zwar noch Schülerin aber ich erfahre durch Kollegen und eigenes Ausprobieren auch ein bisschen über den Umgang mit den Patienten. Meine Kollegen gehen ehrlich gesagt sehr robust mit einigen Patienten um. Auf der anderen Seite sind diese auch schon seit mehreren Jahren ab und an auf unserer Station und teilweise wirklich extrem. Bei einer Patienten, ständige körperliche und seelische Unruhe, kommen oft Fragen wie "Schwester ich bin so unruhig", meine Kollegin reagiert dann immer "Hm, und Frau S., was kann ich da jetzt für sie tun?" Solche Gegenfragen finde ich persönlich echt wirksam, bei einigen. Denn bei dieser FRage müssen die Patienten erst einmal nachdenken, sofern es geht: "Was kann mir jetzt helfen? Kann mir das PP überhaupt helfen?" etc. und wenn sie dann konkrete Ideen oder Vorschläge haben, kann man sie dabei unterstützen. Patienten im Redefluss höre ich erst einmal ein paar Minuten zu. Wenn sie dann, wie dem meist so ist, immer noch nicht auf den Punkt gekommen sind, werden sie von uns darauf aufmerksam gemacht: "Herr/Frau X., was haben Sie jetzt, aktuell für ein Problem?" - Antwort - "Und was kann ich jetzt für Sie tun?" / "Inwiefern kann ich Sie da jetzt unterstützen?" / "Haben sie schon Ablenkungsmöglichkeiten ausprobiert, sich versucht an Mitpat. zu wenden etc." und bisher klappt das ganz gut. Die Pat., die einen derart üblen Redefluss hatte, war auch im Ton her absolut unangemessen. Dann weise ich die Patienten höflich aber bestimmt darauf hin, dass Sie sich bitte im Verhalten/Ton etc. ein bisschen zurücknehmen sollen, da ich schließlich nicht für den akuten Zustand verantwortlich bin oder so. Eine Pat. kam auch alle 5 Minuten ins Dienstzimmer. Irgendwann hat es mir gereicht und nach Absprache mit meinem Mentor habe ich Sie mir geschnappt und in ein extra Zimmer geführt. Ich habe Sie darauf angesprochen und direkt gefragt, was eigentlich los sei. Dann schüttete Sie mir 15 Minuten das Herz aus und kam an dem Nachmittag lediglich nur noch ins Dienstzimmer, um ihre VM abzuholen :p

    Ich finde, man kann durchaus jedem Patienten sagen, welche Meinung man vertritt, ihn auf etwas hinweisen, ihn ermahnen etc. Die größte Rolle spielen dabei Ton- und Wortwahl. Dem Patienten wissen lassen, dass gewisse Sachen unangemessen sind, man ihn dennoch verstehe und auch nichts persönlich meine.

    Ein Patient machte letzte Woche eine Rückzieher, als es auf Kanufahrt ging mit einigen Patienten. Ein Kollege sprach in Ruhe mit ihm, wieso, weshalb und wie schade es wäre, dass er nicht mitkäme. Am Schluss sagte er aber auch noch, trotz allem, er sei ihm natürlich nicht böse. Am nächsten Tag musste mein Kollege nochmal mit ihm sprechen und sagen, niemand sei ihm böse, es wäre nur schade gewesen. Joa, manchmal muss man das halt doppelt und dreifach erwähnen.

    Meine Erfahrung mit psychotischen Pat. sind bisher positiv. Ich sage ihnen direkt, was ich denke (wenn ich gefragt werde) - bin also offen ihnen gegenüber. Gleichzeitig zeige ich auch meine Grenzen und Verständnis jeder Hinsicht. Natürlich achte ich darauf, was ich wann und wem wie sage und gerade der Ton spielt eine Rolle. Ich glaube, viele merken, dass man mich nicht so schnell aus der Ruhe bringen kann und ich mich auch nicht als Erstkurslerin veräppeln lasse. Das soll jetzt um Himmels Willen nicht arrogant klingen, aber es macht mich ein bisschen stolt :-)

    Ein zu herrischer, strenger Ton geht glaube ich immer in die falsche Richtung, da werden erst Recht grenzen ausgetestet. Es ist schwierig, den Mittelweg zu finden, aber meiner Meinung nach ist es ein offenes, freundliches Verhältnis zu jedem Pat. gleichermaßen und aber gleichzeitig Grenzen aufzeigen. Hmm...ich hoffe, ich konnte dir vielleicht mit 1,2 Beispielen helfen.

    Viele Grüße und einen schönen Sonntag noch!
     
