Angst vor Verstorbenen?

Flügelschlag

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17.03.2013
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Hallo,

ich bin noch in der Ausbildung, 2 Lehrjahr und hatte bis jetzt 2 Verstorbene auf Station gesehen bzw. versorgt.
Bei dem ersten Verstorbenen war es auch nicht all zu schlimm. Ich wollte nicht alleine ins Patientenzimmer und eine
Schwester nahm kam mit. Ich empfand es im Zimmer ziemlich kalt und als ich den Toten sah war es auch ein komisches Gefühl,
es war fremd und einfach anders. Ich dachte er würde weiter atmen, ich wartete immer darauf doch es passierte ja nichts.
Ich wusste es zwar aber mein Kopf wollte es anscheinend nicht verstehen. Vielleicht, weil ich noch nie einen Verstorbenen gesehen habe?
Ihn anzufassen war nicht schlimm, es war auch ungewohnt, der Körper war aber noch warm.
Die Schwester und ich brachten ihn dann in den Keller.

Jetzt vor kurzem ist eine Patientin verstorben die ich eigentlich noch fit kannte. Sie war echt total lieb und ich hatte guten Kontakt zu ihr.
Es war abzusehen, dass sie bald verstirbt. Irgendwann war sie dann tot als ich zum Dienst kam.
Die Kollegen machen da leider viel zu oft noch sich lustig, wenn jemand verstorben ist. Möchte jetzt keine Sätze erwähnen.
Finde das nicht so toll, aber vielleicht ist das ihre Art mit dem Tod umzugehen.
Aber die Patientin soll wohl noch ziemlich am Leben festgehalten haben und wollte nicht gehen, es war eher ein Kampf.
Und natürlich stellt man sich dann die wildesten Dinge vor. Also ich zumindest. Keiner kann sagen wie es sich anfühlt kurz bevor man stirbt, wie die letzten Minuten wirklich sind. Und es ist so schrecklich sich vorzustellen, wenn man gehen muss, obwohl man gar nicht will.
Die Angst vor dem Tod. Die Angst loszulassen, einfach für immer zu gehen. Vielleicht bin ich zu sensibel?
Auf jeden Fall sollte ich ihr dann die Identifikationskarte um das Bein binden und ich wollte gar nicht wirklich in das Zimmer aber ich tat es, weil ich muss auch Lernen mit dem Tod umzugehen und ihn nicht aus dem Weg zu gehen.
Als ich in das Zimmer kam war es so kalt und ich traute mich gar nicht nah an das Bett zu gehen. Die Verstorbene sah friedlich aus und trotzdem machte es mir Angst. Ich kann nicht beschreiben was mir Angst macht. Der leblose Körper?
Ihre Haut war schon kalt und ich hatte Angst ihr noch weh zu tun. Und irgendwie dann die Angst, dass sie doch noch wieder anfängt zu atmen, wach zu werden? (Bin ich psychotisch???? Sind meine Gedanken normal???)
Ich weiß nicht wie ich mit dieser Angst umgehen soll. Denn eigentlich habe ich eine ganz neutrale Einstellung zum Tod.
Er gehört dazu, man kann daran nichts ändern. Für mich ist er nicht bedrohlich aber wenn ich dann doch vor einer leblosen Person stehe, dann macht es mir doch Angst. Aber was genau kann ich nicht sagen.
Kennt ihr das?

Kristina
 
du sagst, du habest eine neutrale einstellung zum tod.


darf ich nachfragen, ob du an einen gott glaubst?
 
