Angst und Scham vor psychiatrischer Behandlung?

Dieses Thema im Forum "Talk, Talk, Talk" wurde erstellt von Brady, 03.06.2007.

  1. Brady

    Brady Gast

    Hallo zusammen,

    ich stelle immer wieder fest, daß viele Menschen immer noch Angst haben zu sagen, daß sie in psychiatrischer Behandlung sind. Warum eigentlich?
    Psychiater bedeutet doch erstmal nur ein Arzt für die Seele.

    In unsere psychiatrische-psychotherapeutische Tagesklinik kommen oft Patienten, die sagen: "Mich hat mein Psychologe hierhin geschickt, dieser hat mir auch den Einweisungsschein ausgestellt. Dann ist es schon klar, daß es ein Psychiater gewesen ist. Oder andere behaupten fest, die Medikamente hat mir mein Psychologe verschrieben, auch klar, daß dies nicht sein kann.

    Aber ich beschreibe mal ein paar Patienten die zu uns kommen.
    Junge Frau Mitte 20 Jahre hat ihren Verlobten durch einen tragischen Unfall kurz vor der Hochzeit verloren. Zunächst ging sie zum Hausarzt, dieser schrieb sie für einige Wochen krank. Der Hausarzt konnte die Verantwortung aber nicht weiter übernehmen, bzw. sie auch nicht länger krank schreiben. Überwies sie zu einem Psychiater, der dann entschied, daß sie teilstationäre Behandlung und Therapie braucht. Bei uns wurde dieser Patientin auch geraten im Anschluß eine ambulante Psychotherapie zu machen. Da man nicht einfach zu einem Psychologen gehen kann, um Therapie zu machen und es lange Wartelisten dafür gibt, sollte sie so früh wie möglich einen Antrag bei ihrer Krankenkasse stellen.

    Dieser Psychologe muß auch psychologischer Psychotherapeut sein. Dies hört sich zwar doppelt gemoppelt an, heißt aber nichts anderes, daß er dafür ausgebildet sein muß. Denn Psychologen arbeiten auch in anderen Bereichen, wie Werbung, bei großen Firmen als Berater bei Optimierungsstrategien, Entwicklungsstrategien, usw..
    Wobei es dann aber auch noch Psychiater gibt mit einer Zusatzausbildung in Psychotherapie.

    Dann hatten wir auch eine Patientin mittleren Alters. Sie ist Verkäuferin in einer Zweigstelle einer großen Markt-Kette. Sie wurde überfallen und auch körperlich mißhandelt. Jedesmal wenn sie auf die Straße ging, bekam sie Angstattacken.

    Ein Bauarbeiter, hatte einen schweren Unfall auf der Arbeit, wäre fast getötet worden. Seine körperlichen Schäden waren gut verheilt, aber als es dann wieder losgehen sollte mit arbeiten, bekam er auch Angstattacken als er das Firmengelände betrat.

    Jetzt möchte ich gerne wissen, ob oder warum man sich schämen oder Angst haben sollte zu sagen, daß man zu einem Psychiater geht? Ich denke, jeder sollte da offen mit umgehen, daß baut Ängste ab und hilft unseren Patienten. Denn wenn wir als Pflegende schon Vorurteile haben, wie beängstigend muß es erst für unsere Patienten sein.
     
  2. Viele Menschen bringen halt die Psychatrie=Irre, Durchgeknallt,.... in Verbindung ohne davon eine Ahnung zu haben, bzw. sich einmal näher mit der Erkrankung/Einrichtung befasst haben. Glaub das Klischee wird noch lange beibehalten, so lange die Menschen nicht wissen, was es eigentlich ist. Versuch auch oft Angehörige von der negativen Sichtweise wegzubringen.
     
  3. Elisabeth Dinse

    Elisabeth Dinse Poweruser

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    Sobald du deinen Fachbereich verläßt wirst du schnell erkennen, dass psychische Erkrankungen nicht den gleichen Stellenwert genießen wie somatische Erkrankungen. Entweder es wird erklärt das es an der Person selbst liegt (man solle sich nicht so anstellen, der Wille wirds schon richten) oder man wird als verrückt abgestempelt. Diese Erfahrung im Umgang mit psychischen Erkrankungen können Betroffene quer durch die Bevölkerung machen und schließt Mitarbeiter im Gesundheitswesen mit ein.

    Ich kann es nachvollziehen, dass man eine psychiatrsiche Behandlung lieber für sich behält. Es ist ein Stigma.

    Elisabeth
     
  4. Brady

    Brady Gast

    Depressionen haben als psychiatrische Erkrankung schon was an Lobby gewonnen. Ich hoffe, daß Aufklärung und Transparenz weiter dazu führt, Psychiatrie aus einer anderen Sichtweise zu sehen.

    Gruß Brady
     
  5. Elcheveri

    Elcheveri Newbie

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    weißt Du,ich denke das dieses Thema viel viel mehr aufklärung benötigt.Psychiatrische erkrankungen sind einfach sehr schwer zu verstehen,da man Sie wenn man nicht selbst betroffen ist nicht nachvollziehen kann.
    Wie es ist einen gebrochenen Fuß zu haben ist irgendwie vorstellbar aber niemand kann es sich vorstellen wie es z.B.ist Panikatacken zu haben,geschweige denn sich in jemand hereinzuversetzten der Stimmen hört oder unter optischen Halluzinationen leidet.
    Ich arbeite in einem geschlossenen Wohnheim in dem psychisch erkrankte mit Intelligenzminderung wohnen......
     