  6. sisteranke

    sisteranke Newbie

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    Also von Fixierung halte ich sehr wenig. Mach deinen Standpunkt klar. Wenn er zu nahe kommt, weise ihn ruhig direkt ab. Versuche ihn auf Distanz zu halten. So in der Richtung "Bis hier hin und nicht weiter". Ich habe in meinen psychiatrischen Einsätzen so was auch schon öfter mitbekommen. Mein Mentor sagte mir dann auch, unterhalte dich ganz normal mit dem Patienten aber kommt er dir zu nahe dann halte ihn von dir weg. Also auch wirklich die Hand von dir strecken um den Patienten so in seine Schranken zu weisen.
     
  7. Tante Doll

    Tante Doll Gast

    Dass auch ich hier keinerlei Indikation für Fixierung erkennen kann, muss wohl nicht extra erwähnt werden. Desweiteren vertrete ich die Ansicht dass man mit konsequentem und sinnvollem Grenzensetzen Einiges erreichen kann aber auch ein Stück weit " nervige " Verhaltensweisen von Seiten der Patienten erdulden muss, wenn man es langfristig auf der Psychiatrie aushalten will.
     
  8. Lorien

    Lorien Newbie

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    Ich kann mich da fast vollständig allen Vorrednern anschließen. Aber noch mal hervorheben, wie denn Deine Kollegen damit umgehen, wie Elisabeth bereits fragte. Und dazu noch die Frage - ist dieses Verhalten nur bei Dir so oder auch bei anderen? Oder bist Du "nur" sein erklärtes Lieblingsziel? Sollte sein Verhalten allgemeiner Natur sein, so ist es auch völlig legitim sich im Team abzusprechen, wenn man mal einen Patienten / Bewohner gerade überhaupt nicht mehr ertragen kann, das der Pat. eine klare Ansage bekommt, das Pflegekraft XY heute für ihn zuständig ist. Bei aller Professionalität und abverlangter Geduld ... wir sind auch nur Menschen. ;)
     
  9. AnDa

    AnDa Newbie

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    Hallo McNurse,
    zunächst einmal ist es vollkommen legitim sich genervt zu fühlen und das auch zu artikulieren.
    Es gibt die Theorie, dass alles Verhalten einen Sinn macht, zumindest für den der sich so verhält.
    In Teams, die ich bisher in derartigen Situationen beraten habe, in denen einzelne Bewohner unerwünschte Verhaltensweisen an den Tag legten, sind wir gut damit gefahren zu überlegen welchen Sinn dieses Verhalten für den Betroffenen macht und auf welcher (psychodynamischen) Ebene man diesem Menschen begegnen muss, damit er dieses Verhalten nicht nutzen muss. Dabei spielt der sog. emotionale Entwicklungsstand des betroffnen Menschen eine wichtige Rolle. Es wird dabei davon ausgegangen, dass es einen tatsächlich erreichten emotionalen Entwicklungsstand gibt, der vom nominellen Lebensalter abweichen kann. So macht es beispielsweise keinen Sinn mit einem Menschen ausgibig zu argumentieren/diskutieren, der sich emotional auf dem Entwicklungstand eines 6-Monaten-Alten befindet, hier sind vielmehr andere, eher körpernahe Interventionen erforderlich um eine Isolation (und die Nutzung der Verhaltensbesonderheit) zu verhindern.

    Vielleicht kann dieser, zugegebener Maßen andere Geadankenansatz zu einer Lösung führen. Fixierungen oder dergleichen lösen das Problem nur für die Zeit der freiheitsentziehenden Maßnahme, danach bekommt die "Sache" durch hinzutretende Aggression zusätzlichen Drive.

    Gruß

    Andreas
     
  10. Lehmchen

    Lehmchen Junior-Mitglied

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    Ich kann auch gut verstehen, wie du dich fühlst und das man auch in so einer Situation schneller an Fixierung denkt, als es eigentlich gut ist.
    Aber man weiß ja auch, das dies nicht unbedingt eine Lösung ist.
    Gibt es denn nicht irgendwas mit dem man diesem Patienten ein wenig "Druck" machen kann? z.B. Zigaretten kurzfristig wegnehmen etc. Nicht als Strafe, aber zum Zeichen das er so nicht weitermachen kann.
    Ich arbeite auf einer geschlossenen Krankenhaustation, weiß daher nicht genau wie es in solchen Langzeiteinrichtungen aussieht, aber gibt es keinen Flurbereich der nochmal extra abgeschlossen werden kann? Könnte man ja Stundenweise am Tag ausprobieren, z.B. während der Übergabe.

    Ich kenne den Patienten nicht weiter, aber was du schilderst, also Grenzüberschreitung, Distanzlosigkeit, Fuß in die Tür stellen etc. könnte man durchaus auch als bedrohliches Verhalten sehen womit ja eine vorübergehende Isolierung zumindest angezeigt wäre. Weiterhin muss man ja auch an das Wohl der anderen Patienten denken, und wenn er mit in die Zimmer läuft wenn du dort arbeiten musst ist das ja nicht so vorteilhaft.
     
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