Ich denke das Gefühl kennt wohl fast jeder und mit der Zeit lernt man damit umzugehen!
Am Anfang ist es ein ganz komisches Gefühl... und ich gehöre auch zu denen die Respekt hat und keine doofen Witze darüber macht denn ich finde das sich sowas nicht gehört!
Mir hat damals mein Praxisanleiter einen echt guten Tipp gegeben um etwas besser damit umgehen zu können:

Er sagte: Stell dir vor Frau/Herr X liegt im Sterben und du begleitest Sie auf dem Weg so lange es geht.
Irgendwann steigen Sie dann in einen Zug, die einen schauen sich noch um und versuchen an dem was sie hatten festzuhalten und möchten nicht loslassen. Denn das was sie hatten ist Ihnen bekannt und das was auf Sie zukommt ist unbekannt.
Doch irgendwann fährt dieser Zug los... und Sie sitzen drin... und dann kommen Sie an ihrem Zielbahnhof an und merken das da ganz viele auf Sie warten die schon lange auf Sie gewartet haben und die Sie lange nicht mehr gesehen haben.
In dem Moment erlischt auf Erden dann das Leben dieser Person denn Sie ist ausgestiegen um bei den Freunden/Verwandten zu sein.

Das war alles total Bildlich dargestellt und eigentlich Kindlich... aber mir hat diese Vorstellung halt gut gefallen besonders in dem Bezug auf das nicht loslassen können! Wie oft hat man es auf den Stationen das erst noch eine ganz bestimmte Person kommen muss bis Sie loslassen können?
Und wie oft reden unsere Patienten leise vor sich hin (und rufen nach Verstorbenen), sind gefühlt vom Kopf her schon ganz weit weg als ob sie warten das sie abgeholt werden.

Als ganz wichtigen Tipp noch von mir: Wenn du einen Praxisanleiter hast dem du vertrauen kannst bzw. sonst einen Lehrer oder Mitschüler, dann versuch mit ihnen darüber zu reden! Viele können einem die Kraft geben und es verständlicher machen... aber reden ist ganz ganz wichtig... genauso wie das weinen auch!
Ich wünsche dir ganz viel Kraft für die nächste Zeit!!!
 
Hallo eisenbarth,

ich glaube schon an einen Gott aber nicht immer und nicht so intensiv wie manch andere es tun.
Ich denke es gibt schon irgendeine Macht die das Schicksal bestimmt aber ob es ein Gott ist?
Das weiß keiner genau. Und irgendwo glaube ich schon an einen Gott.
Also ich weiß nicht ob man das Glauben nennen kann.

Hallo rbk,

vielen Dank für die tolle Schilderung. Ich konnte mir das auch sehr gut vorstellen mit dem Zug.
Jeder kennt es und trotzdem macht es einen Angst aber wir können irgendwie trotzdem nicht sagen was ist, wenn wir tod sind.
Ob wirklich jemand auf uns wartet oder was dann überhaupt ist? Manche glauben an die Hölle, manche an den Himmel, manche an Widergeburt aber keiner weiß wirklich was danach ist. Das ist halt die Unwissenheit. Das macht wahrscheinlich für die Menschen am meisten Angst.
 
Und mit dieser Angst, die wir im Alltag ganz gut umgehen können, wirst Du halt jetzt, wo Du zum ersten Mal Verstorbene siehst und sie versorgen musst, konfrontiert.

Deine Empfindungen sind verständlich und ganz und gar nicht ungewöhnlich. Die meisten von uns haben sie in der einen oder anderen Art bereits hinter sich.

Ich rate Dir auch dazu, mit jemandem, dem Du vertraust, darüber zu sprechen. Einem Praxisanleiter, einem Lehrer, einem Mitschüler...
 
Es ist überhaupt gar keine Schande, aus der Ferne eine neutrale Einstellung zum Tod zu haben und das rational zu sehen und dann, wenn man davon betroffen ist (persönliche Sympathie - sie war total lieb, guter Kontakt) an sich selbst zu zweifeln, dann Fragen zu haben die sich einfach nicht beantworten lassen.
Viel zu selten befasst man sich damit, mit dem eigenen endlichen Leben, was ist wenn ich mal alt und krank bin...muss ich auch mal kämpfen, will (aus irgendeinem Grund) nicht loslassen..was passiert dann danach mit mir...
Ist es nicht eher auch normal, Fluchtgedanken zu haben? Vielleicht kann das jemand besser formulieren, aber wenn mich eine konkrete Situation ängstigt - würd ich am liebsten flüchten - was aber nicht möglich ist, es ist meine Aufgabe. Ignorieren geht auch nicht. Auch wenn es nicht meine Lieblingsbeschäftigung ist, empfinde ich sie als wichtig und es ist das letzte Mal, dass ich was FÜR denjenigen tun kann, bzw. für die Angehörigen.