  6. rudi09

    rudi09 Stammgast

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    Depressionen beinhalten aber nicht gleich Einweisung in die Psychiatrie, wenn überhaupt, dann war man zur Psychotherapie oder eben Kur.
    Ich muß Elisabeth Denise schon recht geben. Das wird sich noch lange halten.
    MfG
    rudi09
     
  7. Brady

    Brady Gast

    Hallo rudi09,

    ich befürchte es ja auch. Nur ich denke, je mehr man darüber spricht, desto besser. Je mehr Information darüber, desto weniger Angst macht es auch.
    Aufklärung, Transparenz sollte schon sehr wichtig sein.

    Natürlich kommt nicht jeder mit einer Depression in die Psychiatrie, aber es sind schon sehr viele....

    Verstehe auch, daß viele auf ihrer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung für den Arbeitgeber nicht unbedingt den Stempel mit psychiatrischer Abteilung drauf stehen haben wollen. Dafür haben wir 2 Stempel.....


    Gruß Brady
     
  8. Elisabeth Dinse

    Elisabeth Dinse Poweruser

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    Dem muss ich leider widersprechen. Depressionen sind eine Worthülse für viele. Welche Dimension dahinter steckt ist den wenigsten bekannt. Während ein Krebskranker unser Mitgefühl versichert ist, erwartet man von einem Depressiven dass er sich gefälligst zusammennimmt. Er hat doch nichts organisches.

    Elisabeth
     
  9. es

    es Stammgast

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    Hallo ihr!

    Meine beste Freundin macht grad ein Praktikum am anderen Ende der Welt. Hier wohnt sie mit ihrem Bruder zusammen.
    Sie hatte aus vielen Gründen früher zurück zu kommen. Einer davon war dass es ihrem Bruder nicht gut geht. Als ich fragte kam irgendwann zögerlich dass er Depressionen hätte und grad einen schlimmen Schub.
    Das hat sie auch ihren Mitpraktikanten dort erzählt, alle im sozialen Bereich tätig. Da kamen dann Komentare nach dem Motto dass sie sich doch zu viele Sorgen macht usw.
    Würden sie solche Dinge auch sagen wenn er eine schwere körperliche Erkrankung hätte?
    Ich hatte auch irgendwie das Gefühl dass es ihr sehr unangenehm war mir das zu erzählen. Wir sind nun seit fast 10 Jahren befreundet und über die Allergien ihres Bruder wusste ich bestens bescheid...

    Die meisten denken halt, dass sie "selber schuld sind wenn sie ihr Leben nicht auf die Reihe bekommen" oder irgendwas in die Richtung.
    Finde ich sehr traurig.
     
  10. ernie

    ernie Senior-Mitglied

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    Hallo ,
    ich kann nur vor jedem den Hut ziehen , der erkennt , daß er sich in Therapie begeben muß , weil er allein mit seinem Problem nicht mehr klarkommt.

    LG Ernie
     
  11. eunerpan

    eunerpan Senior-Mitglied

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    huhu,


    ich denke auch das die Stigmatisierung der psychisch Kranken nicht so schnell aufhören wird ............ leider....

    Aber ich denke auch, das es schon eine Menge an Öffentlichkeitsarbeit gibt .... finde wir sind auf dem richtigen Weg aber es braucht halt seine Zeit .....

    Wie schon erwähnt ist eine psychische Erkrankung nicht greifbar ...... viele sehen es als persönliches Versagen, wenn sie erkranken

    ....auch gibt es weiterhin die Begrifflichkeiten im allg. Sprachgebrauch wie " der is doch irre" " das is doch schizophren" und noch viele mehr ......

    da würd ich mich als psychisch kranker Mensch glaub ich auch nich outen wollen .....

    Wenn ich mir selbst überlege das ich eine Krankmeldung von einem Psychiater beim Arbeitgeber einreichen müsste, würde ich auch versuchen das zu vermeiden ..... und es geht vielen Kollegen so


    Lieben Gruss
    :spopkorns:
     
  12. Schreiberling

    Schreiberling Gesperrt

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    Vor paar Jahren hab ich in unmittelbarer Nähe eines Hauses gewohnt, in dem psychisch Erkrankte betreut werden. Vor Eröffnung der Einrichtung gab es Rieeeeeeeeeeesenstunk bei den Nachbarn. Unterschriftenaktionen, Demo-Aufrufe um die Baustelle zu blockieren, Plakat-Aktionen, etc... Die Nachbarn ringsrum haben sich mit Händen und Füßen gewehrt, solche "Abartigen" in ihrer Nähe zu haben. Ich fands einfach nur beschämend, aber diese Leute hatten echt Angst.
    Nun soll hier in einem anderen Stadtgebiet eine Einrichtung für körperlich und geistig Behinderte gebaut werden. Und wieder stellen sich die Nachbarn quer, weil das Haus in der Nähe eines Kindergartens geplant ist.
    Trotz umfangreicher Info-Abende und vielen Gesprächsangeboten wehrt sich das Umfeld gegen solche Einrichtungen. Da kamen z.B. solche Argumente wie: mein Immobilien- und Grundstückswert sinkt...
    Also wie man sieht, hilft selbst umfangreiche Aufklärung nicht wirklich. Traurige Sache!

    Schreiberling
     
  13. Ying_Yang

    Ying_Yang Gast

    Ich muss Brady leider Recht geben. Meine eigene Schwester teilte mir vor kurzem mit, dass Menschen, die eine Therapie machten, "doch nur ihr Leben nicht im Griff" hätten.

    Ich habe nicht schlecht gestaunt, dies aus dem Mund einer gebildeten Frau zu hören, die sich selbst wegen aller möglichen Dinge, die ja "aber doch einen organischen Ursprung haben", von einer Heilpraktikerin behandeln lässt.
     
  14. eunerpan

    eunerpan Senior-Mitglied

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    #14 eunerpan, 06.06.2007
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 06.06.2007
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