Zustimmung auch was den Umstand anbelangt, dem grade Verstorbenen nicht weh tun zu wollen, obwohl man doch eigentlich weiß, dass das irrational ist - ich weiß, dass ich mich laut entschuldige für versehentliches - grad noch hab ich denjenigen im Leben betreut und nu ist derjenige tot, irgendwie darf das doch noch nachhängen.
 
Ich habs ähnlich empfunden - und tu es glaube ich wieder.

Mein Einsatz in der Ausbildung auf Palliativstation hat bei mir in der Hinsicht "Wunder bewirkt". Es war alles so voller Würde, und die Patienten wirklich so nah begleiten zu können, bis nach dem Tod - eine wunderbare Erfahrung für mich.
Ich bin manchmal dann sogar noch "extra" / "zusätzlcih" / "öfter als man muss" in die Zimmer. Gerade wenn ich die Patienten gut kannte. Ich hab sie dann nicht als "Tote Leiche " erlebt, sondern irgendwie trotzdem noch als Mensch, das war vorher nicht so.
Alles schwer zu beschreiben..
Aber es ist wohl anscheinend wirklich auch "Gewöhnungssache" oder wie man das nennen kann..
 
Hallo, ich denke es ist eine Verarbeitungssache.

Den Menschen den ich gepflegt habe gibt es, wenn er verstorben ist, nicht mehr.
Da ist nur noch die menschliche Hülle, seine Seele fehlt (das was ihn ganzheitlich ausgemacht hat).

Das habe ich erst verstanden, annehmen können, wie ich meine tote Mutter sah. Dieses nicht greifbare (wie oben beschrieben) wurde mir durch den Tod meiner Mutter deutlich (greifbar, begreifbar).
Seitdem kann ich viel besser mit Verstorbenen umgehen, ihrer körperliche Hülle steht respektvolles handeln zu und ich weiß, sie sind von irdischen Dingen befreit (Gefühlen ect.). Das ist eine Akzeptanz der Realität (dem Unabwendbaren) und es ist gut so wie es ist.

von Flügelschlag: Die Angst vor dem Tod. Die Angst loszulassen, einfach für immer zu gehen.
Der kleine Bruder Schlaf sorgt dafür das sich mein Körper für das Leben ausruhen kann.
Der große Bruder Tod ist dafür verantwortlich das mein Körper seine Lebenspflicht erfüllt hat.

Der Körper geht, vergeht, aber ein Teil von mir lebt geistig weiter.

So mancher verstorbener Pat. ist bei mir (und ich denke bei noch viel mehr Menschen, die ihn kannten) geistig sehr present.

LG Claudia B.
 
Sehr wichtig im Umgang mit Sterbenden/Verstorbenen ist meiner Meinung nach, dass man sich mit der eigenen Endlichkeit vorab beschäftigt hat. Ich habe mich in meiner Fachweiterbildung Onkologie intensiv damit beschäftigt und es hat mir die Angst ein wenig genommen. Nun arbeite ich in einem Hospiz und habe keine Angst mehr. Die meisten Menschen die bei mir versterben kenne ich einige Tage bis Wochen, für mich sind sie auch nach dem Tod noch der Mensch der sie vorher waren, wenn ich sie aufbahre spreche ich auch mit Ihnen, auch wenn Sie es nicht mehr verstehen können. Es gehört für mich zu einer würdevollen Behandlung irgendwie dazu. Ich verabschiede mich auch beim letzten Verlassen des Zimmers und wünsche eine gute Reise, wo auch immer die hin geht. Das ist mein Ritual einen Abschluss zu finden. Solche Rituale können auch helfen die Angst zu nehmen.

LG Alexander
 
Das kann ich auch nur empfehlen!
 

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